Geschichte und Kultur

Europe, she loves: Liebe in Zeiten der Krise

Das Dokudrama Europe, she loves ist ein Beziehungsporträt von vier jungen Paaren aus den europäischen Krisenstaaten. In verstörender Intensität werden ihre intimsten Momente in der allgegenwärtigen Atmosphäre der Zukunftsangst gezeigt. Der Film von Jan Gossman feierte Premiere auf der Berlinale 2016.

Europe, she loves: Liebe in Zeiten der Krise

Die Europäische Union schreibt sich gerne ihre sozialen und demokratischen Errungenschaften auf die Fahnen. Das Bild von Brüsseler Bürokrat*innen, die die Einheit und den Wohlstand Europas beschwören, wird gleich in den ersten Szenen gezeigt – und kontrastiert mit der Tristesse der europäischen Peripherie. Dort stellt uns der Film vier heterosexuelle Paare zwischen 20 und Mitte 30 vor, die ungeduldig in Sevilla, Dublin, Tallinn und Thessaloniki auf eine bessere Zukunft hoffen. Alle eint sie Arbeitslosigkeit oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Die frische Liebe des spanischen Paares steht durch die fehlende berufliche Perspektive ebenso auf der Kippe wie die Langzeitbeziehung von Niko und Penny aus Griechenland. Veronika aus Tallin verdient ihr Geld als Tänzerin in einem Nachtclub, in dem sich sich von schmierigen Typen begrapschen und bedrohen lassen muss. Tagsüber kämpft sie mit den Schwierigkeiten, die eine Patchworkfamilie mit sich bringt. Das irische Paar versucht währenddessen mit seinem Hang zu Heroin klar zu kommen.

Der Fokus liegt auf der Dynamik der jeweiligen Beziehung. Die Porträtierung ihres Alltags wechselt mit dystopisch wirkenden Himmels- und Landschaftsaufnahmen, heruntergekommenen Industrieanlagen und trostlosen Wohnsiedlungen. Dutzende Menschen ertrinken vor Lampedusa. Blicke auf die Weiten des Mittelmeeres umrahmen das Grauen. Zusammen mit schweren Celloklänge und Nachrichtenfetzen aus einem Europa der leeren Versprechungen malt der Regisseur ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Die Sequenzen kommen zurück zu den jungen Paaren, die ohnmächtig das Geschehen um sie herum mitverfolgen.

Beziehungsdrama

Die Krise stellt alle vor eine schwierige Wahl: Daheim auf besser Zeiten hoffen oder sich auf eine unsichere Zukunft in Italien oder Frankreich einlassen. Wie ein Damoklesschwert schwebt diese Frage stets über einer möglichen gemeinsamen Zukunft der Paare. Die Belastungen, die das für sie darstellt, sind unübersehbar. Streit und Eifersucht sind ihre ständigen Begleiter.

Dies wird in all seiner Intimität hautnah gezeigt. Einen bedeutenden Stellenwert für die Dramaturgie nehmen die Sexszenen ein. Durch die Angstgefühle der Protagonist*innen ziehen diese die Zuschauer*innen in beklemmender Weise direkt hinein. Der Sex ist Teil der Charakterzeichnung, wenn die Paare etwa nach dem Streit miteinander schlafen oder sich verletzlich aneinander klammern.

Der Film fängt dabei den rauen, ungeschönten Beziehungsalltag ein, etwa als Niko aus Thessaloniki weiter seine Freundin anmacht, nachdem sie ihn mehrmals zurückgewiesen hat. Einer der intensivsten Momente ist, als Terry aus Dublin bei einem Streit ein verzweifeltes „I love you“ zu ihrem Freund sagt und er ihr im Drogenrausch entgegenplärrt: „I don’t give a fuck about it“.

Eine verlorene Generation?

Die Protagonist*innen gewähren tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. „Europe, she loves“ ist damit ein Film, der eine fast unangenehm überwältigende Kraft entfaltet. Er zeigt eine Generation, die von der Krise gedemütigt wurde und keinerlei Illusionen in das kapitalistische Europa hegt. Ihre Beziehungen stellen für sie einen Halt dar, der allerdings genauso instabil ist wie ihre gesamte Situation.

Der Drogenkonsum und die Sexualität wandeln auf einem schmalen Grad zwischen Hedonismus und dem Versuch, ihrem verletzten Seelenzustand zu entfliehen. Der Film zeigt uns eine Generation, die verängstigt abwartet, aber keineswegs gebrochen ist. Es lässt sich erahnen, dass mit neuen politischen Dynamiken auf dem Kontinent auch ihre Beziehungen und ihr gesamtes Selbstbewusstsein Veränderungen erleben werden.

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