Frauen und LGBTI*

Brot und Rosen und die neue feministische Welle

Anfang Juli versammelten sich mehr als 350 Menschen im südfranzösischen Aveyron zu einer internationalistischen und revolutionären Sommerakademie. Eine Gelegenheit für Aktivistinnen der internationalen sozialistischen Frauenorganisation Brot und Rosen, über die neue feministische Welle und die Rolle, die Revolutionärinnen in ihr spielen müssen, zu diskutieren.

<em>Brot und Rosen</em> und die neue feministische Welle

Die let­zten Jahre waren von der Entste­hung ein­er neuen Welle von Frauenkämpfen auf glob­aler Ebene geprägt: für Emanzi­pa­tion, gegen geschlechtsspez­i­fis­che Gewalt und für das Recht auf Kon­trolle des eige­nen Kör­pers. Von der “grü­nen Welle” für das Recht auf Abtrei­bung in Argen­tinien bis hin zu massen­haften Mobil­isierun­gen gegen Trump und Bol­sonaro; von den großen Frauen­streiks im Spanis­chen Staat und der Schweiz über die Rolle der Frauen bei Mobil­isierun­gen in Frankre­ich bis hin zu rev­o­lu­tionären Prozessen in Alge­rien und Sudan: Frauen ste­hen an der Spitze der inter­na­tionalen Kämpfe. In diesem Zusam­men­hang stand die Frage des Fem­i­nis­mus im Mit­telpunkt der Diskus­sio­nen, die im Rah­men der von Klasse Gegen Klasse und den anderen europäis­chen Grup­pen des Net­zw­erks La Izquier­da Diario organ­isierten Som­mer­akademie stat­tfan­den.

Die Som­mer­akademie bot Gele­gen­heit zu einem Tre­f­fen und zen­tralen Diskus­sio­nen zwis­chen den ver­schiede­nen Grup­pen von Brot und Rosen aus Ital­ien, dem Spanis­chen Staat, Deutsch­land und Frankre­ich. “Fem­i­nis­mus und Inter­sek­tion­al­ität”, “Wed­er Abo­li­tion­is­mus noch Reg­u­la­tion­is­mus: Eine dritte Posi­tion in der Debat­te über die Pros­ti­tu­tion”, “Debat­te mit dem Fem­i­nis­mus für die 99%”, ein Aus­tausch mit den Arbei­t­erin­nen von Brot und Rosen, die Präsen­ta­tion des Buch­es Un fémin­isme décolo­nial mit der Autorin Françoise Vergès… so viele Work­shops und Debat­ten, die diese Som­mer­akademie, die mit einem Tre­f­fen über die neue fem­i­nis­tis­che Welle auf inter­na­tionaler Ebene eröffnet wurde, bere­icherten.

Andrea d’A­tri, eine bekan­nte argen­tinis­che Fem­i­nistin, Autorin des Buch­es Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kap­i­tal­is­mus und Grün­derin der Frauenor­gan­i­sa­tion Pan y Rosas in Argen­tinien, war ein­er der Gäste und führte unter anderem eine Diskus­sion über das Man­i­fest eines Fem­i­nis­mus für die 99%. Dieser Work­shop ermöglichte es, die neue fem­i­nis­tis­che Welle zu charak­ter­isieren, wobei das Man­i­fest mehrere Debat­ten auf den Punkt bringt. Denn auf inter­na­tionaler Ebene hat die starke Inte­gra­tion von Frauen in den Arbeits­markt in den let­zten Jahren, vor allem in den prekärsten Stellen, zu ein­er Welle heftiger Kämpfe geführt, die eine enge Verbindung zwis­chen kap­i­tal­is­tis­ch­er Aus­beu­tung und Geschlechterun­ter­drück­ung her­stellt. Dies zeigt sich beson­ders deut­lich in der Aneig­nung der Streik­meth­ode durch die Frauen­be­we­gung. Jene markiert eine große Verän­derung im Ver­gle­ich zu der langjähri­gen Vere­in­nah­mung der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung durch die Insti­tu­tio­nen der bürg­er­lichen Demokratie.

In diesen Diskus­sio­nen um das Man­i­fest und die Entste­hung ein­er antikap­i­tal­is­tis­chen Strö­mung inner­halb der neuen fem­i­nis­tis­chen Welle, deren es ein Aus­druck ist, wur­den auch bes­timmte strate­gis­che Gren­zen aufgezeigt. Tat­säch­lich erk­lärt der Fem­i­nis­mus für die 99% nicht die Mit­tel, die einge­set­zt wer­den müssen, um Aus­beu­tung und Unter­drück­ung zu besiegen, und bleibt schwammig in Bezug auf das soziale Sub­jekt, das in der Lage sein wird, in diesem Kampf an vorder­ster Front zu ste­hen.

Genau diese Fra­gen ver­suchen die ver­schiede­nen europäis­chen Sek­tio­nen der inter­na­tionalen Frauenor­gan­i­sa­tion Brot und Rosen in ihrer Prax­is zu beant­worten, indem sie voll­ständig in dieses Phänomen des fem­i­nis­tis­chen Kampfes ein­greifen. Schon am ersten Abend brachte ein fem­i­nis­tis­ches Podi­um Andrea d’A­tri und Aktivistin­nen von Pan y Rosas aus dem Spanis­chen Staat, Il Pane e le Rose aus Ital­ien, Brot und Rosen aus Deutsch­land und Du Pain et des Ros­es aus Frankre­ich zusam­men. Und am näch­sten Tag bot ein Tre­f­fen zwis­chen den ver­schiede­nen Sek­tio­nen dieser inter­na­tionalen Frauenor­gan­i­sa­tion die Gele­gen­heit, sich inten­siv über die unter­schiedlichen poli­tis­chen Erfahrun­gen in jedem dieser Län­der auszu­tauschen.

Ins­beson­dere Eisen­bah­ner­in­nen aus Frankre­ich, aber auch prekäre Arbei­t­erin­nen aus dem Spanis­chen Staat, Arbei­t­erin­nen aus Kranken­häusern in Deutsch­land und die Kämpferin­nen des Onet-Streiks nah­men an diesem Aus­tausch teil. Der von Révo­lu­tion Per­ma­nente pro­duzierte Doku­men­tarfilm über diesen Streik, der ihren Kampf gegen Prekarisierung und für Würde nachze­ich­net, wurde vor einem großen Pub­likum in Anwe­sen­heit der Streik­enden gezeigt. Ein exem­plar­isch­er Kampf, der zeigt, dass es möglich ist, erhobe­nen Hauptes den Kampf gegen Prekarisierung zu führen – mit arbei­t­en­den Frauen in der ersten Rei­he.

Im Spanis­chen Staat sind in den let­zten Jahren als Reak­tion auf die Angriffe auf das Recht der Frauen, über ihre eige­nen Kör­p­er zu entschei­den, ins­beson­dere in Bezug auf Abtrei­bung, große Mobil­isierun­gen ent­standen. Sie organ­isierten große Streiks am acht­en März, die das ganze Jahr über bei lan­desweit­en Frauen­tr­e­f­fen und in Kom­mis­sio­nen vor­bere­it­et wur­den. Die Aktivistin­nen von Pan y Rosas vertei­di­gen eine völ­lige Unab­hängigkeit von den Insti­tu­tio­nen und ver­suchen, die Forderun­gen der Arbeiter*innenbewegung und der arbei­t­en­den Frauen zu vere­inen, um das Sys­tem auf ganz­er Lin­ie anzu­greifen.

In Ital­ien set­zt sich Il Pane e le Rose, das in diesem Jahr gegrün­det wurde, für die Vertei­di­gung der Grun­drechte der Frauen (Recht auf Abtrei­bung, Schei­dung usw.) in einem Kon­text zunehmender rechter Polar­isierung und angesichts wieder­holter Angriffe der Regierung von Salvi­ni und der Kirche ein. Die Aktivistin­nen des Kollek­tivs verbinden den fem­i­nis­tis­chen Kampf eng mit dem anti­ras­sis­tis­chen und dem gegen den Impe­ri­al­is­mus, der den Fem­i­nis­mus für ras­sis­tis­che Zwecke instru­men­tal­isiert, indem er die Ver­ant­wor­tung für Gewalt gegen Frauen auf Migranten und nicht-weiße Men­schen überträgt.

Der deutsche Impe­ri­al­is­mus ver­wen­det die gle­iche Rhetorik und ver­sucht, sich ein soziales und fem­i­nis­tis­ches Bild zu geben, während er gle­ichzeit­ig Frauen mith­il­fe eines dem­a­gogis­chen und tief antimus­lim­is­chen Diskurs­es zunehmend prekär macht und Migrant*innen stig­ma­tisiert. Die Genossin­nen von Brot und Rosen kämpfen gegen diese Heuchelei der Regierung und ste­hen in Verbindung mit den prekärsten, an meis­ten aus­ge­beuteten und unter­drück­ten Sek­toren der Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land.

In Frankre­ich, wo es noch keine mas­siv­en Mobil­isierun­gen von Frauen wie im Spanis­chen Staat gibt, lei­den arbei­t­ende Frauen unter den neolib­eralen Angrif­f­en der Regierung. Aber wenn die Prekar­ität ein weib­lich­es Gesicht hat, dann auch der Kampf dage­gen – und das ist es, was die Bewe­gung der Gelb­west­en her­vorge­hoben hat, bei der die Frauen auf die poli­tis­che Bühne getreten sind. Eine Bewe­gung, in die die Aktivistin­nen von Du Pain et des Ros­es gemein­sam ein­grif­f­en.

Auch wenn die Sit­u­a­tio­nen offen­sichtlich unter­schiedlich sind, kämpfen die Fem­i­nistin­nen von Brot und Rosen heute in diesen Län­dern dafür, rev­o­lu­tionäre Strö­mungen in dieser neuen fem­i­nis­tis­chen Welle zu entwick­eln: indem sie den Kampf gegen das Patri­ar­chat mit dem Kampf gegen das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem verbinden und sich mit den prekärsten Sek­toren von Frauen verbinden, die aber auch am entschlossen­sten sind, der Aus­beu­tung und Unter­drück­ung ein Ende zu set­zen. Und indem sie dafür kämpfen, die Kämpfe der Frauen mit der Arbeiter*innenbewegung zu vere­inen – gegen die reformistis­chen und bürokratis­chen Führun­gen, die diese Verbindung um jeden Preis ver­mei­den wollen.

Denn wie Françoise Vergès in einem Work­shop sagte, den sie während der Som­mer­akademie leit­ete: “Ohne die Frauen, die sie reini­gen, würde sich die Welt nicht mehr drehen.” Um einen klassenkämpferischen Fem­i­nis­mus aufzubauen, der entschlossen inter­na­tion­al­is­tisch, anti­im­pe­ri­al­is­tisch und rev­o­lu­tionär ist, rufen wir, die Aktivistin­nen der inter­na­tionalen Frauenor­gan­i­sa­tion Brot und Rosen in Europa, die Frauen auf der ganzen Welt auf, sich unserem Kampf anzuschließen.

Dieser Artikel erschien in leicht verän­dert­er Ver­sion zuerst auf Franzö­sisch bei Révo­lu­tion Per­ma­nente.

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