Geschichte und Kultur

Ermordung von Leo Trotzki: Wie es geschah

Am 80. Jahrestag der Ermordung von Leo Trotzki veröffentlichen wir den Augenzeugenbericht von seiner Ehefrau Natalja Iwanowna Sedowa. Dieser Bericht erscheint zum ersten Mal in deutscher Sprache.

Ermordung von Leo Trotzki: Wie es geschah
(AP Photo) Am 20. August 1940 verübte der stalinistische Agent Ramon Mercader mit einem Eispickel einen Anschlag auf den russischen Revolutionär Leo Trotzki. Einen Tag später starb Trotzki an seinen schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus von Mexiko-Stadt.

(Dienstag, 20. August 1940, 7 Uhr morgens)

“Weißt du, ich fühle mich gut heute, zumindest heute Morgen. Es ist lange her, seit ich mich so wohl gefühlt habe…. Letzte Nacht habe ich eine doppelte Dosis Schlafmittel genommen. Ich habe gemerkt, dass mir das gut tut.”

“Ja, ich erinnere mich,wir haben das in Norwegen beobachtet, als du dich öfter ausgelaugt gefühlt hast… Aber es ist nicht die Droge selbst, die dir gut tut, sondern der tiefe Schlaf, die vollständige Erholung.”

”Aber ja, natürlich.”

Wenn er die riesigen Fensterläden aus Stahl, die unsere Freunde nach dem Angriff auf unser Haus am 24. Mai angebracht hatten, morgens öffnete oder abends schloss, merkte L.D. hin und wieder an: “Nun, jetzt kann uns kein Siqueiros kriegen.” Und beim Aufwachen würde er mich und sich begrüßen, indem er sagte: “Siehst du, sie haben uns letzte Nacht doch nicht umgebracht, und du bist immer noch unzufrieden.” Ich habe mich so gut verteidigt, wie es ging…. Einmal, nach einer solchen „Begrüßung“, fügte er nachdenklich hinzu: „Ja, Natascha, wir haben eine Galgenfrist bekommen.“

Schon 1928, als wir nach Alma-Ata verbannt wurden, wo uns das Unbekannte erwartete, unterhielten wir uns eines Abends im Abteil des Zuges, der uns ins Exil brachte… Wir konnten nach den Unruhen der letzten Wochen, und besonders den letzten Tagen in Moskau nicht schlafen. Trotz unserer äußersten Müdigkeit hielt die nervöse Anspannung an. Ich erinnere mich, dass Lew Dawidowitsch mir damals gesagt hatte: “Es ist besser so (Exil). Ich bin dagegen, in einem Bett im Kremel zu sterben.”

Aber an diesem Morgen war er weit weg von solchen Gedanken. Sein körperliches Wohlbefinden ließ ihn erwartungsvoll auf einen „richtig guten“ Arbeitstag blicken. Energisch ging er hinaus in den Hof, um seine Kaninchen zu füttern, nachdem er zügig seine Morgentoilette erledigt und sich ebenso schnell angezogen hatte.

Wenn sein Gesundheitszustand schlecht war, war das Füttern der Kaninchen eine Belastung für ihn; Aber er konnte es nicht aufgeben, denn er hatte Mitleid mit den kleinen Tieren. Es war schwer, es so zu tun, wie er es wollte, so wie es seine Gewohnheit war – gründlich. Darüber hinaus musste er auf der Hut sein; seine Stärke musste für eine andere Art der Arbeit geschont werden – die Arbeit an seinem Schreibtisch. Die Pflege der Tiere, das Reinigen der Käfige usw. verschaffte ihm einerseits Entspannung und Ablenkung, ermüdete ihn andererseits aber auch körperlich, was sich wiederum auf seine allgemeine Arbeitsfähigkeit auswirkte. Er vertiefte sich komplett in alles, was er tat, unabhängig von der Aufgabe.

Ich erinnere mich an 1933, als wir von Prinkipo in Richtung Frankreich aufbrachen, wo wir in einer einsamen Villa nicht weit entfernt von Royan nahe der Atlantikküste lebten. Unser Sohn hatte zusammen mit unseren Freunden diese Villa eingerichtet, die den Namen “Gischt” trug. Die Wellen des aufgewühlten Meeres flossen in unseren Garten und salzige Gischt wehte durch unsere offenen Fenster. Von unseren Freunden umgeben lebten wir in halblegalen Verhältnissen. Gelegentlich waren wir bis zu zwanzig Personen. Acht oder neun wohnten auf dem Gelände. Im Anbetracht unserer Situation stand es außer Frage, eine Haushälterin oder jemanden, der in der Küche helfen kann, zu rufen. Die ganze Last lag auf Jeanne, der Frau meines Sohnes, und Vera Molinier, und ich half auch. Die jungen Genossen wuschen das Geschirr. Lew Dawidowitsch wollte auch mit der Hausarbeit helfen und begann, das Geschirr zu spülen. Aber unsere Freunde protestierten: “Er sollte sich nach dem Essen ausruhen. Wir kommen schon klar.” Außerdem sagte mir mein Sohn Leva: “Papa besteht darauf, eine wissenschaftliche Methode des Geschirrspülens zu verwenden und es frisst zu viel unserer Zeit.” Letztendlich musste sich L.D. von dieser Tätigkeit zurückziehen.

Der Mittelweg, die lustlose Haltung, die halbherzige Art, all das kannte er nicht. Deswegen ermüdete ihn nichts mehr als unverbindliche oder halbherzige Gespräche. Aber mit welchem Enthusiasmus er auszog, Kakteen zu sammeln, um sie in unseren Garten zu pflanzen. Er war in einem Rausch, er war der erste im Einsatz und der letzte, der ging. Nicht ein einziger der jungen Leute, die ihn bei unseren Spaziergängen aufs Land umgaben, und die mit ihm draußen arbeiteten, konnte mit ihm mithalten: sie ermüdeten schneller und fielen einer nach dem anderen zurück. Er aber war unermüdlich. Wenn ich ihn betrachtete, staunte ich oft. Woher nahm er seine Energie, seine körperliche Ausdauer? Weder die unerträglich heiße Sonne, die Berge, noch die Abstiege mit Kakteen schwer wie Eisen störten ihn. Er war hypnotisiert von der Vollendung der Aufgabe, die vor ihm lag. Er fand Entspannung durch den Wechsel seiner Aufgaben. Dies verschaffte ihm auch eine Verschnaufpause von den Schlägen, die gnadenlos auf ihn niedergingen. Je vernichtender der Schlag, desto inbrünstiger vergaß er sich in der Arbeit.

Unsere Spaziergänge, die eigentlich Kriegsexpeditionen für Kakteen waren, wurden durch “Umstände außerhalb unserer Kontrolle” immer seltener. Doch ab und zu, nachdem er von der Monotonie seines Alltags genug hatte, sagte Lew Dawidowitsch zu mir: „Diese Woche sollten wir uns einen ganzen Tag frei nehmen, um spazieren zu gehen, meinst du nicht auch?“

“Du meinst, einen Tag Zwangsarbeit?”, zog ich ihn auf.

“Also gut, lass uns gehen, um sicher zu gehen.”

“Es wäre am Besten, früh loszukommen. Lass uns um sechs Uhr morgens herum aufbrechen?”

“Sechs passt für mich, aber wirst du nicht zu müde sein?”

“Nein, es wird mich nur erfrischen und ich verspreche, es nicht zu übertreiben.”

Normalerweise fütterte Lew Dawidowitsch seine liebevoll beobachteten Kaninchen und Hühner von Viertel nach sieben (manchmal 7:20) bis neun Uhr morgens. Manchmal würde er seine Arbeit unterbrechen, um Anweisungen oder Ideen, auf die er gekommen war in sein Diktiergerät zu sprechen. An diesem Tag arbeitete er ohne Unterbrechung im Hof. Nach dem Frühstück versicherte er mir, dass er sich gut fühle und sprach über seinen Wunsch, einen Artikel über die Wehrpflicht in den USA zu schreiben. Und er hat tatsächlich angefangen, ihn zu diktieren.

Um ein Uhr kam Rigault, unser Anwalt im Fall der Angriffe vom 24. Mai, um uns zu sehen. Nach seiner Abfahrt schaute Lew Dawidowitsch, nicht ohne Bedauern, in mein Zimmer, um mir zu sagen, dass er die Arbeit an dem Artikel unterbrechen und die Vorbereitung des Materials für den Prozess im Zusammenhang mit dem Angriff auf uns wieder aufnehmen müsse. Er und sein Anwalt hatten beschlossen, dass es nötig war, auf El Popular zu antworten, war doch L.D. auf einem Bankett dieser Publikation der Diffamierung beschuldigt worden.

“Und ich werde in die Offensive gehen und sie der dreisten Verleumdung anklagen.”, sagte er trotzig.

“Schade, dass du nicht über die Wehrpflicht schreiben können wirst.”

“Ja, da kann man nichts machen. Ich muss es für zwei oder drei Tage aufschieben. Ich habe bereits darum gebeten, dass alle verfügbaren Materialien zu meinem Schreibtisch gebracht werden. Nach dem Essen werde ich beginnen, sie durchzugehen. Ich fühle mich gut.”, versicherte er mir noch einmal.

Nach einer kurzen Mittagspause sah ich ihn an seinem Schreibtisch sitzen, auf dem sich bereits Beiträge zum El Popular Fall stapelten. Er war weiterhin guter Laune. Und das machte mich fröhlicher. Lew Dawidowitsch hatte in letzter Zeit über Entkräftung geklagt, der er gelegentlich erlag. Er wusste, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelte, aber in letzter Zeit schien er größere Zweifel daran zu haben als je zuvor; heute schien uns als der Beginn einer Verbesserung in seiner körperlichen Verfassung. Er sah auch gut aus. Hin und wieder öffnete ich die Tür zu seinem Zimmer, nur einen Spalt, um ihn nicht zu stören, und sah ihn in seiner üblichen Haltung, über seinen Schreibtisch gebeugt, den Stift in der Hand. Ich erinnere mich an die Zeile “Eine weitere und letzte Geschichte und meine Schrift ist beendet.” So sprach der alte Schreibermönch Pimen in Puschkins Drama Boris Godounov, als er die bösen Taten von Zar Boris aufschrieb.

Lew Dawidowitsch lebte ein Leben, das dem eines Gefangenen oder Einsiedlers ähnlich ist, mit dem Unterschied, dass er in seiner Einsamkeit nicht nur eine chronologische Aufzeichnung der Ereignisse machte, sondern leidenschaftlich einen unerbittlichen Kampf gegen seine ideologischen Feinde führte.

So kurz dieser Tag auch war, Lew Dawidowitsch hatte bis fünf Uhr nachmittags mehrere Fragmente seines in Betracht gezogenen Artikels über die Wehrpflicht in den Vereinigten Staaten und etwa fünfzig kurze Seiten seiner Enthüllung von El Popular, also von Stalins Machenschaften, in das Diktiergerät gesprochen. Für ihn war es ein Tag körperlicher und geistiger Gelassenheit.

Jacson taucht auf

Um fünf hatten wir beide Tee, wie immer. Zwanzig nach fünf, vielleicht auch halb nach, ging ich auf den Balkon und sah L.D. auf dem Hof nahe einem offenen Kaninchenstall. Er fütterte die Tiere. Neben ihm war eine mir unbekannte Person. Erst als er seinen Hut abnahm und begann, auf den Balkon zuzugehen, erkannte ich ihn. Es war “Jacson”.

“Hier ist er wieder”, schoss es mir durch den Kopf. “Warum kommt er inzwischen so oft vorbei?”, fragte ich mich.

“Ich bin schrecklich durstig, könnte ich ein Glas Wasser haben?”, fragte er, als er mich begrüßte.

“Wollen Sie vielleicht eine Tasse Tee?”

“Nein nein. Ich habe zu spät gegessen, und ich fühle mich, als sei das Essen hier oben.” antwortete er und zeigte auf seinen Hals. “Es erstickt mich.” Die Farbe seines Gesichts war grau-grün. Seine generelle Erscheinung war die eines nervösen Mannes.

“Warum tragen Sie Ihren Hut und Mantel?” (Sein Mantel hing über seinem linken Arm, gegen seinen Körper gedrückt.) “Es ist so sonnig heute.”

“Ja, aber Sie wissen, es wird nicht lange anhalten. Es könnte regnen.” Ich wollte einwenden, dass es heute nicht regnen würde, und dass er immer damit prahlte, nie Hut oder Mantel zu tragen, selbst beim schlechtesten Wetter nicht. Aber irgendwie wurde ich niedergeschlagen und ließ das Thema fallen.

Stattdessen fragte ich:

“Und wie geht es Sylvia?”

Er schien mich nicht zu verstehen. Ich hatte ihn mit meiner vorherigen Frage über Hut und Mantel verärgert. Und er war komplett in seine eigenen Gedanken versunken, und sehr nervös. Schließlich, als hätte er sich aus einem tiefen Schlaf gerissen, antwortete er mir: “Sylvia? … Sylvia? …” Und fing sich und fügte beiläufig hinzu: „Es geht ihr immer gut.“

Er begann zurück in Richtung Lew Dawidowitsch und der Kaninchenställen zu gehen. Während er davon ging, fragte ich ihn: “Ist Ihr Artikel fertig?”

“Ja, er ist fertig.”

“Ist er getippt?”

Mit einer unbeholfenen Handbewegung, während er weiterhin seinen Mantel, in dessen Futter, wie sich später herausstellte, eine Spitzhacke und ein Dolch eingenäht waren, gegen seinen Körper drückte, zog er mehrere maschinengeschriebene Seiten hervor, um sie mir zu zeigen.

“Es ist gut, dass Ihr Manuskript nicht handgeschrieben ist. Lew Dawidowitsch missfallen unleserliche Manuskripte.”

Zwei Tage zuvor hatte er uns besucht, trug dabei ebenfalls einen Mantel und einen Hut. Ich habe ihn damals leider nicht gesehen, da ich nicht zu Hause war. Aber Lew Dawidowitsch erzählte mir, dass „Jacson“ angerufen und ihn durch sein Verhalten etwas überrascht hatte. Lew Dawidowitsch erwähnte es auf eine Weise, die darauf hindeutete, dass er nicht den Wunsch hatte, die Angelegenheit zu vertiefen, aber gleichzeitig das Gefühl hatte, er müsse es mir gegenüber erwähnen, da er eine neue Eigenschaft des Mannes entdeckt hatte.

“Er brachte den Entwurf eines Artikels, in Wahrheit ein paar Sätze – wirres Zeug. Ich habe ihm einige Vorschläge gemacht. Wir werden sehen.” Und Lew Dawidowitsch fügte zu: “Gestern schien er ganz und gar nicht wie ein Franzose. Plötzlich hat er sich auf meinen Schreibtisch gesetzt und behielt die ganze Zeit seinen Hut auf.”

“Ja, es ist komisch.”, sagte ich verwundert. “Er trägt nie einen Hut.”

“Dieses Mal hat er einen Hut getragen.”, antwortete Lew Dawidowitsch und verfolgte das Thema nicht weiter. Er sprach beiläufig. Aber ich war überrascht: Es schien mir, als habe er zu dieser Gelegenheit etwas Neues über “Jacson” erfahren, aber noch keine Schlüsse gezogen, oder es einfach nicht eilig gehabt, Schlüsse zu ziehen. Diese kurze Unterhaltung fand am Vorabend des Verbrechens statt.

Einen Hut tragen… Mantel über dem Arm… Setzt sich selbst an den Tisch – War dies nicht eine Probe für ihn? Es wurde getan, so dass er am nächsten Tag sicherer und präziser in seinen Bewegungen sein würde.

Wer hätte es damals ahnen können? Es hat uns nur verlegen gemacht, mehr nicht. Wer hätte vorhersagen können, dass der 20. August, ein so gewöhnlicher Tag, so schicksalhaft sein würde? Nichts deutete auf seine Unheilschwere hin. Vom Morgengrauen an den ganzen Tag schien die Sonne hell, wie immer hier. Die Blumen blühten, und das Gras schien wie mit Lack poliert… Wir gingen unseren Aufgaben nach, jeder auf seine Weise, jeder von uns versuchte, mit allem, was wir taten, die Arbeit von Lew Dawidowitsch zu unterstützen. Wie oft an diesem Tag stieg er die kleinen Stufen dieses Balkons hinauf, betrat dieses Zimmer und setzte sich auf diesen Stuhl neben dem Schreibtisch… All das schien so gewöhnlich und jetzt wirkt es durch eben diese Gewöhnlichkeit so schrecklich und tragisch. Niemand, keiner von uns, nicht mal er selbst waren in der Lage, die drohende Katastrophe zu spüren. Und in dieser Unfähigkeit gähnt eine Art Abgrund. Im Gegenteil, der ganze Tag war einer der ruhigsten. Als L.D. nachmittags nach draußen in den Hof ging und ich sah, wie er barhäuptig unter der glühenden Sonne stand, eilte ich, ihm seine weiße Mütze zu bringen, um seinen Kopf vor den gnadenlosen heißen Strahlen zu schützen. Um vor der Sonne zu schützen … doch schon in diesem Momentt drohte ihm die Gefahr eines schrecklichen Todes. In dieser Stunde spürten wir sein Verhängnis nicht, kein Ausbruch der Verzweiflung ließ unsere Herzen erschüttern.

Ich erinnere mich, als das Alarmsystem in Haus, Garten und Hof durch unsere Freunde angebracht wurde, und Wachen eingeteilt wurde, machte ich L.D. darauf aufmerksam, dass auch an seinem Fenster eine Wache postiert werden sollte. Dies erschien mir damals so offensichtlich unerlässlich. Aber L.D. erhob den Einwand, dass es dazu notwendig wäre, die Anzahl der Wachen auf zehn zu erhöhen, was sowohl in Bezug auf das Geld als auch auf die Leute, die unserer Organisation zur Verfügung standen, über unsere Ressourcen hinausging. Eine Wache an seinem Fenster hätte ihn in dieser Situation nicht gerettet. Aber die Abwesenheit einer Wache besorgte mich. Auch war L.D. sehr berührt von einem Geschenk, das ihm von unseren amerikanischen Freunden nach dem Angriff vom 24. Mai gemacht wurde. Es war eine kugelsichere Weste, ein Ding wie ein altertümliches Kettenhemd. Als ich es an einem Tag begutachtete, merkte ich an, dass es gut wäre, so etwas für den Kopf zu haben. L.D. bestand darauf, dass die Genossen auf den verantwortungsvollsten Posten die Weste zu jeder Schicht trugen. Nach dem Misserfolg, den unsere Feinde beim Angriff am 24. Mai erlitten, waren wir absolut sicher, dass Stalin nicht aufhören würde, und wir trafen Vorbereitungen. Wir wussten auch, dass die G.P.U. eine andere Form des Angriffs wählen würde.

Wir schlossen auch einen Anschlag von Seiten eines „Einzelgängers“ nicht aus, der im Geheimen geschickt und von der G.P.U. bezahlt wurde. Aber weder die kugelsichere Weste noch ein Helm hätten als dauerhafter Schutz dienen können. Es war unmöglich, diese Verteidigungsmethoden tagtäglich anzuwenden. Es war unmöglich, sein Leben ausschließlich in Selbstverteidigung umzuwandeln – denn in diesem Fall verliert das Leben seinen ganzen Wert.

Die Ermordung

Als “Jacson” und ich uns Lew Dawidowitsch näherten, spach letzterer auf Russisch zu mir: “Weißt du, er erwartet, dass Sylvia uns anruft. Sie werden morgen abreisen.” Es war ein Vorschlag seinerseits, dass ich sie zum Tee, wenn nicht sogar zum Abendessen einladen sollte.

“Ich wusste nicht, dass Sie vorhaben, morgen abzureisen, und Sylvia hier erwarten.”

“Ja… Ja… Ich vergaß, es Ihnen gegenüber zu erwähnen.”

“Es ist schade, dass ich nicht Bescheid wusste, ich hätte einige Dinge nach New York schicken können.”

“Ich könnte morgen um eins anrufen.”

“Nein, nein danke, es würde uns beiden Unannehmlichkeiten bereiten.”

Und mich an Lew Dawidowitsch wendend, erklärte ich auf Russisch, dass ich “Jacson” bereits zum Tee gebeten hatte, er aber abgelehnt hatte, während er sich darüber beschwerte, es ginge ihm nicht gut. Er sei schrecklich durstig und bat mich nur um ein Glas Wasser. Lew Dawidowitsch warf ihm einen aufmerksamen Blick zu und sagte in einem Ton des leichten Vorwurfs: „Ihr Gesundheitszustand ist wieder schlecht, Sie sehen krank aus … Das ist nicht gut.“

Es gab eine Pause. Lew Dawidowitsch wollte sich nicht von den Kaninchen losreissen und war nicht in der Stimmung, sich einen Artikel anzuhören. Trotzdem riss er sich zusammen und sagte “Nun, was sagen Sie? Lassen Sie uns ihren Artikel durchgehen?”

Methodisch schloss er die Verschläge und zog seine Arbeitshandschuhe aus. Er kümmerte sich gut um seine Hände, oder eher seine Finger, denn der kleinste Kratzer irritierte ihn, beeinträchtigte sein Schreiben. Wie seine Finger hielt er seinen Stift immer in Ordnung. Er streifte seine blaue Bluse ab und ging langsam und leise auf das Haus zu, begleitet von „Jacson“ und mir. Ich begleitete sie bis zur Tür von Lew Dawidowitschs Arbeitszimmer; die Tür schloss sich und ich ging in den anliegenden Raum.

Nicht mehr als drei oder vier Minuten vergangen bis ich einen schrecklichen, seelenzerreissenden Schrei hörte. Und ohne so richtig zu begreifen, von wem dieser Schrei ausging, stürzte ich in die Richtung aus der er kam. Zwischen dem Esszimmer und dem Balkon, auf der Türschwelle, an den Türstock gelehnt stand … Lew Dawidowitsch. Sein Gesicht war blutverschmiert, seine Augen ohne seine Brille waren stechend blau, seine Hände hingen herunter.

“Was ist passiert? Was ist passiert?”

Ich warf meine Arme um ihn, aber er antwortete nicht gleich. Es schoss mir durch den Kopf. Vielleicht war etwas von der Decke gefallen – dort wurden einige Reparaturarbeiten durchgeführt – aber warum war er dort?

Und er sagte zu mir, ruhig und ohne Empörung, Bitterkeit oder Ärger: “Jacson.” L.D. sagte es, als ob er hätte sagen wollen “Es ist passiert.” Wir gingen ein paar Schritte, und mit meiner Hilfe ließ sich Lew Dawidowitsch auf den kleinen Teppich dort zu Boden sinken.

„Natascha, ich liebe dich!“ Er sagte dies so unerwartet, so ernst, fast schon heftig, dass ich, geschwächt von einem inneren Schock, auf ihn zu taumelte.

“Oh… Oh… niemand, niemandem darf erlaubt werden, dich zu sehen, ohne vorher durchsucht zu werden.”

Ich legte vorsichtig ein Kissen unter seinen zerbrochenen Kopf, hielt ein Stück Eis an seine Wunde und wischte mit einem Stück Baumwolle das Blut von seinem Gesicht.

“Seva muss von all dem hier weggebracht werden….”

Er sprach mit Schwierigkeiten, unklar, aber war – so schien es – sich dessen nicht bewusst.

“Weißt du, da drinnen” – seine Augen bewegten sich zu der Tür seines Zimmers – “habe ich gespürt … verstanden, was er tun wollte … Er wollte mich … noch einmal schlagen … Aber ich habe ihn nicht gelassen.” Er sprach ruhig, leise, seine Stimme brach.

“Aber ich habe ihn nicht gelassen.” Es war eine Spur Befriedigung in diesen Worten. Zur gleichen Zeit wandte sich Lew Dawidowitsch an Joe und sprach auf Englisch mit ihm. Joe kniete wie ich auf dem Boden, an seiner anderen Seite, mir gegenüber. Ich bemühte mich, die Worte zu erhaschen, aber konnte nichts verstehen. In diesem Moment sah ich Charlie, sein Gesicht kreideweiß, einen Revolver in seiner Hand, in Lew Dawidowitschs Zimmer stürmen.

“Was machen wir mit ihm?” fragte ich Lew Dawidowitsch. “Sie werden ihn töten.” “Nein … es ist unzulässig, ihn zu töten, er muss zum Reden gebracht werden.” antwortete Lew Dawidowitsch, die Worte immer noch schwer und langsam.

Plötzlich drang ein ziemlich erbärmliches Jaulen an unsere Ohren. Verlegen warf ich Lew Dawidowitsch einen Blick zu. Mit einer kaum zu erkennenden Bewegung seiner Augen, deutete er zur Tür seines Zimmers und sagte herablassend: “Er ist es.” …. “Ist der Doktor schon angekommen?”

“Er wird jede Minute hier sein… Charlie ist mit dem Auto losgefahren, um ihn zu holen.”

Der Arzt kam, untersuchte die Wunde und erklärte aufgewühlt, sie sei „nicht gefährlich“. Lew Dawidowitsch nahm dies ruhig hin, fast gleichgültig, als könne man von einem Arzt in einer solchen Situation keine andere Äußerung erwarten. Doch sich zu Joe drehend und auf sein Herz zeigend sagte er auf Englisch: “I feel it here … This time they have succeeded.” (“Ich fühle es hier… Diesmal hatten sie Erfolg.”) Er schonte mich.

Die letzten Stunden

Durch die brüllende Stadt, durch ihren eitlen Tumult und menschlichen Lärm, durch ihre grellen Abendlichter raste der Notarztwagen, schlängelte sich durch den Verkehr, die vorbeifahrenden Autos, die Sirene unaufhörlich heulend, um uns der Ring von schrill piepsenden Polizeimotorrädern. Mit unerträglichen Qualen in unserem Herzen trugen wir den Verwundeten, und der Alarm wurde jede Minute lauter. Er war bei Bewusstsein. Eine Hand lag ruhig neben seinem Körper. Sie war gelähmt.

Dr. Dutren hatte es mir nach der Untersuchung zu Hause, im Speisesaal auf dem Fußboden, gesagt. Für die andere Hand, seine rechte, konnte er keinen Ort finden, zeichnete immer wieder Kreise in die Luft, berührte mich, als ob er einen behaglichen Platz für sie suchte. Es fiel ihm immer schwerer, zu sprechen. Mich tief zu ihm herunter beugend, fragte ich ihn, wie er sich fühle.

“Jetzt besser,” antwortete Lew Dawidowitsch.

“Jetzt besser.” Diese Worte beflügelten das Herz mit großen Hoffnungen. Der ohrenbetäubende Tumult, das Piepsen und die Sirene klagten weiter, aber das Herz pulsierte vor Hoffnung. „Jetzt besser.“

“Hier könnten Feinde sein.”, schoss es mir durch den Kopf, wie es in ähnlichen Situationen immer der Fall ist. “Wo sind unsere Freunde? Sie müssen die Krankenbahre umstellen…”

Nun lag er auf dem Krankenbett. Still begutachteten die Doktoren die Wunde. Auf ihre Anweisung begann eine “Schwester”, seine Haare zu rasieren. Ich stand am Kopfende des Bettes. Unmerklich lächelnd sagte Lew Dawidowitsch zu mir: “Siehst du, einen Friseur haben wir auch gefunden…”

Er schonte mich immer noch. An diesem Tag hatten wir über die Notwendigkeit gesprochen, einen Friseur anzurufen, der ihm die Haare schneiden sollte, aber wir waren nicht dazu gekommen. Er erinnerte mich nun daran. Lew Dawidowitsch rief Joe, der ein paar Schritte von mir entfernt stand und bat ihn, wie ich später erfuhr, seinen Abschied vom Leben zu notieren. Als ich fragte, was Lew Dawidowitsch gesagt hatte, antwortete Joe: “Er wollte, dass ich Notizen zu französischer Statistik mache.” Ich war sehr überrascht, dass in so einer Zeit das Gesagte mit französischer Statistik zu tun haben sollte. Es schien seltsam. Außer natürlich, sein Zustand begann sich zu verbessern…

Ich blieb am Kopfende des Bettes stehen, hielt einen Eiswürfel an die Wunde und hörte aufmerksam zu. Sie begannen ihn auszuziehen. Um ihn nicht zu stören zerschnitten sie mit der Schere seine Arbeitsweste; der Doktor tauschte höfliche Blicke mit der “Schwester” aus, als ob er sie ermutigen würde; als nächstes war die gestrickte Weste an der Reihe, dann das Hemd. Die Uhr wurde von seinem Handgelenk genommen. Dann begannen sie, seine restliche Kleidung zu entfernen, ohne sie zu zerschneiden, und da sagte er zu mir: “Ich möchte nicht, dass sie mich ausziehen… Ich möchte, dass du das machst.” Er sagte dies völlig klar, nur sehr traurig und mit tiefer Schwere.

Dies waren die letzten Worte, die er zu mir sagte. Als ich fertig war, drehte ich ihn um und berührte seine Lippen mit meinen. Er antwortete. Wieder … und wieder antwortete er mir. Und noch einmal. Es war unser endgültiger Abschied. Aber wir waren uns dessen nicht bewusst.

Der Patient fiel ins Komas. Die Operation holte ihm nicht aus diesem Zustand. Ohne meine Augen abzuwenden, wachte ich die ganze Nacht über ihn, und wartete auf sein “Erwachen”. Die Augen waren geschlossen, aber der Atem, manchmal schwer, manchmal gleichmäßig und ruhig, weckte Hoffnung. Der nächste Tag verging auf die gleiche Weise. Am Nachmittag gab es laut der Doktoren eine Verbesserung. Doch gegen Ende des Tages kam es dann auf einmal zu einer drastischen Veränderung des Atems. Er wurde schneller, immer schneller und weckte Todesangst. Die Ärzte und das Krankenhauspersonal umringten das Feldbett des Kranken. Ich verlor meine Selbstkontrolle und fragte, was das zu bedeuten habe, doch nur einer von ihnen, ein vorsichtiger Mann, antwortete. “Es wird vorbeigehen”, sagte er. Die Anderen blieben still. Ich verstand, wie falsch aller Trost war, und wie hoffnungslos alles in Wahrheit.

Sie hoben ihn hoch. Sein Kopf war auf eine Schulter gesackt. Seine Hände baumelten wie die in Titian’s Die Kreuzabnahme. Statt einer Dornenkrone trug der sterbende Mann eine Binde. Die Züge seines Antlitzes behielten ihre Reinheit und ihren Stolz. Es schien als würde er sich jeden Moment aufrichten und das Wort ergreifen. Aber die Wunde war zu tief in sein Gehirn eingedrungen. Das so leidenschaftlich erwartete Erwachen kam nie. Auch seine Stimme war zum Schweigen gebracht worden. Alles war vorbei. Er war nicht länger unter den Lebenden.

Den abscheulichen Mördern wird Vergeltung widerfahren. Durch sein ganzes heroisches und schönes Leben glaubte Lew Dawidowitsch an die befreite Menschheit der Zukunft. Während seiner letzten Jahre strauchelte sein Glauben nicht, sondern wurde im Gegenteil reifer und fester als jemals zuvor.

Die Menschheit der Zukunft, befreit von aller Unterdrückung, wird über alle erdenklichen Formen des Zwangs triumphieren. Er hat auch mich gelehrt, daran zu glauben.

November 1940
Coyoacan, Mexico

Zuerst veröffentlicht: Fourth International, Vol. II No. 4, May 1941, pp. 100–103.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.