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“Die ‘Unterkünfte’ erinnern an Gefängnislager”

Knapp 60.000 Geflüchtete stecken in Griechenland fest. Erste Verbindungen zur radikalen Linken. Ein Gespräch mit Manos Skoufoglou, führendes Mitglied des antikapitalistischen Bündnisses ANTARSYA in Athen.

Die Gren­ze zu Maze­donien und zum Rest der EU ist dicht. Aktuell sind 57.000 Geflüchtete in Griechen­land ges­tran­det. Wie ist deren Sit­u­a­tion?

Seit März, als das Abkom­men zwis­chen der EU und der Türkei unter­schrieben wurde, ist der Weg nach Europa block­iert. Die Regierung Griechen­lands über­nahm die Auf­gabe, die EU gegen Refugees abzuschot­ten. Diese wer­den jet­zt in der Türkei fest­ge­hal­ten – und die Erdo­gan-Regierung bekommt Geld, um sie in großen Lagern unterzubrin­gen.

Geflüchtete aus der Türkei kom­men inzwis­chen nicht mehr an. Aber Zehn­tausende Men­schen bleiben jet­zt auf unbes­timmte Zeit hier. Ein paar hun­dert wohnen auf den Straßen und Plätzen. Einige tausend leben in selb­stor­gan­isierten beset­zten Häusern. Die meis­ten sind aber in “Unterkün­ften”, die eher an Gefäng­nis­lager erin­nern. Sie wer­den von der Armee oder von Nichtregierung­sor­gan­i­sa­tio­nen betrieben, mit wenig Auf­sicht. Die Bedin­gun­gen in diesen Lagern sind sehr unter­schiedlich. In vie­len Fällen dür­fen Geflüchtete nicht raus und Unterstützer*innen nicht rein.

Vor kurzem kam die Mel­dung vom Tod ein­er jun­gen Frau im Lager in Dia­va­ta – sie wäre nicht gestor­ben, wenn es vor Ort eine*n Arzt*Ärztin gegeben hätte. Geflüchtetenkomi­tees haben sich in Rit­sona und Lar­isa gegrün­det, und sie prangern die Lebens­be­din­gun­gen an: Die Zelte ste­hen in der Sonne, das Essen reicht nicht und ist teil­weise ver­dor­ben, die Toi­let­ten sind kaputt und die Gegend ist voller Schla­gen und Sko­r­pi­one. Auch Mel­dun­gen über Malar­ia tauchen im ganzen Land auf.

In einem Land mit elf Mil­lio­nen Einwohner*innen soll­ten Zehn­tausende Refugees zu ver­sor­gen sein. Wie wer­den diese Lebens­be­din­gun­gen erk­lärt?

Die Regierung begrün­det das alles mit der Krise und den Aus­ter­ität­spro­gram­men der EU. Doch ist das überzeu­gend? In den 1920er Jahren – Griechen­land war nach einem impe­ri­al­is­tis­chen Krieg ver­heert – nahm das Land zwei Mil­lio­nen Geflüchtete aus der Türkei auf. Damals betrug die Gesamt­bevölkerung nur fünf Mil­lio­nen. Es ist eine poli­tis­che Entschei­dung, die Men­schen unter so schlim­men Bedin­gun­gen leben zu lassen. Es ist eine klare Strate­gie der EU, um sie von Europa fernzuhal­ten. Das ist der tiefe Ras­sis­mus der griechis­chen und europäis­chen Staat­en.

Im Jahr 2015 sind Hun­dert­tausende Geflüchtete durch Griechen­land gezo­gen. Zum ersten Mal bleiben jet­zt einige dort. Wie gelingt die Inte­gra­tion?

Es wird jet­zt erst deut­lich, dass Zehn­tausende hierbleiben wer­den, vielle­icht für Jahre. Deswe­gen gibt es erste Anze­ichen für Selb­stor­gan­isierung der Geflüchteten – schwierig, aber auch inspiri­erend. Es hat schon Ver­samm­lun­gen im Hafen von Piräus gegeben. In manchen Lagern haben die Bewohner*innen Komi­tees gewählt. Genau­so beteili­gen sie sich an der Ver­wal­tung von beset­zten Gebäu­den, zusam­men mit griechis­chen Unterstützer*innen.

Es hat auch zwei große Mobil­isierun­gen in Athen gegeben: Im März demon­stri­erten 5.000 Geflüchtete durch die Stadt­mitte. Das poli­tis­che Bewusst­sein unter den Geflüchteten wächst – auch wenn sie haupt­säch­lich aus Län­dern kom­men, in denen die poli­tis­che Linke vor langer Zeit zer­stört wurde. Zum Beispiel hat­ten wir ein Tre­f­fen in unserem Büro, dort haben Aktivis­ten aus Afghanistan Aus­gaben des “Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­festes” in Urdu und Far­si im Bücher­regel ent­deckt. Sie haben Fotokopi­en gemacht und in die Lager gebracht.

Natür­lich gibt es viele Kon­flik­te unter den Geflüchteten: Die Kom­mu­nika­tion mit griechis­chen Aktivist*innen ist schwierig. Es wird kein ein­fach­er Weg sein, bis sie sich in Gew­erkschaften inte­gri­eren kön­nen. Aber durch die Sol­i­dar­itäts­be­we­gung ist ein erster Schritt getan.

Wie wirkt sich das auf das poli­tis­che Kli­ma aus?

Trotz der ausländer*innenfeindlichen Het­ze in den Medi­en gibt es aktuell mehr Sol­i­dar­ität als Ras­sis­mus. Es hat einige Über­fälle gegeben, vor allem in Dör­fern und auf den Inseln. Doch die Partei “Gold­ene Mor­gen­röte” kon­nte bish­er nicht beson­ders von der Sit­u­a­tion prof­i­tieren.

Wie sind die Vorschläge der radikalen Linken?

Let­zten Herb­st hat sich ein Koor­dinierungskomi­tee der radikalen Arbeiter*innen- und Studieren­dengew­erkschaften gegrün­det, um Sol­i­dar­ität zu organ­isieren. Dieses Komi­tee hat eine lan­desweite Demon­stra­tion gegen den Grenz­za­un in Evros organ­isiert und auch fast alle Lager besucht, um Kon­takt zu den Geflüchteten aufzunehmen. Wir wollen ein Ende jeglich­er Diskri­m­inierung und die Legal­isierung von allen Men­schen. Statt in Lagern auf dem Land soll­ten Geflüchtete in den Städten leben und arbeit­en. Sie sollen auch in unsere Gew­erkschaften ein­treten und unsere Schulen besuchen. Für diese Forderun­gen wollen wir nicht nur Arbeiter*innen aus Griechen­land gewin­nen, son­dern auch Geflüchtete selb­st.

dieses Inter­view in der jun­gen Welt

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