Frauen und LGBTI*

Frauentreffen mit Andrea D’Atri in Barcelona: “Die Arbeiterinnen können ihre Klasse im Kampf gegen die Krise anführen”

Über 100 Arbeiterinnen, Migrantinnen und Studentinnen nahmen an einem Frauentreffen in Barcelona mit Andrea D'Atri, Gründerin von Pan y Rosas und Anführerin der PTS in der Front der Linken und Arbeiter*innen in Argentinien, teil.

Frauentreffen mit Andrea D'Atri in Barcelona:

Am ver­gan­genen Fre­itag, einen Monat vor dem Streik am 8. März, debat­tierten über 100 Men­schen gemein­sam mit Andrea D’A­tri darüber, wie ein klassenkämpferisch­er, antikap­i­tal­is­tis­ch­er und anti­im­pe­ri­al­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus aufge­baut wer­den kann. Andrea befind­et sich ger­ade auf ein­er inten­siv­en Euro­pareise und machte in Barcelona Halt, nach­dem sie schon in Rom, München und Madrid an ver­schiede­nen Ver­anstal­tun­gen und Tre­f­fen teilgenom­men hat­te.

Das Tre­f­fen fand an dem Ort statt, an dem im Jahr 1909 die erste Bib­lio­thek für arbei­t­ende Frauen eröffnet wurde – die heutige L’Espai Francesca Bon­nemai­son, wo die Bib­lio­thek der Frau und andere kul­turelle Räume für Frauen in Barcelona unterge­bracht sind.

Der Saal war mit jun­gen Frauen, Stu­dentin­nen und Arbei­t­erin­nen gefüllt, die die wichtig­sten Streiks, Kämpfe und Prozesse der Selb­stor­gan­i­sa­tion der ver­gan­genen Jahre repräsen­tieren – wie die “Kellys”, die Reini­gungskräfte in der Hotel­branche, oder die out­ge­sourcten Arbei­t­erin­nen von Movis­tar und von Tele­fóni­ca, und Luisi, die Anführerin des großen acht­monati­gen Streiks bei Pan­ri­co. Andrea D’A­tri sagte sicht­bar bewegt: “Es ist eine Ehre, Teil dieser inter­na­tionalen Strö­mung von Frauen zu sein – nicht wegen dem, was sie sagen, son­dern was sie getan haben. Eine Strö­mung von jun­gen Frauen, die sich mit den am meis­ten aus­ge­beuteten Sek­toren der Arbeiter*innenklasse verbinden, macht mich wirk­lich stolz und bewegt mich.” “Es ist nicht ein­fach, eine Beziehung nicht nur der Fre­und­schaft, der Sol­i­dar­ität und der Organ­isierung, son­dern auch eine poli­tis­che Beziehung mit den am meis­ten aus­ge­beuteten Kol­legin­nen unser­er Klasse aufzubauen.” “Und das ist der Ursprung von ‘Pan y Rosas’ in Argen­tinien, wo sich diese Grup­pierung zuerst in der Hitze ein­er enor­men Mobil­isierung gebildet hat, die mit dem Sturz der Regierung endete.”

Veróni­ca Lan­da, junge Aktivistin von Pan y Rosas und der Rev­o­lu­tionären Strö­mung der Arbeiter*innen (Cor­ri­ente Rev­olu­cionar­ia de Tra­ba­jadores y Tra­ba­jado­ras, CRT), eröffnete das Tre­f­fen mit der Vorstel­lung der Frauen­grup­pierung Pan y Rosas (dt. “Brot und Rosen”): “Wir sind eine anti­im­pe­ri­al­is­tis­che und inter­na­tion­al­is­tis­che, antikap­i­tal­is­tis­che und rev­o­lu­tionäre Frauen­grup­pierung.” Sie gab einen Überblick über die ver­schiede­nen Momente seit der Grün­dung von Pan y Rosas im Spanis­chen Staat, und erk­lärte die Forderun­gen, die sie zur Vor­bere­itung des Streiks am 8. März auf­stellen: “Dieser fem­i­nis­tis­che Gen­er­al­streik find­et in einem poli­tis­chen Kon­text des Auf­stiegs der extremen Recht­en statt. Die Partei VOX hat ein recht­sradikales Pro­gramm. Wir müssen ganz laut sagen, dass wir ihr ras­sis­tis­ches, patri­ar­chales und kap­i­tal­is­tis­ches Pro­gramm mit einem antikap­i­tal­is­tis­chen und rev­o­lu­tionären Pro­gramm bekämpfen, mit der Selb­stor­gan­i­sa­tion von tausenden Frauen gemein­sam mit der Arbeiter*innenklasse, der Jugend und der Migrant*innen.” Zugle­ich stellte sie die Poli­tik des “gerin­geren Übels” in Frage: “Podemos will gemein­sam mit der ‘pro­gres­siv­en’ Regierung der PSOE regieren – dieselbe Regierung, die Übereinkün­fte mit der Kirche schließt, Arbeits­mark­tre­for­men und Kürzun­gen durch­führt, die großen Banken schützt, Lager für Geflüchtete aufrechter­hält und die Repres­sion der kata­lanis­chen Bevölkerung gutheißt.”

Àngels, junge prekäre Arbei­t­erin und eben­falls Aktivistin von Pan y Rosas sagte: “ ‘Pan y Rosas’ will Stimme und Teil dieser Erfahrung von Arbei­t­erin­nen sein, die gegen Unter­drück­ung und Aus­beu­tung kämpfen.”

Sie erk­lärte die wichtige Rolle, die “die Arbei­t­erin­nen in der ersten Rei­he” spie­len. “Während sie für ihre gew­erkschaftlichen Rechte, gegen Ent­las­sun­gen und Kürzun­gen kämpfen, nehmen sie gle­ichzeit­ig mit voller Kraft den Kampf gegen Fem­i­nizide und für das Recht auf Abtrei­bun­gen. Das­selbe gilt für alle poli­tis­chen und sozialen Forderun­gen der Arbeiter*innenklasse, gemein­sam mit der Frauen­be­we­gung und der Jugend – gegen alle For­men von Unter­drück­ung, indem sie das mit Befreiungskampf der Gesamtheit der Arbeiter*innenklasse verbinden, in der Per­spek­tive des rev­o­lu­tionären Kampfes.”

Rita, Hau­sangestellte und Migran­tin: “Sie wollen uns dreifach unter­drück­en. Aber wir sind dreifach kämpferisch: anti­ras­sis­tisch, antikap­i­tal­is­tisch und anti­im­pe­ri­al­is­tisch!”

Rita, Hau­sangestellte und Sprecherin der migrantis­chen Frauen von Pan y Rosas, bewegte das gesamte Pub­likum: “Die Unter­drück­ung der migrantis­chen Frauen ist ver­bun­den mit der ras­sis­tis­chen und frem­den­feindlichen Poli­tik dieses impe­ri­al­is­tis­chen Staats und seinen reak­tionären Aus­län­derge­set­zen, die von der PP und der PSOE ver­ab­schiedet wur­den. Sie zwän­gen die Migran­tinnen in eine Sit­u­a­tion der ‘Staats­bürg­erin­nen zweit­er Klasse’, wo wir immer mehr Schwierigkeit­en haben, unsere rechtliche Sit­u­a­tion zu verbessern.” Deshalb “sind wir in der Arbeitswelt das per­fek­te Ziel für die prekärsten Jobs”. Demge­genüber erk­lärte sie: “Wir Migran­tinnen von ‘Pan y Rosas’ haben einen Slo­gan: Sie wollen uns dreifach unter­drück­en, als Frauen, als Arbei­t­erin­nen und als Migran­tinnen. Wir sagen: Wir sind dreifach kämpferisch: wir sind anti­ras­sis­tisch, antikap­i­tal­is­tisch und anti­im­per­al­is­tisch!”

Andrea D’Atri antwortete: “Die Genossin­nen Rita und Vil­ma, Frauen aus Paraguay, haben ihre Sit­u­a­tion bru­taler Diskri­m­inierung und Prekarisierung als Hau­sangestellte geschildert. Unter anderem kämpfen wir gegen den Kap­i­tal­is­mus, weil dieser das Patri­ar­chat nicht auflösen kann. Denn er ist auf die Repro­duk­tion­sar­beit angewiesen, die auf den Schul­tern der Mehrheit der Frauen und Mäd­chen aller Haushalte lastet, die unbezahlt erledigt wird, um die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft zu gewährleis­ten. Das heißt, die Repro­duk­tion des Lebens der Arbeiter*innen, um am fol­gen­den Tag wieder aus­ge­beutet wer­den zu kön­nen. Aber in den impe­ri­al­is­tis­chen Län­dern ist das ein beson­der­er Kampf – auch wenn es ähn­liche Fälle auch in Argen­tinien gibt –, denn einige Frauen aus der herrschen­den Klasse kön­nen sich von der Hausar­beit dadurch befreien, dass sie sie als prekäre Lohnar­beit auf die Schul­tern ander­er Frauen abladen, die in ihrer Mehrheit Migran­tinnen sind.”

Paula: “Wir stellen nicht nur die Monar­chie und den König in Frage, son­dern die Gesamtheit der Insti­tu­tio­nen des Regimes von 1978 und des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems.”

Paula, junge Stu­dentin der Poli­tik­wis­senschaft aus der Jugend­grup­pierung Con­tra­cor­rent (“Gegen den Strom”), erk­lärte: “Wir jun­gen Frauen erlei­den, wie auch die Migran­tinnen, die höch­sten Rat­en der Prekarisierung und der Arbeit­slosigkeit, und der Zugang zu Uni­ver­sitäten und zu Woh­nun­gen ist ein Luxus. Sie ver­dammen uns zu ein­er Zukun­ft von Armut­slöh­nen und Frust.”

Eva von Con­tra­cor­rent ergänzte: “Uns ist sehr klar, dass der Staat, seine Insti­tu­tio­nen und die Parteien des 78er-Regimes uns abso­lut nichts schenken wer­den. All unsere Rechte und unsere Forderun­gen haben wir dem Staat durch Selb­stor­gan­i­sa­tion und Kampf abgerun­gen. Mit dieser Per­spek­tive wollen wir unsere Bünd­nisse als Jugendliche mit der Arbeiter*innenklasse und der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung wieder auf­bauen, um unsere gemein­samen Feinde anzu­greifen. Deshalb mobil­isieren wir für diesen 8. März zum fem­i­nis­tis­chen Gen­er­al­streik, damit alle Stu­dien­zen­tren still­ste­hen, indem wir uns die Kampfmeth­o­d­en der Arbeiter*innenklasse zu eigen machen.”

Vania, von den “Kellys” aus Barcelona: “Wir erheben unsere Fäuste und sagen: Wenn sie eine angreifen, greifen sie uns alle an!”

“Wir sind die Zim­mer­mäd­chen, die Reini­gungskräfte der Hotel­branche. Die Leute denken, dass die Zim­mer, in die sie gehen, von selb­st so ausse­hen. Aber die Magie machen wir, die Reinigerin­nen, die wir nur 15 Minuten pro Zim­mer Zeit bekom­men. Das erschw­ert in viel­er­lei Hin­sicht die Anstren­gung, die wir machen, denn wir wer­den krank: Muskel- und Knochenkrankheit­en, und psy­chol­o­gis­che Krankheit­en. Aber wir wollen kein Mitleid, wir sind kämpferische Frauen und wollen uns durch­set­zen, und wir denken immer an die Zukun­ft unser­er Kinder. Wir kämpfen für einen Wan­del in der Geschichte, in Lila und Grün. Wir erheben unsere Fäuste und sagen: Wenn sie eine angreifen, greifen sie uns alle an!”

Andrea D’Atri erzählte, wie Pan y Rosas in Argen­tinien inmit­ten eines wichti­gen Kampfes ent­stand, den eine Gruppe von weib­lichen PTS-Mit­gliedern begleit­ete, als die Arbei­t­erin Celia Martínez, ihnen sagte: “Wenn wir Arbeiter*innen eine Fab­rik am Laufen hal­ten kön­nen, kön­nen wir auch mit einem ganzen Land”, und hinzufügte: “Wenn sie eine angreifen, greifen sie uns alle an!” Denn: “Dieser Satz, den Vania von den Kellys gesagt hat, ent­stand aus der Idee dieser Arbei­t­erin, die ver­standen hat, dass das Wichtig­ste die Ein­heit mit ihren Klas­sen­geschwis­tern war, um die Krise der Kapitalist*innen zu bekämpfen, die alle poli­tis­chen Parteien des Regimes zu ihren Gun­sten zu lösen ver­sucht­en. Und dieser Satz wurde viele Jahre später von der Frauen­be­we­gung in Argen­tinien wieder aufgenom­men, um die machis­tis­che Gewalt zu bekämpfen.”

“Das ent­stand aus dieser Erfahrung in Argen­tinien, und dort in jen­er Fab­rik lern­ten wir Mit­glieder der PTS diese Frauen ken­nen und gemein­sam mit jun­gen fem­i­nis­tis­chen Stu­dentin­nen disku­tierten wir, dass es in Argen­tinien zwar eine fem­i­nis­tis­che Bewe­gung gab, aber noch keine Strö­mung, die sich vor­nahm, nicht nur für die Forderun­gen der Frauen und gegen das Patri­ar­chat zu kämpfen, son­dern das auch mit ein­er Klassen­per­spek­tive zu verbinden. Denn die immense Mehrheit der Frauen sind Lohn­ab­hängige, die von ihrer Arbeit leben und aus­ge­beutet wer­den.”

Luisi, Streik­ende von Pan­ri­co: “Wir hat­ten ein Mot­to: ‘Wir kön­nen es schaf­fen. Wenn eine Frau vor­ange­ht, muss kein Mann zurück­we­ichen’, und wir haben alle mit uns mit­geris­sen.”

“Ich bin Luisi und spreche als Arbei­t­erin von Pan­ri­co, als Streik­ende von Pan­ri­co. Ein Kampf, in dem die Mehrheit aus Frauen bestand. ‘Pan y Rosas’ hat uns geholfen, uns die Augen geöffnet, sodass wir ver­standen, dass der einzige Ausweg im Kampf bestand, in der Ein­heit der Arbeiter*innenklasse, der Ein­heit der Frauen, die wir uns heute auf den 8. März vor­bere­it­en. Ich bin auch gekom­men, weil ich Andrea ken­nen­ler­nen wollte, ich habe das Buch ‘Brot und Rosen’ gele­sen. Ich und mein Sohn sind ent­lassen wor­den, und einen weit­eren Lohn gab es in meinem Haushalt nicht. Der Streik dauerte acht Monate, aber ich habe noch fünf Jahre weit­ergekämpft, und im let­zten Jahr mussten sie mich wieder ein­stellen. Aber ich werde nicht aufhören zu kämpfen, weil ich nur zum Kampf geboren wurde. Wir hat­ten ein Mot­to: Wir kön­nen es schaf­fen. Wenn eine Frau vor­ange­ht, muss kein Mann zurück­we­ichen’, und wir haben alle mit uns mit­geris­sen.”

Andrea D’Atri schloss das Tre­f­fen mit den Worten: “Deshalb ist es für mich wirk­lich erfreulich, hier auf all diese Erfahrun­gen zu tre­f­fen, denn sie erin­nern mich an den Ursprung unser­er Grup­pierung, die heute nicht nur in Argen­tinien und im Spanis­chen Staat, son­dern auch in Uruguay, Brasilien, Chile, Peru, Bolivien, Cos­ta Rica, Mexiko, USA und Deutsch­land organ­isiert ist. Wir hof­fen auch, dass bald in Frankre­ich und Ital­ien ‘Brot und Rosen’ entste­ht. Das ist Teil der Reise, die ich in diesen 40 voll­gepack­ten Tagen durch Europa mache.”

Zum Abschluss dieses so bewe­gen­den Tre­f­fens sang der Frauen­chor “Flor de Maig” aus Barcelona auf kata­lanisch das Lied “Brot und Rosen” – nach dem Slo­gan, der im Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen­streik von 1912 in Mass­a­chu­setts berühmt wurde und der der Frauen­grup­pierung ihren Namen gab.

Dazu muss erwäh­nt wer­den, dass der Frauen­chor “Flor de Maig” sich außer­dem durch seine Unter­stützung für die Kämpfe von Arbei­t­erin­nen und Migran­tinnen ausze­ich­net, genau wie ander­er sozialer Kämpfe, die in Barcelona stattge­fun­den haben.

Dieser Artikel bei Izquier­da Diario.

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