CSD in Münster: „Das ist eine queere Veranstaltung, keine politische.”

28.08.2023, Lesezeit 4 Min.
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Foto: Lena Hense

Der Münsteraner CSD war gut besucht. Auch Gewerkschafter:innen und Linke beteiligten sich. Doch die Veranstalter:innen wollten keinen politischen CSD. Sie degradierten das Erbe von Stonewall zur unpolitischen Tanzveranstaltung.

Beim CSD am vergangenen Samstag kamen rund 10.000 Menschen in Münster zusammen. Als Waffen der Kritik und KGK Workers waren wir dort, um gemeinsam für eine Zukunft ohne Unterdrückung und Ausbeutung zu kämpfen. Doch anstatt einer kämpferischen Demo, an der queere Menschen gemeinsam mit Arbeiter:innen gegen das System der Unterdrückung laut sind, versuchten die Veranstalter:innen, den CSD möglichst unpolitisch zu halten. So wurden wir und andere politische Organisationen mehrmals aggressiv aufgefordert, die politischen Fahnen herunterzunehmen. Auch die Fahnen von GEW, ver.di und DGB sollten verschwinden. Der Grund dafür: der CSD sei eine “queere Demo, aber keine politische Demo”. Gemeinsam mit den Gewerkschafter:innen haben wir uns dazu entschieden, die Fahnen nicht einzurollen, denn der Kampf für queere Befreiung ist und bleibt für uns ein politischer Kampf, den wir nur gemeinsam führen können.

Und dieser Kampf ist heute immer noch so nötig, wie bei den New Yorker Stonewall-Riots 1969 – dem Ursprung des CSD. Damals stürmte die Polizei das New Yorker Stonewall-Inn in der Christopher Street. Die Gäste der Bar waren vor allem Dragqueens, trans Personen und People of Color. Es kam zu nächtelangen Straßenschlachten gegen die Gewalt der Polizei und die zu dieser Zeit häufig stattfindenden Razzien und Kontrollen. Der Münsteraner CSD zeigte sich, abgelöst von seiner eigenen Geschichte, leider wenig politisch. Statt politischer Statements gab es einen Stand der Polizei am Rande der Demo-Route.

Und das, obwohl vor einem Jahr beim CSD der trans Mann Malte durch einen queerfeindlichen Angriff getötet wurde. Angriffe gegen queere Menschen sind in Deutschland auch heute noch an der Tagesordnung. Im vergangenen Jahr wurden 1.005 Fälle gezählt. Die Queerfeindlichkeit hat im Kapitalismus System. Sie ist Teil einer Ideologie, die der Spaltung der Arbeiter:innenklasse und der Aufrechterhaltung der patriarchalen Kleinfamilie dient. (Queere) Unterdrückung ist im Interesse des bürgerlichen Staates. Deswegen wird es im Kapitalismus auch keine wirkliche queere Befreiung geben können. So ist auch das neue Selbstbestimmungsgesetz ein Etikettenschwindel. Es beinhaltet weiterhin diskriminierende und umständliche Regelungen zur Transition und leitet die persönlichen Daten der Betroffenen direkt an die Sicherheitsbehörden weiter. Was eine zukünftige, möglicherweise rechte Regierung mit diesen Daten anstellen könnte, sollte im Hinblick auf die deutsche Geschichte klar sein.

Wir können uns also nicht auf den Reformismus verlassen. Es reicht nicht, die Errungenschaften der queeren Community zu feiern. Denn jede neue Regierung kann im bürgerlichen Staat die erkämpften Rechte wieder rückgängig machen. Queere Befreiung können wir nur durch den gemeinsamen Kampf der Ausgebeuteten und Unterdrückten erreichen. Nur die vereinte Arbeiter:innenklasse hat die Macht, das System an seiner Basis anzugreifen – im Produktionsprozess. Wie die Arbeiter:innen von Madygraf zeigten, die eine Kollegin im Kampf gegen die transfeindlichen Bosse unterstützen und dabei schließlich auch ihre eigenen Rechte verteidigten: “Unterdrückung spaltet die Arbeiter:innenklasse und der Kampf gegen Unterdrückung vereint sie”. Deswegen brauchen wir einen CSD, an dem Arbeiter:innen und queere Menschen Seite an Seite gegen die herrschende unterdrückerische Ordnung kämpfen. Für eine Welt ohne kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung, für ein selbstbestimmtes und freies Leben für alle!

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