Frauen und LGBTI*

Filmvorführung von „Die kleinen (un)sichtbaren Hände“ vor vollem Kinosaal in Berlin

80 Personen erschienen zur Filmpremiere des Dokumentarfilms „Die kleinen (un)sichtbaren Hände“, der den erfolgreichen Arbeitskampf von outgesourcten Reinigungskräften in Frankreich aus der Perspektive der Protagonst*innen schildert. Der Film inspirierte die Anwesenden und ist ein Beispiel für aktuell stattfindende Kämpfe gegen Outsourcing und Befristung in Deutschland.

Filmvorführung von „Die kleinen (un)sichtbaren Hände“ vor vollem Kinosaal in Berlin

Der Kinosaal war gut gefüllt, als die Film­premiere des franzö­sis­chen Doku­men­tarfilms „Die kleinen (un)sichtbaren Hände“ im fsk Kino in Berlin-Kreuzberg begann. Arbeiter*innen aus unter­schiedlichen Betrieben, Aktivist*innen und Studierende ver­schieden­er Berlin­er Hochschulen hat­ten sich zusam­menge­fun­den, um von dem Arbeit­skampf der aus­ge­lagerten Reini­gungskräfte der Fir­ma ONET zu ler­nen.

Mehr als 80 Arbeiter*innen, haupt­säch­lich Frauen und Migrant*innen, hat­ten dort 2017/18 in einem 45-tägi­gen Streik gegen die Flex­i­bil­isierung ihrer Arbeitsverträge gekämpft. Durch ihre Entschlossen­heit und die Sol­i­dar­ität, die sie empfin­gen, kon­nten sie jedoch nicht nur den Angriff des Unternehmens, das die Reini­gung der Bahn­höfe des staatlichen Bahnkonz­erns SNCF in der Region Île-de-France übern­immt, sowie zahlre­iche Repres­sionsver­suche abwehren. Zusät­zlich erre­icht­en sie die Eingliederung in den Tar­ifver­trag der Eisenbahner*innen und dadurch bessere Löhne und Arbeits­be­din­gun­gen.

Zu Beginn der Filmvor­führung betonte Sophia Sla­mani, Mit­glied der Rev­o­lu­tionären Inter­na­tion­al­is­tis­chen Organ­i­sa­tion (RIO), der sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­chen Grup­pierung Brot und Rosen und der antikap­i­tal­is­tis­chen Hochschul­gruppe organize:strike, die Bedeu­tung, die solche Kampf­beispiele über die konkreten Erfolge hin­aus für die Arbeiter*innen und Unter­drück­ten besitzen, da ihre Kämpfe, Siege und Nieder­la­gen unsicht­bar gemacht wer­den: “Unter dem kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem ist es den Aus­ge­beuteten ver­boten, die Geschichte ihrer Klasse zu ken­nen und sich mit ihr zu iden­ti­fizieren. Es ist uns ver­boten, aus den Kämpfen zu ler­nen, die unsere Klasse seit Jahrhun­derten gewon­nen und ver­loren hat, und so repro­duzieren wir die gle­ichen Fehler und bleiben ges­pal­ten.” Wenn wir jedoch tat­säch­lich die kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung, ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Unter­drück­ung über­winden wollen, dann müssen wir die richti­gen Lehren aus den ver­gan­genen Kämpfen unser­er Klasse ziehen.

Der Film lässt die Protagonist*innen des Kampfes die wichtig­sten Momente wiedergeben und ermöglicht einen Ein­blick in die Bedin­gun­gen, die diese Erfol­gs­geschichte möglich gemacht haben. Pro­duziert wurde er von der linken Nachricht­en­seite Révo­lu­tion Per­ma­nente, die Teil des gle­ichen Net­zw­erkes link­er Tageszeitun­gen zusam­men mit Klasse Gegen Klasse ist, in Zusam­me­nar­beit mit Comunnard.e.s. Immer wieder wurde der Film durch Lachen oder Klatschen aus dem Pub­likum unter­brochen, das sich von der Entschlossen­heit der Arbeiter*innen begeis­tern ließ.

Eine wichtige Lehre war dabei die Streikdemokratie, da die Arbeiter*innen an jedem Tag in ein­er Vol­lver­samm­lung über die Fort­führung des Kampfes disku­tierten und beschlossen. Die Delegierten der Ver­hand­lun­gen mit den Unternehmen führten nur den Willen dieser Ver­samm­lun­gen aus und tru­gen jedes Ange­bot von Seit­en des Konz­erns zu ihnen zurück. Dadurch wurde sichergestellt, dass die Beteiligten selb­st demokratisch über ihren Arbeit­skampf entschei­den kon­nten und ihr Streik nicht von oben abge­brochen wer­den kon­nte, wie es häu­fig durch die undemokratis­che Kon­trolle der Gew­erkschafts­bürokratie der Fall ist.

Viele der Streik­enden beton­ten zudem die ras­sis­tis­che Unter­drück­ung, der sie vom Unternehmen aus­ge­set­zt sind, indem es sie als Arbeiter*innen zweit­er Klasse behan­delte. Einige kon­nten nicht lesen oder schreiben, weshalb sie den Machen­schaften der Bosse stärk­er aus­geliefert waren. Dazu kam für die mehrheitlich weib­lichen Reini­gungskräfte die zusät­zliche Hausar­beit, die eine weit­ere Bürde darstellte. Doch gemein­sam im „Kampf für die Würde“, wie immer wieder­holt wurde, kon­nten sie diese ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Unter­drück­ung her­aus­fordern, weshalb der Arbeit­skampf auch ein Beispiel für einen erfol­gre­ichen anti­ras­sis­tis­chen und fem­i­nis­tis­chen Kampf ist – ein Beispiel dafür, wie die mul­ti­eth­nis­che Arbeiter*innenklasse im Kampf zusam­menwach­sen kann.

Einen entschei­den­den Beitrag dazu lieferte die Unter­stützung ander­er Sek­toren, vor allem der Eisenbahner*innen, die immer wieder die Ein­heit beton­ten und die durch das Out­sourc­ing aufgezwun­gene Spal­tung der Belegschaften nicht hin­nah­men. Beson­ders Anasse Kaz­ib, Mit­glied von Révo­lu­tion Per­ma­nente und Eisen­bah­n­er, begleit­ete die Streik­enden sol­i­darisch und trat in seinen Reden und Gesprächen für die Weit­er­führung des Kampfes bis zum Sieg ein. Auch Studierende unter­stützen den Kampf, indem sie für die Streikkasse war­ben, die zu einem wichti­gen Werkzeug zur Aufrechter­hal­tung des Kampfes wurde und über 80.000 Euro zusam­men­brachte.

Streiks wie der von ONET kön­nen nicht nur beein­druck­ende Beispiele von Entschlossen­heit darstellen und für eigene Kämpfe motivieren, son­dern müssen auch dazu dienen, Lehren für aktuelle und kom­mende Arbeit­skämpfe zu ziehen, um auch diese zum Sieg zu führen. Auch bei den Kämpfen gegen Out­sourc­ing und Befris­tung hierzu­lande, wie dem der Reini­gungskräfte der Alice-Salomon-Hochschule, der Kam­pagne für die Rekom­mu­nal­isierung der Schul­reini­gung „Schule in Not“ oder dem aktuellen Tar­ifkampf der Kolleg*innen des Char­ité Facil­i­ty Man­age­ments (CFM), deren Streik Anfang der Woche auf Drän­gen von Geschäft­sleitung und Lan­desregierung durch den ver.di-Bundesvorstand aus­ge­set­zt wurde, sind Fra­gen wie Streikdemokratie und die Unter­stützung durch Beschäftigte ander­er Betriebe und sol­i­darische Aktivist*innen wichtige Punk­te.

Die Debat­te im Anschluss an den Film drehte sich um die Hal­tung zur Gew­erkschafts­bürokratie und die Bedeu­tung der Streikdemokratie. Auch wenn die Gew­erkschafts­be­we­gung in Frankre­ich und Deutsch­land große Unter­schiede aufweisen, nimmt die Bürokratie in bei­den Län­dern eine ähn­liche Funk­tion in der Abschwächung von Arbeit­skämpfen ein, wie man im Falle Frankre­ichs erst kür­zlich im his­torischen Streik gegen die Renten­re­form sehen kon­nte. Daher ist es von zen­traler Bedeu­tung, dass sich die Beschäftigten an der Basis organ­isieren und im Falle von Streiks in Ver­samm­lun­gen über den weit­eren Ver­lauf disku­tieren.

Auch angesichts des Inter­na­tionalen Frauen*kampftages am 8. März zeigt der Film ein pos­i­tives Beispiel auf, wie sich Arbeit­skämpfe mit fem­i­nis­tis­chen und anti­ras­sis­tis­chen Kämpfen verbinden lassen und welche wichtige Rolle solche The­matiken in den enorm prekarisierten Bere­ichen der Reini­gung spie­len, die zumeist von Frauen und Migrant*innen aus­ge­führt wer­den.

Zum Abschluss der Ver­anstal­tung doku­men­tierten die Anwe­senden noch ein­mal ihre Sol­i­dar­ität mit dem Arbeit­skampf bei der Char­ité Facil­i­ty Man­age­ment mit einem kämpferischen Gruß­fo­to.

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