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Femizid in Heidelberg: Die Spuren des Täters führen in die Neonazi-Szene

Am Montag dringt ein 18-Jähriger in einem Hörsaal am Uni-Campus in Heidelberg ein und gibt mehrere Schüsse ab. Der Kopfschuss auf eine junge Frau deutet auf einen Femizid hin - mit Spuren zu Neonazis.

Femizid in Heidelberg: Die Spuren des Täters führen in die Neonazi-Szene
Foto: shutterstock.com /Alexander Steamaze

Eine 23-Jährige starb, drei weitere Studierende erlitten Schusswunden. Mit mehr als 100 Munitionen im Rucksack, einem Gewehr und einer Schrotflinte bewaffnet, betritt ein 18-jähriger Biologiestudent einen Heidelberger Hörsaal und schießt um sich. Anschließend flüchtet der Tatverdächtige in den nahe gelegenen Botanischen Garten und tötet sich selbst.
Etwa eine Woche zuvor erwarb der Täter drei Langwaffen in Österreich, wie die Staatsanwaltschaft und Polizei in Mannheim mitteilte. Immer noch ist unklar, weshalb der Schütze nicht alle Schüsse gebrauchte und welches Motiv seiner Tat zu Grunde liegt. Deshalb wurde anfangs seitens der Behörden über eine “Beziehungstat” spekuliert.

Mittlerweile gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass die psychischen Probleme, die den Todesschütze schon früher begleiteten, Grund für den Angriff waren. In der Vergangenheit habe der Täter unter Schizophrenie gelitten und soll befehlende Stimmen gehört haben, wie der Spiegel berichtet. Doch die Indizien deuten auch darauf hin, dass die Wurzeln für die Denkweise und die Gräueltaten im faschistischen Weltbild und Frauenhass des Täters liegen, da er zur Neonazi-Kleinstpartei “Dritter Weg” wohl Kontakt hatte und vor der Tat eine WhatsApp-Nachricht absetzte, in der von einer Bestrafung die Rede war.

Besonders häufig werden Femizide zwar durch männliche Partner oder Ex-Partner verübt, doch sie finden allgemein vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Macht- und Hierarchieverhältnissen ihren Ausdruck. Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Der Mann wähnt sich in dem Glauben, dass die Frau ihm gehört, er die totale Macht über sie hat.

Frauenhass bildet einen Grundpfeiler des faschistischen Weltbildes. Es ist schwer davon auszugehen, dass eine misogyne Denkweise auch zu dem Weltbild des Täters gehörte. Die Mitgliedschaft in der rechtsextremen und militanten Neonazi-Organisation zeigt deutlich, mit welcher Gesinnung der Tatverdächtige sympathisierte. Auf der Homepage des “Dritten Weg” findet sich ein „Zehn-Punkte-Programm“ für die Bundestagswahl. Die Rolle der Frau ist programmatisch ausschließlich auf die Rolle der Mutter beschränkt.

Femizide sind das Symptom eines kranken, unterdrückerischen, patriarchalen Systems. Die Ursachen hierfür liegen tief verwurzelt in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie sind das letzte Glied einer tödlichen Kette der Gewalt, die Frauen und Queers täglich erleben. Alle Menschen müssen sich verbinden und gegen patriarchale Gewalt gegen Frauen, LGBTQI-Personen und andere marginalisierte Menschen kämpfen.

Was dabei nie in den Hintergrund geraten darf, sind jene Leben, die auf brutale Weise beendet und traumatischer Belastung ausgesetzt waren. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen und Überlebenden dieser schrecklichen Tat.

Die Tat zeigt, wie dringend notwendig eine Selbstorganisierung von Frauen und weiteren geschlechtlich sowie sexuell unterdrückten Menschen ist. Das bürgerliche System kann solche Taten nicht verhindern und verklärt sie regelmäßig zu “Amokläufen”, wo es um die Ermordung von Frauen geht. Der Sexismus des patriarchalen Kapitalismus bringt solche schrecklichen Morde überhaupt erst hervor. Die vielen Skandale um NSU und NSU 2.0 zeigen, wie sehr der Staatsapparat selbst in faschistische Netzwerke involviert ist. Unsere Antwort auf solche Taten kann daher nicht ein Vertrauen in die staatlichen und kapitalistischen Akteure dieses Systems sein, sondern muss lauten: Wenn sie eine von uns töten, organisieren wir uns zu tausenden.

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