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Interview mit einem russischen Deserteur

“Die Menschen sind nicht überzeugt von der Propaganda des Kreml." Ein russischer Handwerker erklärt im Interview, warum er desertiert ist.

Interview mit einem russischen Deserteur
Foto: ArtEvent ET / shutterstock.com

Der Ukraine-Krieg wird mit der Annexion und der Teilmobilisierung in Russland auf eine neue Stufe getrieben. Flugpreise aus Moskau haben sich fast verzehnfacht. Menschen probieren, über alle möglichen Grenzen auszureisen, um sich der Mobilisierung zu entziehen, viele von ihnen zieht es nach Georgien. Hier traf ich einen jungen Mann, der eben genau diese Reise auf sich genommen hat. Neun Monate war er Teil des Militärs und hat unter anderem die Grundausbildung absolviert. Als Reservist gehört er zu denen, die potenziell eingezogen werden könnten, aber nicht Teil der ersten Welle sind.

Von seinen Freunden wird er als Witzbold bezeichnet, für das Interview, in dem er unerkannt auftreten will, möchte er James Bond genannt werden und dass er als Handwerker arbeitet.

Warum möchtest du, wie so viele, nicht in der Ukraine kämpfen?

James: Der Krieg ist sinnlos. Es gibt kein Motiv außer einen politischen Machtkampf, der nichts mit uns zu tun hat. Die Menschen sind nicht überzeugt von der Propaganda des Kremls. Wir wollen nicht für sie sterben.

Was heißt die Teilmobilisierung für jemanden wie dich?

Ich war nicht Teil der ersten Welle, es wurden erst einmal nur Spezialisten eingezogen. Deshalb war ich nicht direkt bedroht. Die, die eingezogen wurden, mussten sich einem erneuten Grundtraining unterziehen, um dann direkt in die Ukraine geschickt zu werden. Sie übernehmen dort Aufgaben in den Wachbataillonen, also bei der Grenzsicherung oder Besatzungsaufgaben fernab der Front.

Deutschland und die NATO möchten mehr Waffen liefern. Können mehr Waffen Frieden schaffen?

Wer über Waffen redet, dem kann es nicht um Frieden gehen. Frieden wird von Menschen bei Gesprächen am Esstisch gemacht und nicht von Waffen auf dem Schlachtfeld. Wie kann es sein, dass es heutzutage noch Kriege gibt?

Es gibt immer wieder Beispiele von Arbeiter:innen die die Kriegsindustrie blockieren. Wie in Weißrussland von den Bahnarbeiter:innen aber auch von den Hafenarbeiter:innen in Italien. Ist es ein effektiver Weg, den Krieg zu stoppen?

Ich finde, dass Blockaden der Kriegsindustrie effektiv sind. Sobald das Material für den Krieg erschöpft ist, endet auch der Krieg. Je früher das passiert, desto besser.

Doch diese Blockaden sind bisher nicht ausschlaggebend. Sie sind ein gutes Zeichen, doch konnten keinen echten Einfluss auf den Krieg nehmen. Sie müssten größer werden, um etwas zu erreichen.

Was wünschst du dir für die Menschen in der Ukraine und den umkämpften Gebieten?

Ich wünsche ihnen Frieden. So wie jedem Menschen auf der Welt!

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