Hintergründe

Antisemitismus, Antizionismus und Revolution (I)

Antisemitische Ideologien sind in Krisenzeiten populär: Pegida und Co. zeugen davon. Viele Linke setzen dem wenig entgegen, ja selbst innerhalb der Linken haben antisemitische Ideen Einfluss. Welche Funktion Antisemitismus im heutigen Kapitalismus erfüllt und wie wir ihn bekämpfen können, wollen wir in einem insgesamt vierteiligen Artikel erklären. Der erste Teil beschäftigt sich mit den historischen Grundlagen des Antisemitismus.

Antisemitismus, Antizionismus und Revolution (I)
I. Antisemitismus, Antizionismus und Revolution
II. Antisemitismus in der Esoterik und in der „Neuen Rechten“
III. Wie bekämpfen wir Antisemitismus?
IV. Für einen revolutionären Antizionismus!

Seit Beginn der andauernden weltweiten Krise befinden sich antisemitische Ideologien, aber auch antisemitische Gewalttaten, auf einem konstant höheren Niveau als noch in den Neunziger Jahren. Antisemitische Ideen finden auch bei Linken Anklang, die einerseits auf Querfront-Taktiken hereinfallen und andererseits antisemitische Vorurteile aus der kapitalistischen Gesellschaft, in der sie leben, schlicht internalisiert haben oder sie nicht bekämpfen.

So baut ein beliebtes Bild einzelne Personen wie George Soros zu verschworenen Oberbösewichten auf, die angeblich soziale Bewegungen kontrollieren – dass er aus einer jüdischen Familie stammt, bleibt dabei meist unausgesprochen. Aber Soros‘ Name fungiert als einer von vielen „Codes“, wie der Name der Familie Rothschild oder des Facebook-Gründers Zuckerberg, der wie Soros jüdische Vorfahren hat. Auch die maßlose Übertreibung des Einflusses existierender pro-zionistischer Lobbygruppen auf die US-Regierung fällt unter diese Kategorie.

Im Zuge kleinbürgerlicher Massenbewegungen wie „Occupy“ wurde die kleinbürgerlich-reaktionäre „Zinskritik“ wieder en vogue, die historisch antisemitische Züge trägt. Sie ist irrational und nur zum Schein antikapitalistisch. Noch stärker waren diese Einflüsse auf den „Montagsmahnwachen“ und im „Friedenswinter“.

Ein weiteres Problem von Teilen der Linken schließlich bleibt die volksfrontlerische politische Unterordnung gegenüber kleinbürgerlichen und bürgerlich-nationalistischen Führungen, die offen antisemitisch auftreten, im Namen eines falsch verstandenen „Antiimperialismus“. Das gilt bezogen auf Teile des politischen Islams, wie der Hamas, der Muslimbruderschaft, der Führung der Islamischen Republik Iran und viele weitere mehr. Hier wirkt der gesellschaftlich vorhandene Antisemitismus als Katalysator für strategische Prinzipienlosigkeit.

Welche Unterdrückung stellt der Antisemitismus dar, welchen Klassencharakter hat er?

Als gesellschaftliche Unterdrückungsform besteht der Antisemitismus nicht aus einzelnen rassistischen Verfehlungen, sondern aus einem besonderen gesellschaftlichen Widerspruch. Das gilt natürlich für alle Unterdrückungsformen. Das Judentum wird im Imperialismus aber meist nicht in derselben Form unterdrückt, wie zum Beispiel Schwarze, Latinxs, Muslime*as oder Frauen unterdrückt werden.

Die antisemitische Unterdrückung richtet sich in ihrer Rhetorik nicht primär „nach unten“. Sie ist aber auch keineswegs eine Unterdrückung des Kapitals, wie es Faschist*innen behaupten. Tatsächlich setzen Erzählungen antisemitischer Unterdrückung die Juden*Jüdinnen als „Puffer“ zwischen das Kapital einerseits und die Arbeiter*innen, Kleinbürger*innen und Deklassierten andererseits. Um das zu verstehen, müssen wir an den Ursprung des modernen Antisemitismus gehen.

Die Gemeinsamkeit aller möglichen Esoteriker*innen und Nationalist*innen im modernen Antisemitismus entspringt dem kleinbürgerlichen Hass auf die Juden*Jüdinnen zu Beginn der Epoche des Imperialismus, also im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er bedient sich einem schon über tausendjährigen christlichen Judenhass, der in der Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“ 1903 aufgegriffen wurde. Die „Protokolle“ enthalten angebliche Mitschriften einer jüdischen Weltmachtclique, die für alle Antisemit*innen eine große Bedeutung in der Propaganda hatten, nicht zuletzt für Adolf Hitler. Tatsächlich sind sie eine Zusammenstellung antijüdischer Erfindungen, die unter anderem vom zaristischen Geheimdienst in die Welt gesetzt wurden – und obwohl die Fälschung bald erwiesen war, konnten sie in der politischen Situation des sterbenden Kapitalismus eine unglaubliche Wirkungskraft entfalteten. Dazu schrieb Abraham Léon, ein jüdischer Trotzkist, der in Auschwitz ermordet wurde:

Das Großkapital hat sich nur den elementaren Antisemitismus der kleinbürgerlichen Massen zunutze gemacht. Es benutzte ihn zu einem Meisterstück faschistischer Ideologie. Mit dem Mythos des ‘jüdischen Kapitalismus’ versuchte das Großkapital den Kapitalistenhaß der Massen von sich abzulenken. Die reale Möglichkeit einer Agitation gegen die jüdischen Kapitalisten lag in dem Antagonismus zwischen Monopolkapital und spekulativem Kaufmannskapital, das in der Regel in jüdischen Händen lag. Die Skandale innerhalb dieses spekulativen Kaufmannskapitals, insbesondere die Börsenskandale, sind in der Öffentlichkeit relativ besser bekannt geworden. Dies erlaubte es dem Monopolkapital, den Haß der kleinbürgerlichen Massen und teilweise sogar der Arbeiter zu kanalisieren und gegen den ‘jüdischen Kapitalismus’ zu lenken. (Abraham Léon: Die jüdische Frage, Kap. 8)

Ergänzt wurde dieser Hass mit der materiellen Konkurrenz des Kleinbürgertums. Dabei relativierte sich die „materielle Grundlage“ jedoch schon lange vor Hitler und die ideologische irrationale Grundlage des Kleinbürger*innentums als Basis des Faschismus trat mehr in den Vordergrund:

In der Hitler’schen Propaganda heute spielt das wirkliche Motiv des Antisemitismus in Westeuropa, die wirtschaftliche Konkurrenz des Kleinbürgertums, keine Rolle mehr. Dagegen kommen die phantastischsten Aussagen aus den Protokollen der Weisen von Zion, die ‚Pläne der universellen Herrschaft des internationalen Judentums‘, in jeder Rede und in jedem Manifest von Hitler zum Vorschein. (Abraham Léon: Die jüdische Frage, Kap. 8, Hervorhebung im Original)

Der Hauptgrund dafür, dass wir die in der deutschen Linken vorherrschende antideutsche, adornistische, antinationale, emanzipatorische und so weiter „Kritik der verkürzten Kritik“ ablehnen, ist: Die Arbeiter*innenklasse spielt in diesen Überlegungen keine zentrale Rolle. Die Kritiken sind selbst lediglich moralistisch oder anderweitig radikal-kleinbürgerlich statt materialistisch. Das führt zu Fehlschlüssen, wie der Verteidigung des Staats Israel, aber auch einer fehlenden effektiven Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus.

Wir dagegen bestehen – wie Leo Trotzki und Abraham Léon, die wir stattdessen zur Analyse heranziehen – auf der Feindschaft der beiden Hauptklassen des Kapitalismus, Bourgeoisie (Produktionsmittelbesitzende) und Proletariat (Lohnabhängige). Diese Denktradition möchten wir vorstellen: Der Antisemitismus ist Produkt der Spätphase einer Gegenüberstellung der Hauptklassen, in der die Bourgeoisie keinerlei fortschrittliche Rolle mehr einnimmt und das Kleinbürger*innentum überall um seine Existenz fürchten muss, zerrieben zwischen den Interessen der beiden Hauptklassen und durch die wiederkehrenden Krisen. Léon analysiert zur schärfsten Ausprägung des Antisemitismus im Nationalsozialismus:

Der Rassismus (gemeint ist hier spezifisch der antisemitische Nationalsozialismus, Anm. d. Verf.) erscheint anfänglich als Ideologie der Kleinbürger. Sein Programm spiegelt die Interessen und Illusionen dieser Klasse wider. Er verspricht den Kampf gegen den ‚Superkapitalismus‘, gegen die Trusts, gegen die Börse, die großen Geschäfte etc. Sobald jedoch das Großkapital das Proletariat mit Hilfe des Kleinbürgertums zerschlagen hat, wird ihm auch dieses lästig. Das Kriegsvorbereitungsprogramm beinhaltet eine gnadenlose Ausmerzung der Kleinunternehmen, eine großartige Entwicklung der Trusts und eine starke Proletarisierung. Dieselbe militärische Vorbereitung bedarf aber der Unterstützung oder mindestens der Neutralität des Proletariats, des wichtigsten Produktionsfaktors. Das Großkapital zögert auch keinen Augenblick, seine feierlich gegebenen Versprechungen aufs Zynischste zu brechen und das Kleinbürgertum in schändlicher Manier abzuwürgen. Der Rassismus bemüht sich nun, das Proletariat zu gewinnen, indem er sich als radikal ‚sozialistisch‘ ausgibt. Hier spielt die Identifikation Judentum-Kapitalismus die wichtigste Rolle. Die radikale Enteignung der jüdischen Kapitalisten dient als Garantie und Beweis für die Bereitschaft des Rassismus zum antikapitalistischen Kampf. Der anonyme Charakter des Monopolkapitalismus im Gegensatz zu dem im allgemeinen an Personen gebundenen (und oft spekulativ kaufmännischen) Charakter der jüdischen Unternehmen erleichtert diese betrügerische Operation. Der Mann auf der Straße erkennt leichter den ‚realen Kapitalismus‘, nämlich den Händler, den Fabrikanten, den Spekulanten, als den ‚respektablen Direktor einer Aktiengesellschaft‘, den man als einen ‚notwendigen Produktionsfaktor‘ darstellt. Auf diese Art und Weise gelangt die Rassenideologie zu folgenden Identifikationen: Judentum = Kapitalismus, Rassismus = Sozialismus, gelenkte Kriegswirtschaft = sozialistische Planwirtschaft. (Abraham Léon: Die jüdische Frage, Kap. 8)

In einem Moment der Schwäche des Proletariats, die gewöhnlich eine Schwäche seiner reformistischen Führung ist, schlägt sich das Kleinbürger*innentum auf die Seite des Stärkeren, also meistens der Bourgeoisie, der es sich als Schlägerbande und Ideologielieferant andient. Die „Zwischenklasse“ verteidigt ihre Privilegien; für ihre materielle Verteidigung braucht sie eine Ideologie, in der der Antisemitismus eine wichtige Rolle spielt.

Die extremste Ausformung kleinbürgerlich-reaktionärer Verzweiflung, die in der Zerschlagung aller Arbeiter*innenorganisationen und der Verschärfung aller Unterdrückungen bis hin zur Ermordung des europäischen Judentums ging, war der deutsche Faschismus. Er begann als kleinbürgerliche Massenbewegung und wurde als „letzte Karte“ der Bourgeoisie gegen das Proletariat eingesetzt, um schließlich in staatlich-bonapartisierter Form des Großkapitals weiter zu existieren und die Welt mit Krieg als einziger „Lösung“ zu überziehen, als die Überproduktion das imperialistische Land zu sprengen drohte.

Die ungezügelte Entfaltung der Produktivkräfte, die auf die engen Grenzen der Konsumtionsfähigkeit stößt – das ist die wirkliche Triebkraft des Imperialismus, dem höchsten Stadium des Kapitalismus. Stattdessen ist scheinbar jedoch die Rasse seine offensichtlichste Kraft. Der Rassismus ist also in erster Linie die ideologische Verkleidung des modernen Imperialismus. Die‚für ihren Lebensraum kämpfende Rasse‘ spiegelt nichts anderes wider als den ständigen Expansionszwang, der den Finanz- oder den Monopolkapitalismus charakterisiert. (Abraham Léon: Die jüdische Frage, Kap. 8)

Die Macht des Antisemitismus geht nicht aus einer religiösen oder „kulturellen“ Anschauung hervor, wie es Antideutsche gegenüber dem Islam oder dem „Deutschsein“ behaupten, sondern aus dem nationalistischen „kapitalistischen Antikapitalismus“ (Léons Formulierung in „Die jüdische Frage“) des Kleinbürger*innentums – im Interesse des Großkapitals.

Der Antisemitismus hat eine „verschweißende“ Funktion innerhalb der eklektischen und selbstwidersprüchlichen nationalistischen Agitationen der reaktionärsten Fraktionen. Auch das macht ihn zu einem besonderen Rassismus. Er drückt am allermeisten das Vorurteil und den Hass des Kleinbürger*innentums aus, das den Kapitalismus gleichzeitig erhalten und bekämpfen will, da es von ihm lebt und in ihm tendenziell zerstört wird.

Antisemitische Vorhaltungen sind für den Nationalismus so universell verwendbar, nicht obwohl, sondern gerade weil das konkrete mittelalterliche Vorurteil des Hortens und Wucherns gegen die Juden*Jüdinnen objektiv haltlos ist. Einher mit der Zerstreuung des Judentums in alle Klassen der modernen Gesellschaft, der Assimilation in den imperialistischen Ländern (und später der zionistischen Staatsgründung), geht für die Antisemit*innen nur die Behauptung der Universalisierung jüdischer Herrschaft. Trotzki schrieb zu dieser spezifisch kleinbürgerlichen Lüge des Nationalsozialismus und warum sie so beharrlich jeder Logik trotzt:

Der Kleinbürger ist dem Entwicklungsgedanken feind, denn die Entwicklung geht beständig gegen ihn – der Fortschritt brachte ihm nichts als unbezahlbare Schulden. Der Nationalsozialismus lehnt nicht nur den Marxismus, sondern auch den Darwinismus ab. Die Nazis verfluchen den Materialismus, weil die Siege der Technik über die Natur den Sieg des großen über das kleine Kapital bedeuten. Die Führer der Bewegung liquidieren den ‚Intellektualismus‘ nicht so sehr deshalb, weil sie selbst mit einem Intellekt zweiter und dritter Sorte versehen sind, sondern vor allem, weil ihre geschichtliche Rolle es ihnen nicht gestattet, irgendeinen Gedanken zu Ende zu führen. Der Kleinbürger braucht eine höchste Instanz, die über Natur und Geschichte steht, gefeit gegen Konkurrenz, Inflation, Krise und Versteigerung. (Trotzki: Porträt des Nationalsozialismus)

Der Völkermord am europäischen Judentum aktualisierte den Anti-Materialismus der Antisemit*innen: Die erneute Zerstreuung des Judentums über die Kontinente, die Unsichtbarkeit seines kulturellen Lebens über Jahrzehnte, da sein physisches in Teilen Europas nahezu völlig vernichtet wurde, erhärtet den antisemitischen Grundverdacht der Moderne: „Die Juden sind überall, weil sie nirgendwo sind.“ Mit vernünftigen Argumenten allein ist diesem Verdacht nicht ausreichend beizukommen.

Der Staat Israel schließlich wird von Antisemit*innen ins Erzählmuster des universellen Judentums eingeordnet. Er wird dabei nicht gemäß den materiellen Interessen der herrschenden israelischen, US-amerikanischen, deutschen und so weiter Klassen betrachtet, sondern gemäß eines verborgenen „anderen Interesses“, eines klassenübergreifenden jüdischen Interesses, das es nicht gibt.

Exkurs: Stalinismus und Antisemitismus
Die Geschichte der Stalinisierung zeigt sehr deutlich, wie der Antisemitismus nach dem Sturz des Kapitals wieder „neu geboren“ werden konnte. Es war nicht etwa der Antikapitalismus, der den Antisemitismus in der stalinisierten Sowjetunion hervorbrachte, denn der antikapitalistische Charakter des von Bürokrat*innen regierten Arbeiter*innenstaats bestand in der Enteignung des Kapitals von den Produktionsmitteln. Es war die bürokratische Kaste mit ihrer nationalistischen und anti-marxistischen Ideologie des „Sozialismus in einem Land“, die zusammen mit einer neuen Welle der Frauen- und LGBTI*-Feindlichkeit auch eine Flut des Antisemitismus auf den jungen Staat stürzte. Die Widersprüche der Bürokratie wurden fälschlich mit den Juden*Jüdinnen innerhalb und außerhalb der Bürokratie identifiziert. Trotzki führt diese neuen antisemitischen Phänomene in dem Artikel Thermidor und Antisemitismus aus dem Jahr 1937 aus.

Wie im Kapitalismus war der Antisemitismus mit dem Nationalismus eng verbunden: Der Internationalismus der Bolschewiki-Leninist*innen von der Internationalen Linken Opposition um Trotzki wurde mit einer jüdischen Weltverschwörung identifiziert. Entsprechend wurden die Juden*Jüdinnen zu „Kosmopolit*innen“ umgetauft und verfolgt. Ein großer Teil des Antisemitismus innerhalb der Linken stützt sich bis heute programmatisch auf den stalinistischen Nationalismus, die Anbiederung gegenüber dem Kleinbürger*innentum und den nationalen Bourgeoisien in Volksfronten.

Im nächsten Teil dieses Artikels beschäftigen wir uns mit einigen aktuellen Ausformungen des Antisemitismus.

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