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Besetzung statt Arbeiter*innenselbstkontrolle – was ging schief an der Volksbühne?

Die Einsetzung von Chris Dercon als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist eine klare Absage des Senats an freie und kritische Kunst und steht für profitorientiertes Theater. Warum war die Besetzung dann nicht erfolgreich?

Besetzung statt Arbeiter*innenselbstkontrolle - was ging schief an der Volksbühne?

Die Besetzung der Volksbühne durch das Künstler*innenkollektiv war ein guter und wichtiger Schritt, um darauf aufmerksam zu machen, dass die neue Spielzeit anders werden muss als sie geplant ist. Seit bekannt ist, dass Dercon Kastorfs Nachfolger ist, gibt es Protest gegen ihn. Schauspieler*innen kippen ihm Getränke über den Kopf, Regisseur*innen kündigen ihre Stellen. Erst recht, seitdem das Rad auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, das ein Symbol der kritischen Kunst war, abgebaut wurde, gibt es auch in der Gesellschaft – oder eher in der Theaterszene – Protest.

Freitag-Abend, Berlin: 60 Stunden Rave, wollen die Besetzer*innen. Junge Menschen, die eigentlich auf dem Weg zu den einschlägigen Berliner Techno-Clubs waren, sind unterwegs zur Volksbühne. Lange Schlangen am Eingang, Verwunderung, darüber, dass man bei einer Besetzung anstehen muss. Auch drinnen ein merkwürdiges Bild. Ein großes Transparent „Alles für alle“ hängt über der geschlossenen Bar.

Auf Facebook äußern die ersten ihren Unmut – ein Rave in der Volksbühne? Wer garantiert dafür, dass nicht hohe Schäden an Bühne/Bühnenbild/Requisiten entstehen?

Die Besetzung ging insgesamt fast eine Woche – es gab viel Zuspruch, viel Kritik am fehlenden Kulturprogramm und Ärger bei Chris Dercon. Doch die Menschen, die die Volksbühne tagtäglich zu dem machen, was sie ist, waren von der Besetzung alles andere begeistert: Unmut der Arbeiter*innen kursierte seit Beginn, am Mittwoch äußerten sie sich klar: „Beendet die Besetzung. Wir wollen wieder arbeiten!“

Viele Arbeiter*innen haben Kritik an Dercon und der Kürzungspolitik für Kulturinstitutionen. Dennoch war diese Besetzung nicht ihre.

Angenommen, die Arbeiter*innen hätten mit einer Forderung (z.B. „Gegen die Intendanz Chris Dercons!“) den Betrieb lahmgelegt, sich kollektiv organisiert, ein alternatives Programm organisiert und gemeinsam mit dem Publikum eine Version des Theaters entwickelt, wie sie es sich wünschen. Wie viel Macht hätten Lederer und Dercon gehabt, wenn die Belegschaft sich für die Besetzung ausgesprochen hätte?

Die Menschen, die im Theater arbeiten, haben kein Problem mit Partys bis zum Morgengrauen. Sie haben aber ein Problem, wenn Leute ihre Thematik verhandeln, ohne sie miteinzubeziehen. Auch das Publikum ist ein wichtiger Teil der Volksbühne, aber an der Situation dort können nur die Arbeiter*innen was ändern.

2 thoughts on “Besetzung statt Arbeiter*innenselbstkontrolle – was ging schief an der Volksbühne?

  1. Glitzer zu Staub! sagt:

    War echt eine schlechte Inszenierung, „das Kollektiv“, eine Gruppe, die von einigen karrieregeilen Aktivist_innen geleitet wurde, verarschte ihre Mitbesetzer_innen, sie gab sämtliche Strukturen vor, versuchte in den Plena jegliche Kritik an ihrem Vorgehen zu verhindern und verhandelte heimlich. Leider erlaubte es die Situation nicht, das Geschehen in eine andere Richtung zu lenken. hier ein Kommentar: https://glitzerzustaub.wordpress.com/

  2. ... sagt:

    Castorf wurde im Artikel mit K geschrieben…

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