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„Es ist nicht gelungen, die aktive Basis zu organisieren“

Sechs Monate nach dem Streik bei der Deutschen Post AG steht die Führung der Gewerkschaft ver.di in der Kritik. Ein Gespräch mit Sven Pasche (Name geändert), Briefzusteller bei der Deutschen Post AG und Vertrauensmann der Gewerkschaft ver.di.

„Es ist nicht gelungen, die aktive Basis zu organisieren“

Seit dem Ende des großen Streiks bei der Post am 6. Juli sind sechs Monate vergangen. Wie ist die Situation heute?

Die Wogen haben sich geglättet. Die repressiven Maßnahmen seitens der Manager*innen sind wieder auf dem Stand der Zeit vor dem Streik. Zum Beispiel sind nach dem Streik abgesetzte Teamleiter*innen wieder auf ihren Posten. Nach dem Streik bekamen Beschäftigte, die nicht mitgestreikt hatten, zunächst körperlich weniger anstrengende Tätigkeiten zugewiesen, während Streikteilnehmer*innen für anstrengendere Aufgaben eingeteilt wurden. So etwas passiert jetzt meines Wissens nicht mehr.

Das anfangs sehr negative Verhältnis zu den Streikbrecher*innen hat sich wieder normalisiert. Man muss ja irgendwie miteinander auskommen. Ein zerstörtes Vertrauen bleibt trotzdem, zumindest gegenüber denen, die während des Streiks auch noch höhere Wochenarbeitszeiten angenommen hatten.

Wie geht es den Kolleg*innen, die eine aktive Rolle beim Streik spielten?

Die Stimmung ist überwiegend resignativ. Der extreme körperliche und psychische Druck bei der Arbeit wird stärker hingenommen als vorher. Das Gefühl, dass „wir eh nichts machen können“, sitzt tief. Auf der anderen Seite ist das Verhältnis unter denen, die gestreikt haben, besser geworden. Im Arbeitskampf haben wir zusammengestanden, und die Solidarität untereinander ist geblieben.

Die Gewerkschaft ver.di hat das Ergebnis des Streiks als Teilerfolg präsentiert. Wie bewertest du das?

Eine krachende Niederlage haben wir erlitten, das sieht auch die Mehrheit an der Basis so. Genauer gesagt: Die Gewerkschaftsführung hat uns durch ihre plötzliche Aufgabe in diese Niederlage gestürzt. Die aktuelle Resignation kommt weniger davon als vom Umgang der Gewerkschaft damit. Immer noch versucht ver.di, uns diesen Arbeitskampf als Erfolg zu verkaufen – als seien wir so blöd, dass man immer wieder nur das gleiche behaupten muss, bis wir es irgendwann glauben. Das hat das Vertrauen in ver.di als unsere Interessenvertretung immens gestört.

Die Niederlage an sich ist schlimm – aber aus jeder Niederlage kann man lernen. Schließlich stehen die nächsten Arbeitskämpfe vor der Tür. Hier hatten sich Aktive gewünscht, dass ver.di die Frage aufwirft: Was können wir beim nächsten Mal anders machen? Auch unter Hauptamtlichen bei ver.di hat es kritische Bewertungen des Streiks gegeben. Das hätte dazu führen müssen, dass einige Personen aus der Führungsebene nach Hause geschickt werden. Statt dessen wurde die für die Post zuständige stellvertretende Vorsitzende Andrea Kocsis auf dem Bundeskongress im September sogar mit mehr Stimmen als vorher wiedergewählt.

Wie wird ver.di deiner Meinung nach weitermachen?

Ich denke, dass die Funktionär*innen wissen, dass alles nach hinten losgegangen ist. Aber als zentralistische und hierarchische Gewerkschaft ist ver.di einfach nicht in der Lage, mit Kritik umzugehen. Niederlagen werden in Erfolge umgedichtet, Kritiker*innen mit allen Mitteln bekämpft. Das reicht bis zu öffentlichem Niedermachen und Ausschlüssen aus der Gewerkschaft. Die Machtposition der Gewerkschaft im Betrieb ist nach wie vor groß genug, um diesen Weg ohne größeren Schaden weiterzugehen. Dabei wird die Gewerkschaft mit jedem, der ausgeschlossen wird oder sich von selbst zurückzieht, insgesamt schwächer.

Die verschiedenen Betriebsversammlungen in den letzten Monaten waren auffallend schlecht besucht, so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr. Doch leider ist die Nichtteilnahme das einzige Signal, das Beschäftigte gerade setzen können. Denn es ist nicht gelungen, die aktiven Basismitglieder zu organisieren. Es bleibt die Frage für kritische Beschäftigte: Wie können wir dem immer ungezügelteren Treiben der Konzerne etwas entgegensetzen? Wird das durch eine Opposition innerhalb der Gewerkschaften sein? Oder durch den Aufbau einer neuen Gewerkschaftsbewegung? Beide Wege wären wohl unendlich schwierig.

Dieses Interview in der jungen Welt

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