Geschichte und Kultur

Eine neue Generation von revolutionären Marxist*innen in China

Left Voice sprach mit Stone Song und Ji Hengge, Trotzkist*innen in China, die die erste Ausgabe von The History of American Trotskyism von James P. Cannon übersetzt und veröffentlicht haben.

Eine neue Generation von revolutionären Marxist*innen in China

Ihr habt kürzlich The History of American Trotskyism von James P. Cannon veröffentlicht. Es war das erste Mal, dass dieses Buch im Chinesischen veröffentlicht wurde. Was war eure Motivation es zu übersetzen und in China zu veröffentlichen? Welche Lehren kann das chinesische Volk daraus ziehen und auf welches Publikum zielt ihr?

Stone Song: Unter amerikanischen Trotzkist*innen und wichtigen Figuren der trotzkistischen Bewegung weltweit ragt James P. Cannon als Organisator und Politiker heraus. Der größte Beitrag seines Lebens war die Etablierung einer revolutionären Partei in Amerika, dem Herz des Weltkapitalismus. The History of American Trotskyism bespricht die Geschichte der frühesten Anfänge des amerikanischen Trotzkismus. Er ordnet viele bedeutende Lehren, darunter Organisierungsprinzipien, programmatische Fragen etc. Heute konfrontiert in China eine neue Generation revolutionärer Sozialist*innen die Frage des Aufbaus von etwas eigenem; etwas das uns fehlt und was wir von neuem lernen müssen, auch indem wir aus der Geschichte lernen.

Dieses Buch zielt auf progressive junge Menschen in China ab, sodass sie die Bedingungen sozialistischer Organisationen und wie man sie aufbaut, verstehen können. Zum Beispiel sollte in einer normalen Organisation das Recht existieren, interne Fraktionen zu bilden, um interne Demokratie zu ermöglichen, die eine Diskussion verschiedener Meinungen möglich macht; dies ist das erste Prinzip des Aufbaus einer gesunden Organisation.

Was aus diesem Buch ebenfalls verstanden werden kann, ist die höchste Bedeutung programmatischer Fragen für eine sozialistische Organisation. Wenn man ein korrektes Programm besitzt, muss man entscheiden, wie es abhängig von der Entwicklung der Umstände in die Tat umgesetzt werden kann.

Ist dies Teil eines größeren Projekts? Welche anderen Titel habt ihr vor zu übersetzen und/oder veröffentlichen und wann?

Stone Song: Die Übersetzung von The History of American Trotskyism was nur der Anfang. Wir haben vor, auch andere kanonische Texte der revolutionär-marxistischen Tradition zu übersetzen, beispielsweise Trotzkis Die Spanische Revolution, Verteidigung des Marxismus, Das Übergangsprogramm, die Ausgewählten Schriften und Reden von James P. Cannon und andere. Diese Auswahl an Werken nennt sich „gesammelte Wiedergabe der revolutionär-marxistischen Tradition.“ Wir haben uns entschieden ein bis zwei Titel pro Jahr zu veröffentlichen, um diese Werke graduell einzuführen.

Von der Übersetzung dieser kanonischen Werke abgesehen, planen wir aktuelle Fragen anzusprechen (zum Beispiel zur aktuellen Situation in Griechenland), indem wir Sammlungen von Diskussionen herausgeben.

Wie schwierig ist es Schriften, an Schriften von Trotzki in Festland-China zu gelangen? Ist der Anführer der russischen Revolution überhaupt bekannt?

Stone Song: Vor der Revolution 1949, um die erste Generation von Trotzkist*innen zu repräsentieren, übersetzten Genoss*innen von Chen Duxiu (陳獨秀) einige von Trotzkis Werken. In den 1960ern, während der Debatten zwischen China und der Sowjetunion, organisierte die Obrigkeit der Kommunistischen Partei Chinas Menschen, um Trotzkis Verratene Revolution, Die Dritte Internationale Nach Lenin und andere Werke zu übersetzen, die als „Graue Bücher“ bekannt waren und intern zirkulierten. Nur Regierungskader und spezialisierte Forscher*innen durften sie lesen.

Mit der Einführung des Internets in den 1990ern kam der Fortschritt der Unterstützung für den Trotzkismus. Die beiden Werke, die ich vorher genannt habe, konnten in Übersetzung eingesehen werden und dies führte zu einer gewissen Reflexion junger Menschen, die sich dem revolutionären Marxismus zuwandten. Im heutigen China ist es nicht mehr verboten Trotzkis Werke zu veröffentlichen; offen herausgegeben sind Die Geschichte der Russischen Revolution, Trotzkis Kampf gegen den Faschismus, Trotzki über die Chinesische Revolution und weitere. Das Werk mit der größten Anzahl veröffentlichter Ausgaben ist Mein Leben. Diese Bücher werden öffentlich im Buchhandel vertrieben und Menschen können sie einfach kaufen und lesen.

Werke von trotzkistischen Theoretiker*innen unterliegen jedoch Beschränkungen, falls sie kritisch gegenüber der Mao- oder Deng-Periode sind. Selbst wenn sie veröffentlicht sind, müssen die relevanten Teile gestrichen werden. Die deutlichsten Beispiele dafür sind die chinesischen Übersetzungen von Macht und Geld: Eine marxistische Theorie der Bürokratie von Ernest Mandel und Warum Marx recht hat von Terry Eagleton.

Als Ergebnis wandte sich Chinas Politik und Kultur nach 1949 hin zur Sowjetunion und hatte eine einseitige, besondere geschichtliche Beziehung. Der durchschnittlichen Person sind also die Anführer*innen der russischen Revolution nicht unbekannt. Die durchschnittliche Person kennt die Namen von Lenin, Stalin und Trotzki, hat aber die historischen Verzerrungen des Stalinismus bezüglich der Revolution und deren Führung verinnerlicht. Die ältere Generation sieht Trotzki als einen Opportunisten, Revisionisten und den Feind Nummer eins der sozialistischen Revolution. Nach der Auflösung der Sowjetunion, mit dem Austausch von Information und der Publikation von Trotzkis Werken verstanden die Menschen nach und nach seine Führungsrolle in der Russischen Revolution in einem neuen Licht. Währenddessen übersetzten und veröffentlichten von der Pekinger Regierung unabhängige Wissenschaftler*innen wie Shi Yongqin (施用勤) und einige ältere Trotzkist*innen 1999 die dreibändige Biographie Leo Trotzkis von Isaac Deutscher. Für eine neue Generation junger Menschen hatte dies einen sehr großen Einfluss auf ihr Verständnis Trotzkis und des revolutionären Marxismus.

Wissenschaftler*innen mit einem Regierungshintergrund redeten den Wert der trotzkistischen Theorie klein. Sie behaupteten, dass er und Stalin beide eine Superindustrialisierung befürworteten und es kaum einen Unterschied zu Stalin gemacht hätte, falls Trotzki in den innerparteilichen Auseinandersetzungen gesiegt hätte. Stattdessen schätzten sie Bucharin, der für Marktreformen eintrat.

Mit der Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft ist die Unruhe in der Arbeiter*innenklasse gewachsen. Fühlt ihr eine steigende Begierde unter Arbeiter*innen nach neuen Ideen, einer streitlustigen Politik und/oder einer Kritik des „Chinesischen Kommunismus“ von links?

Ji Hengge: Von dem Rückgang des rasanten Wachstums der chinesischen Wirtschaft aus betrachtet ist die Qualität der Arbeiter*innenbewegung immer noch nicht besonders hoch, obwohl die Anzahl der Arbeiter*innenproteste gestiegen ist. Bis jetzt haben sich die Arbeiter*innenkämpfe sich auf ökonomische, nicht-politische Kämpfe beschränkt. Das Klassenbewusstsein ist noch auf dem Niveau der allmählichen Etablierung – es ist noch sehr unreif. Die Arbeiter*innen , die in der Lage sind, mit dem revolutionären Marxismus in Kontakt zu kommen, sind sehr wenige, beinahe vernachlässigbar. Einzelne Arbeiter*innen mögen die KPCh von links kritisieren, aber vor allem aus einer maoistischen Perspektive. Sie nehmen ideologische Informationen der Regierungsideologie vor 1978 auf.

Was ist mit der Jugend in China heute? Seht ihr Potenzial für eine Radikalisierung oder eine Verschiebung nach links?

Ji Hengge: Bis jetzt hatten die meisten chinesischen Jugendlichen kein starkes politisches Bewusstsein. Junge Student*innen widmen ihrem Studium, ihrem Privatleben und ihrer zukünftigen Arbeit immer noch mehr Aufmerksamkeit. Doch bis jetzt gab es zwei große soziale Theorietrends: Nationalismus und Liberalismus. Unter jungen Menschen haben diese einen relativ starken Einfluss, doch der Einfluss des Nationalismus ist stärker. Das zeigt sich besonders darin, dass der KPCh-Generalsekretär Xi Jinping seinen Personenkult und die soziale Kontrolle stärkt und die Intensität des Nationalismus erhöht.

Im Liberalismus auf der anderen Seite gibt es mehr Forderung nach systemischem Wandel. Ihre ökonomische Fürsprache hat eine Vorliebe für Privatisierung und die Umstrukturierung von Staatsunternehmen, was für Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen unvorteilhaft ist. Doch politisch ist die Mehrzahl der liberalen Forderungen unvollständig. Sie wenden sich an die Obrigkeit und lehnt radikalen Wandel ab, das heißt den revolutionären Wandel des Systems (nicht einmal eine kapitalistische, demokratische Revolution).

Doch nach dem Fall von Bo Xilai (薄熙來) 2012 sind einige junge Menschen desillusioniert, die ursprünglich Bos rechten (im Grunde nationalistischen) Maoismus unterstützen. Nach der Reflexion verließen einige junge Menschen ihre ursprünglich nationalistischen Positionen und wandten sich einer linkeren Haltung zu. Dies führte nach einigen Jahren zu einem Anstieg der Zahl radikaler, junger Menschen – doch im Grunde ist dies ein Wachstum jeder Schattierung des Linksmaoismus, während die jungen Menschen, die an den revolutionären Marxismus glauben, marginal sind. In der Vergangenheit war die Diskussion über Themen wie den Sozialismus gebunden an Patriotismus und Nationalismus. Doch jetzt gibt es mehr und mehr radikale Jugendliche, die begonnen haben zu begreifen, dass China seit langem eine kapitalistische Gesellschaft ist und Sozialist*innen sich gegen diese nationalistische Logik wenden sollten.

Die Regierung hat ihre Repression gegen Aktivist*innen gesteigert. In welchem Ausmaß entmutigt das aus eurer Sicht Arbeiter*innen? Signalisieren diese Entwicklungen den Aufstieg einer neuen revolutionären Linken in China?

Ji Hengge: Obwohl gegen gewerkschaftliche NGO-Aktivist*innen gerichtete Regierungsaktionen ansteigen, können diese die Arbeitskämpfe der chinesischen Arbeiter*innen nicht unterdrücken. Mit dem ökonomischen Niedergang haben Arbeiter*innen ihre Jobs verloren, es gibt mehr Fälle unbezahlter Löhne und außerdem ist die Qualität der chinesischen Sozialhilfe sehr niedrig. Der Druck der Kapitalist*innen ist sehr hoch, was mehr und mehr Arbeiter*innen dazu bringt sich zu erheben und um ihre grundlegende ökonomische Sicherheit. Voraussagen zufolge wird die Gesamtanzahl der Arbeiter*innenproteste 2016 1,5 bis zweimal so hoch liegen wie 2015, als es mehr als 2944 Proteste gab. Einige Arbeiter*innen inmitten dieser Kämpfe versuchten eigene Gewerkschaften aufzubauen oder solche zu fordern, die auf den Prinzipien der demokratischen Wahl gegründet sind. Denn bisher waren die chinesischen Arbeiter*innen nicht in der Lage, die Kontrolle des offiziellen Gewerkschaftsbund ACFTU abzuschütteln und unabhängige Gewerkschaften zu gründen.

Momentan besteht Chinas radikale Linke noch aus kleinen Gruppen, die auf individuellen Methoden des Aufbaus beruhen (und selbst davon sind die meisten linke Maoist*innen). Die wichtigsten Aktivitäten beschränken sich auf politische Propaganda (und selbst dann muss man extrem vorsichtig sein: politische Meinung darf nur durch die Blume ausgedrückt werden). Um genau zu sein, können sich die meisten Individuen der radikalen Linken noch immer nicht mit den gegenwärtigen Arbeitskämpfen vereinigen und nur wenige der Arbeiter*innen, die an Streiks und anderen Protesten teilnehmen, kommen in Kontakt mit Linksradikalen.

Doch die wachsenden Arbeiter*innenkämpfe tragen dazu bei, dass eine Grundlage für die gesteigerte Einheit zwischen den Kämpfen und der radikalen Linken entsteht. Der andere Teil davon ist es, dass chinesische Arbeiter*innen sich momentan in einer Situation ohne Organisierung befinden, doch das bedeutet wenigstens, dass ihre Aktivitäten nicht unter der restriktiven Kontrolle der bürokratischen Gewerkschaften leiden. Obwohl kämpfende Arbeiter*innen bewusst den Marxismus ausschließen (weil in China der Marxismus als Ideologie der Regierung oder der herrschenden Partei verstanden wird), glauben sie auch nicht den Liberalen oder der Regierung, sondern dass sie sich nur auf ihre eigene Kraft verlassen können, um einen Wandel zu erreichen. Vielleicht kann dies in Zukunft einen Sprung in der Entwicklung der chinesischen Arbeiter*innen ermöglichen. Um diese Möglichkeit zu nutzen, sind revolutionäre Marxist*innen in der großen Arbeiter*innenbewegung vonnöten, die ihr politisches Bewusstsein vorantreiben mit der Fähigkeit für Propagandaarbeit.

Die wichtigste Aufgabe für Chinas neue Generation revolutionärer Marxist*innen ist, den Menschen den fundamentalen Unterschied zwischen dem Weg zum Sozialismus und dem bürokratischen Sozialismus des Stalinismus und des Maoismus deutlich zu erklären. Dies soll den Menschen ermöglichen, die Notwendigkeit und Möglichkeit des Sozialismus sowie die wahre Bedeutung der sozialistischen Demokratie klar zu verstehen.

Eine als „Eine Partei, zwei Publikationen“ bekannte Kontroverse brach 2014 aus. Die Debatte begann, als das theoretische Magazin der Partei, Qiushi (求是), behauptete, dass der Klassenkampf in China noch existiere – eine Behauptung, die von der Study Times (學習時報), der Publikation der Zentralen Parteischule, kategorisch abgelehnt wurde. Was steht hinter dieser Kontroverse und was sind ihre Implikationen?

Ji Hengge: Was diese Frage angeht, muss ich zuerst erklären, dass die offizielle Theorie der KPCh zu Chinas derzeitigem Widerspruch darin besteht, dass „die Menschen ihre materiellen, kulturellen Forderungen erhöhten, während gleichzeitig die soziale Produktivität nicht Schritt hält. Resultierend aus internen Faktoren und internationalem Einfluss ist der Klassenkampf in seiner Reichweite beschränkt auf eine langfristige Existenz und könnte sich unter anderen Bedingungen radikalisieren, doch es ist nicht der zentrale Widerspruch.“ Qiushi’s „Red Flag Manuscript“ (紅旗文稿) besagt, dass „der Klassenkampf in China noch existiert“. Doch dann veröffentlichte die Study Times einen Artikel, der im Gegenteil behauptete, „dass das Programm dem Klassenkampf entsprechend bestimmt werden müsse“, was bedeutet, dass der wichtige Widerspruch nicht der Klassenkampf ist. Die beiden repräsentieren keine fundamentale Differenz – ganz und gar keine Situation im Sinne von „eine Partei, zwei Publikationen“.

Doch relativ gesprochen betont das „Red Flag Manuscript“ stärker die traditionellen Werte der KPCh in der Hoffnung, das ideologische System der KPCh wiederzubeleben. Andere Aufsätze betonen den Wunsch, den Klassenkampf nicht zum zentralen Widerspruch zu machen – um zu verhindern, dass die Stabilität des heutigen China und die Etablierung eines kapitalistischen Marktes gestört werden.

Darüber hinaus muss klar gemacht werden, dass der Klassenkampf, den die KPCh vertritt, und der Klassenkampf, den Kommunist*innen vertreten, nicht derselbe sind. Die KPCh betrachtet den Klassenkampf als zwischen „der KPCh/dem Volk und Feinden“ und als „Fortsetzung des Marsches auf der Straße zum Sozialismus mit chinesischen Eigenschaften und des Marsches zum westlichen Mehrparteienkapitalismus“ als ein Widerspruch. In Wahrheit behauptete die KPCh während der Kulturrevolution, dass der Klassenkampf kein echter Klassenkampf sei. Sie habe in China der Kapitalist*innenklasse und der Klasse der Landbesitzer*innen ein Ende bereitet und diskutierte den Umsturz gegen Kapitalist*innen und Landbesitzer*innen innerhalb und außerhalb der Partei, was aber lediglich ein Slogan für politische Säuberungen war. Um es einfach auszudrücken, besteht der reale Widerspruch in der Unterstützung des KPCh-Regimes oder der Opposition gegen es, was nicht wirklich ein Widerspruch zwischen Kapitalist*innen und Arbeiter*innen ist.

Übersetzung aus dem Original bei Left Voice: Marco Blechschmidt.

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