Deutschland

Eine rassistische Karikatur von Cicero bringt den Antisemitismus des deutschen Establishments perfekt zum Ausdruck

Für die Zeitschrift Cicero ist Kritik an Trumps Entscheidung, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen, in Ordnung – so lange sie von weißen Deutschen kommt. Die Stigmatisierung von allen Araber*innen als Antisemit*innen dient dazu, den Antisemitismus in Deutschland zu verschleiern.

Eine rassistische Karikatur von Cicero bringt den Antisemitismus des deutschen Establishments perfekt zum Ausdruck

Die zwei weißen Deutschen protestieren zivilisiert, mit einem sauberen Transparent und einer nüchternen Forderung.

Der Araber dagegen wirkt barbarisch – nicht nur die Israel-Fahne in seiner Hand brennt, sondern auch seine Augen. Eine politische Forderung kann er nicht formulieren – nur Hass. Seine Andersartigkeit wird durch dunkle Haare, Bart und lange Nase betont – das ist die Bildsprache, mit der einst deutsche Karikaturist*innen Juden*Jüdinnen kennzeichneten.

Die Zeitschrift Cicero betitelt diese Karikatur: „In schlechter Gesellschaft.“

Die Message: Eine Kritik an der Politik von Netanjahu und von Trump ist schon irgendwie in Ordnung – solange sie von Deutschen ohne Migrationshintergrund kommt, und solange diese Deutschen sich von den Betroffenen dieser Politik, den Palästinenser*innen, distanzieren.

Im Rahmen der aktuellen Hetzkampagne gegen den palästinensischen Widerstand werden alle Palästinenser*innen und alle Araber*innen unter Generalverdacht des Antisemitismus gestellt. Als unwiderlegbare Beweise werden brennende Fahnen des Staates Israel angeführt.

Das Verbrennen von US-Fahnen ist eine gewöhnliche Protestform in den USA – hat jemand jemals behauptet, dass damit der Wille zum Ausdruck kommt, alle US-Amerikaner*innen zu ermorden? (Gut, Trump hat schon angeregt, diese verfassungsrechtlich geschützte Meinungsäußerung zu verbieten.)

Mit dieser Hetze lenken deutsche Medien von einer unumstrittenen Tatsache ab: In Deutschland werden die allermeisten antisemitischen Straftaten von Deutschen begangen. Antisemitismus ist 70 Jahre nach der Schoah ein weit verbreitetes Phänomen, und zwar nicht nur in den Unterschichten, sondern auch in der Elite.

Der Politiker Martin Hohmann wurde 2003 aus der CDU-Fraktion im Bundestag ausgeschlossen, nachdem er in einer Rede die antisemitische Legende erzählte, die sozialistische Revolution in Russland sei eine jüdische Verschwörung gewesen. Inzwischen hat er wieder einen Sitz im Bundestag, nun für die AfD.

Deutsche Gerichte schützen den rechtsextremen Publizisten Jürgen Elsässer – man soll ihn nicht einmal legal Antisemiten nennen dürfen. Genauso darf CDU-Mitglied Markus Stillger den G20-Demonstrant*innen einen „kleinen Holocaust“ wünschen – ebenfalls laut deutschen Gerichten ganz unproblematisch.

Aber gleichzeitig sollen Demonstrationen von Palästinenser*innen, die nur ihr Selbstbestimmungsrecht fordern, laut dem Willen bürgerlicher Politiker*innen verboten werden.

Das deutsche Establishment behauptet, gegen Antisemitismus zu sein. Aber das bedeutet nur, dass Medien und Parteien hierzulande sich bedingungslos hinter die rechte Regierung in Israel stellen. Sie haben damit den Begriff Antisemitismus vollkommen umgedeutet.

Für die Rechte jüdischer Menschen interessieren sie sich überhaupt nicht. Das merkt man schon daran, dass sie jeden Verweis auf die vielen jüdischen Teilnehmer*innen an den aktuellen Demonstrationen in Solidarität mit den Palästinenser*innen ablehnen.

Ja, der böse Araber habe den Antisemitismus nach Deutschland gebracht – so Cicero und so die ganze herrschende Klasse. Aber nein, in Sachen Antisemitismus ist die deutsche Bourgeoisie federführend.

One thought on “Eine rassistische Karikatur von Cicero bringt den Antisemitismus des deutschen Establishments perfekt zum Ausdruck

  1. herbert sagt:

    So wichtig es ist, rassistische Ressentiments aufzudecken: Ich glaube nicht, dass hier ein solches vorliegt. In der Karikatur soll das Dilemma der Anti-Jerusalem-Demos verdeutlicht werden: Politischer Protest vs. Antisemitismus. Dieser Gegensatz ist einprägsam mit den beiden gezeigten Klischees zu verdeutlichen und hat auch tatsächlich so stattgefunden — ohne dabei automatisch zu implizieren, dass jeder Muslim Antisemit oder Antisemitismus nur bei Muslimen zu finden sei. Antisemitische Nazis haben sich tatsächlich seltener auf diese Demos verirrt. Kurz: Nicht jede Zuspitzung, bei der weißhäutige Menschen besser wegkommen als Dunkelhäutige, ist auch rassistisch gemeint. Missverständlich ist es allemal, daher Kritik durchaus berechtigt. Der Versuch, die Karikatur des dargestellten Muslims mit antisemitischen Karikaturen von Juden in Verbindung zu bringen, wirkt auf mich denn auch eher bemüht als überzeugend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.