Jugend

„Ich entschuldige diejenigen, die beim Schulstreik waren“

SCHULSTREIK: Manche Lehrer*innen begrüßen es, wenn ihre Schüler*innen in den Streik treten. Ein Interview mit Ronny Hocker und Martin Jany (Namen geändert), junge Lehrer an Berliner Schulen und Mitglieder der jungen GEW.

Am kommenden Donnerstag planen Schüler*innen einen Streik für die Rechte von Geflüchteten. Wie findet ihr das? 

Martin: Es ist lobenswert, wenn die Schüler*innen es nicht bei einer menschlichen Gesinnung stehen lassen. Mit dem Schulstreik geben sie dieser Gesinnung einen politischen Ausdruck.

Ronny: Der Streik ist schick! Je politisch aktiver die Schüler*innen werden, desto besser. Viele Schüler*innen haben selber Fluchterfahrungen oder müssen sich alltäglich mit Rassismus auseinandersetzen. Der Streik bringt beides gut zum Ausdruck.

Manche Lehrer*innen und Schulleiter*innen meinen, dass Schulstreiks verboten seien. Seht ihr es als eure Pflicht, die Schüler*innen im Klassenzimmer zu halten? 

Ronny: Offiziell ist das Fehlen aus dem Unterricht aufgrund des Streiks unentschuldigt, und wenn jemand dabei erwischt wird, das Schulgelände zu verlassen, dann kriegt die Person einen Tadel. An meiner Schule führt das zu einer Klassenkonferenz.

Aber inoffiziell entschuldige ich diejenigen, die mir beweisen, dass sie da waren, z. B. per Selfie. Und als Klassenlehrer werde ich einfach die Tadel und sonstwas, die wegen dem Streik ankommen, ignorieren bzw. vernichten – wenn welche überhaupt ankommen.

Martin: Wir haben schon die Pflicht, Schüler*innen während der Schulzeit zu unterrichten. Das muss aber nicht zwangsläufig im Klassenzimmer stattfinden. Die GEW hat in der Vergangenheit Lehrer*innen ermutigt, die Schüler*innenstreiks als Anlass zu praktischem Politikunterricht zu nehmen.

Droht Lehrer*innen von der Schulleitung oder vom Senat Ärger, wenn sie ihre Schüler*innen streiken lassen oder selbst mit zum Streik gehen? 

Ronny: Beim letzten Schüler*innenstreik habe ich meiner Klasse recht offen gesagt, wie ich dies handhabe. Dann hat vielleicht ein Drittel der Klasse gefehlt. Meine Kolleg*innen waren recht genervt, weil sie nicht richtig Unterricht machen konnten, aber auch nicht Ausfall hatten. Und die Schulleitung hat noch einmal die offizielle Linie kundgetan. Man merkt aber, dass niemand die Werbung abhängt…

Berliner Lehrer*innen haben in den letzten Jahren oft selbst gestreikt. Konntet ihr auf Unterstützung von Schüler*innen zählen?

Martin: Die Teilnahme von Schüler*innen an unserem Streik in Oktober 2013 hat für große mediale Aufmerksamkeit gesorgt. In dieser Streikbewegung haben wir bisher immer Unterstützung seitens der Schüler*innen erfahren.

Ronny: An meiner Schule gibt es noch recht viele Beamt*innen, also fiel wenig Unterricht aus. Das hat die Schüler*innen eher genervt, da sie trotzdem Unterricht hatten.

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