Deutschland

Hafenblockade oder Hafenstreiks? Über autonomen Scheinradikalismus

Am Freitag in aller Frühe hat "Ums Ganze..." im Rahmen der Anti-G20-Proteste den Hamburger Hafen blockiert. Die Arbeiter*innen blieben als politisches Subjekt außen vor. Deswegen war die Aktion alles andere als radikal. Eine Kritik und ein konkreter Vorschlag.

Hafenblockade oder Hafenstreiks? Über autonomen Scheinradikalismus

“Uns geht es nicht nur um das G20-Tre­f­fen, son­dern auch darum, die Gesamtheit des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems zu the­ma­tisieren.” So äußerte sich ein Sprech­er des Bünd­niss­es “Ums Ganze…”, das sich als kom­mu­nis­tisch ver­ste­ht, zur Über­legung hin­ter ihrer Block­ade am Fre­itag.

Der Ansatz ist schon richtig. Das Prob­lem ist nicht nur die G20 – das Prob­lem ist das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem. Wir müssen nicht nur die Vertreter*innen der mächtig­sten Staat­en angreifen – wir müssen uns über­legen, wie wir die Pro­duk­tion­s­mit­tel enteignen kön­nen.

Also ging “Ums Ganze…” zum Ham­burg­er Hafen. Jeden Tag laufen hier unvorstell­bare Waren­men­gen durch. Um halb neun am Fre­itag kon­nten die Aktivist*innen einen wichti­gen Knoten­punkt block­ieren. An der Zufahrt zur Köhlbrand­brücke saßen Aktivist*innen. LKWs mit Con­tain­ern staut­en sich.

Die Aktion ver­lief ruhig. Der Hafenkonz­ern erk­lärte anschließend, es würde einige Tage dauern, um die Verzögerun­gen wieder aufzu­holen. Eine gelun­gene Störak­tion also! Bei der Pressekon­ferenz danach war der “Ums Ganze…”-Sprecher beson­ders stolz darauf, dass einige der block­ierten LKW-Fahrer*innen fre­undlich zugewunken hät­ten.

In dieser einen Bemerkung zeigt sich der Unter­schied zwis­chen der autonomen Poli­tik von “Ums Ganze..:” und ein­er wirk­lich kom­mu­nis­tis­chen Poli­tik. Marx erk­lärte, dass die Befreiung der Arbeiter*innen nur das Werk der Arbeiter*innen sein kann. Deswe­gen set­zen wir Kommunist*innen darauf, dass arbei­t­ende Men­schen sich organ­isieren und ihre tra­di­tionellen Kampfmit­tel ein­set­zen: Demon­stra­tio­nen, Block­aden, Streiks, Auf­stände. Das Ziel ist die Eroberung der poli­tis­chen Macht, um die Pro­duk­tion­s­mit­tel zu enteignen und den Weg zur klassen­losen Gesellschaft zu eröff­nen.

Die Autonomen dage­gen kön­nen sich nicht vorstellen, dass die Arbeiter*innenklasse in einem kon­ser­v­a­tiv­en Land wie Deutsch­land – mit stark­er sozial­part­ner­schaftlich­er Tra­di­tion und mächti­gen reformistis­chen Bürokra­tien – jemals zu einem poli­tis­chen Sub­jekt wird. Deswe­gen bleiben die Aktio­nen nur stu­den­tis­chen Aktivist*innen über­lassen. Die Arbeiter*innen dür­fen dann zuwinken – oder auch nicht.

Aber kön­nten denn Arbeiter*innen heutzu­tage einen Hafen lahm­le­gen? Ja. Am 3. Novem­ber 2011 fand der Gen­er­al­streik in Oak­land, Kali­fornien, statt. Die Bewe­gung “Occu­py Oak­land” hat­te dazu aufgerufen – in Zusam­me­nar­beit mit den Arbeiter*innen vom Hafen. So kon­nten sie den Waren­verkehr für den ganzen Tag lahm­le­gen.

Die Hafenarbeiter*innen sind eben für radikale Aktio­nen zu haben. Sie streiken auch gegen Polizeige­walt und Ras­sis­mus. Denn poli­tis­che Kräfte mit rev­o­lu­tionärem Selb­stver­ständ­nis arbeit­en seit Jahrzehn­ten unter den Beschäftigten des Oak­lan­der Hafens. Oak­land ist eben Geburtsstadt der Black Pan­thers und unzäh­liger radikaler Pro­jek­te, auch bis heute.

Auch im Spanis­chen Staat kon­nte im Juni ein koor­diniert­er Streik der Entlader*innen aller 43 Häfen die Flex­i­bil­isierung des Sek­tors ver­hin­dern und damit nicht nur die Hafenbetreiber*innen, son­dern auch die Regierung besiegen, die hin­ter der Lib­er­al­isierung stand.

Die Beschäftigten inner­halb eines Betriebs kön­nen ihn viel bess­er lahm­le­gen als irgendwelche Aktivist*innen von außen. Wie geht der berühmte Spruch? 200 Men­schen kön­nen einen Zug­gleis block­ieren – aber dafür reicht auch ein*e Lokführer*in.

Deswe­gen unser Vorschlag an “Ums Ganze…”: Wenn ihr, so wie wir, die zen­tralen Drehscheiben des Kap­i­tal­is­mus angreifen wollt, dann müssen wir vor allem Arbeiter*innen organ­isieren. Wir müssen eine Partei auf­bauen, die sys­tem­a­tisch Lohn­ab­hängige organ­isiert. Dann sind wir nicht darauf beschränkt, eine Zufahrt zu beschränken. Dann kön­nen wir ganze Betriebe lahm­le­gen. Und per­spek­tivisch die ganze Wirtschaft kon­trol­lieren.

One thought on “Hafenblockade oder Hafenstreiks? Über autonomen Scheinradikalismus

  1. irgendwer sagt:

    Danke für das Diskus­sions-Ange­bot. Ich bin nicht von …ums Ganze!, will aber trotz­dem drauf einge­hen:

    1. Da waren sehr wohl Arbeiter*innen an der Aktion beteiligt. Wahrschein­lich auss­chließlich Arbeiter*innen. Ich bezwei­fle zumin­d­est sehr, dass die beteiltigten Aktivist*innen ihren Leben­sun­ter­halt aus Kap­i­tal-Besitz, Boden­rente oder nicht über die dt. Sozialver­sicherung finanzierten Staats­geldern beziehen.

    2. Der Ver­weis auf diese anderen Han­fe­nak­tio­nen ist ungültig: Da sind die Arbeiter*innen eben schon politisiert(er). Und woher kommt das, dass die dort schon ange­fixt sind? Indem sie poli­tisiert wur­den. Nichts anderes hat …ums Ganze! mit der Aktion u.a. gemacht:

    3. …ums Ganze! hat vor Ort diese Aktion durchge­zo­gen (das wirkt aufs Denken der Arbeiter*innen dort ein) und einen offe­nen Brief an die Hafenarbeiter*innen geschrieben. Das sind doch ein­deutig Ver­suche, zu den Hafen-Proletarier*innen Kon­takt aufzunehmen und sie zu mobil­isieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.