Geschichte und Kultur

Haltung zeigen wie Jesse Owens – Neues Album von BSMG

BSMG feiert Schwarzen Widerstand im Album "Platz an der Sonne". Die drei Rapper regen an, sich mit der afrikanischen Geschichte auseinanderzusetzen. Dabei ist es ärgerlich, an einigen Stellen nicht um sexistische Begriffe herumzukommen.

Haltung zeigen wie Jesse Owens – Neues Album von BSMG

„Black Superman Gang“ (BSMG) sind die ersten Worte auf dem Album „Platz an der Sonne“, das mehr ist als „nur“ Musik von Schwarzen Künstlern. Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion erzählen eindrucksvoll von Schwarzem Selbstbewusstsein und der Aufarbeitung der Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland.

Megaloh veröffentlichte bereits 2004 sein erstes Mixtape. Größere Bekanntheit erlangte er 2013 mit seinem Album „Endlich Unendlich“. Musa ist schon auf Megalohs vorherigem Album auf zwei Tracks, „Oyoyo“ und „Wohin“, vertreten. Ghanaian Stallion machte sich in den letzten Jahren als Musikproduzent, unter anderem auch auf Megalohs letztem Album, einen Namen. Gemeinsam sind die drei BSMG.

Das Album ist nicht nur eine konsequente Weiterentwicklung der afrikanischen musikalischen Einflüsse der Künstler, sondern zeichnet sich zudem durch die sprachliche Versiertheit der vertretenen Rapper aus. Auch wegen seiner thematischen Konzentration auf afrodiasporische Identität ist „Platz an der Sonne“ ein absolutes Novum. Dabei beziehen sich die Künstler auf eine reichhaltige Geschichte Schwarzer und migrantischer Vorkämpfer*innen.

Der Song „Jesse Owens“ handelt zum Beispiel von dem Schwarzen Topathleten, der 1936 bei den Olympischen Spielen im nationalsozialistischen Deutschland mehrmals eindrucksvoll die Lüge der „Herrenrasse“ widerlegte, indem er vier Goldmedaillen gewann. Für alle Schwarzen, die den deutschen Faschismus erlebten, ein eindrucksvolles Zeichen. Dabei steht Jesse Owens auch symbolisch für alles, was Schwarze Menschen schon immer geleistet haben, während die rassistische Gesellschaft sie konsequent aus ihrem Diskurs zu verbannen versuchte. Wenn Megaloh in diesem Kontext sagt: „Geht nach vorn“, dann ist das eine eindeutige Aufforderung, sich das nicht länger gefallen zu lassen und Haltung zu zeigen – „wie der Bruder Jesse Owens“.

In dem Track „Platz an der Sonne“ wird über das ruhige melodische Instrumental die koloniale Vergangenheit in Erinnerung gerufen. „Folgen der Berliner Konferenz / Meine Leute, wir verlieren an Kompetenz / Sie haben uns begrenzt, sie haben uns getrennt“ – Nicht zuletzt rufen die aktuellen Ereignisse in Kamerun und Togo die Berliner Konferenz im Jahre 1880 und die Folgen der kolonialen Grenzziehung in Erinnerung. Infolgedessen sind heute noch in vielen afrikanischen Staaten Politiker*innen an der Macht, die mit den ehemaligen Kolonialmächten kooperieren. Auch in imperialistischen Ländern haben Schwarze Menschen durch den Rassismus schlechtere Aussichten auf Bildung, Arbeitsplätze und Wohnraum.

Ebenso werden die rassistischen Ansichten einiger Vertreter*innen der Aufklärung thematisiert. So waren „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ nie inklusiv für Schwarze Menschen, die immer noch darum kämpfen, überhaupt als Menschen anerkannt zu werden und denen Rechte verweigert werden. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet „Geschichtsunterricht“, wo die vier vertretenen Rapper klare Worte zu Schwarzer Geschichte und Rassismus finden. Besonders der Part des Berliner Rappers Amewu ist flowtechnisch und inhaltlich ein Highlight des Albums. Mit der von ihm gewohnten sprachlichen Präzision schildert er Erfahrungen, die wahrscheinlich von allen Schwarzen Schüler*innen auf die eine oder andere Art gemacht werden, wenn es im Geschichtsunterricht um Sklaverei und Kolonialismus geht.

Bei all dem, was überzeugt, ist es umso ärgerlicher, auch bei diesem Album an einigen Stellen nicht um sexistische Begriffe herumzukommen, dabei ist das politische Niveau für deutschen Rap sonst ausgesprochen hoch. Deshalb sei noch einmal darauf hingewiesen, auch wenn das banal erscheint, dass Black Power und Sexismus sich ausschließen sollten. Auch wirkt die biblische Symbolik befremdlich – erst Recht das Zuhilfeziehen der „Hure Babylon“, ein moralisches Urteil über die Dekadenz und Verkommenheit der westlichen Welt, mit dessen Verwendung man sich und seiner Politik keinen Gefallen tut. Das ist genau das Gegenteil von dem, was dieses Album sonst leistet: Die Ursprünge und die Formen der Unterdrückung Schwarzer Menschen konkret benennen.

Trotz dieser Kritik bleibt es Tatsache, dass die Künstler hier Großes leisten und einen wichtigen Grundstein für politischen Rap legen. Das Album regt an, sich mit der Schwarzen und afrikanischen Geschichte, einer Geschichte des Widerstandes, auseinanderzusetzen.

Der Kampf für wirkliche Unabhängigkeit und afrikanische Einheit kann aber nur gegen die koloniale und patriarchale Spaltung geführt werden, indem er alle Ausgebeuteten und Unterdrückten vereint. Dafür heißt es: Haltung zeigen wie Jesse Owens!

dieser Artikel bei analyse&kritik

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