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Einzelhandel schließt: Bis zu 250.000 Jobs in Gefahr

Durch den sogenannten "harten Lockdown", der ab Mittwoch in Kraft tritt, muss ein Großteil der Geschäfte schließen. Während diese Maßnahme ein besinnliches Weihnachtsfest mit der Familie retten soll, wird dadurch die Zukunft von bis zu einer Viertelmillion Arbeiter:innen im Einzelhandel bedroht.

Einzelhandel schließt: Bis zu 250.000 Jobs in Gefahr
Foto: shutterstock

Dienstagnachmittag in Berlin-Tempelhof. In einer Filiale von Galeria-Kaufhof-Karstadt stehen die Leute quer durchs Geschäft Schlange, um ihre letzten Besorgungen zu erledigen. Neben der unübersehbaren Hektik liegt eine Anspannung im Raum, die sicherlich daher rührt, dass die Aussicht auf langes Warten umgeben von dutzenden Menschen mit Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen zurecht Stress auslöst. 

Der Grund für den Trubel: Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte nach Gesprächen zwischen Bund und Ländern am Sonntag an, dass es ab diesem Mittwoch einen „harten Lockdown“ geben werde. Der Einzelhandel muss infolgedessen vom 16. Dezember bis mindestens zum 10. Januar schließen. Von der neuen Regelung ausgenommen sind lediglich Läden für den täglichen Bedarf, wie beispielsweise Supermärkte, Apotheken oder Drogerien. 

Als Reaktion darauf gingen heute, wie zu erwarten, vermehrt Menschen in die Innenstädte, um noch die letzten Weihnachtsgeschenke zu kaufen, oder sich die Frisur vor dem Jahreswechsel ein letztes Mal in Form bringen zu lassen. Der kurzfristig angekündigte Lockdown erhöht damit das Infektionsrisiko für alldiejenigen, die die Geschäfte vor der Schließung noch einmal aufsuchen mussten, aber auch besonders für die Arbeiter:innen in den Geschäften, die am Montag und Dienstag geflutet wurden. Aber eine Ansteckung mit Corona ist für die Beschäftigten des Einzelhandels nicht die einzige Sorge. Viele der Läden, die jetzt geschlossen werden müssen, können vielleicht nie wieder öffnen, da der Verlust eines Großteils des Weihnachtsgeschäfts massive Einkommensverluste für die gesamte Branche bedeutet. „Der Dezember ist der mit Abstand wichtigste Monat für den Handel: 103,9 Milliarden Euro werden im Weihnachtsgeschäft umgesetzt“, heißt es in einem offenen Brief von 28 deutschen Einzelhandelsunternehmen, die auf die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns hinweisen.

Im Zuge der massiven Einbußen, die jetzt zu erwarten sind (die Jeff Bezos zweifellos noch reicher machen werden) spricht Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE) davon, dass bis zu 250.000 Stellen in der Branche „akut bedroht“ seien. 

Auch wenn Bundesfinanzminister Scholz bereits milliardenschwere Unterstützungspakete angekündigt hat, ist damit zu rechnen, dass etliche Geschäfte den Lockdown nicht überleben werden, zumal wahrscheinlich ist,  dass er über den 10. Januar hinaus noch einmal verlängert wird. Auch wenn es aus epidemiologischer Sicht richtig ist, jetzt die Geschäfte zu schließen, bleibt offen, warum die Bundesregierung diesen Schritt nicht schon vor Wochen gegangen ist. Schließlich wurde der „Lockdown light“ bereits Anfang November verkündet – also mittlerweile vor über sechs Wochen. Während in diesem Zeitraum die Infektionszahlen auf einem dramatisch hohen Niveau blieben und die Todeszahlen sogar noch massiv gestiegen sind, ist die Regierung passiv geblieben. So kurz vor Weihnachten versetzt sie damit aufgrund ihrer eigenen Untätigkeit den Beschäftigten des Einzelhandels einen schweren Schlag und lässt sie auf ein unsicheres 2021 zusteuern. 

Auf der anderen Seite stehen die Unternehmenschefs, die, wie Karstadt-Bonze-Benko, trotz Krise und Einkommensverlust weiter fröhlich Dividende an ihre Aktionär:innen ausgeschüttet haben, jetzt aber den Arbeiter:innen mit Stellenstreichungen drohen. Die Beschäftigten werden hinters Licht geführt, wenn ihnen jetzt verkauft werden soll, dass trotz jahrelangen Gewinnen der Verlust des Weihnachtsgeschäfts in diesem Jahr den Verlust ihrer Jobs bedeuten muss. 

Eine Perspektive zur Überwindung der Krise, die sowohl die Gesundheit als auch die Arbeitsplätze schützt, kann sich also nur gegen die Regierung und gegen die Kapitalist:innen richten, die über die Köpfe der Beschäftigten hinweg mit Geld und Menschenleben pokern. Auch wenn der allgemeine Weihnachtsstress so nicht verschwunden wäre, würde ein Krisenmanagement, das Menschenleben konsequent vor Profite setzt, auch in der Karstadt-Filiale in Tempelhof, die Hektik und Anspannung lindern. Für Kund:innen und Beschäftige.  

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