Deutschland

Gegen den linken Ausverkauf: Sozialist:innen brauchen anständige Jobs

Viele Linke arbeiten für reformistische Bürokratien — manche sogar direkt für den deutschen Imperialismus. Das ist kein Job wie jeder andere.

Gegen den linken Ausverkauf: Sozialist:innen brauchen anständige Jobs
Foto: Stokkete / shutterstock.com

Als ich studiert habe, wurde ein Witz immer wieder in Richtung der linken Politik-Studis geschleudert: Sie sollten neben den Seminaren auch einen Taxischein machen, denn einen anderen Job würden sie eh nicht finden.

Wenn ich jetzt, mehr als ein Jahrzehnt später, die Leute mit ihren Politikwissenschaft-Abschlüssen anschaue, dann haben viele sehr gut bezahlte Stellen. Ihre radikale Vergangenheit war kein Karrierehindernis: heute arbeiten sie als Sekretär:innen bei den Gewerkschaftsbürokratien oder als Referent:innen bei Stiftungen. Nicht weniger sitzen in Bundestags-Büros.

Ein wichtiger Teil der linken Szene in Deutschland hat ihre soziale Basis in staatstragenden reformistischen Bürokratien. Organisationen wie die Interventionistische Linke oder Marx21 bestehen inzwischen zu einem guten Teil aus Angestellten des integralen Staates.

9 to 5 helfen sie, die Räder des deutschen Imperialismus am Laufen zu halten. In ihrer Freizeit wollen sie diesen Staat stürzen. Aber ist so ein politisches Doppelleben ein Widerspruch? Muss nicht jede:r Linke:r für irgendjemanden arbeiten?

Neulich lobte der Linkspartei-Jugendverband Solid die „feministische“ Außenpolitik Annalena Baerbocks — ein:e Bundessprecher:in bekam sogar Geld vom Auswärtigen Amt, um ein entsprechendes Paper zu formulieren. Jede:r ernsthafte:r Sozialist:in müsste bei einem solchen Ausverkauf an die  grüne Kriegshetzerin staunen. Doch nicht wenige wendeten auf Twitter ein: „Es ist doch nur ein Job!“

Und wenn das auch ein besonders perfides Beispiel der Korruption ist, ist es verständlich, dass viele Linke in Deutschland keine Diskussionen darüber aufkommen lassen wollen, wessen Brot sie essen und welches Lied sie singen.

Was man nicht sagen darf

Politische Jobs in staatstragenden Bürokratien sind keine normale Jobs. Denn auch wenn ein paar radikale Events am Wochenende erlaubt sind, legt man sich einen Maulkorb an, wenn es um Kritik an den eigenen Arbeitgeber:innen geht. Linke in diesen Jobs dürfen ihre Meinung nicht sagen — aber sie dürfen auch nicht sagen, dass sie ihre Meinung nicht sagen dürfen.

Eine der wenigen Personen, die in den letzten Jahren eine solche Stelle aufgab, war Tadzio Müller. Im Interview mit der taz gab er zu, wie eine solche Bürokratie eine permanente Zensur ausübt. Deswegen brauchte er materielle Unabhängigkeit: „Da kann es nicht sein, dass mich danach jemand anruft und sagt: Ey, mach mal diesen Tweet weg. So ist das aber eben in Organisationen, deshalb will ich auch gerade nicht woanders Referent oder Campaigner werden.“

Aber Müller ist eine absolute Ausnahme. Meistens glauben Menschen in dieser Position, dass sie nur den Mund halten müssen, um die Bürokratie nach links zu rücken. Währenddessen bekommen sie, wenn sie zum Beispiel als Hauptamtliche in den Gewerkschaften arbeiten, jeden Monat 5.000 Euro oder mehr. Und es ist nicht einfach, aus politischer Überzeugung auf ein solches Einkommen zu verzichten.

Früher wurden neue Bürokrat:innen aus den Reihen der Arbeiter:innenbewegung rekrutiert. Doch inzwischen geben Leute, die irgendwas studiert und nie einen Betrieb von innen gesehen haben, den Ton an. Während früher vermeintliche „Rote“ rigoros aus den Gewerkschaften ausgeschlossen wurden, wird der Nachwuchs jetzt unter studentischen Aktivist:innen gesucht. Die Vorstände von Jugendorganisationen wie den Jusos, der Grünen Jugend und [‘solid] sind die Kaderschmieden, in denen diese dann letztendlich zu Jobs in der hauptamtlichen Bürokratie ausgebildet wird. Wer einen solchen Posten annimmt, darf noch hier und da noch ein paar nette Worte über „Organizing“ sagen. Aber in den streng bürokratisierten Gewerkschaften wird ganz oben entschieden, wann ein Arbeitskampf mit einem faulen Kompromiss beendet wird. Es sind dann die Sekretär:innen – so „links“ sie auch in ihrer Freizeit sein mögen – die diese Direktive umzusetzen haben.

Anständige Jobs

Es ist sehr fortschrittlich, wenn Aktivist:innen aus einem studentischen Background sich der Arbeiter:Innenbewegung annähern wollen. Aber „Organizer:in“ sein zu wollen – in anderer Worten: prekarisierter Gig-Worker der Bürokratie – ist der absolut falsche Ansatz. Denn solche „Organizer:innen“ haben keinerlei Möglichkeit, die bremsende und sabotierende Rolle der Gewerkschaftsführungen zu kritisieren.

Ein prägnantes Beispiel liefert die Gruppe Marx21. Noch vor gar nicht so vielen Jahren forderte diese Gruppe einen permanenten Kampf gegen die Bürokratien der Arbeiter:innenbewegung. Seitdem etliche Mitglieder ihren Lebensunterhalt von diesen Bürokratien erhalten, darf Marx21 nur noch sanfte Kritik an bestimmten Entscheidungen des ver.di-Bundesvorstandes üben. Eine grundsätzliche Kritik an der Bürokratie wie früher ist restlos aus ihren Publikationen entfernt worden — klar, da stehen einfach zu viele Einkommen auf dem Spiel.

Aber es gibt eine Alternative. Wer als Linker an der Organisierung von Krankenhaus-Arbeiter:innen mitwirken will – und das ist eine essentielle Sache – kann etliche Jobs finden: in Krankenhäusern. Offene Stellen gibt es auch bei Nahverkehrsbetrieben, in Fabriken, in Hotels, in Schulen… Und Arbeiter:innen haben die Möglichkeit, sich unabhängig von den Kapitalist:innen, ihrem Staat, und ihren Bürokratien zu organisieren.

Vermutlich gibt es kein Land der Welt mit so vielen Bürokratien wie Deutschland. Dieser Überbau wird aus den Überprofiten des deutschen Imperialismus finanziert. Bereits vor 100 Jahren stellten Kommunist:innen fest, dass die Bürokrat:innen der Arbeiter:innenbewegung die sozialen Wurzeln des Opportunismus bilden. Heute ist das Problem noch krasser: Nicht nur die Arbeiter:innenbewegung ist bürokratisiert – auch die soziale Bewegungen haben vielfältige Bürokratien in Form von NGOs.

Als Marxist:innen sind wir nicht prinzipiell gegen bezahlte Posten in Gewerkschaften. Doch das geschieht im Kampf gegen die Korruptionsmechanismen dieser Apparate. Sozialist:innen müssen fordern, dass Hauptamtliche nur einen durchschnittlichen Arbeiter:innenlohn verdienen. Sie müssen direkt gewählt und jederzeit abwählbar sein, und die wichtigen Entscheidungen müssen von Versammlungen der Basis getroffen werden. Auch sollte niemand mehr als zwei Jahre einen solchen Posten bekleiden.

Genauso wollen wir als Sozialist:innen in die Parlamente ziehen. Aber hier ist die Korruption noch viel stärker. Revolutionäre Abgeordnete sollten die exorbitanten Löhne ablehnen, und nur noch einen durchschnittlichen Lohn eines arbeitenden Menschen nach Hause nehmen, während der Rest an Streikfonds gespendet wird.

Bis wir so weit sind, müssen Linke dem Druck der Kooptierung und Korruption entgegenwirken. Das bedeutet, dass wir immer gegen die Macht der Bürokratien und für direkte Demokratie in den Bewegungen kämpfen. Das hat aber auch persönliche Konsequenzen: Linke sollten sich nicht materiell von Bürokratien abhängig machen. Ja, jede:r braucht einen Job, um zu überleben. Aber genauso wie niemand Bulle sein muss, muss auch niemand sein Geld verdienen, indem man Arbeitskämpfe verrät oder die Außenpolitik des deutschen Imperialismus lobt. Sozialist:innen brauchen anständige Jobs.

6 thoughts on “Gegen den linken Ausverkauf: Sozialist:innen brauchen anständige Jobs

  1. Maxi sagt:

    Wenn eine Horde von Studis über anständige Jobs redet ❤️

  2. Kai Stührenberg sagt:

    Sehr wichtiges Thema. Um dem grundsätzlich richtigen noch eine Facette zuzufügen. Wenn man was verändern will, kann man das gut in hohen Positionen der Bürokratie. Das Problem sind die schwachen und opportunistischen. Klar, ohne Kompromisse komme ich nicht nach oben. Aber man kann es schaffen, sich treu zu bleiben. Das funktioniert aber nur, wenn man sich seiner Beschränkungen durch den Apparat ständig bewusst ist. Da haben die meisten in solchen Jobs Defiziten. Sie fangen an, das was die Leitungen wollen selber gut zu finden. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Ich würde daher sagen: Geht ruhig in die Bürokratie aber reflektiert Euch und lasst Euch nicht vereinnahmen.

  3. GreenFire_Dancer sagt:

    EEs gibt keine anständigen Jobs. Seid mmal nicht so weltfremd: Auch ich als GGärtnerin halte den Laden am Laufen… Ist zum Kotzen aber wahr!

  4. Wu sagt:

    Freue mich auf den Tag, an dem die Linke sich mal wieder darauf konzentriert, die 1 % anzugreifen statt irgendwelche PoWi Studis. Keine Ahnung, ob du mal wirklich arm warst, meine Familie war es und ich würde jeden verstehen, der*die lieber in einer NGO arbeitet als sich als „anständiger Arbeiter“ bei Amazon kaputt zu schuften. Zumal wenn du vielleicht kein geiles WG Zimmer hast oder dich vielleicht schon früh um Familienangehörige kümmern musst, alleinerziehend oder whatever bist.

    Ja wir brauchen Arbeitskämpfe, aber wir müssen die Energie nicht darein stecken, irgendwelche Studis zu bashen. Und Linke daran zu messen, ob sie unterbezahlte Jobs annehmen, die im Zweifel dazu führen, dass sie zu ihren BaFöG Schulden noch Mietschulden anhäufen – I dont know.

    Ja, wir brauchen eine positive Besetzung von Arbeiter*innenberufen wie etwa im Krankenhaus, aber jede*n Linken dazu zu zwingen, sich für 80 Stunden die Woche in unterbezahlten Pflegeberufen auszubeuten, ist definitiv nicht die Lösung. Auch für Klassenkampf braucht man Ressourcen.

  5. Marek sagt:

    Hallo!
    Vorweg, ja eine Kritik an den beschriebenen Bürokratien ist notwendig und wichtig. Auch die Kritk an möglichen „Kaderschmieden“. Ich teile, dass mindestens problematische Wechselbeziehung und Widerspruch zwischen diesen speziellen Jobs/Posten und „sozialistischem Anspruch“ besteht.

    Ich habe zwei Kritikpunkte, die zusammengehören. Der erste trivial empirisch argumentiert: Im Text steht in nostalgisch anmutender Manier: „Früher wurden neue Bürokrat:innen aus den Reihen der Arbeiter:innenbewegung rekrutiert. Doch inzwischen geben Leute, die irgendwas studiert und nie einen Betrieb von innen gesehen haben, den Ton an.“ Daran kritisiere ich 1.) die Orte der Ausbildung sind nicht mehr nur die Betriebe. Mittlerweile studieren mehr als 50% eines Jahrgangs. (1*) Die Universitäten und Hochschulen sind längst nicht nur Orte der akademischen (elitären) Bildung. Es wäre zu analysieren und zu überlegen, was die Akademisierung insgesamt bedeutet. Eine saloppe These meinerseits ist, dass das Kapital ein großes Interesse an Akademisierung hat, denn die Ausbildungskosten wurden auf die Allgemeinheit über den bürgerlichen Staat übertragen. Erkämpfte Reformen im Rahmen von Berufsausbildungsgesetze werden so umgangen. Neoliberale Dogmen und Überzeugungen tun ihr übriges. Aber das wäre eine andere Diskussion. Sollen über 50% eines Jahrgangs ausgeschlossen werden? Das führt zu 2.) Impliziert die Aussage, dass Student*innen nicht zu der Arbeiterklasse gehören. Es mag nicht auf alle zutreffen, aber wie unter 1.) angeführt studieren mittlerweile sehr viele. Zweidrittel aller Student*innen arbeiten neben dem Studium (Von Zuverdienst durch Minijob bis Lebensunterhalt verdienen), sind also Lohnabhängig beschäftigt und sind dementsprechend Teil des Lohnsystem. Sie haben Betriebe von innen gesehen. Darüber ist das Ziel des Studiums genau das: Lohnabängig beschäftigt sein.
    Die Arbeiter*inneklasse ist heterogener geworden als sie es vor Jahrzenten noch war und die meisten Student*innen gehören dazu. Das heißt, die Kritik an Student*innen, die in diesem Artikel betrieben wird, ist dünn. Fragen sind davor: Wieso gibt es so viele Student*innen, wieso gibt es die Akademisierung und welchen Interessen dient das? Und und und

    Nur ein paar Gedanken zu dem Punkt.
    Vielen Dank & solidarische Grüße

    (1*) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72005/umfrage/entwicklung-der-studienanfaengerquote/

  6. Rainer Sanders sagt:

    Um sich nicht verbiegen zu lassen muss Du starstark, authentisch und klar sein, und Du brauchst KollegInnen, die ebenso stark
    , solidarisch und vorbildlich sind, um mit Opportunisten und Widersprüchlichkeiten klarzukommen.

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