Hintergründe

Antisemitismus in der Esoterik und in der „Neuen Rechten“ (II)

Nachdem wir im ersten Teil dieses vierteiligen Artikels über historische Grundlagen des Antisemitismus geschrieben haben, widmen wir uns hier einigen aktuellen Ausformungen des Antisemitismus in Deutschland.

Antisemitismus in der Esoterik und in der „Neuen Rechten“ (II)
I. Antisemitismus, Antizionismus und Revolution
II. Antisemitismus in der Esoterik und in der „Neuen Rechten“
III. Wie bekämpfen wir Antisemitismus?
IV. Für einen revolutionären Antizionismus!

Antisemitismus ist aktuell in der „Neuen Rechten“: „Die Umverteilung findet nicht von arm auf reich, sondern von fleißig auf reich statt.“ Solche Sätze hört man oft von Antisemit*innen, die im Anschluss Anspielungen auf jüdische Bankiersfamilien fallen lassen. Hier drückt der Antisemitismus die Angst des Kleinbürger*innentums schlechthin aus: Kein „Fleiß“ wird ihnen gegen das große Kapital helfen. Gleichzeitig drückt er die Bindung des Kleinbürger*innentums an den Kapitalismus aus, denn nicht die Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit und die planmäßige Produktion sind ihre Vorstellung, sondern die Utopie, im Kapitalismus „durch Fleiß“ reich zu werden, was den Erfahrungen der Arbeiter*innenklasse krass widerspricht.

Der Antisemitismus hat sich hierzulande seit dem deutschen Faschismus wiederum verändert.  Juden*Jüdinnen siedelten sich erst ab 1990 wieder stärker in Deutschland an, heute leben 250.000 Juden*Jüdinnen hier, viele von ihnen kamen wegen des Antisemitismus und der Armut aus der kapitalistisch restaurierten Sowjetunion. Sie werden heute erneut antisemitisch angegriffen, durch Grabschändungen, Schmierereien, Beleidigungen, körperliche Angriffe. Diese Unterdrückung greift auf Elemente der alten Ideologie des Nationalsozialismus zurück, vermengt sie nur mit neuen Irrationalismen.

Antisemitismus in der Esoterik und in der „Neuen Rechten“

Der Antisemitismus heute lebt immer noch von der abstrakten Angst vor dem Finanzkapital, dem er eine scheinbar „heile Welt” deutschen Blutes und deutschen Bodens entgegensetzt. Einziger Unterschied: Deutsches Blut wird heute eher „Kultur“ genannt und deutscher Boden „Souveränität“. Anstatt die Kapitalist*innen als solche zu benennen, ersetzt die Demagogie sie mit einer erfundenen Erzählung von der durch zahlreiche Euphemismen verdeckten Figur „des Juden“, der als Zionist, „Ostküstler“, „Finanzkapitalist“, „FEDler“, „dunkle Macht“, „anderes Interesse“, „Globalist“, „Israel-Lobbyist“ und vieles weitere mehr bezeichnet wird. Mahnwachen-Anführer Lars Mährholz brachte diese Formel auf einen Punkt, wenn er in der Rolle als Kleinbürger seine Angst vor Wertverlust zusammenfasst: „Die Bank nimmt dir reale Werte weg (‚echtes‘ Bargeld, Anm. d. Verf.), nachdem sie dir unreale Werte (Kontoeinlagen, Anm. d. Verf.) gegeben hat.“

Im März 2015, also noch vor dem rechtsradikalen „Putsch“ gegen den rechtskonservativen Parteigründer Lucke, veranstaltete die AfD Nordrhein-Westfalen einen „Alternativen Wissenskongress“. Die Hauptredner*innen waren antisemitische, euro- und „zinskritische“ Ideolog*innen der Neurechten. Im Dunstkreis des geladenen Kreises glaubt man mitunter an eine Verschwörung von Reptiloiden und „der Zinslobby“, vulgo den Juden*Jüdinnen.

In ruhigen Zeiten interessiert sich niemand für Menschen, die an Reptiloide glauben. Solche Personen schwanken zwischen Deklassierung und Kleinbürger*innentum, haben entweder schon Kapital für ihr esoterisches Dasein, brauchen den Beistand eines exzentrischen Mäzens oder scharen genug verzweifelte Sektengläubige um sich, die ihr Treiben mit Seminargebühren und dem Kauf von Talismanen finanzieren.

In unruhigeren Zeiten aber brauchen reaktionäre Massenbewegungen Ideologielieferant*innen. Da die bürgerlichen Wissenschaften sich, so lange der Kapitalismus als Ganzes noch einigermaßen stabil scheint, weniger für solche Unterfangen hergeben, dienen völkische Esoterik, christliche Sekten, halbfaschistische Verbindungen und elitistische Rechtsradikale als intellektueller Pool für die Bewegung. Dabei interessieren sie sich weniger für die Teile mit den Reptiloiden und mehr für die Ideologieelemente über jüdische Herrschaft, getarnt als „Währungs- und Zinskritik“.

Rechtes Geheimwissen

Unbewusst angefeuert wird der (lokal auf Dresden beschränkte) Masseneinfluss des Pegida-Rassismus in erster Linie durch die Unterdrückung von Migrant*innen und besonders Geflüchteten durch die rassistischen deutschen Institutionen und die Regierung. Da sie aber selbst nicht die Bourgeoisie stellen und von der Unterdrückung „nach unten“ profitieren, richtet sich das Ressentiment der Pegida-Leute sowie ihrer bundesweiten Sympathisant*innen auch gegen einen „Puffer“ zum Kapitalismus. Zumal sie den Kapitalismus selbst weder angreifen können noch wollen. Dieser Puffer sind für sie Jüdinnen*Juden. Sie imaginieren die meist codiert genannte Figur der*des Juden*Jüdin als Verantwortliche für Kredite, Bankenwesen, Zins, „Gier“ und nicht bar gezahltes Geld – kurzum alles, was die soziale Minderwertigkeit des Kleinbürger*innentums gegen das Großbürger*innentum ausmacht.

Die Kunstfigur des*der verschworenen Jüdin*Juden soll die realen Triebkräfte des Kapitalismus zugunsten alter rassistischer Traditionen vergessen machen. Die antisemitisch leicht anschlussfähige Kritik am Zins vertauscht die wissenschaftliche Tatsache, dass Wert aus Arbeitskraft geschöpft wird, mit dem Irrationalismus, dass „Geld aus dem Nichts“ kommt. Eine Behauptung, die auch innerhalb der Reformlinken mangels Klassenanalyse populär und somit anschlussfähig für Querfront-Taktiken ist.

Die Esoterik – und viele Spielformen der nichtmarxistischen „Wirtschaftskritik“ – verneinen überhaupt die wissenschaftliche Methode. An die Stelle einer Analyse der Klassen setzen sie Lehren von Abstammungen und völkischem Recht. Da sie den Kapitalismus nicht verstehen können, behaupten die rechten Ideolog*innen einfach ein Geheimwissen. Sie schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe:

Zum einen „erklären“ die „Neuen Rechten“ – und ihr Einflussbereich – so die Wirkung metaphysischer Kräfte und jüdischer Geheimbünde, die mit nicht-öffentlichen Methoden und unzugänglichen Codes arbeiten müssten. Während Lenin seine Imperialismustheorie mit öffentlich zugänglichen Quellen bildete, ja der gesamte Kapitalismus offen vor unseren Augen abläuft und jede*r Arbeiter*in das Prinzip der Ausbeutung der Lohnarbeit durch eigene Anschauung verstehen kann, ist es nicht so leicht zu zeigen, warum die Herrschaft des Menschen über den Menschen gut, die Ausbeutung von Lohnarbeit gut, das Privateigentum an Produktionsmittel gut – internationales Finanzkapital aber böse und dem Rest des Kapitalismus fremd, ja sogar antagonistisch gegenüber der Produktion, aus dem es in Wahrheit hervorgeht, sein soll. Die Rechten brauchen also Verwirrung, weil ihre Theorie schlecht ist.

Zum Anderen verschanzt die reaktionäre Lehre somit das Fehlen einer wissenschaftlichen Methode in ihren eigenen Ausführungen, denn natürlich können nur besonders ausgewählte Erleuchtete verstehen, womit die breite Masse der Menschheit angeblich dumm und abhängig gehalten wird (im neurechten Internetsprech: „sheeple“). Das ist die elitistische Komponente. Denn schließlich ist die Esoterik keine Lehre der Befreiung, sondern eine Lehre des Kastenwesens, in dem „jeder Mensch seinen Platz“ hat.

Zweifelhafte Allianzen

Über die mehr als zweifelhaften Allianzen in „Mahnwachen“ und „Friedenswinter“ habe ich mich bereits geäußert: Sie waren und sind von Rechten durchzogen. Echte Querfronten stellten sie nie dar, dafür fehlte die Anwesenheit einer Arbeiter*innenorganisation, aber die Taktik der Rechten bezog Querfrontmethoden der sozialen Demagogie gegen nicht näher bestimmte „Eliten“ natürlich mit ein. Nicht alle Menschen, die dort hingingen, waren rechtsaffin, das wäre eine Übertreibung. Aber der Gesamtcharakter war stets rechts und antisemitisch, allein die ehemalige und längst zerstrittene Bundes-Führung aus Ken Jebsen, Lars Mährholz und Jürgen Elsässer sollte bei linken Menschen eigentlich einen Abwehrreflex auslösen. Ähnliche Elemente tummeln sich in allen möglichen Pro-Russland-Initiativen.

Es gibt aber auch einen vorgeblich „pro-jüdischen“ Teil der neurechten Kleinbürger*innen, der allerdings pro-zionistisch und islamophob-rassistisch ist. Darunter fällt im „gemäßigten“ rechtsintellektuellen Spektrum zum Beispiel der pro-imperialistische Propaganda-Blog „Die Achse des Guten“ um Henryk Broder. Im Bereich der faschistoiden Kleinstbewegungen sind das dann zum Beispiel Ex-„Die Freiheit“ (jetzt ein Teil der AfD) und PI-News um Michael Stürzenberger, auch Pegida ist mit vielen Israel-Fahnen auf Demos. Diese Leute, die besonders scharf gegen den Islam hetzen, tragen einen Pro-Zionismus vor sich her, der sich beim näheren Blick auch als feindlich gegenüber dem Judentum erweist.

In Pegida steht man ohne ein Problem zusammen mit dem offen antisemitischen Teil der nationalistischen Bewegung wie „III. Weg“ auf der Straße, um die Privilegien als weiße Christ*innen zu verteidigen. Israel-Fahnen in den Reihen der Neurechten sind also mitnichten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Und das „christlich-jüdische Abendland“ ist nicht nur eine Lüge, sondern ein Hohn auf den jahrtausendelangen Antisemitismus des Christentums.

Auch einige „antifaschistische“ Linke legen sich in vorgeblicher Verteidigung des Judentums eine prozionistische Haltung zu. Doch die „Verteidigung Israels“ ist nicht nur eine schlechte Ausrede für prokapitalistische, nach rechts offene Politik im Sinne der Merkel- und der Netanjahu-Regierungen, die ganz und gar nicht im Interesse jüdischer Linker und Arbeiter*innen ist. Sondern sie ist auch ganz und gar das falsche Mittel, um den Antisemitismus zu bekämpfen. So konnte der Staat Israel weder in der Region noch im Rest der Welt den Antisemitismus auf den „Müllhaufen der Geschichte“ schicken, sondern das rassistische Übel blieb lebendig und anpassungsfähig.

Das liegt zum kleineren Teil an der Widersprüchlichkeit des zionistischen Projekts und der Besatzung selbst, die eine tiefere Beschäftigung im vierten Teil dieser Artikelreihe wert ist. Stärker liegt es gerade hierzulande – da der deutsche Antisemitismus nicht ursächlich mit der Palästinafrage verbunden ist – an den nationalistischen Wurzeln des Hasses, verbunden mit der fehlenden Abrechnung mit dem eigenen nationalen Kapital.

Darum soll es im folgenden dritten Teil dieses Artikels gehen.

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