Geschichte und Kultur

Die Ungarische Revolution 1956: Das Martyrium der ungarischen Arbeiter*innenklasse

60 Jahre nach dem Aufstand kamen alte Debatten hoch: War dies ein nationaler Volksaufstand des unterdrückten ungarischen Volkes gegen die sowjetische Besatzungsmacht? War es gar eine faschistische Konterrevolution? Oder war es die von Leo Trotzki vorhergesagte politische Revolution in einem degenerierten Arbeiter*innenstaat? Die Analyse eines Ereignisses, welches bis heute seine Schatten wirft.

Die Ungarische Revolution 1956: Das Martyrium der ungarischen Arbeiter*innenklasse

Stellen wir uns vor, die Sow­jet­bürokratie sei gestürzt von ein­er rev­o­lu­tionären Partei, die alle Eigen­schaften des alten Bolschewis­mus besitzt, zugle­ich aber auch um die Wel­ter­fahrung der let­zten Peri­ode reich­er ist. Eine der­ar­tige Partei würde zunächst die Demokratie in Gew­erkschaften und Sow­jets wieder­her­stellen. Sie kön­nte und müsste den Sow­jet­parteien die Frei­heit wiedergeben. Gemein­sam mit den Massen und an ihrer Spitze würde sie scho­nungs­los den Staat­sap­pa­rat säu­bern. — Leo Trotz­ki

Niki­ta Chr­uschtschow hätte sich seine am 25. Feb­ru­ar gehal­tene “Geheim­rede” vor hohen Sowjetfunktionär*innen wohl lieber erspart, wenn er gewusst hätte, was ihm acht Monate später blühen würde. Die im Früh­ling jenes Jahres begonnene Tauwet­ter­pe­ri­ode sollte inner­halb weniger Monate die vereis­ten Ver­hält­nisse in den Ost­block-Staat­en zum Schmelzen brin­gen und rev­o­lu­tionäre Prozesse in Polen und vor allem Ungarn her­vor­brin­gen. Doch es war nicht nur diese Rede, welche die Wut des ungarischen Volkes zum explodieren brachte, son­dern auch und vor allem eine über zehn Jahre andauernde Unter­drück­ung, die unmit­tel­bar nach dem Ende des Zweit­en Weltkrieges ange­fan­gen hat­te.

Das Ende des weltweit­en Gemet­zels brachte wider­sprüch­liche Ergeb­nisse her­vor, die Leo Trotz­ki sog­ar teil­weise vorherge­se­hen hat­te. Für Trotz­ki war der Zweite Weltkrieg ana­log zum Ersten Weltkrieg zu begreifen, wobei er kein­er­lei Illu­sio­nen hat­te: Nazideutsch­land würde die Sow­je­tu­nion früher oder später angreifen. Am Ende dieses weitaus bru­taleren Krieges sei jedoch die Möglichkeit gegeben, dass, ver­gle­ich­bar zum Ende des Ersten Weltkrieges, rev­o­lu­tionäre Prozesse entste­hen kön­nten, die die Macht der Bour­geoisie brechen und so unter anderem die Iso­la­tion der Sow­je­tu­nion been­den wür­den.

Eine solche Sit­u­a­tion trat ein: Von Griechen­land über Ital­ien und Jugoslaw­ien bis nach Frankre­ich lag die Macht de fac­to in den Hän­den des Pro­le­tari­ats, das sich hero­isch und erfol­gre­ich gegen den Faschis­mus vertei­digt hat­te. Fab­riken waren beset­zt und in Weit­en der Bevölkerung war das Scheit­ern des Kap­i­tal­is­mus offen­sichtlich gewor­den. Allerd­ings kroch genau­so wie bei der Spanis­chen Rev­o­lu­tion die Kon­ter­rev­o­lu­tion von zwei Seit­en her­vor: Von­seit­en des Impe­ri­al­is­mus mit der neuen Führungs­macht der USA sowie des Stal­in­is­mus der UdSSR. Der trotzk­istis­che His­torik­er Pierre Broué nan­nte dies passender­weise die “Heilige Allianz zwis­chen Bürokratie und Impe­ri­al­is­mus”.

Alles fließt

Die Aufteilung Europas in die Ein­flusssphären des Impe­ri­al­is­mus und Stal­in­is­mus wird wohl am besten deut­lich in der Vere­in­barung zwis­chen Win­ston Churchill und Josef Stal­in im Jahre 1944, als diese auf einem Zettel Län­der wie Ungarn, Griechen­land, Bul­gar­ien oder Rumänien per Fed­er­strich untere­inan­der aufteil­ten. Ungarn wurde zu jen­er Zeit mit “50:50” deklar­i­ert, doch es war nach dem schnellen Vor­rück­en der Roten Armee bis nach Berlin schließlich klar, dass es ein Satel­liten­staat der UdSSR wer­den sollte.

Um die Herrschaft der Sow­jet­bürokratie zu man­i­festieren, schuf der Stal­in­is­mus eine Rei­he von Staat­en, die von Moskau abhängig waren und in denen kreml­treue Bürokrat*innen einge­set­zt wur­den. Die Schaf­fung dieser Satel­liten­staat­en, die eben­so Teil des Warschauer Pak­tes zu sein hat­ten, dauerte mehrere Jahre und wurde gewiss nicht ohne Wider­stand durchge­set­zt. Schillernd­stes Beispiel hier­für ist die Kon­tro­verse zwis­chen Jugoslaw­ien und der UdSSR, wobei erstere einen eige­nen Weg gin­gen. Das Inter­es­sante an diesen Jahren ist, dass der Stal­in­is­mus die neuen “Volk­sre­pub­liken” wie Ungarn, Polen oder Rumänien nicht in die Union der Sozial­is­tis­chen Sow­je­tre­pub­liken inte­gri­erte, wie er es etwa nach der Okto­ber­rev­o­lu­tion mit den Kauka­sus­län­dern oder nach dem Zweit­en Weltkrieg mit den baltischen Staat­en tat, son­dern formell unab­hängige Staat­en kreierte, die von Kadern geführt wur­den, wovon nicht wenige während der faschis­tis­chen Besatzun­gen im Moskauer Exil lebten wie zum Beispiel Wal­ter Ulbricht.

Ein­er dieser Kad­er, die nicht sel­ten auch Komintern-Funktionär*innen waren, war Matyas Rakosi — “Stal­ins bester ungarisch­er Schüler”. Nach­dem am 20. August 1949 eine neue Ver­fas­sung stal­in­is­tis­chen Typs für Ungarn auserko­ren wurde, war die Herrschaft der “Partei der ungarischen Werk­täti­gen” (ungarisch MDP) beschlossene Tat­sache. Nur sie war als Partei zuge­lassen und sollte in den Jahren bis 1956 schätzungsweise zwis­chen 900.000 und 1 Mil­lion Mit­glieder haben — bei ein­er Bevölkerung von nicht ein­mal 10 Mil­lio­nen! Rakosi sollte in den Jahren 1949 bis 1956 der Dik­ta­tor Ungar­ns wer­den, der es exzel­lent ver­stand, die Inter­esse der Bürokratie zu vertreten und sich gegen andere Konkur­renten wie Las­z­lo Rajk, der fälschlicher­weise als echte Alter­na­tive propagiert wurde, durchzuset­zen. Mitte 1956 wurde er zwar abgelöst, sein Nach­fol­ger Ernö Gerö war jedoch eben­so erfahren in Kon­spir­a­tion und Unter­drück­ung, war doch auch er durch die Schule des sow­jetis­chen Geheim­di­en­stes gegan­gen und ein­er der Hand­langer zur Ermor­dung der Spanis­chen Rev­o­lu­tion (nicht unwahrschein­lich, dass er gar an der Ermor­dung des POUM-Führers Andres Nin direkt mitwirk­te). Schon 1919 war er bei der kur­zlebi­gen ungarischen Rätere­pub­lik dabei gewe­sen und in seinen lan­gen Jahren in Moskau sollte er die Kun­st der Organ­i­sa­tion beherrschen, sodass er mit der Sicher­heit­spolizei AVH ein mächtiges Instru­ment schaf­fen kon­nte.

Das Umfeld, in dem höchst ergebene Appa­ratschiks wie Rakosi, Gerö oder Kádár groß wer­den kon­nten, beschrieb Broué fol­gen­der­maßen:

Die stal­in­is­tis­che Parteikonzep­tion, das heißt Mono­lithis­mus, das heißt eine streng gegliederte Hier­ar­chie, von der Parteispitze kon­trol­liert. „Die Kad­er entschei­den alles“, beliebte Stal­in zu wieder­holen, im Übri­gen davon überzeugt, dass er selb­st der Kad­er der Kad­er war. Es war, im Grunde genom­men, ein Dien­stver­hält­nis der Partei zur Bürokratie durch Ver­mit­tlung des Appa­rats, die Unterord­nung der Mit­glieder unter die poli­tis­che Polizei.

Das Ungarn vor der Rev­o­lu­tion glich einem offe­nen Gefäng­nis, in dem nie­mand die eigene Mei­n­ung frei äußern kon­nte, in dem das Streikrecht der Arbeiter*innen nicht existierte und in dem ein Kli­ma der Gefahr der Denun­zi­a­tion herrschte. Der rev­o­lu­tionäre Ter­ror, der gegen die AVH in den Tagen zwis­chen Okto­ber und Dezem­ber 1956 einge­set­zt wurde, offen­barte deswe­gen einen tiefen Hass der Arbeiter*innen und Studieren­den. Unver­söhn­lich­er Hass kennze­ich­nete auch die Tage der Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion im Ungarn 1956.

Nur der Sieger kennt kein Gericht

Gemein­hin wird der Beginn der Ungarischen Rev­o­lu­tion auf den 23. Okto­ber datiert, als eine friedliche Demon­stra­tion, die vor allem durch Studierende und Intellek­tuelle organ­isiert wurde, von der AVH zusam­mengeschossen wurde. Es wäre jedoch falsch, dies als eine plöt­zliche Erup­tion zu sehen, die aus ein­er Spon­taneität her­aus ent­stand. Genau­so falsch wäre es, in den nun begin­nen­den und sich ras­ant entwick­el­nden Ereignis­sen, einen faschis­tis­chen Umsturzver­such zu sehen. Zum einen fan­den Massen­ver­samm­lun­gen und Diskus­sio­nen schon während des Som­mers statt, als noch Hoff­nun­gen (oder wie gesagt: Illu­sio­nen) in die Reformier­barkeit des Stal­in­is­mus bestanden. Bekan­nt wurde vor allem der Petö­fi-Kreis, nicht zulet­zt weil der bekan­nte Philosoph Georg Lukács dazuge­hörte. Zum anderen stellte sich schon schnell her­aus, dass die Forderun­gen der Jugend und der Arbeiter*innen durch und durch rev­o­lu­tionär waren. In ein­er Ver­samm­lung der Studieren­den am Tag davor wur­den fol­gende 16 Punk­te als Forderun­gen aufgestellt:

1.) Wir fordern den sofor­ti­gen Abzug aller sow­jetis­chen Trup­pen aus Ungarn, wie es der Friedensver­trag (zwis­chen Ungarn und der Sow­je­tu­nion von 1947) vor­sah.

2.) Wir fordern die Neuwahl der Partei-Führer auf allen Ebe­nen von oben nach unten in geheimer Wahl. Danach sollen diese in kürzester Zeit einen neuen Parteitag ein­berufen, der eine neue zen­trale Führung wählt.

3.) Wir fordern die Bil­dung ein­er Regierung unter Leitung des Genossen Imre Nagy, und dass alle krim­inellen Führer der Stal­in-Rákosi-Peri­ode ent­lassen wer­den.

4.) Wir fordern eine öffentliche Diskus­sion der Affäre um Mihá­ly Farkas und Kon­sorten. Eben­so fordern wir die Rück­kehr von Rákosi in unser Land, damit er als Hauptver­ant­wortlich­er für die Pleite des Lan­des und für all die Ver­brechen der let­zten Jahre vor ein Volks­gericht gestellt wird.

5.) Wir fordern die Wahl ein­er Nation­alver­samm­lung unter Teil­nahme mehrerer Parteien und mit­tels geheimer Wahl. Wir fordern das Streikrecht für die Arbeit­er.

6.) Wir fordern eine grundle­gende Neugestal­tung und Berich­ti­gung der kul­turellen, ökonomis­chen und poli­tis­chen Beziehun­gen Ungar­ns zu Jugoslaw­ien und zur Sow­je­tu­nion auf der Basis gegen­seit­iger Nichtein­mis­chung in die inneren Angele­gen­heit­en und der vollen ökonomis­chen und poli­tis­chen Gle­ich­berech­ti­gung.

7.) Wir fordern die Neuor­gan­i­sa­tion des ungarischen Wirtschaft­slebens unter Ein­beziehung ungarisch­er Fach­leute. Wir fordern die Neuor­gan­i­sa­tion der gesamten Wirtschaft auf der Grund­lage des Plans, so, dass die nationalen Ressourcen zum Nutzen unseres Volkes einge­set­zt wer­den.

8.) Wir fordern die Veröf­fentlichung der Außen­han­delsverträge und zuver­läs­sige Zahlen über die Kriegsentschädi­gun­gen. Wir fordern eine öffentliche und kom­plette Infor­ma­tion bezüglich der rus­sis­chen Konzes­sion zur Aus­beu­tung und Lagerung des Urans in unserem Land. Wir fordern, dass Ungarn den Verkauf­spreis seines Urans frei, entsprechend den Welt­mark­t­preisen, fes­tle­gen kann.

9.) Wir fordern eine voll­ständi­ge Revi­sion der Arbeit­snor­men in der Indus­trie, und die Akzep­tierung der Lohn­forderun­gen der Hand- und Kop­far­beit­er. Die Arbeit­er wollen die Festschrei­bung eines Min­dest­lohns.

10.) Wir fordern die Zwangsabliefer­ung auf neuer Grund­lage zu organ­isieren, um einen vernün­fti­gen Gebrauch der land­wirtschaftlichen Pro­duk­te zu gewähren.

11.) Wir fordern die Revi­sion aller Prozesse wegen ökonomis­ch­er und poli­tis­ch­er Ankla­gen vor wirk­lich unab­hängi­gen Gericht­en und die Reha­bil­i­tierung unschuldig Verurteil­ter.

12.) Wir fordern ein freies, unab­hängiges Radio, voll­ständi­ge Presse­frei­heit, Frei­heit des Wortes und der Mei­n­ung, sowie das Erscheinen ein­er neuen Tageszeitung mit großer Auflage als Organ des MEFESZ (unab­hängige Stu­den­tenor­gan­i­sa­tion, die sich neu gebildet hat).

13.) Wir fordern, daß das Stal­in-Denkmal als Sym­bol der poli­tis­chen Unter­drück­ung und der stal­in­is­tis­chen Dik­tatur schnell­st­möglich abgeris­sen wird, und dass an sein­er Stelle ein Denkmal für die Helden und Mär­tyr­er des Frei­heit­skampfes von 1848–1849 errichtet wird.

14.) Anstelle der dem ungarischen Volk vol­lkom­men frem­den Sym­bole fordern wir die Rück­kehr zu den alten Sym­bol­en von Kos­suth. Wir fordern eine neue Uni­form für die Armee, die den nationalen Tra­di­tio­nen des Hon­véd würdig ist. Wir fordern, dass der 5. Mai (Unab­hängigkeit­stag von 1848) zum arbeits­freien Nation­alfeiertag wird, und dass der 6. Okto­ber (Tag der feier­lichen Bestat­tung Rajks) zum arbeits­freien Trauertag wird.

15.) Die Jugend der tech­nis­chen Uni­ver­sitäten Budapests proklamiert in ein­stim­miger Begeis­terung ihre voll­ständi­ge Sol­i­dar­ität mit der pol­nis­chen Arbeit­erk­lasse und der Jugend Warschaus und Polens und der Bewe­gung für ein unab­hängiges Polen.

16.) Die Stu­den­ten des Bauwe­sens der Tech­nis­chen Uni­ver­sität grün­den schnell­st­möglich die Ort­sor­gan­i­sa­tion des unab­hängi­gen Stu­den­ten­bun­des MEFESZ und haben entsch­ieden, für Sam­stag, den 27. Okto­ber, ein Par­la­ment der Jugend nach Budapest einzu­berufen, in dem die Gesamtheit der Jugend des Lan­des durch Delegierte vertreten wird.

Was ist der Charak­ter dieser Forderun­gen? Wie sind sie zu bew­erten? Es sind mehrere Merk­male sicht­bar, die in Kom­bi­na­tion ste­hen. Durch die gesamten Punk­te hin­weg zieht sich der Wun­sch nach nationaler Sou­veränität, sodass zum Beispiel die sta­tion­ierten sow­jetis­chen Trup­pen abge­zo­gen wer­den soll­ten. Es wird an die Rev­o­lu­tion von 1848 erin­nert, als das ungarische Volk einen nationalen Befreiungskampf gegen das rus­sis­che Zaren­re­ich führte. Dieses Moment zieht sich durch die ganze Rev­o­lu­tion, als dessen Sym­bol ungarische Fah­nen mit einem aus­geschnit­te­nen Kreis dien­ten, aus denen das Sow­jetem­blem in der Mitte aus­geschnit­ten wurde — hier­an wird deut­lich, welch’ große Bedeu­tung die nationale Frage in der Rev­o­lu­tion spielte.

Zwei weit­ere Län­der wer­den ange­sprochen: Jugoslaw­ien und Polen, in denen eben­falls 1956 ein Arbeiter*innenaufstand erfol­gte. Bei­de Län­der standen — obwohl unter­schiedlich zu bew­erten — für einen Kurs unab­hängig von Moskau und damit schein­bar auch vom Stal­in­is­mus. Die wirtschaftlichen Forderun­gen zeu­gen davon, dass die Budapester Jugend sehr wohl ver­standen hat­te, dass die Ver­brechen des Stal­in­is­mus nicht nur aus dem “Per­so­n­enkult” resul­tierten, son­dern inhärent sind in einem Sys­tem, welch­es die Unmöglichkeit des Auf­baus des “Sozial­is­mus in einem Land” mit ein­er Dik­tatur über das Pro­le­tari­at durch­set­zen will. Das Beken­nt­nis zur Plan­wirtschaft (Punkt 7) unter­stre­icht eben­so den antikap­i­tal­is­tis­chen Charak­ter der Res­o­lu­tion, die mit dem Streikrecht und dem Min­dest­lohn auch Forderun­gen der Arbeiter*innenklasse aufn­immt. Bemerkenswert, wie ähn­lich dieses Pro­gramm mit der Analyse Trotzkis zwanzig Jahre vorher war:

Doch was die Eigen­tumsver­hält­nisse anbe­langt so brauchte die neue Macht keine rev­o­lu­tionären Maß­nah­men zu ergreifen. Sie würde das Plan­wirtschaft­sex­per­i­ment fort­set­zen und weit­er­en­twick­eln. Nach der poli­tis­chen Rev­o­lu­tion, d.h. nach Nieder­ringung der Bürokratie, hätte das Pro­le­tari­at in der Wirtschaft eine Rei­he wichtig­ster Refor­men, doch keine neue soziale Rev­o­lu­tion durchzuführen.

Für die stal­in­is­tis­che Bürokratie waren diese Punk­te nicht ver­han­del­bar, sie ließ die Massendemon­stra­tion, die mit 200.000 Men­schen zum Par­la­ment zog, mith­il­fe des sow­jetis­chen Mil­itärs nieder­schla­gen. Ein Mas­sak­er, das nach Schätzun­gen mehrere hun­dert Todes­opfer forderte. Gle­ichzeit­ig aber auch der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab. In den Städten toben Straßen­schlacht­en, wobei die Repres­sion­sor­gane kein Erbar­men zeigten. Schon am näch­sten Tag weit­ete sich aber der Auf­s­tand auf andere Ort aus, in den Fab­riken wur­den Arbeiter*innenräte gebildet und seit­ens der Arbeiter*innenklasse der Gen­er­al­streik proklamiert.

Die Revolution der Arbeiter*innenräte

Der Gen­er­al­streik der Arbeiter*innenklasse übertrug das Kom­man­do von der Jugend und der Intel­li­genz auf das Pro­le­tari­at. Die Arbeiter*innenklasse bes­timmte nun das Tem­po der Ereignisse, erst recht nach­dem sich das sow­jetis­che Mil­itär aus der Haupt­stadt Budapest auf das Land und in die Kaser­nen zurück­ge­zo­gen hat­te. Diese Rev­o­lu­tion war eine gen­uine Rev­o­lu­tion der Arbeiter*innenräte, die nun fak­tisch die Macht in den Hän­den hiel­ten. Sie waren es, die die Fäden zogen und fol­glich auch einen Mann hin­ter sich mit­zo­gen, in den große Hoff­nun­gen geset­zt wur­den: Imre Nagy.

Dieser war bere­its im Jahre 1955 kurzzeit­ig an der Macht und formte am 27. Okto­ber eine neue Regierung. Am gle­ichen Tag wurde auch die AVH aufgelöst und die Göt­tin der Neme­sis zog durch die Straßen Budapests: Der rev­o­lu­tionäre Ter­ror der Arbeiter*innen und der Jugend übte eine blutige Rache an den AVH-Kadern aus. In diesen Tagen schien die Rev­o­lu­tion unbe­sieg­bar und Ungarn schien einen ähn­lichen Weg wie Polen unter Wla­dys­law Gomul­ka zu nehmen. Die Hoff­nung der Massen per­son­ifizierten sich in Imre Nagy, der die Rolle des ungarischen Gomul­ka ein­nehmen sollte.

Schon am 1. Novem­ber ergriff die Regierung, zu der auch Georg Lukács als Kul­tur­min­is­ter gehörte, weit­ge­hende Maß­nah­men: Sie erk­lärte die Neu­tral­ität Ungar­ns und ergo den Aus­tritt aus dem Warschauer Pakt. In diesem Moment schien das ungarische Dra­ma einen guten Aus­gang zu find­en. Die Straßen wur­den nach den ver­lus­tre­ichen Schlacht­en wieder aufgeräumt. Vielle­icht mag der 3. Novem­ber 1956 der Tag des höch­sten Glücks für die ungarische Arbeiter*innenklasse gewe­sen sein, denn schon in der kom­menden Nacht nah­men die Dinge eine spek­takuläre Wende ein – es war die Kon­ter­rev­o­lu­tion, die einen umfassenden Angriff plante.

Die Zerstörung einer revolutionären Tradition

Obwohl das ungarische Pro­le­tari­at durch Jahrzehnte von Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion gestählt war, war jen­er 4. Novem­ber der Todesstoß für eine stolze Gen­er­a­tion, die erst dem weißen Ter­ror unter Mik­los Hor­thy und dann dem Faschis­mus die Stirn geboten hat­te. Dieses Mal jedoch war die Kon­ter­rev­o­lu­tion in den Gewän­dern der Roten Armee unter­wegs, die Budapest seit 4 Uhr unter Beschuss nah­men. Dieser Angriff war so von den Rev­o­lu­tionären nicht vorherge­se­hen wor­den. Warum? Es mag ver­schiedene Gründe gegeben haben, von denen der wichtig­ste das Fehlen ein­er rev­o­lu­tionären Partei war, d.h. ein­er rev­o­lu­tionären Führung, welche eben­so die Kun­st des Rück­zugs ver­ste­ht. Imre Nagy wurde just am sel­ben Tag durch János Kádár erset­zt, weit davon ent­fer­nt, der alles andere tat, als in irgen­dein­er Form die Macht zu vertei­di­gen.

Nagy

Es wäre irri­tierend, Imre Nagy einen “Reformkom­mu­nis­ten” zu nen­nen: Der gel­ernte Agrarökonom gehörte vielmehr dem recht­en, dem Bucharin­is­mus zugeneigten Flügel der stal­in­is­tis­chen Partei an. Hin­sichtlich des poli­tisch-wirtschaftlichen Mod­ells schwebte ihm ein Zus­tand ähn­lich dem von Jugoslaw­ien vor; block­frei und einen eige­nen, schein­bar unab­hängi­gen Weg von der Herrschaft der Bürokratie schre­i­t­end.

Das jugoslaw­is­che Mod­ell unter Josip Broz Tito war jedoch ein Gesellschaftssys­tem, indem es zwar teil­weise eine Autonomie der Arbeiter*innen in den Betrieben gab und in denen nach eige­nen Angaben eine “sozial­is­tis­che Mark­twirtschaft” etabliert war – in let­zter Kon­se­quenz lag die Herrschaft­skon­trolle aber in den Hän­den der Bürokratie und der KPJ. Der Tito­is­mus war ein Stal­in­is­mus sui gener­is. Eine Ironie der Geschichte, dass sich Imre Nagy in den ersten Tagen nach dem sow­jetis­chen Angriff mit Georg Lukács in der jugoslaw­is­chen Botschaft ver­steckt hielt.

An ein­er Ver­fe­mu­ng für Imre Nagy und Georg Lukács fehlte es nicht, nach­dem die Kon­ter­rev­o­lu­tion gesiegt hat­te. Kádár zog öffentlich über Nagy her: „Dieser Mann ist zum Ham­pel­mann der Kon­ter­rev­o­lu­tionäre und der Hor­thy-Anhänger gewor­den.“

Bei­de wur­den unter kon­spir­a­tiv­en Umstän­den nach Rumänien aus­ge­flo­gen, wo ihr Prozess vor­bere­it­et wer­den sollte. Wie es sich vor­ge­tra­gen haben musste, mag heutzu­tage unvorstell­bar sein:

Nach nächtlich­er Ver­haf­tung in Budapest 1956, rasender Wagen­fahrt mit ver­hängten Fen­stern zu einem unbekan­nten Mil­itär­flug­platz, Abflug in ein­er Mas­chine ohne Hoheitsabze­ichen in ein unbekan­ntes Land und Ankun­ft in ein­er schloßar­ti­gen Vil­la an blink­en­dem Meer­esstrand, in der er lebte, halb zer­e­moniös behan­del­ter Staats­gast, halb Zuchthäusler, noch immer ohne Ken­nt­nis, wo er sich über­haupt befand, sagte Georg Lukács: Kaf­ka war doch ein Real­ist.

János Kádár ver­stand es her­vor­ra­gend, sich tak­tisch in den Ereignis­sen nach dem 4. Novem­ber zurechtzufind­en. Der Unter­stützung des Kremls sich­er, spielt er nun ein dop­peltes Spiel, wobei er der sow­jetis­chen Armee die repres­sive Arbeit machen ließ und sich selb­st als “Ver­söhn­ler” darstellte. Er wusste um die Macht und Stärke der Arbeiter*innenräte und erkan­nte, dass er in dieser Phase eine Poli­tik der Zugeständ­nisse machen musste. Es war kein Zufall also, dass er die Arbeiter*innenräte anerkan­nte:

Es gibt Leute in Ungarn, die befürcht­en, dass diese Regierung (Kádár) die Meth­o­d­en der alten kom­mu­nis­tis­chen Partei und ihres Sys­tems der Leitung wieder ein­führen würde. Es gibt keinen Mann in führen­der Posi­tion, der an so etwas denkt, denn selb­st wenn er es wün­schte, würde er von den Massen wegge­fegt.

Oft­mals wird der 4. Novem­ber als Schlusspunkt der Ungarischen Rev­o­lu­tion ange­se­hen, wobei mis­sachtet wird, dass vielmehr eine weit­ere Peri­ode der Dop­pel­macht bis Dezem­ber andauerte und die let­zten Räte gar erst im Früh­jahr 1957 aufgelöst beziehungsweise ver­boten wur­den. Auch die Kämpfe in den Städten gin­gen weit­er und wur­den unter mil­itärischen Aspek­ten mehr als bravurös gegen eine der mächtig­sten Armeen der Welt aus­ge­tra­gen. Doch diese Rote Armee erwies sich als zu stark und kon­nte die voll­ständi­ge Kon­trolle über das kleine Land wieder erlan­gen, freilich erst, indem sie weite Teile selb­st aus Zen­tralasien dafür mobil­isierte.

Es fehlt nicht an Mut seit­ens der kämpfend­en Massen; es fehlte auch nicht an klassen­be­wussten Arbeiter*innen und last but least fehlte es erst recht nicht an den klas­sis­chen Klassenor­ga­nen des Pro­le­tari­ats, den Räten, die das Herz dieser Rev­o­lu­tion aus­macht­en. Doch woran es fehlte, war eine Führung, die sich nicht von den Manövern der Bürokratie täuschen ließ; die einen Rück­zug der kämpfend­en Massen anord­nen und organ­isieren kon­nte — eine Führung, die durch eine jahre­lange und duld­same Schu­lung auch in der Lage gewe­sen wäre, die Kad­er für eine Regierungsüber­nahme zu stellen. Obwohl selb­st nicht kleine Teile der Basis der MDP an der Seite der Massen kämpften, gab es keine Kraft, die nach dem Ein­gangsz­i­tat von Leo Trotz­ki in der Lage gewe­sen wäre, den “Staat­sap­pa­rat zu säu­bern.” Nagy selb­st kon­nte einen solchen Appa­rat nicht hin­ter sich ver­sam­meln, obwohl er (viel zu spät) am 1. Novem­ber mit der “Sozial­is­tis­chen Arbeit­er­partei Ungar­ns” einen solchen Ver­such unter­nahm.

Historische Lehren

Was wir in der Ungarischen Rev­o­lu­tion sehen kon­nten, war die ein­drucksvolle Bestä­ti­gung der Notwendigkeit ein­er poli­tis­chen Rev­o­lu­tion in den degener­ierten Arbeiter*innenstaaten. In seinem Buch “Die ver­ratene Rev­o­lu­tion” schilderte Trotz­ki expliz­it die Merk­male ein­er solchen Umwälzung:

“Die Rev­o­lu­tion, die die Bürokratie gegen sich selb­st vor­bere­it­et, wird nicht wie die Okto­ber­rev­o­lu­tion von 1917 eine soziale sein. Dies­mal gilt es nicht, die ökonomis­chen Grund­la­gen der Gesellschaft zu ändern und die beste­hen­den Eigen­tums­for­men durch andere zu erset­zen. Die Geschichte hat in der Ver­gan­gen­heit nicht bloß soziale Rev­o­lu­tio­nen aufzuweisen, die das Feu­dal­regime durch das bürg­er­liche erset­zten, son­dern auch poli­tis­che, die, ohne die ökonomis­chen Grund­la­gen der Gesellschaft anzu­tas­ten, die alte herrschende Spitze hin­wegfegten (1830 und 1848 in Frankre­ich, Feb­ru­ar 1917 in Rus­s­land u.a.). Der Sturz der bona­partis­tis­chen Kaste wird selb­stver­ständlich tiefe soziale Fol­gen haben, aber an sich wird er im Rah­men eines poli­tis­chen Umsturzes bleiben.”

Die Ungarische Rev­o­lu­tion war aber auch die Bestä­ti­gung für die Notwendigkeit ein­er rev­o­lu­tionären Partei in solch einem umfassenden Prozess. Sie ist die vielle­icht stärk­ste his­torische Mah­nung an die inter­na­tionale Arbeiter*innenklasse, dass Räte als Form der Selb­stver­wal­tung und ‑organ­isierung zwar notwendig, jedoch nicht aus­re­ichend sind. Die Führung in Form ein­er rev­o­lu­tionären Partei ist nicht durch die Räte zu erset­zen – eine Negierung dieser Unver­mei­dlichkeit ver­schließt die his­torischen Lehren, für die das ungarische Pro­le­tari­at bluten musste.

Die Zer­schla­gung dieser Rev­o­lu­tion ist bis heute das Trau­ma des ungarischen Pro­le­tari­ats geblieben. Während an den “Volk­sauf­s­tand” heute selb­st von Regierungs­seite erin­nert wird (freilich ver­fälschend und für die bürg­er­lichen Zwecke instru­men­tal­isierend), war die Rev­o­lu­tion von 1956 bis an das Ende des Stal­in­is­mus ein Tabu. Im Gegen­satz zu Polen etwa war die Nieder­lage der Rev­o­lu­tion so nieder­schla­gend, dass weit­ere Mobil­isierun­gen der Massen aus­blieben. Was wir deshalb in der Nieder­schla­gung der Ungarischen Rev­o­lu­tion analysieren kön­nen, ist die Zer­störung ein­er rev­o­lu­tionären Kampf­tra­di­tion des ungarischen Pro­le­tari­ats, welch­es bis dahin eines der aktivsten und bewusstesten weltweit war. Die Nieder­lage ist das Blutzeug­nis, unter der das ungarische Pro­le­tari­at bis heute zu lei­den hat.

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