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Arbeitsaus für Reinigerinnen?

Heute ist für sechs Reinigungskräfte im Berliner Botanischen Garten womöglich der letzte Arbeitstag.

Arbeitsaus für Reinigerinnen?

Heute ist der letzte Arbeitstag für Carolin Zoellner. Um genauer zu sein: Sie weiß nicht, ob er es tatsächlich ist oder nicht. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Reinigungskraft im Botanischen Garten in Berlin-Steglitz. Sechs Frauen müssen eine Fläche von 30.000 Quadratmetern sauber halten. Das ist nie zu schaffen. „Da muss man Prioritäten setzen“, sagt Zoellner, „also immer schauen, was gerade am wichtigsten ist“.

Angestellt ist sie aber nicht beim Garten selbst, sondern bei einer Tochterfirma, der „Betriebsgesellschaft“. Der allgemeinverbindliche Mindestlohn für die Reinigungsbranche liegt bei 9,80 Euro. Aber Zoellners offizielle Jobbezeichnung lautet: „Reinigungsservice“. Es ist genau die gleiche Tätigkeit, aber dafür verdient sie nur 8,77 Euro in der Stunde.

Die Freie Universität, der der Garten gehört, will Zoellner und insgesamt 31 Beschäftigte der Tochterfirma loswerden. Reinigung, Technik und Besucherservice sollen an Fremdfirmen vergeben werden. Die Drohung besteht seit Ende 2015 – als erste trifft es die Reinigerinnen.  Am 31. März laufen die Verträge für deren Tätigkeit aus. Am 1. April wird wohl eine Fremdfirma übernehmen, aber die Belegschaft kennt keine Details. Zoellner und ihre Kolleginnen haben noch gültige Arbeitsverträge, aber keine Arbeit.

Seit September 2014 wissen sie von diesen Plänen. Die Geschäftsführung verspricht, von betriebsbedingten Kündigungen abzusehen. „Stattdessen wurde uns der Arbeitsplatzwechsel ans Herz gelegt“, sagt Conny, ebenfalls Reinigerin. „Als ob das keine Drohung wäre!“ Ein Wechsel in den Besucherservice bietet auch keine längerfristige Perspektive, da der ebenfalls per Werkvertrag ausgegliedert werden soll.

Warum beharrt die FU auf Outsourcing, wenn die Reinigung durch eine Fremdfirma unter dem Strich deutlich teurer wird? In erster Linie geht es der Hochschulleitung vermutlich darum, den Betriebsrat loszuwerden, der seit vier Jahren für die Interessen der Kolleg*innen streitet. Unter den 31 Beschäftigten auf der „Abschussliste“ befinden sich zwei Betriebsratsvorsitzende, drei weitere Betriebsratsmitglieder, eine Schwerbehindertenvertreterin und fünf Mitglieder der Tarifkommission.

„Es gibt einen Mangel an Reinigungskräften, daher ist die Fluktuation in anderen Betrieben groß“, erläutert der Betriebsratsvorsitzende Lukas S.. „Umso seltener ist es, dass sich Reinigungskräfte so stark mit ihrem Arbeitsplatz identifizieren wie bei uns.“ Die Bundesagentur für Arbeit rät, das Reinigungspersonal zu binden. Doch es soll trotzdem weg.

Diese Arbeiterinnen befinden sich an der Schnittstelle von Prekarisierung und Frauenunterdrückung. Zoellner wurde vom Jobcenter zum Botanischen Garten geschickt. Für diese „typisch weibliche“ Tätigkeit bekommen sie nur Niedriglöhne. Und wenn sie ihre Rechte einzufordern versuchen, werden sie rausgeschmissen.

„Der psychische Druck ist riesig“, berichtet Zoellner. Dennoch möchte sie nicht aufgeben. Die Belegschaft hat bereits zwei Warnstreiks organisiert, am 29. Januar und am 11. März. Sie brauchen Unterstützung und Solidarität aus der Bevölkerung. Eine Gelegenheit dazu ist der „Staudenmarkt“ dieses Wochenende. Zehntausende Besucher*innen kommen zu einem Frühlingsfest in den Garten. Die Beschäftigten und ihre Unterstützer*innen werden sich am Samstag um 13 Uhr treffen, um Flyer an die Besucher*innen zu verteilen. Der Treffpunkt ist am Eingang „Unter den Eichen“ nahe dem S-Bhf Botanischer Garten.

Prominente Unterstützung bekommen sie schon. Die Berliner Linkspartei fordert in ihrem aktuellen Wahlkampfprogramm, die Tarifflucht am Botanischen Garten zu beenden, nachdem die Streikenden ihren Landesparteitag besuchten. Vertreter*innen der Linkspartei, der Piratenpartei und der SPD unterstützen die Forderung „gleiches Geld für gleiche Arbeit“. Und in zwei Wochen beginnen die Vorlesungen an der FU wieder. Hier ist auch mit Protesten zu rechnen.

Dieser Artikel in der jungen Welt

Ausbeutung am Botanischen Garten wegfegen!

Solidaritätsaktion für die Beschäftigten im Botanischen Garten

Samstag, 2. April 2016, 13 Uhr

Eingang „Unter den Eichen“ des Botanischen Gartens

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