Deutschland

Autonomismus — keine Strategie, keine Revolution?

#KGKcamp: Assoziationen zu Autonomismus: „schwarzer Block, Hausbesetzung und Anarchismus.“ Am zweiten Tag des Sommercamps von Klasse Gegen Klasse wurde in einem Workshop über die derzeitige Situation des deutschen Autonomismus diskutiert. Was sind Gemeinsamkeiten und Differenzen mit dem Marxismus?

Autonomismus - keine Strategie, keine Revolution?

Bas­t­ian Schmidt und Aktivist*innen aus Berlin, München und Paris ver­sam­meln sich am Don­ner­stag­mor­gen im Sem­i­nar­raum „Feb­ru­ar“. Sören Luxbach ist enthu­si­astisch und ges­pan­nt auf den Tag. Er find­et es schade, dass er nicht an allen Work­shops teil­nehmen kann. Par­al­lel find­et im Sem­i­nar­raum „Okto­ber“ ein Work­shop zu Autonomer Ästhetik statt. Dustin Hirschfeld antwortet auf die Frage nach seinen Assozi­a­tio­nen zu Autonomis­mus: „schwarz­er Block, Haus­be­set­zung und Anar­chis­mus.“

Ursprünge des Autonomismus

Der Work­shop begin­nt mit einem Input über den his­torischen Beginn des Autonomis­mus. In den 60er Jahre in Ital­ien existierte eine Strö­mung, die sich Operais­mus („Arbeiter*innen-ismus“) nan­nte, die in Fab­riken ver­suchte Arbeiter*innen zu organ­isieren. Auf­grund der bürokratis­chen Dege­nierung der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Ital­iens (KPI), einst die zweit­stärk­ste kom­mu­nis­tis­che Partei Europas, began­nen Arbeiter*innen sich in den Fab­riken und anderen Betrieben “autonom” zu organ­isieren, also basis­demokratisch, selb­stver­wal­tet und nun auch gegen die Form der rev­o­lu­tionären Partei selb­st gerichtet. Eine unmit­tel­bare, aber strate­gielose Antwort auf den Ver­rat des Stal­in­is­mus. Dies führte zu ein­er Prax­is, die sich de fac­to auf ökonomis­che Kämpfe beschränk­te, statt um die Eroberung der poli­tis­chen Macht zu kämpfen. Mit der Fab­riko­r­gan­isierung allein sollte das Momen­tum für eine “spon­tane” Massen­be­we­gung entste­hen, um den Staat zu zer­schla­gen.

Heute in Deutsch­land verneinen viele Autonome die Zen­tral­ität der Arbeiter*innenklasse, geschweige denn die Tat­sache, dass die Arbeiter*innenklasse über­haupt existiert. Die Anhänger*innen dieser Strö­mung wer­den auch als Postau­tonome beze­ich­net, also die Autonomen nach dem Autonomis­mus der Arbeiter*innen. Seit seinem Aufkom­men in Deutsch­land war dies seine haupt­säch­liche Aus­prä­gung und nach wie vor zeigt sich das Fehlen ein­er solchen Verbindung.

Wie sich zum Beispiel erst kür­zlich im Rah­men von den G20-Protesten in Ham­burg bei der Hafen­block­ade des Ums-Ganze Bünd­niss­es zeigte, hat­ten sie diese weitest­ge­hend ohne eine direk­te Verbindung zu den Hafenarbeiter*innen selb­st durchge­führt. Es gab keine länger­fristige Auf­bauar­beit, die sich in diesem Moment in ein­er gemein­samen Aktion zum Aus­druck gebracht hätte und auch als es im April eine Kundge­bung der Hafenarbeiter*innen von Blohm und Voss, wo Ums Ganze nicht inter­ve­niert hat. Ein anderes Beispiel solch­er autonomer Prax­is ist “Ende Gelände”, die von der Inter­ven­tion­is­tis­chen Linken poli­tisch ange­führte Masse­nak­tion gegen die Braunkohle­förderung und die Kli­makrise, die mit ihren Grubenbe­set­zun­gendi­rekt arbeiter*innenfeindlich agiert, als sie den Betrieb ohne Absprachen mit den Kolleg*innen beset­zten.

Gemeinsamkeiten der Autonomen

Obwohl es keine ein­heitliche Ide­olo­gie der Autonomen/Postautonomen gibt, lassen sich Gemein­samkeit­en find­en. Ide­ol­o­gisch ist diese Strö­mung stark von post­mod­er­nen Denker*innen geprägt, wie zum Beispiel Michael Hardt und Anto­nio Negri mit ihrem Konzept der “Mul­ti­tude”. Dies ist ein neues poli­tis­ches Sub­jekt, was an die Stelle der Arbeiter*innenklasse getreten sein soll. Selb­st wenn Streiks unter­stützt wer­den, wer­den sie als ein weit­er­er Kampf gese­hen, gle­ich­berechtigt neben allen anderen Kämpfen. Sie sehen jedoch nicht, dass nur mit den Arbeiter*innen wirk­lich der Staat zer­schla­gen wer­den kann. Es gibt bei ver­schiede­nen Autonomen eine direk­te Verbindung zur Linkspartei oder auch zur Gew­erkschafts­bürokratie. Auch wenn sie diese im all­ge­meinen ver­bal kri­tisieren mögen, fehlt auf der Straße dann jedoch die Kri­tik allzu oft. So stellen sich Autonome richtiger­weise gegen Abschiebun­gen, doch eine Kri­tik der abschieben­den Linkspartei fehlt. Auch kommt es nicht sel­ten vor, dass (frühere) Autonome in der Gew­erkschafts­bürokratie Kar­riere machen.

Warum ist der Autonomismus so attraktiv für Jugendliche?

Viele Jugendliche, die sich gegen Nazis engagieren wollen, wer­den von der autonomen Szene ange­zo­gen. Im Work­shop ent­deck­en wir, dass einige von uns früher in autonomen Grup­pierun­gen waren oder min­destens mit dem Autonomis­mus sym­pa­thisiert haben. Unsere Analyse ist, dass autonome Grup­pen ein „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl ver­mit­teln, das in indi­vid­u­al­is­tis­chen Aktio­nen stark ist. Dadurch, dass man sich nicht poli­tisch fes­tle­gen muss, ist die autonome Szene ein guter Anlauf­punkt für junge Men­schen. So posi­tion­iert sich die IL nicht im Israel-Palästi­na-Kon­flikt, um ver­meintlich ein­er Spal­tung vorzubeu­gen. Diese “Vor­beu­gung” endet dann aber in ein­er zunehmenden Spal­tung in Rich­tung ein­er Dul­dung und Akzep­tanz von chau­vin­is­tis­chen pro-zion­is­tis­chen (anti­deutschen) Posi­tio­nen. Dass sie damit viele migrantis­che Men­schen aus­gren­zen, die eine klare Hal­tung zu diesem antikolo­nialen Kampf haben und sel­ber Ras­sis­mus erfahren, scheint nicht zu zählen.

Hov­hannes Gevorkian erläutert in seinem Rede­beitrag zur Pop­u­lar­ität der Autonomen und Aspek­ten, die wir von ihrem poli­tis­chen Konzept ler­nen kön­nen:

Sie sind die Avant­garde im Kampf gegen die Staats­macht, sie kanal­isieren die berechtigte Wut auf die Staats­ge­walt auf der Straße. Ihre Struk­tur sind oft pro­fes­sionell organ­isiert, mit Ban­nern, Pyrotech­nik etc., so dass die Aktio­nen auf der Straße auf Jugendliche anziehend wirken, da sie oft eine klare Tak­tik und viel Erfahrung haben.

Ein Aspekt, so die Schlussfol­gerung, muss es sein, als Kommunist*innen sel­ber entschlossen vorne in mil­i­tan­ten Auseinan­der­set­zun­gen dabei zu sein – wenn physis­che Gewalt als tak­tisch notwendi­ges Mit­tel genutzt wird. Wir wollen eine rev­o­lu­tionäre Partei auf­bauen, die die Führung übern­immt, auch in der konkreten Auseinan­der­set­zung mit der Staats­macht.

Die Arbeiter*innen selb­st haben das größte mil­i­tante Poten­tial – nicht nur in Form von ökonomis­ch­er und poli­tis­ch­er Macht durch Streiks und Beset­zun­gen, son­dern auch durch den kreativ­en Ein­satz der Instru­mente ihrer Aus­beu­tung. Trotz aller Kri­tik wird von den Workshopteilnehmer*innen deut­lich aufgezeigt, dass wir Aktion­sein­heit­en mit autonomen Grup­pen dur­chaus gut find­en und wir sol­i­darisch auftreten in Fällen von Repres­sion und Ein­schränkung unser­er demokratis­chen Rechte.

Natür­lich kämpfen wir mit autonomen und anar­chis­tis­chen Aktivist*innen zusam­men gegen Unter­drück­ung, aber wir müssen in der Prax­is beweisen, dass die Zen­tral­ität der Arbeiter*innenklasse für eine erfol­gre­iche Rev­o­lu­tion unab­d­ing­bar ist.

sagt Dustin Hirschfeld, der mit den anderen Workshopteilnehmer*innen auf dem Weg zum Mit­tagessen ist.

One thought on “Autonomismus — keine Strategie, keine Revolution?

  1. Amanda sagt:

    Vie­len dank für den Artikel samt Zusam­men­fas­sung einiger wichtiger Kri­tikpunk­te aus kom­mu­nis­tis­ch­er Sicht.

    Eine inhaltliche Kri­tik:

    “So posi­tion­iert sich die IL nicht im Israel-Palästi­na-Kon­flikt, um ver­meintlich ein­er Spal­tung vorzubeu­gen. Diese „Vor­beu­gung“ endet dann aber in ein­er zunehmenden Spal­tung in Rich­tung ein­er Dul­dung und Akzep­tanz von chau­vin­is­tis­chen pro-zion­is­tis­chen (anti­deutschen) Posi­tio­nen. Dass sie damit viele migrantis­che Men­schen aus­gren­zen, die eine klare Hal­tung zu diesem antikolo­nialen Kampf haben und sel­ber Ras­sis­mus erfahren, scheint nicht zu zählen.”

    -> sich beim ‘Nahostkonflikt’/ Kolonisierung Palästi­nas NICHT zu posi­tion­ieren ist nicht ein fail weil man ja son­st die linkspoli­tisierten Kanaken ver­lieren kön­nte. Das Argu­ment scheint opor­tunis­tisch. Es ist objek­tiv falsch sich auf der Seite eines Kolo­nial- & Aparthei­dsstaates zu stellen. Und ger­ade nicht-migrantsiche Deutsche müssen hierzu eine eigene anti-kolo­niale Sub­jek­tiv­ität erlan­gen und vor den allzudeutschen ‘Anti­deutschen’ vertei­di­gen.

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