Geschichte und Kultur

Das schlimmste Massaker in der Geschichte von Paris?

Handelte es sich um das schlimmste Massaker in der Geschichte von Paris? Die Attentate am 13. November kosteten mindestens 132 Menschen das Leben, als Dschihadist*innenen wahllos in die Menge schießen, im Namen ihrer reaktionären Ideologie. Doch ein schlimmeres Massaker erlebte die französische Hauptstadt vor 54 Jahren, als bis zu 200 Menschen ermordet und ihre Leichen in die Seine geworfen wurden. Die Mörder*innen damals? Die Polizei.

Das schlimmste Massaker in der Geschichte von Paris?

17. Oktober 1961. Nach sieben Jahren neigte sich der algerische Befreiungskrieg seinem Ende zu. Die französische Kolonialmacht hatte schon Hunderttausende getötet, doch die Bevölkerung stand hinter der Nationalen Befreiungsfront (FLN) und ihrer Forderung nach Unabhängigkeit. Auch die rund 350.000 Algerier*innen, die in Frankreich lebten, unterstützten diesen Kampf mit Spenden. Auch sie waren brutaler Repression seitens der De-Gaulle-Regierung ausgesetzt.

Algerische Hilfspolizist*innen wurden vom Regime aufgestellt, um FLN-Anhänger*innen zu entführen, zu foltern und zu töten. Die FLN rächte sich mit Morden an den verantwortlichen Polizist*innen. Ab dem 5. Oktober wurde eine Ausgangssperre für die „französischen Muslime Algeriens“ in Frankreich verhängt – Menschen mit einer bestimmten Hauptfarbe verloren alle demokratischen Rechte.

Massendemonstrationen am 17. Oktober sollten diese Ausgangssperre durchbrechen. Die Polizei war vorab informiert, dass die FLN-Führung komplett friedliche Proteste angeordnet hatte. Doch als die Aufmärsche von verschiedenen Punkten der Stadt aus losgingen, feuerte die Polizei in die Menge. Dutzende Menschen starben auf der Straße.

Nachdem die Menschenmengen zerstreut waren, begann das Massaker erst. Die ganze Nacht und in den folgenden Tagen wurden Verdächtige in Internierungslager gebracht oder hingerichtet. Insgesamt mehr als 200 algerische Demonstrant*innen wurden in der Nacht getötet. Ihre Leichen wurden in die Seine geworfen.

Der französische Staat hat dieses Massaker nie vollständig anerkannt, geschweige denn Entschädigungen für die Angehörigen der Opfer gezahlt. Seit 2001 gibt es eine Gedenktafel an der St.-Michel-Brücke. Der sozialdemokratische Premierminister Lionel Jospin gab eine Erklärung über ein Massaker mit etwa zehn Toten ab. Bis heute ist nicht mal genau geklärt, wie viele Menschen an diesem Abend ihre Leben verloren.

Möglich wurde dieses Massaker nur deshalb, weil die Sozialdemokrat*innen und die stalinisierte Kommunistische Partei in Frankreich ihr imperialistisches „Vaterland“ unterstützten und die Rechte der Algerier*innen verwarfen. Im Parlament stimmten auch diese „linken“ Abgeordneten für Sondergesetze, die besondere Repressionsmaßnahmen in der Kolonie zuließen.

Am Ende war der algerische Befreiungskrieg erfolgreich. Doch die Kosten waren enorm. Die französischen Polizist*innen, die in jener Nacht auf unbewaffnete Zivilist*innen schossen, waren Teil eines umfassenden Systems von rassistischer Diskriminierung und kolonialer Ausbeutung. Sie waren Terrorist*innen – kein Deut besser als die Dschihadist*innen von heute. Doch ihre Politik wird auch heute noch fortgesetzt, etwa in den Ausgangssperren während der Aufstände in den Banlieues im Jahr 2005. Heute hat der französische Imperialismus die meisten seiner Kolonien verloren, aber lebt weiterhin von der Ausbeutung großer Teile des Globus.

Deswegen tragen wir nicht die französische Trikolore, wenn wir den Opfern des Attentats in Paris gedenken. Dieses rot-weiß-blaue Banner ist ein Symbol von Kolonialismus und Imperialismus, die diese und noch schlimmere Gräueltaten zu verantworten haben. Den Opfern dieses brutalen Verbrechens gedenken wir mit dem Kampf gegen jede Art von Unterdrückung und Ausbeutung. Das Symbol dafür ist die rote Fahne – das Symbol, mit dem bereits früheren Opfern von unvorstellbarer Gewalt in Paris gedacht wurden.

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