Deutschland

Fallpauschalen: Wie der Markt die Krankenhäuser ruiniert

Für die gleiche Behandlung bekommen Krankenhäuser überall in Deutschland das gleiche Geld. Die Einführung dieser Fallpauschalen war ein weiterer Schritt zur Rationalisierung und Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung – zulasten der Beschäftigen und der Patient*innen.

Fallpauschalen: Wie der Markt die Krankenhäuser ruiniert

Seit 2004 wer­den in Deutsch­land medi­zinis­che Behand­lun­gen im Kranken­haus nicht nach den tat­säch­lich ange­fal­l­enen Kosten abgerech­net, son­dern anhand eines Sys­tems von soge­nan­nten Fall­pauschalen, auch bekan­nt als Diag­no­sis Relat­ed Groups, kurz DRG. Dabei han­delte es sich jedoch keineswegs um eine ein­fache buch­hal­ter­ische Umstel­lung – die Auswirkun­gen der DRG haben zu ein­er ver­heeren­den Verän­derung der Gesund­heitsver­sorgung geführt. Beispiel­haft lässt sich das an ein­er Her­z­op­er­a­tion zeigen:

Wenn bei ein*er Patient*in eine verengte Aorten­klappe fest­gestellt wird, hil­ft oft nur der kün­stliche Ersatz, damit eine Herzin­suf­fizienz ver­mieden wer­den kann. Bis vor weni­gen Jahren gab es dafür einen Stan­dard­e­in­griff mit ein­er Spal­tung des Brust­beins und dem Ein­satz ein­er Herz-Lun­gen-Mas­chine. Bei Patient*innen, für die diese Art der offe­nen Oper­a­tion zu risiko­r­e­ich war, wurde die soge­nan­nte Tran­ska­theter-Aorten­klap­pen­im­plan­ta­tion, kurz TAVI, ange­wandt. Im Jahr 2007 war das in 1,3 Prozent der Fälle nötig. Für Patient*innen mit niedrigem oder durch­schnit­tlichen Risiko führt TAVI zu ein­er deut­lich höheren Sterblichkeit.

Was haben nun DRG damit zu tun? Von 2007 bis 2014 ist der Anteil der TAVI an den Aorten­klap­pen­op­er­a­tio­nen von den genan­nten 1,3 auf ganze 57 Prozent explodiert – wohl gemerkt, obwohl erwiesen ist, dass dieser Ein­griff für die aller­meis­ten Patient*innen viel gefährlich­er ist. Der Grund dafür ist ein­fach: Für eine herkömm­liche Oper­a­tion bekom­men die Kranken­häuser eine Pauschale zwis­chen 16.800 und 24.600 Euro, für eine TAVI sind es hinge­gen 33.600 Euro. Die Gewinnspanne ist für die riskan­tere Option erhe­blich höher. Kurz: Für den Prof­it wer­den Leben aufs Spiel geset­zt.

Wem nützen Fallpauschalen?

Die Fall­pauschalen wur­den ursprünglich 2003 nach dem Vor­bild des aus­tralis­chen Bun­desstaats Vic­to­ria einge­führt und gel­ten seit 2004 verpflich­t­end für alle Kranken­häuser. Die Vorstel­lung hin­ter ihrer Ein­führung war, dass Kranken­häuser sparsamer und wirtschaftlich­er arbeit­en wür­den, wenn sie in Konkur­renz zueinan­der treten wür­den. Dafür wur­den Patient*innengruppen nach Diag­nosen ein­heitlich grup­piert – daher die Beze­ich­nung – und für die Behand­lung eine ein­heitliche Bezahlung ver­an­schlagt. Ver­ant­wortlich zeich­nete für diese Entschei­dung damals als Gesund­heitsmin­is­terin in einem rot-grü­nen Regierungsk­abi­nett die Sozialdemokratin Ulla Schmidt.

Schon damals war klar: Dieser Wet­tbe­werb wird zulas­ten der Beschäftigten und der Patient*innen gehen. Nach Fall­pauschalen die Behand­lung ein­er Pati­entin zu kalkulieren, bedeutet die Gesund­heit eines Men­schen wie eine Ware zu berech­nen. Wie es das oben skizzierte Beispiel der Aorten­klap­pen­op­er­a­tio­nen zeigt, geht es dann nicht mehr darum, wie einem Men­schen möglichst gut geholfen wer­den kann, son­dern einzig und allein, wie am meis­ten Gewinn aus sein­er Ther­a­pie geschla­gen wer­den kann. Was lukra­tiv ist, wird gemacht, und was zu wenig bringt, wird ver­mieden. In der Regel gilt, dass lukra­tiv ist, was mit tech­nis­chem Aufwand ver­bun­den ist. Im Umkehrschluss bleiben beispiel­sweise wichtige Anam­ne­sen oder Arzt-Patien­ten-Gespräche auf der Strecke.

Patient*innen sollen aus dem­sel­ben Grund heute so schnell wie nur irgend möglich wieder ent­lassen wer­den, denn jed­er weit­ere Tag im Kranken­haus ohne neue Behand­lung bedeutet, dass der Gewinn schmilzt. Dabei spielt fast schon eine unter­ge­ord­nete Rolle, ob die Pati­entin tat­säch­lich schon geheilt ist. Sowohl eine solche Unter­ver­sorgung als auch medi­zinisch unnötige, aber finanziell lohnenswerte Behand­lun­gen sind let­ztlich nichts anderes als Kör­per­ver­let­zung.

Steigende Belastung für Beschäftigte

Nicht vergessen wer­den darf dabei, dass dieser Zus­tand nicht nur für Patient*innen gefährlich ist, son­dern auch für die Beschäftigten sehr belas­tend ist. Auf Ärzt*innen lastet ständig der Druck, nicht medi­zinisch, son­dern ökonomisch zu entschei­den. In der Kranken­haushier­ar­chie gelangt dieser Druck von den Geschäftsführer*innen über Chef- und Oberärzt*innen zu den Fach- und Assistenzärzt*innen.

Dass zu wenig Per­son­al, beson­ders zu wenige Pflegekräfte, vorhan­den sind, resul­tiert aus dem­sel­ben wirtschaftlichen Zwang. Wenn Kliniken sparen müssen, liegt es für sie nur nahe, das bei den Per­son­alkosten zu tun. Die daraus resul­tieren­den Zustände sind für Patient*innen wie für die Beschäftigten fatal.

Seit Jahren gibt es deshalb in ver­schiede­nen Kranken­häusern bun­desweit Streiks und Proteste für mehr Per­son­al. Zugle­ich haben Sol­i­dar­ität­skreise Volks­begehren gegen den Pflegenot­stand ges­tartet, wie zulet­zt in Bay­ern. Das Anliegen dieser Volks­begehren, mehr Per­son­al durch die Fest­set­zung von Personal-Patient*innen-Schlüsseln zu gewährleis­ten, kann den Sparzwang an den Kranken­häusern zwar nicht been­den. Doch diese Schlüs­sel durchzuset­zen bedeutet einen ersten, wenn auch noch kleinen Bruch mit dieser Logik.

Für ein Gesundheitssystem im Dienste der Patient*innen und Beschäftigten!

Es ist völ­lig illu­sorisch zu glauben, dass ein Sys­tem, das auf Gewin­n­max­imierung ori­en­tiert ist, gle­ichzeit­ig den Bedürfnis­sen der Men­schen gerecht wer­den kann. Das DRG-Sys­tem muss als drastis­che Spitze dieses kap­i­tal­is­tis­chen Gesund­heitssys­tems so schnell wie möglich beseit­igt wer­den. Streiks, Demon­stra­tio­nen und Volks­begehren sind dazu erste Schritte.

Doch die Abschaf­fung von DRG wird die Ökonomisierung des Gesund­heitssys­tems nicht been­den. Die Zwei-Klassen-Medi­zin, die von pri­vat­en und geset­zlichen Kranken­ver­sicherun­gen gestützt wird, die unzure­ichende Gesund­heitsver­sorgung in der Altenpflege, der ver­heerende Per­sonal­man­gel, das grassierende Out­sourc­ing von Teilen des Kranken­haus­be­triebs – selb­st von so zen­tralen Bere­ichen wie der Ster­il­i­sa­tion von OP-Besteck, wie im Falle der Vivantes Ser­vice GmbH in Berlin –, die große Macht der Phar­makonz­erne: Diese und noch viel mehr Ele­mente zeigen, dass es uns darum gehen muss, ein ganz anderes Gesund­heitssys­tem zu etablieren. Ein Gesund­heitssys­tem, welch­es wirk­lich im Dien­ste von Patient*innen und Beschäftigten ste­ht.

Dazu gehört per­spek­tivisch die Abschaf­fung der pri­vat­en Kranken­ver­sicherun­gen und die Ein­führung eines vere­in­heitlicht­en staatlichen Pflichtver­sicherungssys­tem, zu 100% bezahlt von den Bossen und Höchstverdiener*innen, die Kon­trolle von Per­son­al­stän­den und Dien­st­plä­nen durch Komi­tees von Beschäftigten und Patient*innenvertretungen, die Enteig­nung der großen Phar­makonz­erne, um nur einige Punk­te zu nen­nen.

Die Pflegevolks­begehren sind ein erster Schritt. Sie müssen kom­biniert wer­den mit der Selb­stor­gan­isierung der Beschäftigten in den Kranken­häusern, mit Streiks und ein­er gesamt­ge­sellschaftlichen Kam­pagne für ein Gesund­heitssys­tem im Inter­esse von Patient*innen und Beschäftigten, statt im Inter­esse von Bossen und Ver­sicherun­gen.

2 thoughts on “Fallpauschalen: Wie der Markt die Krankenhäuser ruiniert

  1. Rainer Hecht sagt:

    Die Fall­pauschalen wur­den schon unter Kohl/Seehofer vor­bere­it­et, 1992/1993 wur­den Fall­pauschalen in aus­gewählten Kliniken berechnet,also wurde dieses Sys­tem schon lange vorher geplant. Ulla Schmidt war übri­gens nicht so ganz kon­form, hat­te dann eine Dienst­wa­ge­naf­färe. An der Entwick­lung des Fall­pauschalen­sys­tems sieht man gut, dass es scheis­se­gal ist was man wählt, die Rich­tung bes­tim­men andere.

  2. Bernd Sachsenberg sagt:

    Tägliche Zahl der Ein­griffe am Tag nach Fall­pauschale, ist die Zahl der Ver­let­zung Artikel 1 GG!

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