Frauen und LGBTI*

Hebammen: „Wir bitten nicht, wir fordern“

Die Hebammen Charlotte und Leonie sprachen auf der Hebammendemo am 5. Mai in München. Wir dokumentieren die Reden in der vierten Ausgabe der Zeitung der marxistischen jugend münchen.

Hebammen: „Wir bitten nicht, wir fordern“

Dieser Beitrag ist aus der Zeitung der marx­is­tis­chen jugend münchen, Aus­gabe 4. Kon­takt: majumuc@gmail.com

“Zu wenige zu sein… Das bedeutet, dass wir mehr arbeiten.”

von Char­lotte Ruga, Hebamme

Heute ist der 28. inter­na­tionale Hebam­men­tag und find­et in über 50 Län­dern statt. Weltweit fühlen sich heute hof­fentlich meine Kol­legin­nen geehrt und erin­nern sich daran, warum sie Hebam­men sein wollen. Ich tue das auf jeden Fall– doch ich kann meine per­sön­lichen beru­flichen Ansprüche nicht von den Bedin­gun­gen tren­nen, die meinen Beruf täglich anstren­gen­der, belas­ten­der und kom­pliziert­er machen, als er es in sein­er Natur ohne­hin schon ist. Und so darf es nicht mehr weit­erge­hen — für keine von uns Hebam­men und damit auch für keine von den Frauen, die wir betreuen.

Ich bin heute auf der Straße, weil das Recht, auf die freie Wahl des Geburt­sortes längst nicht mehr gewährleis­tet wer­den kann. 40 Prozent der Kreißsäle in Deutsch­land wur­den in den let­zten Jahren geschlossen — das Resul­tat ist eine Konzen­tra­tion und Über­las­tung der Zen­tren. Außerklin­is­che Geburtshil­fe im Geburtshaus oder in der Haus­ge­burtshil­fe kann nicht über­all ange­boten wer­den.

Die Über­be­las­tung durch das hohe Arbeit­saufkom­men bei schlecht­en Bedin­gun­gen – sowohl bei angestell­ten, als auch bei freiberu­flichen Hebam­men – führt zu einem Per­sonal­man­gel, der nicht mehr länger trag­bar ist. Kol­legin­nen geben den Beruf auf und es wer­den nicht genü­gend neue Hebam­men aus­ge­bildet, um die Ver­sorgung für alle Frauen und Neuge­bore­nen flächen­deck­end zu gewährleis­ten.

Zu wenige zu sein… Das bedeutet, dass wir mehr arbeit­en. Denn der Kern unser­er Berufes ist, Frauen und Neuge­borene sich­er durch die Schwanger­schaft, die Geburt und das Wochen­bett zu brin­gen. Und ich weiß, dass alle Kol­legin­nen diesen Anspruch in sich haben. Aber wir sind keine Maschi­nen. Zu viel zu arbeit­en bedeutet bei uns, dass nach der Schicht oder nach vie­len Stun­den Haus­be­suchen keine Kraft mehr da ist, unsere Freizeit so zu nutzen, dass wir uns wieder regener­ieren kön­nen. Es bedeutet, dass wir manch­mal eine ganze Schicht lang nichts essen, nichts trinken und nicht aufs Klo gehen kön­nen.

Und es bedeutet, dass wir die Frauen nicht so betreuen kön­nen, wie wir es wollen. Und häu­fig bedeutet es sog­ar, dass Frauen nur noch ein Min­i­mum Betreu­ung erhal­ten, was schlichtweg gefährlich wer­den kann. Ich weiß, dass alle meine Kol­legin­nen und auch die Kol­legin­nen, die in der Pflege arbeit­en solche Sit­u­a­tio­nen ken­nen.

Wir ste­hen unter einem enor­men ökonomis­chen Druck – Kranken­häuser wirtschaften mit der Gesund­heit von Patient*innen und Beschäftigten. Dazu kommt ein rechtlich­er Druck, den beson­ders unseren freiberu­flichen Kolleg*innen zu spüren bekom­men. Unsere Ver­sicherungskosten steigen jährlich an und es ste­ht nicht in Aus­sicht, dass es eine Gren­ze dafür gibt.

Es wird immer deut­lich­er, dass so, wie das Angestell­tensys­tem im Moment funk­tion­iert, bald keine einzige Hebamme mehr da sein wird. Die Ten­denz geht deshalb dazu, dass sich Kol­legin­nen — und ganze Kreißsaal­teams selb­st­ständig machen und vom Kranken­haus unab­hängig. Das heißt, sie rech­nen selb­st­ständig mit den Krankenkassen ihre Leis­tun­gen ab und haben die Möglichkeit, sich selb­st­ständig so zu organ­isieren, dass sie die Arbeit bess­er bewälti­gen kön­nen und mit einem höheren Gehalt und ten­den­ziell mehr Freizeit nach Hause gehen.

Es heißt aber auch, dass die Gesund­heit­spoli­tik der Regierung ver­sagt hat und am Ende ist. Wenn sie nicht mal in der Lage ist, eine über­all gewährleis­tete Ver­sorgung für Geburtshil­fe zu stellen und sich die Hebam­men damit selb­st und mit den Unsicher­heit­en der Freiberu­flichkeit herum­schla­gen müssen, wird klar, dass Geld machen mit Gesund­heit das fatal­ste ist, was ein­er Gesellschaft passieren kann.

Es bedeutet, dass nur noch wenige – und in der Regel sind das Reiche – die Möglichkeit haben kön­nen, die Leis­tun­gen zu erhal­ten, die notwendig für alle Men­schen sind.

Schwanger wer­den, Gebären und ein Kind haben ist kein krankhafter Zus­tand – es ist eine nor­maler biol­o­gis­ch­er Prozess. Es ist eine Nach­läs­sigkeit, keine Ver­sorgung für Frauen und Kinder anzu­bi­eten und es ist Ver­ach­tung, Hebam­men mit der Auf­gabe alleine zu lassen, ihren Beruf weit­er ausüben zu kön­nen.

Eine Demon­stra­tion wird all diese Prob­leme nicht lösen – aber sie bewirkt, dass wir selb­st öffentlich über unsere Hür­den und Belas­tun­gen sprechen. Wir spüren, dass wir viele sind und dass wir alle zusam­men lauter sind.

“Geburtshilfe und Gesundheitsversorgung dürfen nicht profitorientiert sein”

von Leonie, Hebamme

Der Hebam­men­beruf ist an einem Punkt ange­langt, an dem sich etwas verän­dern muss. Darüber lesen wir inzwis­chen beina­he täglich in der Zeitung, aber wir müssen uns klar wer­den, wo genau die Prob­leme liegen und was wir als Hebam­men fordern müssen. Denn es sind nicht nur indi­vidu­elle Prob­leme, son­dern poli­tis­che die die ganze Beruf­s­gruppe – und auch andere Beruf­s­grup­pen- betr­e­f­fen.

Wir brauchen langfristig bessere Arbeits­be­din­gun­gen, das heißt weniger Arbeits­be­las­tung, eine bessere Bezahlung und einen höheren Betreu­ungss­chlüs­sel. Die Umstel­lung vom Angestell­ten- ins Belegsys­tem gibt Hebam­men die Möglichkeit mit angemessen­er Bezahlung in der Geburtshil­fe weit­erzuar­beit­en. Aber das ändert nichts an den Arbeits­be­din­gun­gen. Deshalb ist das keine Lösung, son­dern ein Auf­schub der Prob­lematik.

Es muss eine öffentliche Gesund­heitsver­sorgung für alle schwan­geren und gebären­den Frauen* geben. Dies ist momen­tan nicht gewährleis­tet. Hebam­men­be­treu­ung darf nicht zum Luxu­sgut wer­den. Egal ob in der Schwanger­schaft, Geburt oder im Wochen­bett. Egal ob im Kranken­haus oder nicht. Und es darf keinen Unter­schied zwis­chen pri­vat und geset­zlich ver­sicherten Frauen geben. Jede Frau hat ein Recht auf eine Hebamme. Deshalb müssen wir auch ein Stopp der Abschiebung geflüchteter schwan­ger­er Frauen und keine Unter­bringung in Lagern fordern.

Geburtshil­fe und Gesund­heitsver­sorgung dür­fen nicht prof­i­to­ri­en­tiert sein. Die Ökonomisierung des Gesund­heitssys­tems darf keinen neg­a­tiv­en Ein­fluss auf die Gesund­heitsver­sorgung der Men­schen haben. Und das hat sie!

Wir müssen dafür kämpfen, dass unsere Arbeit die Anerken­nung bekommt, die er ver­di­ent. Die Kolleg*innen in den Kliniken, in der Freiberu­flichkeit und in den Kitas wür­den nicht diese Prekarisierung erfahren, gäbe es mehr Bewusst­sein für den Grund unser­er Arbeit. Näm­lich für Schwanger­schaft, Geburt und Kinder haben und für die Ver­sorgung, die Frauen und Neuge­borene brauchen.

Wenn wir bessere Arbeits­be­din­gun­gen wollen, kön­nen wir das nicht alleine erre­ichen. Unsere Mitarbeiter*innen aus der Pflege, von den Ärzt*innen, aus der Sozial*arbeit und aus dem Kranken­haus­per­son­al ken­nen ähn­liche Prob­leme. Je mehr wir sind, desto stärk­er sind wir.

Beson­ders wichtig ist daher der Kampf gegen Out­sourc­ing – Kolleg*innen aus der Reini­gung, der Küche oder der Wäsche wer­den zu unwürdi­gen Bedin­gun­gen aus­genutzt. Ohne ihre Arbeit kann unsere nicht funk­tion­ieren. Wir müssen uns organ­isieren, um als Hebam­men auch poli­tisch aufzutreten. Weil unser Beruf ger­ade beson­ders bedro­ht ist und viel Aufmerk­samkeit erfährt, müssen wir damit begin­nen, uns zu wehren.



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