Geschichte und Kultur

Die Angst vor Trotzki ist eine Angst vor den Massen

Der Literaturkritiker Warren Montag, Professor am Occidental College in Los Angeles, gehörte zu den Hunderten von Intellektuellen, die einen Protestbrief gegen die Netflix-Reihe "Trotzki" unterschrieben haben. In diesem Essay erklärt er, wie traditionelle antisemitische Klischees stets gegen Leo Trotzki verwendet wurden und nun vom Putin-Regime aufgewärmt werden.

Die Angst vor Trotzki ist eine Angst vor den Massen

Halis Yildirim sprach mit dem Lit­er­aturkri­tik­er War­ren Mon­tag über die Net­flix-Serie “Trotz­ki”.

HY: Sie haben den Protest­brief unterze­ich­net, in dem die Net­flix-Serie “Trotz­ki” verurteilt wird. Warum hiel­ten Sie eine solche Stel­lung­nahme für notwendig? Ein wichtiger Aspekt wird in der Erk­lärung her­vorge­hoben: “Trotz­ki” wurde ein­deutig als Reak­tion auf das hun­dertjährige Jubiläum der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion pro­duziert und ver­bre­it­et, ein Ereig­nis, das die Serie als nationale Tragödie darstellt. Aber warum liegt der Fokus auf Trotz­ki, statt auf Lenin oder gar Stal­in? Außer­dem wird überdeut­lich, dass der Schw­er­punkt der Serie auf Trotz­ki an den heutzu­tage in Rus­s­land und Osteu­ropa weit ver­bre­it­eten Anti­semitismus appel­liert. Auf diese Weise wird Stal­in, bei all seinen Fehlern, als jemand gese­hen, der Rus­s­land vor jüdis­chem Ein­fluss, vielle­icht sog­ar Herrschaft, gerettet hat, durch seine Säu­berun­gen jüdis­ch­er Bolschewi­ki und durch die Anord­nung der Ermor­dung Trotzkis. Gibt es einen Zusam­men­hang zwis­chen dem Anti­semitismus in “Trotz­ki” und der neg­a­tiv­en Repräsen­ta­tion von Sozial­is­mus und Kom­mu­nis­mus in der Serie?

War­ren Mon­tag: Bei der Auseinan­der­set­zung mit der Net­flix-Serie “Trotz­ki”, die so bre­it als Aus­druck der poli­tis­chen Ori­en­tierung der Putin-Regierung verurteilt wird, ist es nüt­zlich sich an Louis Althussers Dik­tum zu erin­nern, dass “wed­er Amne­sie, noch Ekel, noch Ironie, auch nur den Hauch ein­er Kri­tik erzeu­gen.“1 Dies soll nicht sug­gerieren, dass es uns eine Kri­tik erlaubt, den Ekel und die Empörung zu ver­mei­den oder zu über­winden, die viele von uns beim Anse­hen der Serie emp­fan­den. Im Gegen­teil, diese Affek­te deuten auf die visuellen und diskur­siv­en Eigen­schaften von “Trotz­ki” hin: Ins­beson­dere der Anti­semitismus, in dem die Serie schwel­gt (durch die bewusst her­aus­fordernde Art, in möglichst vie­len Szenen eine Vari­ante des Wortes “zhid” (Beze­ich­nung für eine Jüd*in, Anfang des 20. Jahrhun­derts recht unver­fänglich, im mod­er­nen Rus­sisch nur noch als abw­er­tender Begriff ver­wen­det, A.d.Ü.) einzuar­beit­en) und durch den Antikom­mu­nis­mus, den sie in Form ein­er Alle­gorie insze­niert, die so plump und absurd ist, dass Trotzkis Atten­täter “Jac­son” zum moralis­chen Zen­trum der Serie wird. Es wäre jedoch ein Fehler, “Trotz­ki” anzuprangern und dann zu vergessen — vor allem mit der Begrün­dung, dass Anti­semitismus und Antikom­mu­nis­mus auf frühere his­torische Erschei­n­ungs­for­men zurück­führbar sind, als ob es sich ein­fach um Iter­a­tio­nen bere­its existieren­der, und damit bekan­nter ide­ol­o­gis­ch­er Gebilde, han­deln würde. Im Gegen­teil, es ist sowohl poli­tisch als auch the­o­retisch uner­lässlich, zu ver­ste­hen, was genau auf die Ver­gan­gen­heit zurück­zuführen ist, wie “Trotz­ki” eine Muta­tion in oder, genauer gesagt, eine Neukom­binierung der Ideen “Jude” und “Kom­mu­nist” verspot­tet, eine Neukom­binierung, die das Aus­maß ihrer Vere­ini­gung durch die Ver­mit­tlung eines drit­ten Begriffs offen­bart: die Massen. Die Verän­derun­gen an diesen ide­ol­o­gis­chen Gebilden sind strate­gisch und tak­tisch notwendi­ge Antworten auf die Risiken, Bedro­hun­gen und Möglichkeit­en, die mit den gegen­wär­ti­gen his­torischen Umstän­den ver­bun­den sind. Um den Anti­semitismus und Antikom­mu­nis­mus der Gegen­wart zu bekämpfen, müssen wir ver­ste­hen, wie sie sich verän­dert haben und die Schwächen und Angreif­barkeit­en ihrer gegen­wär­ti­gen For­men erfassen. Wir müssen zudem die Wirk­samkeit unser­er eige­nen Strate­gie und Tak­tik bes­tim­men, sei es im Diskurs oder ander­swo.

In dem Aus­maß, in dem sich die Serie auf frühere faschis­tis­che Vorstel­lun­gen des Jüdis­chen Bolschewis­mus stützt, entwick­elt und trans­formiert sie diese auch. “Trotz­ki” trägt bei jed­er nar­ra­tiv­en Wen­dung etwas zum Bild des Juden/Kommunisten als Feind der Fam­i­lie, Kirche und Nation bei, und zwar so, als wäre das Beige­tra­gene anfänglich tat­säch­lich ver­bor­gen oder unbe­merkt und schließlich aufgedeckt; darüber hin­aus ver­sucht die Serie über­raschen­der­weise, etwa die wech­sel­seit­i­gen Beziehun­gen zwis­chen Anti­semitismus und den wesentlichen Merk­malen der Juden herzustellen. Die bru­tal­en und groben Darstel­lun­gen des Anti­semitismus, die sie immer wieder, manch­mal mit ein­er vagen Geste der Miss­bil­li­gung, zeigt, wer­den allmäh­lich als die Antwort der “kleinen Leute” auf Aspek­te der Kul­tur und des Ver­hal­tens der imag­inären Juden der Serie ver­standen. Und wie kön­nte man der­ar­tige Juden nicht has­sen? Einige sind Pfan­dlei­her, die sich mit ihren ange­blichen Konkur­renten ver­schwören, um — so wird es dargestellt — ihre verzweifelte christliche Kund­schaft zu betrü­gen. Andere sind arro­gante Intellek­tuelle, die stolz auf ihre Fähigkeit sind, unwider­leg­bare Kri­tik an christlichen Ide­alen zu üben. Wieder andere sind poli­tis­che Anführer, die Schme­icheleien und Appelle an Gle­ich­heit und Gerechtigkeit benutzen, um an Macht über die Massen zu gewin­nen, die so zu Instru­menten wer­den, die die Juden nutzen, um die tra­di­tionelle Gesellschaft zer­stören, zu der sie nie gehören wer­den. Die kleinen Leute haben Recht sie zu has­sen, und wenn ihr Hass zu bedauer­lichen Tat­en führen, liegt die Schuld bei den Juden, die diesen Hass geweckt haben. Schlim­mer noch, die Juden, die die Serie bevölk­ern, wer­den vor allem von Neid und einem uner­bit­tlichen Hass auf diejeni­gen, die sie has­sen, angetrieben, was bedeutet, dass je größer der Hass der Massen auf sie wird, desto größer wird auch die Bosar­tigkeit, mit dem die Juden diesen Hass zurück­zahlen wer­den. Die Serie stellt den Antag­o­nis­mus zwis­chen Juden und Anti­semiten in das Zen­trum der poli­tis­chen Welt; er wird zur treiben­den Kraft, der sich immer weit­er aus­bre­i­t­en­den Kon­flik­t­spi­rale. Diese Argu­men­ta­tion­slin­ie hat sich als außergewöhn­lich effek­tiv erwiesen; die recht­sex­treme Alter­na­tive für Deutsch­land zum Beispiel hat sie an ihre eigene islam­feindliche Agi­ta­tion angepasst, indem sie ein­fach das Wort “Jude” durch “Mus­lim” erset­zt.

Der Jude (d.h. jed­er jüdis­che männliche Charak­ter in der Serie — Frauen und Kinder aus Trotzkis Fam­i­lie sind seine Opfer) wird auf diese Weise dazu gebracht, immer mehr böswillige Hand­lun­gen gegen die nicht-jüdis­che Welt zu bege­hen. Zuerst nehmen diese Hand­lun­gen nur klein­liche For­men an: eine Kul­tur der kleinen Geschäfte und Geld­ver­lei­hak­tio­nen, die es den Juden ermöglichen, die anderen zu betrü­gen, oder vielle­icht auch nur die Aus­drücke von Ver­ach­tung, wie im Falle von Trotzkis Vater, kaum mehr als ein Flüstern unter Bauern auf dem Mark­t­platz. Aber bald wird klar, dass Juden (wie Marx, Lux­em­burg und Trotz­ki) den Sozial­is­mus und den Kom­mu­nis­mus erfind­en, um es ihnen zu ermöglichen, das poli­tis­che Leben zu infil­tri­eren, indem sie das Ver­trauen und die Bewun­derung der nicht-jüdis­chen Massen gewin­nen, und so sowohl deren Aggres­sio­nen durch das Predi­gen von Gle­ich­heit zu neu­tral­isieren, als auch sie zum Zwecke der mutwilli­gen, apoka­lyp­tis­chen Zer­störung zu miss­brauchen.

Aber hier stößt die Serie auf eine Art Sack­gasse, da die Wider­sprüche, die dem imag­inären Juden innewohnen, und von dem Trotz­ki die Inkar­na­tion ist, unüber­wind­bar wer­den. Glaubt der Jude wirk­lich an die kom­mu­nis­tis­chen Lehren, die er erfun­den hat und weit­er­hin predigt? In diesem Fall würde er eine Fusion von Phar­isäer und Zelot darstellen, intellek­tuell über­en­twick­elt und von sein­er eige­nen Über­legen­heit überzeugt, aber zugle­ich einzi­gar­tig angetrieben von ein­er Verpflich­tung zu einem Gerechtigkeits­be­griff, der nichts Gerin­geres erfordert als die Zer­störung der Wirtschafts- und Gesellschaft­sor­d­nung. Die Juden, die Jesus als Mes­sias abgelehnt haben, sind zu ein­er Nation von Möchte­gern-Mes­si­assen gewor­den, von denen jed­er einzelne sich davon überzeugt hat, der Auser­wählte zu sein, wie ein “Licht der Völk­er”, um die ganze Men­schheit in eine neue Welt zu führen. Diese Mes­si­asse sind insofern gefährlich, da sie eher ster­ben wür­den, als die Wahrheit der christlichen Ord­nung zu akzep­tieren, die sie nur durch ihre selb­st aufer­legte Blind­heit nicht sehen kön­nen. Wenn, wie Trotz­ki, der Jude die Massen für seine Vision gewin­nen und sie dazu brin­gen kann, die Sache der rus­sis­chen Nation zugun­sten des pro­le­tarischen Inter­na­tion­al­is­mus und der Wel­trev­o­lu­tion aufzugeben, wäre das Ergeb­nis das Ende der Gesellschaft. Die Serie sug­geriert in ein­er Szene sog­ar, dass die bekan­nte Abwe­sen­heit von Patri­o­tismus und nationalem Gefühl unter Juden das Ergeb­nis ein­er geheimen jüdis­chen Inter­na­tionalen ist, für die die Dritte Inter­na­tionale mit ihrer Kabale jüdis­ch­er Rev­o­lu­tions­führer (Bela Kun, Lux­em­burg, Jogich­es, Trotz­ki, Sinow­jew, Radek) als Tar­nung dient. Ein einziger rechtschaf­fen­er Men­sch wie Jac­son kann das Kom­men des Antichris­ten und das Ende der Welt ver­hin­dern, wie das “Kat­e­chon” des Neuen Tes­ta­ments, so wie Carl Schmitt es ver­stand.

Gle­ichzeit­ig präsen­tiert uns die Serie eine weit­ere, in gewiss­er Weise weniger gefährliche Fig­ur des Juden. Dies ist der Jude als ratio­naler Akteur und Nutzen­max­imier­er, der zwar ver­acht­enswert, aber vorherse­hbar und damit kon­trol­lier­bar ist. Parvus ist die Verkör­pe­rung dieses Typs. Er sieht und han­delt als Gen­tle­man und fühlt sich unter anderen Gen­tle­men wohl. Er ist in der sozial­is­tis­chen Bewe­gung weniger aus Überzeu­gung aktiv, son­dern vielmehr, weil er finanzielle Möglichkeit­en in ihr sieht. Sein Ziel, so sug­geriert die Serie, ist es nicht nur, Rus­s­land zu ruinieren, indem er den Anschein ein­er Insol­venz der Banken erweckt und eine Panik provoziert, son­dern auch, die rev­o­lu­tionäre Bewe­gung selb­st zu neu­tral­isieren, indem er Geld zur Schaf­fung von Wet­tbe­werb und nicht zur Zusam­me­nar­beit zwis­chen ihren ver­schiede­nen Frak­tio­nen ein­set­zt. So abscheulich er auch ist, er ist im schlimm­sten Fall ein Par­a­sit und nicht der Tode­sen­gel, repräsen­tiert durch den bewaffneten Propheten.

Der Unter­schied zwis­chen den zwei Arten von Juden zeigt sich in einem Motiv, das nicht so triv­ial oder belan­g­los ist, wie es scheint. Die Serie zeigt ein obses­sives Inter­esse an Namen, Pseu­do­ny­men und Namen­sän­derun­gen. Nichtjüdis­che Charak­tere haben Freude daran, Juden mit den jüdis­chen Nach­na­men anzus­prechen, die sie gegen rus­sis­che Namen aus­ge­tauscht haben, oder daran, die jid­dis­che Aussprache ihrer “richti­gen” Nach­na­men zu imi­tieren. Der Gefäng­nis­chef, dessen Name Trotz­ki als seinen eige­nen annimmt, geht sog­ar so weit, Lev in Ley­ba zu über­set­zen und spricht Bron­stein als Bron­sh­tayn aus, wie man es im Jid­dis­chen tut. Die Serie deutet darauf hin, dass Trotzkis späteres Annehmen des Namens seines Peinigers das Ergeb­nis ein­er Iden­ti­fika­tion mit dem Angreifer ist, und der Anerken­nung dafür, dass der christliche Trotz­ki ihn so gese­hen hat, wie er wirk­lich ist, ohne jede Täuschung. Gle­ichzeit­ig ist Trotzkis Entschei­dung, seinen Namen zu verän­dern, durch mehr als nur die Notwendigkeit motiviert, seine Ent­deck­ung zu ver­hin­dern. So ist es zum Teil auch eine Geste der Sol­i­dar­ität, mit der er sich von dem abwen­det, was ihn von den Massen unter­schei­det, die er führen will, das heißt, es han­delt sich um einen Akt der Assim­i­la­tion. In der Serie kön­nen die Juden jedoch nur so tun oder scheinen, als wür­den sie sich assim­i­lieren: Sie tun dies, wie Trotz­ki, um Zugang zu den Massen zu erhal­ten, die sie ablehnen wür­den, wenn bekan­nt wäre, dass sie Juden sind, oder wie Parvus (dessen echter Name Gelfand ist, wie sein nichtjüdis­ch­er Fre­und ihn nach­drück­lich erin­nert), um sich unbe­merkt mit den Reichen und Mächti­gen zu ver­bün­den. Der Jude kann nur so scheinen, als wäre er wie die anderen; in Wirk­lichkeit hat er sich getarnt, um die Massen zu erre­ichen und sie für Zwecke zu benutzen, die ihren Inter­essen nicht entsprechen. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Serie die Vorstel­lung undenkbar macht, dass eine rev­o­lu­tionäre Massen­be­we­gung aktiv mobil­isiert wer­den kön­nte, wenn schon nicht, um den Anti­semitismus und alle anderen For­men der nationalen Unter­drück­ung und des Ras­sis­mus zu been­den, dann zumin­d­est um ihren Ein­fluss stark einzuschränken. Eine solche Möglichkeit zuzu­lassen, würde bedeuten, die herrschende Klasse ihrer Behaup­tung zu berauben, wonach der geschlossene Kreis­lauf, mit dem der pop­uläre Anti­semitismus jüdis­chen Neid und Hass her­vor­ruft, nur durch die Unter­w­er­fung sowohl der Massen als auch der Juden durch Rus­s­lands natür­liche Herrsch­er unter­brochen wer­den kann. Trotz­ki bemerk­te mit Ver­ach­tung, dass Stal­in anf­ing, die Geburt­sna­men der jüdis­chen Bolschewi­ki (vor allem der “Troi­ka”: Trotz­ki, Sinow­jew und Kamen­jew) anstelle der rus­sis­chen Grup­pen­na­men, unter denen sie bekan­nt waren, zu ver­wen­den, nach­dem sie ver­haftet und wegen ver­schieden­er Ver­schwörun­gen angeklagt wur­den, die an den seit der Rev­o­lu­tion schwinden­den Anti­semitismus der Massen appel­lierten und ihn ver­stärken, eben ger­ade um die Unter­stützung der Massen für die Liq­ui­dierung der alten Bolschewi­ki zu mobil­isieren.2 Auf die gle­iche Weise zeigte Win­ston Churchill, der bere­its seine Überzeu­gung zum Aus­druck gebracht hat­te, dass Juden — natür­lich nicht alle Juden (er bil­ligte die Zion­is­ten), aber die bösar­ti­gen jüdis­chen Massen, deren Neid und Hass sie in Scharen in die sozial­is­tis­chen und kom­mu­nis­tis­chen Bewe­gun­gen getrieben hat­te — einen Fanatismus zeigten, der ein­deutig in ihrem Juden­tum ver­wurzelt war. Das per­fek­te Exem­plar dieses Typus war nie­mand Gerin­geres als “der Oger Europas”, den Churchill als “Leo Trotz­ki, alias Bron­stein” erkan­nte.3

Das bedeutet nicht, dass die Serie, durch ihre Leug­nun­gen und Aus­flüchte, nicht auch auf einige der wichtig­sten Abschnitte von Trotzkis eigen­er “Geschichte der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion” ver­weist, allerd­ings ohne sie direkt zu kennze­ich­nen. Genau das sind die Ele­mente, die am stärk­sten nicht nur die oft bizarre Darstel­lung der rev­o­lu­tionären Ereignisse selb­st bedro­hen, son­dern auch die Nor­men, die die acht Fol­gen in die his­torische Gegen­wart ein­schreiben wollen.

Eine der wichtig­sten Lek­tio­nen, die Trotz­ki aus der Erfahrung von 1917 und ihren Fol­gen – d.h. aus den bei­den Rev­o­lu­tio­nen und der Her­aus­forderung, eine neue, vorher nie dagewe­sene Gesellschaft­sor­d­nung zu schaf­fen – gezo­gen hat, betraf die Macht der Massen. Wenn ich mich in diesem Zusam­men­hang auf “Macht” beziehe, meine ich damit nicht nur die Dichte und Beständigkeit, die es ihnen ermöglichte, die reak­tionären Kräfte auf der Straße und auf dem Schlacht­feld zu über­winden, son­dern vor allem die kollek­tive Intel­li­genz, die dieser Macht innewohnt (bei der sich die Serie sehr bemüht, dies unvorstell­bar zu machen). Er argu­men­tierte, dass ein­er der größten Unter­schiede zwis­chen den Bolschewi­ki und der Sozialdemokratie, in der Prax­is und in der The­o­rie, die Fähigkeit der Bolschewi­ki sei, “von den Massen zu ler­nen”: Die Sozialdemokratie bran­nte darauf,

die Volks­massen zu belehren, zu bevor­munden, ihnen Wohltat­en zu erweisen, [war] aber völ­lig unfähig […], sie anzuhören, zu begreifen und von ihnen zu ler­nen. Ohne dieses aber gibt es keine rev­o­lu­tionäre Poli­tik.4

Die Ideen, die durch ihr täglich­es Han­deln und ihre Akte des Kampfes und des Wider­stands ent­standen sind, haben sie “weitaus effek­tiv­er” gemacht als den erfol­gre­ich­sten offiziellen Parteired­ner. Trotz­ki beschreibt

jene moleku­lare Agi­ta­tion, die namen­lose Arbeit­er, Matrosen, Sol­dat­en führten, Gesin­nungsgenossen einzeln wer­bend, let­zte Zweifel ver­nich­t­end, let­zte Schwankun­gen über­windend. Die Monate fieber­haften poli­tis­chen Lebens hat­ten zahlre­iche untere Kad­er geschaf­fen, Hun­derte und Tausende urwüch­siger Men­schen erzo­gen, die gewohnt waren, die Poli­tik von unten zu beobacht­en, nicht von oben, und die ger­ade darum Tat­sachen und Men­schen mit ein­er Tre­ff­sicher­heit ein­schätzten, wie sie Red­nern akademis­chen Schlages längst nicht immer gegeben ist.5

Aber gröblichst irrt, wer glaubt, die Masse sei blind und leicht­gläu­big. Wo es sie am Nerv trifft, nimmt sie mit tausend Augen und Ohren Tat­sachen und Ver­mu­tun­gen wahr, über­prüft auf ihrem Rück­en Gerüchte, wählt die einen aus, ver­wirft die anderen. Wo Ver­sio­nen, die Massen­be­we­gun­gen betr­e­f­fen, auseinan­derge­hen, erweist sich als der Wahrheit am näch­sten jene, die die Masse selb­st sich zu eigen gemacht hat.6

Die Erfolge und Siege der Bolschewi­ki und die damit ein­herge­hen­den Ver­schiebun­gen und Verän­derun­gen der The­o­rie, die sie ver­ständlich und wieder­hol­bar macht­en, sind aus ihrem Ver­trauen in “die Ini­tia­tive und Selb­ständigkeit der Massen” ent­standen.

Des Weit­eren war Trotz­ki, wie Lenin, ein schar­fer Kri­tik­er des rus­sis­chen Chau­vin­is­mus (d.h. seines Ras­sis­mus, Anti­semitismus und antimus­lim­is­ch­er Gesin­nun­gen), beson­ders wenn sich dieser Chau­vin­is­mus als Inter­na­tion­al­is­mus oder Uni­ver­sal­is­mus verklei­dete: “Das Bestreben ein­er herrschen­den Nation, den Sta­tus quo aufrechtzuer­hal­ten, wird nicht sel­ten in die Farbe des Über­na­tion­al­is­mus getaucht, wie das Bestreben eines siegre­ichen Lan­des, das Ger­aubte festzuhal­ten, leicht die Form Von Paz­i­fis­mus annimmt. So fühlt sich Mac­don­ald vor Gand­hi als Inter­na­tion­al­ist.“7 Selb­st nach der Feb­ru­ar­rev­o­lu­tion führten die ersten Sow­jets, die in Gebi­eten, die stark von nicht-rus­sis­chen Min­der­heit­en bevölk­ert waren, “nicht sel­ten einen Kampf gegen den defen­siv­en ukrainis­chen oder musel­man­is­chen Nation­al­is­mus und deck­ten” die rus­sis­che Unter­drück­ung.8 Trotz­ki erkan­nte, dass Rus­s­land “nicht als nationaler Staat, son­dern als Staat von Nation­al­itäten” ent­standen war, deren Sprachen, Reli­gio­nen und Kul­turen zugun­sten Rus­s­lands unter­drückt und mar­gin­al­isiert wur­den.9 Jede Schwächung der staatlichen Bürokratie führte zu ein­er Revolte gegen die Unter­w­er­fung der Natio­nen. Lenin und Trotz­ki erkan­nten – im Gegen­satz zu den Befür­wortern des abstrak­ten Anti­na­tion­al­is­mus, der auf ein­er his­torisierten Auf­fas­sung der Natio­nen-Form als zuge­hörig zur kap­i­tal­is­tis­chen Epoche basierte – dass die bolschewis­tis­che Partei verpflichtet war,

jeglich­er Art von nationaler Unter­drück­ung, auch der gewalt­samen Fes­thal­tung irgen­dein­er Nation­al­ität in den Gren­zen des Gesamt­staates, unver­söhn­lichen Wider­stand zu leis­ten. Nur dadurch kon­nte das rus­sis­che Pro­le­tari­at allmäh­lich das Ver­trauen der unter­drück­ten Völk­er gewin­nen.10

Let­ztere aufzu­fordern, ihre Forderun­gen nach nationaler Befreiung zu verta­gen oder aufzugeben oder lediglich “for­male Gle­ich­heit” zu akzep­tieren, würde ein riesiges Bevölkerungsseg­ment demor­al­isieren und demo­bil­isieren, denn “die Rev­o­lu­tion [ist] ger­ade deshalb Rev­o­lu­tion, weil sie sich nicht mit Almosen und Raten­zahlun­gen beg­nügt.“11 Als die unter­drück­ten Nation­al­itäten die Rev­o­lu­tion als eine rus­sis­che Angele­gen­heit sahen, die wenig mit den For­men der Aus­beu­tung und Unter­drück­ung zu tun hat­ten, mit denen sie kon­fron­tiert waren, war die Unter­stützung ger­ing. Doch sobald klar wurde, dass die nationalen Feind­schaften eng mit Klassen­wider­sprüchen ver­bun­den waren, nahm die Unter­stützung für die Rev­o­lu­tion drama­tisch zu. Trotz­ki gab sich nicht damit zufrieden, dem Par­tiku­lar­is­mus (das Bestreben von Bevölkerung­steilen oder Teil­staat­en, ihre Eigen­in­ter­essen durchzuset­zen, A.d.Ü.) den Uni­ver­sal­is­mus ent­ge­gen­zuset­zen, son­dern zog vielmehr eine Lin­ie der Abgren­zung inner­halb des Uni­ver­sal­is­mus selb­st. Auf der einen Seite ein Uni­ver­sal­is­mus, der sich von der nationalen und kul­turellen Vielfalt bedro­ht fühlt und der die unter­drück­ten Völk­er verpflichtet, ihre spez­i­fis­che Unter­drück­ung nicht mehr zu bekämpfen. Auf der anderen Seite ein Uni­ver­sal­is­mus, der jeden Schritt des Weges zusam­men kämpft mit jenen, denen die Fähigkeit, ihre nationalen Kul­turen auszu­drück­en und zu entwick­eln, ver­weigert wurde und für die die nationale Befreiung ein wesentlich­er Bestandteil der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion ist.

Wir denken oft an Trotz­ki im Exil, den Propheten, der in der Wüste von Nieder­lage und Kon­ter­rev­o­lu­tion schre­it, in fast voll­ständi­ger Ein­samkeit, ver­lassen und mis­sachtet. Aber “Trotz­ki”, das absurde Melo­dram, das ihn und die Erin­nerung an 1917 begraben sollte, ruft das her­vor, was Isaac Deutsch­er so tre­f­fend den “bewaffneten Propheten” nan­nte. Das ist der Trotz­ki, dessen schein­bar teu­flis­che Macht, wie selb­st die Serie zeigen muss, nicht wirk­lich seine eigene ist: Er ist nichts ohne die auf­ständis­chen Massen. Er führt sie nicht an, son­dern wird von ihnen mit­ge­führt, erhoben durch jedes ihrer Worte und Schreie, durch jeden Stim­mungswech­sel, ihre Hoff­nun­gen und Äng­ste. Er hört sie, wie es nie­mand außer Lenin kon­nte, und wenn er zu ihnen zu sprechen scheint, sind die Worte, die er spricht, ihre eige­nen, nicht seine, als ob er ihr Über­set­zer wäre, oder vielle­icht genauer gesagt, ein Schreiber, der ihnen die Ange­bote und Mah­nun­gen, die Jubel der Zus­tim­mung und die wüten­den Rufe der Oppo­si­tion vor­li­est, die aus unzäh­li­gen Tre­f­fen, Debat­ten und Demon­stra­tio­nen ent­standen, ohne einen einzel­nen Autor oder Ursprung. Aus diesem Grund muss Trotz­ki (oder Trotz­ki, alias Bron­stein) exhumiert und rea­n­imiert wer­den, um getötet und wieder begraben zu wer­den, als ob es nicht genügt, ihn ein­mal zu töten: Die Angst vor Trotz­ki ist eine Angst vor den Massen.

Halis Yildirim ist Philosoph und pro­movierte an der LMU München. Seine Forschungs­ge­bi­ete sind die Geschicht­skonzep­tion von Hegel, Gram­sci und Ben­jamin sowie der Völk­er­mord an den Armenier*innen.

Fußnoten

1 Louis Althuss­er, “For Marx” (Lon­don: Pen­guin, 1969), S. 139.
2 Leo Trotz­ki, Ther­mi­dor und Anti­semitismus.
3 Win­ston Churchill, “Zion­ism ver­sus Bol­she­vism,” llus­trat­ed Sun­day Her­ald (Lon­don), Feb­ru­ary 8, 1920, S. 5; Churchill, “The Ogre of Europe,” Great Con­tem­po­raries (Lon­don: Odhams Press, 1947), S. 152–58.
4 Leo Trotz­ki, Geschichte der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, Bd. 1, Kap. 12.
5 Leo Trotz­ki, Geschichte der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, Bd. 2, Kap. 17.
6 Leo Trotz­ki, Geschichte der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, Bd. 2, Kap. 2.
7 Leo Trotz­ki, Geschichte der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, Bd. 2, Kap. 16.
8 Ebd.
9 Ebd.
10 Ebd.
11 Ebd.

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