Geschichte und Kultur

Gegen einen Kommunismus des weißen Mannes

Wie die Komintern die antirassistische Politik der Kommunistischen Partei der USA beeinflusste.

Gegen einen Kommunismus des weißen Mannes

Bild: James Lesesne Wells

“Ich war nicht gegen den Kom­mu­nis­mus, aber ich kann auch nicht sagen, dass ich für ihn war. Zuerst habe ich ihn mis­strauisch beäugt – als das Mach­w­erk eines weißen Mannes.” (1) So beschrieb Assa­ta Shakur, Mit­glied der Black Pan­ther Par­ty und später der Black Lib­er­a­tion Army, ihr Ver­hält­nis zum Kom­mu­nis­mus.

Diese Art von Skep­sis war, vor allem in den Vere­inigten Staat­en, beson­ders zur Zeit der Okto­ber­rev­o­lu­tion unter der Schwarzen Bevölkerung weit ver­bre­it­et. Unter dem Ein­fluss der Gedanken von Mar­cus Gar­vey sahen Schwarze ihre Befreiung in der Rück­kehr nach Afri­ka und emp­fan­den die marx­is­tis­che Philoso­phie und auch die Idee ein­er sozial­is­tis­chen Gesellschaft­sor­d­nung oft als ein Mit­tel, das nur den Weißen nutzen würde. So schrieb Gar­vey, der Kom­mu­nis­mus sei eine Erfind­ung der Weißen für die Lösung ihrer eige­nen poli­tis­chen und ökonomis­chen Prob­leme. Dieser Argu­men­ta­tion zufolge ist der Klassenkampf lediglich ein Phänomen, dass das weiße Pro­le­tari­at der weißen Bour­geoisie gegenüber­stellt.

Daher waren in den Augen Gar­veys und auch viel­er ander­er Schwarz­er der Kampf der Arbeiter_innen und der Kampf gegen Ras­sis­mus zunächst voneinan­der getren­nt. Dies wurde dadurch ver­stärkt, dass die zuerst aus ver­schiede­nen nicht-englis­chsprachi­gen europäis­chen Migranten­zirkeln beste­hende Kom­mu­nis­tis­che Partei kein­er­lei Schritte hin zu ein­er The­o­retisierung der Rasse­nun­ter­drück­ung und erst Recht nicht zum prak­tis­chen anti­ras­sis­tis­chen Kampf unternehmen wollte – sei es, für die Auf­nahme Schwarz­er Lohn­ab­hängiger in die Gew­erkschaften zu kämpfen oder Proteste gegen ras­sis­tis­che Geset­ze oder Pogrome und Lynch­mobs zu organ­isieren. Neben Gar­veys Antikom­mu­nis­mus stand der amerikanis­chen kom­mu­nis­tis­chen Bewe­gung in dieser Hin­sicht ihre eigene Unfähigkeit im Weg.

Auch auf inter­na­tionaler Ebene herrschte vor­erst auf­grund der man­gel­nden Kom­mu­nika­tion Unklarheit darüber, wie es sich mit dem Ras­sis­mus in den Vere­inigten Staat­en ver­hielt. Hat­te die Schwarze Bevölkerung eine gemein­same Sprache und eine gemein­same Kul­tur? Han­delte es sich dem­nach um eine nationale Unter­drück­ung, auf die die Antwort der Kampf für nationale Selb­st­bes­tim­mung, ein­schließlich des Recht­es auf Lostren­nung, wäre? Das Pro­gramm der nationalen Selb­st­bes­tim­mung, ein­schließlich des Recht­es auf Lostren­nung, hat­ten die Bolschewi­ki unter Lenin und Trotz­ki im Sinne der im Zaris­mus unter­drück­ten und unter dem großrus­sis­chen Chau­vin­is­mus lei­den­den Natio­nen vertreten.

Nationalismus, Integration oder Kommunismus

Beson­ders in den Süd­staat­en, in denen der Großteil der Schwarzen lebte, sollte die Frage der eige­nen Staats­grün­dung – oder zumin­d­est der Grün­dung bes­timmter staatlich­er Insti­tu­tio­nen nur für Schwarze – disku­tiert wer­den. Seit Ende des 19. Jahrhun­derts gab es jedoch ein­er­seits eine Migra­tions­be­we­gung inner­halb der USA von Süden nach Nor­den, ander­er­seits hat­ten sich in den 1920er Jahren unge­fähr 30.000 Schwarze Men­schen aus der Karibik in Man­hat­tan ange­siedelt. Diese Migra­tions­be­we­gun­gen führten zum einen zu ein­er weit­eren “Nation­al­isierung” des Ras­sis­mus und auf der anderen Seite zu ein­er Neuzusam­menset­zung des amerikanis­chen Pro­le­tari­ats mit der Entste­hung ein­er zahlen­mäßig starken Schwarzen Indus­triear­beit­erk­lasse.

Opti­male Voraus­set­zun­gen dafür, unter dem Ein­druck der Okto­ber­rev­o­lu­tion eine rev­o­lu­tionäre Partei zu schmieden, die ihre Basis im Schwarzen Pro­le­tari­at hat­te. Doch die Reak­tio­nen der Schwarzen Intellek­tuellen waren ges­pal­ten. Auf der einen Seite stand die lib­erale Tra­di­tion um W.E.B. Du Bois, die auf eine Inte­gra­tion in den Staat hinar­beit­ete – obwohl Du Bois im Gegen­satz zu Gar­vey dem Kom­mu­nis­mus gegenüber pos­i­tiv eingestellt war – und auf der anderen Seite die Bewe­gung um Gar­vey, der auf­grund ihrer radikalen Rhetorik viele kämpferische Schwarze Arbeiter_innen ange­hörten. Während Gar­vey keine Gele­gen­heit ver­passte, die weiße Vorherrschaft zu ver­teufeln, war seine Per­spek­tive allerd­ings die eines Schwarzen Kap­i­tal­is­mus.

Auf der anderen Seite war inner­halb der Kom­mu­nis­tis­chen Partei das sozialdemokratis­che Ver­ständ­nis von Ras­sis­mus vorherrschend. Wie Jacob Zumoff in “The Com­mu­nist Inter­na­tion­al and US Com­mu­nism 1919–1929” beschreibt, war für die Leitung der Partei die Lage der Schwarzen nur ein beson­der­er Aus­druck ihrer ökonomis­chen Aus­beu­tung, und es bestand keine Notwendigkeit, für rechtliche Gle­ich­stel­lung zu kämpfen. So schrieb der Sozial­ist Eugene Debs 1903 einen Satz, der diese Hal­tung bemerkenswert offen aus­drückt: “There is no Negro ques­tion out­side of the labor ques­tion.” Das wirk­liche Prob­lem sei nicht soziale Gle­ich­heit, son­dern ökonomis­che Frei­heit. Dem­nach würde es reichen, all­ge­meine antikap­i­tal­is­tis­che Agi­ta­tion zu betreiben, und es bräuchte keine Mate­ri­alien, die sich mit den beson­deren Ver­hält­nis­sen der Schwarzen Arbeiter_innen befassen und auf diese zugeschnit­ten sind.

Es fehlte also schlicht an Ver­ständ­nis für die soziale Real­ität in den USA. Erst die Inter­ven­tion der Kom­intern, vor allem durch die Bolschewi­ki, kon­nte die Kom­mu­nis­tis­che Partei gegen ihren Willen dazu brin­gen, sich doch der “Negro Ques­tion” zu wid­men. Durch diesen prak­tis­chen Beweis ihrer Mil­i­tanz kon­nte die Partei Massene­in­fluss in der Schwarzen Com­mu­ni­ty auf­bauen, der sich fol­glich auch in ihren Mit­gliederzahlen aus­drück­en sollte. Die Partei hat­te bei ihrer Grün­dung 1919 ein Schwarzes Mit­glied und während der 1920er Jahre weniger als 100 Schwarze Mit­glieder – bei ein­er Mit­glied­schaft von ins­ge­samt min­destens 15.000 Per­so­n­en. In den 1930ern begann die Partei jedoch in dieser Hin­sicht mas­siv an Zuwachs zu gewin­nen und zählte um 1938 alleine in Harlem 3.000 Schwarze Mit­glieder.

Der Antirassismus der Bolschewiki

Angesichts der Hal­tung der Führung der Kom­mu­nis­tis­chen Partei, die sich in ihrem Wider­stand gegen die Imple­men­tierung der von der Kom­intern entwick­el­ten Lin­ie in Bezug auf die anti­ras­sis­tis­che Poli­tik aus­drück­te, schrieb der Schwarze Trotzk­ist C. L. R. James, dass die klassen­be­wussten weißen Arbeiter_innen die absolute Notwendigkeit real­isieren müssten, die Mil­lio­nen Schwarzen an ihrer Seite zu haben, deren Platz an der Front des Kampfes sei. Um dies zu erre­ichen, müsse voll­ständig mit den bour­geoisen Ideen über die Schwarzen gebrochen wer­den. Die Bour­geoise lüge über die Ver­gan­gen­heit und die Zukun­ft der Schwarzen. Sie habe durch soge­nan­nte Wis­senschaft die Unter­legen­heit der Schwarzen “bewiesen” und sog­ar erre­icht, dass die Schwarzen selb­st diese Lügen für die Wahrheit hiel­ten. Marxist_innen müssten diese Lügen der Bour­geoisie zu jed­er Zeit bekämpfen.

Um den anti­ras­sis­tis­chen Kampf auch für die Bolschewi­ki bess­er ver­ständlich zu machen, beauf­tragte Leo Trotz­ki Claude McK­ay, einen Vertreter der Harlem Renais­sance, eine Studie über die Schwarze Bevölkerung in den Vere­inigten Staat­en zu erstellen, die deren Beiträge zu Arbeit, Poli­tik, Sport und Kun­st her­ausstellen sollte. (2) In der Studie kri­tisierte McK­ay fol­gerichtig, dass die Bemühun­gen einiger Delegiert­er, den Kampf für die soziale Gle­ich­heit für Schwarze Men­schen stärk­er zu ver­fol­gen, von der Leitung der Partei zunichte gemacht wurde. Nicht zulet­zt zäh­le zu den Fehlern dieser Leitung, keine Schritte zu unternehmen, die Studie, die bere­its in rus­sis­ch­er Sprache veröf­fentlicht wor­den war, auch in den Vere­inigten Staat­en zu ver­bre­it­en. McK­ay selb­st lebte nach dem Vierten Kongress der Kom­intern für sechs Monate in der Sow­je­tu­nion und hielt neben dem Ver­fassen der Studie auch die Erfahrun­gen fest, die die ver­schiede­nen Gesellschaften hin­sichtlich des Ras­sis­mus unter­schied. So war er für die Bürger_innen der Sow­je­tu­nion ein­fach “ein Schwarzes Mit­glied der Men­schheit”. Diese Hal­tung des rus­sis­chen Volkes den Schwarzen gegenüber führte McK­ay auf die bolschewis­tis­che Pro­pa­gan­da zurück.

Die the­o­retis­chen Arbeit­en der Schwarzen Kommunist_innen dieser Zeit bee­in­flussten Schwarze Bewe­gung weltweit. So waren es let­ztlich auch die von den marx­is­tis­chen Gedanken und der inter­na­tionalen kom­mu­nis­tis­chen Bewe­gung bee­in­flussten afrikanis­chen Befreiungs­be­we­gun­gen, deren Kämpfe wiederum über eine solche Ausstrahlung ver­fügten, dass sie für Assa­ta Shakur und eine neue Gen­er­a­tion von Schwarzen Revolutionär_innen in den Vere­inigten Staat­en zum Beispiel wer­den kon­nten.

Kofi Shakur ist Schwarz­er Aktivist aus Berlin. Er studiert Sozial­wis­senschaften und beschäftigt sich mit anitkolo­nialer und anti­ras­sis­tis­ch­er Poli­tik aus marx­is­tis­ch­er Per­spek­tive.

Anmerkun­gen

1) Eigene Über­set­zung aus der Auto­bi­ografie von Assa­ta Shakur
2) Die Harlem Renais­sance war eine soziale und kul­turelle Bewe­gung Schwarz­er Schriftsteller_innen und Künstler_innen zwis­chen 1920 und 1930.

Zuerst erschienen in ak 635. © a.k.i Ver­lag für analyse, kri­tik und infor­ma­tion GmbH, Rombergstr. 10, 20255 Ham­burg

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