Geschichte und Kultur

Eine schwarze jüdische Frau wird gelyncht

Theaterstück der britischen Aktivistin Jackie Walker in Neukölln. Mit ihrer Lebensgeschichte wehrt sie sich gegen Vorwürfe des Antisemitismus.

Eine schwarze jüdische Frau wird gelyncht

Das The­ater­stück am Son­ntag Abend in Neukölln hat­te das Zeug zum Skan­dal. Eine britis­che Poli­tik­erin, die wegen anti­semi­tis­ch­er Äußerun­gen von der Labour Par­ty sus­pendiert ist, vertei­digt sich mit­ten im Prob­lem­bezirk. Auf der Liste der schlimm­sten anti­semi­tis­chen Vor­fälle auf der ganzen Welt im Jahr 2016 schaffte es Jack­ie Walk­er auf Platz zwei.

Und doch ist alles kom­plex­er. Organ­isiert wurde die Ver­anstal­tung von der Jew­ish Antifa-Berlin. Walk­er selb­st ist eine schwarze jüdis­che Frau. Wenn ein Witz auf Hebräisch in den Raum gewor­fen wird, lacht min­destens ein Drit­tel des Saals.

Jack­ie Walk­er muss seit Jahren hören, dass die Hass gegen Juden propagiert. Mit dem The­ater­stück „The Lynch­ing“ will sie sich gegen Vor­würfe vertei­di­gen, vor dem „Gericht der öffentlichen Mei­n­ung“.

Aber sie sagt erst­mal nichts zu den einzel­nen Nachricht­en auf Face­book oder heim­liche aufgenommene Rede­beiträge bei Work­shops, die ihr so viel Ärg­er gebracht haben. Sie geht ganz weit zurück.

Vater und Mutter

Die Frau mit Son­nen­fleck­en und schwarzen Dreads ste­ht allein auf der Bühne. Der Saal ist über­füllt. Walk­er war Lehrerin und später Anti­ras­sis­mus-Aktivistin – sie beherrscht die Kun­st, die Menge mitzuziehen, selb­st nach 90 Minuten.

Mit ein­er schrä­gen Horn­brille tritt sie erst als ihre eigene Mut­ter Dor­thy Walk­er auf. Sie kam aus Jamai­ka, aber schaffte es an die Howard Uni­ver­si­ty in Wash­ing­ton D.C., und engagiert sich in der Bürg­er­rechts­be­we­gung.

Walk­er wech­selt sie Horn­brille für eine braune Fedo­ra, und spricht statt mit karibis­chem mit amerikanis­chem Akzent. Jet­zt spielt sie ihren Vater Max Cohen, einen kom­mu­nis­tis­chen Juwe­li­er. Er lernte Dorothy bei Jazz-Konz­erten in Harlem ken­nen, aber ihre Liebe ent­stand durch den gemein­samen Aktivis­mus. Bald wird die Tochter Jack­ie geboren.

Dorothy wird auf­grund ihres Aktivis­mus in der Psy­chi­a­trie einges­per­rt und dann nach Jamai­ka abgeschoben. Sie schlägt sich mit ihren kleinen Kindern bis Eng­land durch.

Jack­ie berichtet, mit der Stimme ihres achtjähri­gen Selb­st, wie die Bushal­testelle ange­spuckt wird oder in ihrem Haus die Fen­ster eingeschla­gen wer­den. „Swasti­ka“ (Hak­enkreuz) kann die kindliche Stimme nicht aussprechen.

Als Jack­ie elf Jahre alt ist, stirbt ihre Mut­ter nach einem Asth­ma-Unfall. Oder genauer: „Sie starb weil sie arm, krank und far­big war.“

Bis 18 lebte Jack­ie in der Obhut des Staates. Später kann sie studieren und wird Lehrerin. Sie trat 1991 in die Labour Par­ty ein, „weil ich damals dachte, das sei eine sozial­is­tis­che Partei.“

Als Tony Blair die Partei „mod­ernisierte“, trat sie aus. Als Blair wieder ging, trat sie wieder ein. Walk­er engagierte sich zusam­men mit Abge­ord­neten auf dem extrem linken Partei­flügel. Unter anderem bei einem damals total unbekan­nten Hin­ter­bän­kler namens Jere­my Cor­byn.

Oft saßen nur zehn Leute und ein Hund im Pub­likum, als Cor­byn gesprochen hat. „Als ein­mal der Hund gefehlt hat“, erin­nert sie sich, „sagte ich zu Jere­my: wir sind am Tief­punkt“. Doch per Mit­glieder­entscheid wurde diese „harte Linke“ zum Parteivor­sitzen­den gewählt. Inzwis­chen wird Jere­my Cor­byn als Pop­star und Sexsym­bol gefeiert. 60 Prozent der 18 bis 25-Jähri­gen stimmten für ihn und beim Musik­fes­ti­val Glas­ton­bury san­gen Hun­dert­tausende seinen Namen. Die Forderun­gen nach Ver­staatlichun­gen, kosten­losem Studi­um und öffentlichem Wohn­raum sind äußerst beliebt. Die neuge­grün­dete Gruppe „Momen­tum“ soll Cor­byns Lin­ie in der Partei unter­stützen und Walk­er wird zum stel­lvertre­tenden Vor­sitzen­den. Zu ihren jahrezehn­te­lan­gen linken Überzeu­gun­gen gehört die Vertei­di­gung der Rechte der Palästinenser*innen.

Genau jet­zt set­zt die Kam­pagne gegen „Anti­semitismus“ ein.

Vorwürfe des Antisemitismus

In ein­er pri­vat­en Face­book-Nachricht reflek­tiert Walk­er über ihre ungewöhn­liche Fam­i­liengeschichte. Auf der einen Seite sind Sklaven, auf der anderen Seite sind Juden, die „die Financiers des Sklaven­han­dels“ waren.

Ja, das klingt in der Tat anti­semi­tisch.

Jack­ie lässt sich durch ihre Mut­ter vertei­di­gen: „Ich bin schon 101 Jahre alt, und 51 davon bin ich bere­its tot“ beklagt sie. Ist ihre Tochter wirk­lich eine größere Gefahr für Juden als Nazis oder die islamis­che Repub­lik Iran?

Die Mut­ter erläutert: Die Aus­sage bezieht sich gar nicht auf ihre väter­liche Vor­fahren. Zu den Vor­fahren ihrer Mut­ter gehören auch por­tugiesis­che Juden, die nach Jamai­ka geflo­hen sind, und sich dort am einzi­gen Geschäft beteiligten, das es zur Kolo­nialzeit auf der Insel gab: Zuck­er und Sklaven.

Ja, Walk­er hätte schreiben sollen: Ihre jüdis­chen Vor­fahren gehörten zu den den Financiers des Sklaven­han­dels. Aber wird sie, wegen ein­er unglück­lich getippten For­mulierung in ein­er Face­book-Nachricht, nun Ras­sistin?

Bizarr, nicht ungewöhnlich

Diese Art von Ver­leum­dungskam­pagne ist bizarr, die jüdis­che Antirassist*innen zu Antisemit*innen stil­isieret, ist bizarr, aber nicht ungewöhn­lich. Walk­er wen­det sich abschließend gegen Anti­semitismus, genau­so wie gegen Islam­o­pho­bie und jede Form von Ras­sis­mus. Sie ist gegen den Zion­is­mus und „gegen jede Ide­olo­gie, die die Rechte eines Volkes über die eines anderen stellt“.

Solche uni­ver­sal­is­tis­chen Posi­tio­nen wer­den mit Vor­wür­fen des Anti­semitismus mund­tot gemacht, und das erk­lärt para­dox­er­weise den großen Andrang am Son­ntag. Die Teil­nahme am The­ater­stück ging nur mit vorheriger Anmel­dung, die Schlange vor der Tür reicht bis zur Straße, jed­er Quadratzen­time­ter auf dem Boden ist beset­zt. Die weit ver­bre­it­ete Zen­sur von Kri­tik am Zion­is­mus hat schein­bar zu einem richti­gen „Hunger“ geführt, so eine der Organ­isatoren.

One thought on “Eine schwarze jüdische Frau wird gelyncht

  1. Nora sagt:

    Danke für die Zusam­men­fas­sung.

    Bitte achtet auf eure Rechtschrei­bung! Viele Flüchtigkeits­fehler!

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