Geschichte und Kultur

Eine Armenische Revolution?

Vor genau 95 Jahren übernahmen die Bolschewiki in Armenien die Macht. Kurz danach wurden sie von der XI. Roten Armee unterstützt. Eine vollendete Revolution par excellence oder der Beginn einer Besatzung?

Eine Armenische Revolution?

Als im Februar 1917 die Jahrhundertelange Zarenherrschaft gestürzt wurde, profitierten vor allem die unterdrückten Nationen vom Sturz Nikolaus II. Nicht umsonst hatte das Zarenreich den Ruf eines „Völkergefängnisses“ inne. Dieses monströse Reich umfasste weit mehr Gebiete als das heutige Russland: das gesamte Baltikum, Finnland, Polen, Weißrussland, die Ukraine, der gesamte Kaukasus sowie ganz Zentralasien waren Teil des großrussischen Reiches. Und dabei ist diese Liste keinesfalls vollkommen. Denn hinzu kommen noch etliche Völker, die im Inneren des heutigen Russlands lebten und leben: Jüd*innen, Tschetschen*innen, Tartar*innen, Baschkir*innen etc. Es ist geradezu erschütternd festzustellen, dass dabei die Russ*innen nur 43 Prozent der Bevölkerung ausmachten – aber dennoch mit brutaler Gewalt die anderen Nationen unterdrückten und ihnen ihre Politik der Russifizierung aufzwangen.

Leo Trotzki stellte fest, dass „die große Zahl der rechtlosen Nationen und die Schärfe der Rechtlosigkeit dem nationalen Problem im zaristischen Russland gewaltige Sprengkraft [verliehen]“. Die bürgerliche Revolution im Februar sollte jedoch nicht zur Befreiung der unterdrückten Nationen vom Joch des großrussischen Chauvinismus führen. Denn „das Regime der formalen Demokratie, mit Presse- und Versammlungsfreiheit, ließ die rückständigen und unterdrückten Nationalitäten noch schmerzlicher empfinden, wie sehr sie der elementarsten Mittel kultureller Entwicklung beraubt waren: eigener Schulen, eigener Gerichte, eigenen Beamtentums.“

Erst infolge der Oktoberrevolution der Bolschewiki konnte die Befreiung der Völker beginnen. Hintergrund war die revolutionäre Nationalitätenpolitik, die das vollständige Recht der Nationen auf Selbstbestimmung anerkannte. In der Praxis hieß das, dass die Nationen ein Recht auf Lostrennung von Russland hatten – und dieses nutzten. Finnland und die baltischen Staaten erklärten sich unabhängig und blieben es auch. Auch die Staaten im Kaukasus – Georgien, Armenien und Aserbaidschan – erklärten sich unabhängig, kehrten jedoch nach spätestens vier Jahren zurück zu einem neuen Zentralstaat mit Sitz im Kreml: der am 30. Dezember 1922 neu gegründeten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Warum geschah dies so?

Nationale Unabhängigkeit

Schon ein Jahr nach der Februarrevolution kam es zur Unabhängigkeit der drei Länder im Kaukasus. Allesamt unter sozialdemokratischer bis nationalistischer Führung, bildeten sie eine gemeinsame Föderation, die Transkaukasisch Demokratisch-Föderative Republik. Diese Republik, so sie denn je de facto existierte, zerfiel schon Ende Mai, sodass am 28. Mai die Demokratische Republik Armenien ausgerufen wurde. Schon die territoriale Bildung des Nationalstaates war eine Niederlage für die heißen nationalistischen Sehnsüchte der Armenier*innen: ihr Staat war ein Zwerg, viel kleiner als die historischen Gebiete der Armenier*innen. Politisch stand die junge Republik im Zeichen der Daschnaken. Hovhannes Katchaznouni war der erste Premierminister. Doch die Regierung war nie stabil, auch weil sie innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten ausgesetzt war, die sie nicht meistern konnte.

In wirtschaftlicher Hinsicht konnte sie die Hyperinflation nie in den Griff bekommen, außenpolitisch führte sie Krieg mit der Türkei und hatte Grenzstreitigkeiten mit Georgien und Aserbaidschan. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung – besonders unter der jungen Arbeiter*innenklasse in der Hauptstadt Jerewan – wuchs. Denn auch Stabilität konnten die Daschnaken nicht garantierten: innerhalb von zwei Jahren gab es vier Kabinettswechsel.

Die nationale Frage in der Sackgasse

Das Armenien von 1918 bietet ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die nationale Frage in die Sackgasse geraten kann, wenn sich die unterdrückten Nationen ihre Befreiung mithilfe des Imperialismus erhoffen. Denn was stellte diese Republik de facto dar? Eine Basis des britischen Imperialismus. Trotzki analysierte schon relativ schnell den politischen Charakter der neu entstandenen Staaten: „Um temporäre Stützpunkte zu erhalten, kreiert der Imperialismus eine Reihe von kleinen Staaten, einige von ihnen offen unterdrückt, einige andere offiziell protegiert, während sie in Wirklichkeit Vasallenstaaten bleiben – […]Estland, Lettland, Litauen, Armenien, Georgien und so weiter.“

Die Nationalist*innen und Sozialdemokrat*innen erwiesen sich als unfähig, die dringendsten Forderungen der Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen im Kaukasus zu erfüllen. Sie schützen das Privateigenum und orientierten sich an den imperialistischen Regierungen. Die Bolschewiki gewannen immer mehr an Zuspruch unter den Massen, weil sie die Verteilung des Landes und die Verstaatlichung der Industrie forderten. Auf sozialistischer Grundlage, unter Führung der Arbeiter*innen, konnte eine freiwillige und gleichberechtigte Vereinigung der Völker im Kaukasus erreicht werden.

Vor 95 Jahren: eine geniale Insurrektion

Analog zur Oktoberrevolution war die Armenische Revolution der Bolschewiki eine Notwendigkeit, welche – wie im Oktober – die grandiose Mehrheit des Volkes hinter sich wusste. Am 29. November 1920 übernahmen die armenischen Bolschewiki in Jerewan die Macht und riefen die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) aus. Vor dem Hintergrund des russischen Bürger*innenkrieges marschierte am 6. Dezember zur Unterstützung der Revolution die XI. Rote Armee ein. Eine Tatsache, die heute von den nationalistischen Historiker*innen dazu missbraucht wird, eine neuerliche russische Besatzung zu sehen. Aber die bürgerliche Republik war zu diesem Moment schon an ihrem Ende angelangt, was sich daran zeigte, dass a) der bolschewistische Aufstand unblutig vonstatten gehen konnte und b) ein verzweifelter konterrevolutionärer Putsch der Nationalist*innen am 21. April 1921 rasch niedergeschlagen werden konnte.

Wichtig für die Bolschewiki war nicht nur die Befreiung Armeniens vom Imperialismus, sondern auch das Pflegen guter und friedlicher Beziehungen zu den anderen Völkern im Kaukasus, die gegenüber den Russ*innen seit jeher mehr als angespannt waren und es heute wieder sind. Vor diesem Hintergrund war also die revolutionäre Befreiung Armeniens (und des Kaukasus) durch die Bolschewiki ein gewaltiger historischer Fortschritt, deren Früchte jedoch größtenteils von der aufkommenden Stalinisierung verdorben wurden, weil die leninistische Nationalitätenpolitik mehr und mehr aufgegeben wurde. Lenin selbst stellte in seinem Telegramm an den Vorsitzenden der Revolutionären Militärkomitees von Armenien, Kasjan, dar:

„Ich begrüße in Ihrer Person das vom Joch des Imperialismus befreite werktätige Sowjetarmenien. Ich zweifle nicht daran, daß Sie alle Anstrengungen machen werden, um zwischen den Werktätigen Armeniens, der Türkei und Aserbaidshans brüderliche Solidarität herzustellen.“

Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare
Lenin
Moskau, den 2. Dezember 1920

One thought on “Eine Armenische Revolution?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.