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Anasse Kazib: „Die Bourgeoisie stört es nicht, dass ich Marokkaner bin, sondern ein revolutionärer Marxist“

Anasse Kazib ist einer der Initiator*innen des historischen Streiks im französischen Eisenbahnsektor gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron. Ein Beitrag der spanischsprachigen Zeitung El Salto.

Anasse Kazib: „Die Bourgeoisie stört es nicht, dass ich Marokkaner bin, sondern ein revolutionärer Marxist“

Dieses Porträt, geschrieben von Enric Bonet, erschien am 27. Feb­ru­ar 2020 auf Spanisch bei El Salto. Wir danken für die fre­undliche Genehmi­gung, den Artikel über­set­zen zu dür­fen.

Die franzö­sis­che Nation­alver­samm­lung hat am Mon­tag, 17. Feb­ru­ar, mit der Debat­te über die Renten­re­form begonnen. Trotz eines unbe­gren­zten Streiks im Verkehr­swe­sen von mehr als 45 Tagen und zehn lan­desweit­en Streik- und Demon­stra­tionsta­gen in ganz Frankre­ich bleibt Emmanuel Macron stand­haft – oder stur – dabei, seine umstrit­tene Maß­nahme, die voraus­sichtlich im März ver­ab­schiedet wird, zu vol­len­den. Neolib­erale ver­han­deln nie. Sie tun besten­falls so, als ob. Hat der junge Präsi­dent mit dem Kampf um die Renten ein weit­eres Tor erzielt? Hat die Gew­erkschafts­front angesichts der Offen­sive des Kap­i­tals eine weit­ere Nieder­lage erlit­ten?

„Ich halte es nicht für einen Mis­ser­folg, denn die Mehrheit der öffentlichen Mei­n­ung unter­stützt die Demon­stran­ten immer noch und lehnt Refor­men mas­siv ab“, sagt der 33-jährige Gew­erkschafter Anasse Kaz­ib. Als Delegiert­er der kämpferischen Sud-Rail ist dieser junge Bah­n­verkehrslotse zu einem der charis­ma­tis­chsten Gesichter bei den Protesten gegen das neue franzö­sis­che Renten­sys­tem gewor­den, das eines der fortschrit­tlich­sten Mod­elle des alten Kon­ti­nents mit ein­er sozialen Abw­er­tung bedro­ht.

Kaz­ib empfängt El Salto für ein ein­stündi­ges Inter­view in ein­er Bar im Stadt­teil Saint-Denis nördlich von Paris, ein Arbeiter*innen- und Migrant*innenviertel, bei dem er eine Bilanz zieht und mögliche neue Etap­pen der wichtig­sten sozialen Mobil­isierung in Frankre­ich seit 2010 skizziert. „Wir mussten den Streik im Eisen­bahnsek­tor aus finanziellen Grün­den been­den, da die Gew­erkschafts­führun­gen uns bei der Organ­i­sa­tion der Streikkassen kaum geholfen haben“, bedauert er und erin­nert daran, dass „es nicht die Regierung war, die uns zur Rück­kehr an die Arbeit motiviert hat“.

Für diesen Beschäftigten der staatlichen Société Nationale des Chemins de Fer Français (SNCF) — die franzö­sis­che Eisen­bah­nge­sellschaft — sind Macrons ger­ingfügige Zugeständ­nisse, wie die „vor­läu­fige“ Aufhe­bung der Ver­längerung des Rentenein­trittsalters mit 64 Jahren bzw. eine spätere Ein­führung bei Arbeiter*innen mit Son­der­statut (Schienen­verkehr, Großraum Paris, staatliche Elek­triz­itäts­ge­sellschaften…), „ein Spiegel­bild der Machtver­hält­nisse“ in den am stärk­sten mobil­isierten Sek­toren.

„Aber in Wirk­lichkeit fordern wir die voll­ständi­ge Rück­nahme der Reform. Das Prob­lem ist, dass als die Zugeständ­nisse gemacht wur­den, waren nur die Beschäftigten der SNCF und der RATP wirk­lich mobil­isiert, und zwar in einem unbe­fris­teten Streik. Wenn wir die Regierung zum Rück­zug zwin­gen wollen, brauchen wir eine stärkere Beteili­gung von Studierende und Angestell­ten des pri­vat­en Sek­tors“, sagt Kaz­ib, der oft lächelt und über ein hohes Maß an Kom­mu­nika­tions­fähigkeit ver­fügt.

Geißel des Macronismus am Set

Zusät­zlich zu sein­er Präsenz bei Ver­samm­lun­gen und Streik­posten ist Anass­es Name durch seine elek­trisieren­den Auftritte vor den Kam­eras aufge­fall­en. Nach dem Streik gegen die Reform der SNCF im Jahr 2018 begann er, regelmäßig in „Les Grandes Gueules“ aufzutreten, eine der meist gese­henen und gehörten Mor­gensendun­gen des Radio- und Fernsehnet­zes RMC in Frankre­ich. „Einige sind der Mei­n­ung, dass es sich um bürg­er­liche Medi­en han­delt und dass wir nicht in sie ein­greifen soll­ten, aber Mil­lio­nen von Men­schen sehen sie sich an“, sagt Kaz­ib und recht­fer­tigt seine Arbeit als Talk­showsprech­er dieser Sendung, die eine kon­ser­v­a­tive redak­tionelle Lin­ie aufweist.

Seit Beginn der Proteste gegen die Renten­re­form am 5. Dezem­ber haben sich seine Auftritte bei anderen Sendern vervielfacht. Seine Reden voller marx­is­tis­ch­er Begriffe und Ver­weise auf den Klassenkampf, die in den Medi­en des Estab­lish­ments ungewöhn­lich sind, bleiben nicht unbe­merkt. Er hat sich in inten­sive dialek­tis­che Duelle mit Abge­ord­neten des Macro­nis­mus ver­wick­elt. Ende Dezem­ber ver­ließ er das Set von Cnews, nach­dem eine Vertreterin der Partei des Präsi­den­ten ihn des „ver­balen Ter­ror­is­mus“ beschuldigt hat­te. Einige Aktivist*innen haben ihm seine ständi­ge Präsenz vor den Kam­eras vorge­wor­fen, aber „ich möchte zeigen, dass auch wir Arbeit­er in die öffentliche Debat­te ein­greifen kön­nen, auch wenn wir nicht an den besten Uni­ver­sitäten oder in den Eliteschulen studiert haben“.

„Dank mein­er Reden und der ander­er cheminots (Eisen­bahnbeschäftigte) ist es uns gelun­gen, den Kampf der Mei­n­un­gen zu gewin­nen“, vertei­digt Kaz­ib die Gewerkschafter*innen, die am Set erfol­gre­ich waren, im Gegen­satz zu dem, was let­ztes Jahr mit den Gelb­west­en geschah, die ihre Uner­fahren­heit vor den Kam­eras bezahlten. Diese Medi­en­auftritte und seine marokkanis­che Herkun­ft haben ihn zu ein­er Zielscheibe der extremen Recht­en gemacht. Dies spiegelte sich in einem ihm gewid­me­ten feind­seli­gen Porträt der recht­en Zeitschrift Valeurs Actuelles wider, das ihn als „gefährlichen Cock­tail“ aus „rev­o­lu­tionärem Marx­is­mus“ und „poli­tis­chem Islam“ darstellte.

Anasse Kaz­ib spricht vor ein­er branchenüber­greifend­en Ver­samm­lung im Bahn­hof Saint Lazare in Paris

“Die Bour­geoisie will auf keinen Fall Gewerkschaftsführer*innen mit dem Namen Anasse. Sie will die Leute glauben machen, dass alle ihre Prob­leme Schuld der Karims, Mah­madous, Anass­es sind… Deshalb stört es sie, dass sich die beschei­de­nen Fran­zosen, die für die extreme Rechte stim­men kön­nten, mit mir iden­ti­fizieren, weil sie sehen, dass ich die gle­ichen Inter­essen vertrete“, behauptet Kaz­ib. Aber warum beteili­gen sich die Jugendlichen der „Ban­lieues“ (Vororte) nicht mehr an den Protesten? „Dort demon­stri­eren sie. Sowohl die Streik­posten der SNCF als auch die der RATP sind voller junger Leute aus den Armen­vierteln und mit Migra­tionsh­in­ter­grund“, vertei­digt der Kämpfer, der behauptet, dass „die Bour­geoisie nichts dage­gen hat, dass ich Marokkan­er bin, son­dern ein rev­o­lu­tionär­er Marx­ist“.

Eine Zuge­hörigkeit im radikalen linken Lager, die für diesen zweifachen Vater nicht prädes­tiniert war. Als Nach­fahre marokkanis­ch­er Ein­wan­der­er begann er ein Architek­turstudi­um, ver­ließ es aber wegen der hohen Kosten des Uni­ver­sität­slebens. Er arbeit­ete als Bote und als Mitar­beit­er bei ein­er Organ­i­sa­tion von Freizeitver­anstal­tun­gen. Let­z­tendlich fol­gte er dem Beispiel seines Vaters und begann eine Kar­riere bei der SNCF, wo auch seine Frau und seine Schwest­er arbeit­en. „Ich war früher ein Reformist, ich habe bei den Präsi­dentschaftswahlen 2012 für François Hol­lande ges­timmt“, erk­lärt Kaz­ib, dessen Vater in den 1970er und 1980er Jahren dafür kämpfen musste, den Sta­tus eines Eisen­bah­n­mi­tar­beit­ers zu erhal­ten, der damals den aus­ländis­chen Arbeiter*innen der SNCF ver­weigert wurde.

Ein Neustart für die Proteste im Frühjahr?

Anasse war bis 2014, „als ich von meinen Chefs bei der SNCF unter Druck geset­zt wurde, um eine Ver­set­zung nach Amiens zu akzep­tieren“, mehr als 150 Kilo­me­ter von Paris ent­fer­nt, in kein­er Gew­erkschaft vertreten. Doch dank der Bemühun­gen eines Gew­erkschafts­delegierten von Sud-Rail gelang es ihm, seinen Arbeit­splatz am Bahn­hof Le Bour­get im Departe­ment Seine-Saint-Denis – einem der ärm­sten in Frankre­ich – im Nor­den der Region Paris zu behal­ten. Also beschloss er, sich aus Sol­i­dar­ität anzuschließen. „Aber mein poli­tis­ches Erwachen kam 2016 mit den Protesten gegen die Arbeit­sre­form von Hol­lande und Nuit Debout“, dem zaghaften Ver­such, die 15M-Bewe­gung in Frankre­ich zu repro­duzieren. Seit­dem arbeit­et er mit dem trotzk­istis­chen Por­tal Révo­lu­tion Per­ma­nente zusam­men.

Ende 2018 engagierte er sich auch bei den Gelb­west­en: „Zunächst war es eine sehr het­ero­gene Bewe­gung, aber es zeigte sich schnell eine offen­sichtliche Klassendi­men­sion.“ Er gibt als Beispiel einen der emblema­tis­chen Gesänge der gel­ben Revolte an: «On est là, on est là ! Même si Macron ne le veut pas, nous on est là ! Pour l’honneur des tra­vailleurs et pour un monde meilleur!» („Hier sind wir, hier sind wir! Auch wenn Macron es nicht will, wir sind hier! Für die Ehre der Werk­täti­gen und für eine bessere Welt!“). Und nun ist dieses Lied zu einem Hit der Proteste gegen die Renten­re­form gewor­den.

„Wie schon 2018 stellt die gegen­wär­tige Mobil­isierung ein Erwachen von unten dar. Aber bess­er organ­isiert als die Gelb­west­en“, sagt Kaz­ib, der die Bedeu­tung der „Basis“ in der Renten­be­we­gung betont. „Mit der Organ­i­sa­tion zahlre­ich­er Ver­samm­lun­gen, auf Streik­posten­ket­ten oder in Streikkassen, gibt es immer mehr For­men der Selb­stor­gan­i­sa­tion, die in Frankre­ich prak­tisch ver­schwun­den waren“, sagt er. Auf der anderen Seite ste­ht er den Gew­erkschafts­führun­gen, die er als „Gew­erkschafts­bürokratie“ beze­ich­net, sehr kri­tisch gegenüber. Tat­säch­lich war er ein­er der promi­nen­ten Teil­nehmer an ein­er kon­tro­ver­sen Protes­tak­tion am Sitz der gemäßigten CFDT-Gew­erkschaft — die mit­glieder­stärk­ste Organ­i­sa­tion des Lan­des -, nach­dem diese den Protesten den Rück­en gekehrt hat­te.

Aber begün­sti­gen diese Aktio­nen nicht die Spal­tung der Gew­erkschafts­front? „Wenn der Zweck der Gew­erkschaft darin beste­ht, Flug­blät­ter mit dem Logo aller Organ­i­sa­tio­nen zu druck­en, ist dies nut­z­los. Das Wichtig­ste ist die Ein­heit der Arbeiter*innen und dass es keine Repro­duk­tion der kor­po­ratis­tis­chen Logik gibt, die die Angestell­ten des­sel­ben Unternehmens voneinan­der spal­tet“, sagt Kaz­ib, der glaubt, dass eine „starke Bewe­gung“ „branchenüber­greifend und ein­heitlich von der Basis aus“ und „weniger defen­siv in ihren Forderun­gen“ sein muss. „Die Beschäftigten des pri­vat­en Sek­tors haben sich daran gewöh­nt, Rechte zu ver­lieren.“ Sein­er Mei­n­ung nach muss ein neuer Hor­i­zont aufge­baut wer­den.

„Bei Nuit Debout waren es vor allem die Jugendlichen, die auf die Straße gin­gen, bei den Gelb­west­en war es die Mit­telschicht, die den sozialen Abstieg befürchtete, und nun die Beschäftigten des öffentlichen Sek­tors. Wenn wir die Vere­ini­gung dieser drei Sek­toren erre­ichen wür­den, befän­den wir uns in ein­er fast rev­o­lu­tionären Sit­u­a­tion, wie die Auf­stände, die in Chile oder im Libanon stat­tfan­den“, erk­lärt er über die wach­senden sozialen Umwälzun­gen in den let­zten fünf Jahren in Frankre­ich.

Kaz­ib war eine der treiben­den Kräfte hin­ter dem erfol­gre­ichen Gen­er­al­streik vom 5. Dezem­ber, der seit dem Früh­herb­st durch die Koor­dinierung zwis­chen den Beschäftigten der SNCF und der RATP organ­isiert wurde. Sie möcht­en diese Koor­dinierung nun auf andere Sek­toren ausweit­en, lan­desweit. Auf diese Weise soll „ein neuer Gen­er­al­streik wie der vom 5. Dezem­ber im März oder April vor­angetrieben wer­den, aber dies­mal nicht nur für einen Tag, son­dern für einen unbe­gren­zten Zeitraum“. Ein ehrgeiziges Ziel…

Vor­erst räumt Kaz­ib den Rück­gang der Mobil­isierun­gen ein, der haupt­säch­lich auf Ermü­dung zurück­zuführen ist. „Obwohl die Streikaufrufe nicht mehr flächen­deck­end befol­gt wer­den, befind­et sich die Regierung in ein­er sehr schwieri­gen Sit­u­a­tion“, erk­lärt er über die chao­tis­che Kam­pagne des Macro­nis­mus für die Kom­mu­nal­wahlen am 15. März (erste Runde) und 22. März (zweite Runde). Macron wird die Reform wahrschein­lich durch­set­zen, aber er wird nicht in der Lage sein, den Sieg zu beanspruchen. Anasse Kaz­ib wird nicht aufgegeben haben, auch die anderen Geg­n­er nicht.

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