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Fast 300 bei Veranstaltung zum revolutionären Geist der Gelbwesten in Paris

Am Freitagabend versammelten sich in einem Pariser Konzertsaal etwa 300 Interessierte, um über die Gelbwesten, ihre Widersprüche und ihr revolutionäres Potential zu debattieren.

Fast 300 bei Veranstaltung zum revolutionären Geist der Gelbwesten in Paris

Der Abend wurde von Révolution Permanente organisiert, der französischen Schwesterseite von KGK, die sich als Medium der Ausgebeuteten und Unterdrückten in den Protestbewegungen der vergangenen Jahre eine hohe Reichweite erarbeitet hat.

Auf dem Podium saßen Daniela Cobet und Flora Capentier, Redakteur*innen von Révolution Permanente, der Eisenbahner und Gewerkschafter Anasse Kazib, die Aktivistin Oriane, die die Gruppe „Femmes Gilets Jaunes“ („Gelbwesten-Frauen“) gegründet und deren Demos in Paris mitorganisiert hat, Assa Traoré, deren Bruder Adama 2016 von der Polizei ermordet wurde und die seitdem das „Komitee Wahrheit für Adama“ anführt, sowie Antonio und Franck, zwei Gelbwesten die beide bereits zu Beginn der Bewegung von einer Granate bzw. einem Gummigeschoss schwer verletzt wurden und nun unter anderem den „Marsch der Verletzten“ mitorganisierten, der dieses Wochenende in Paris stattfand.

Zum Einstieg wies Flora Carpentier auf die erstaunliche Entwicklung der Proteste in den vergangen zweieinhalb Monaten hin: „Wer hätte gedacht, dass eine gelbe Warnweste zum Symbol der Konfrontation mit Macron, dem Staat und seiner Polizei werden würde? Die Gelbwesten-Bewegung hat uns allen Hoffnung gegeben.“ Sie sprach auch über die Rolle und den Anspruch den die Aktivist*innen hinter Révolution Permanente sich selbst gegeben haben. Den Gilets Jaunes eine Stimme zu geben und sich nicht wie bürgerliche Medien Neutralität vorgaukeln:

Wir haben unsere Seite gewählt: die der Gelbwesten und einer Jugend auf der Suche nach einer Zukunft.

Anasse Kazib, Eisenbahner bei der SNCF und Gewerkschafts-Aktivist, der bereits seit dem zweiten Aktionstag die Proteste der Gelbwesten mit seinen Kolleg*innen begleitet hat, betonte die Notwendigkeit, zu neuen Aktionsformen überzugehen. Demonstrationen jeden Samstag seien offensichtlich nicht genug. Stattdessen müsse gegen die Armut und Prekarisierung nicht nur die Regierung angegriffen werden, sondern auch diejenigen, die uns ausbeuten: Das Großkapital. Da dafür ein Generalstreik notwendig sei, rief er alle Gelbwesten auf, sich am landesweiten Streiktag kommenden Dienstag zu beteiligen. Und zwar möglichst, indem sie selbst ihren Arbeitsplatz bestreiken und auch ihre Kolleg*innen dazu aufrufen.

Bei den bewegenden Berichten der Gelbwesten auf dem Podium wurde vor allem eines deutlich: Ein unglaublicher Wille, die Misere zu beenden, die die neoliberale Politik der Kürzungen und der Prekarisierung ihnen und ihren Mitmenschen aufbürdet. Oriane, die sich mit anderen Frauen innerhalb der Bewegung gemeinsam organisiert, berichtete von ihrem Leben in der Prekarität, das längst nicht nur sie betrifft und erinnerte an ein Zitat aus der französischen Geschichte: „Wenn die Frauen sich nicht einmischen, wird es keine richtige Revolution geben!“

Der 20-jährige Landschaftsgärtner Franck wurde am 1. Dezember von einem Gummigeschoss („Flashball“) der Polizei am Kopf getroffen und verlor daraufhin sein rechtes Auge. Wochenlang konnte er kaum essen oder schlafen. Trotzdem beteiligt er sich wieder an den Protesten, denn sonst werde sich nichts verändern:

Ich denke an meine zukünftigen Kinder und frage mich, was sie machen sollen, um genug zu Essen zu haben, eine Wohnung zu finden, einen Job.

Ebenfalls schwer verletzt wurde Antonio, 40 Jahre, dem die Bereitschaftspolizei im November eine „Schockgranate“ vom Typ GLI F4 zwischen die Beine warf. Das gleiche Modell, von dem 2014 der Umweltaktivist Rémi Fraisse tödlich verletzt wurde. Antonio hatte „Glück“, dass es ihn nur am Bein und nicht an empfindlicheren Stelle traf. Teile der Granate drangen durch den Schuh in seinen Fuß ein. Er musste 10 Tage auf der Intensivstation verbringen und läuft immer noch auf Krücken. Zusammen mit Franck beteiligte er sich dennoch an den Vorbereitungen für den „Marsch der Verletzten“, der diesen Samstag durch Paris zog. Dort wurde Gerechtigkeit für die über 2000 verwundeten Gelbwesten der letzten Monate verlangt. Außerdem wurde prominent ein Verbot der Gummigeschosse und der Schockgranaten gefordert.

Assa Traoré erinnerte daran, dass die Polizeigewalt für einen Teil der französischen Gesellschaft auch vor den aktuellen Protesten schon zum Alltag gehörte. So erinnerte sie nicht nur an die Ermordung ihres Bruders und den Tod zweier Jugendlicher aus den Vororten, die 2005 von der Polizei zu Tode gehetzt wurden, sondern auch an Fatouma Kébé, die vor einigen Jahren ein Auge durch ein Gummigeschoss verlor. Gemeinsam nahmen alle Anwesenden anschließend ein Solidaritäts-Foto auf, auf dem die Polizeigewalt veurteilt wurde. Schilder erinnerten an Zineb Redouane, die am 1. Dezember von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen und getötet wurde. Außerdem wurde die Freilassung des „Gelbwesten-Boxers“ gefordert, der Anfang Januar andere Demonstrant*innen mit Faustschlägen erfolgreich gegen die Polizei verteidigte und nun auf seinen Prozess am 13. Februar wartet.

An einer tiefergehenden Antwort auf die titelgebende Frage „Gilets Jaunes: Rückkehr des Gespenst der Revolution?“ versuchte sich Daniela Cobet, Mitglied der Redaktion von Révolution Permanente. An den Anfang stellte sie den vorrevolutionären Charakter der Situation, die die Gelbwesten ausgelöst haben. Das zeige sich einerseits an der Unruhe in der herrschenden Klasse, die die Proteste bisher nicht stoppen kann und andererseits an der Überzeugung der Gelbwesten, die selbst unter Gefahr schwerster Verletzungen demonstrieren gehen – oder selbst dann, wenn es sie bereits getroffen hat.

Cobet wies der radikalen Linken eine besondere Verantwortung zu, das Feld nicht rechten Kräften zu überlassen und stattdessen progressive Ideen in die Bewegung zu tragen. Statt durch eine unkritische Unterstützung müsse das aber auch mit Diskussionen über die Widersprüche der Bewegung erreicht werden. So sei es eben nicht möglich „das Volk“ vereint auf die Straße zu bringen – stattdessen müsse die Klassenlinie erkannt und genutzt werden, der die Forderungen der breiten Masse und vor allem der Arbeiter*innen von denen der Bourgeoisie trennt. Außerdem könne eine Bewegung, die so eine enorme Solidarität an den besetzten Kreisverkehren, auf den Demonstrationen und angesichts der Polizeigewalt entwickelt hat, nicht an den nationalen Grenzen mit dieser Solidarität aufhören. Stattdessen muss sie die gemeinsamen Interessen mit den Arbeiter*innen der ganzen Welt erkennen und sich mit den Ausgebeuteten jeder Herkunft gegen das Kapital stellen.

Abgeschlossen wurde die Debatte mit einer lebhaften Diskussion mit dem Publikum, die vor allem die Notwendigkeit der Mobilisierung in den Vororten und das Thema der Prekarisierung in den Mittelpunkt stellte. Anschließend klang der erfolgreiche Abend mit zahlreichen individuellen Gesprächen aus.

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