Frauen und LGBTI*

„Am 8. März die Erde zum Beben bringen“ – Interview mit einer sozialistischen Feministin aus Argentinien

Celeste ist Grundschullehrerin und Aktivistin der internationalen sozialistischen Frauenorganisation Pan y Rosas (Brot und Rosen). Wir haben mit ihr über die Vorbereitungen auf den Frauenkampftag, die Angriffe der rechten Regierung und ihre Forderungen gesprochen.

„Am 8. März die Erde zum Beben bringen“ – Interview mit einer sozialistischen Feministin aus Argentinien

Wir tre­f­fen Celeste nach ein­er Frauen­ver­samm­lung in einem Lokal von Pan y Rosas (Brot und Rosen) und der Partei der Sozial­is­tis­chen Arbeiter*innen (PTS) in Vil­la Cre­spo, einem Stadt­teil der argen­tinis­chen Haupt­stadt Buenos Aires. Während drin­nen die Frauen, vor allem Schü­lerin­nen und Arbei­t­erin­nen, disku­tiert haben, haben die Män­ner auf dem Gehsteig einen großen Grill aufge­baut, um die Frauen zu ver­sor­gen. Zeit­gle­ich find­en in der ganzen Stadt noch ein halbes Dutzend weit­ere Vor­bere­itungstr­e­f­fen statt.

Celeste, wofür protestierst du am 8. März?

Für mich als Lehrerin ist eine umfassende Sex­u­alerziehung wichtig. Es gibt zwar ein Gesetz, das diese vorschreibt, aber umge­set­zt wird es nicht. Viele Lehrer*innen sind dafür auch über­haupt nicht aus­ge­bildet. Das ist eine his­torische Forderung, die wir Arbei­t­erin­nen im Erziehungssys­tem erheben. Dazu kommt, dass die Mehrheit der Lehrer*innen Frauen sind. Deshalb set­zen wir uns für diese Forderung nicht nur am 8. März sein, son­dern the­ma­tisieren sie auch, wenn wir an diesem Mon­tag und Dien­stag im ganzen Land für höhere Löhne in den Streik treten.

Für welche Fra­gen geht ihr noch am 8. März auf die Straße?

Eine andere wichtige Forderung, über die wir in der Ver­samm­lung hier in Vil­la Cre­spo gere­det haben, um den 8. März vorzu­bere­it­en, bekommt ger­ade beson­ders viel Aufmerk­samkeit. In let­zter Zeit wur­den in eini­gen wichti­gen Medi­en in Argen­tinien Diskus­sio­nen um Abtrei­bung begonnen, es gab öffentliche Diskus­sio­nen dazu. Ver­schiedene Vertreterin­nen des Fem­i­nis­mus trat­en im Fernse­hen auf und erk­lärten, welche Bedeu­tung das Recht auf Abtrei­bung hat. Der Präsi­dent Mauri­cio Macri hat diese Debat­te aufge­grif­f­en und nun wird die Frage der Entkrim­i­nal­isierung im Kongress disku­tiert wer­den. Die Legal­isierung der Abtrei­bung ist eine his­torische Forderun­gen der Frauen­be­we­gung und hat uns in unser­er Ver­samm­lung am meis­ten bewegt. Dass diese Frage nun disku­tiert wird, ist das Ergeb­nis von jahre­lan­gen Kämpfen der Frauen.

Was habt ihr über Abtrei­bung disku­tiert?

Unab­hängig von den indi­vidu­ellen Entschei­dun­gen jed­er einzel­nen Frau sollte das Recht auf Abtrei­bung ein Grun­drecht über­all sein. In Argen­tinien ster­ben jedes Jahr viele Tausend Frauen an den Fol­gen ille­gal­isiert­er Abtrei­bun­gen. Und wir von Pan y Rosas beto­nen, dass es nicht die Frauen der oberen Schicht­en sind, die dort ster­ben, son­dern Arbei­t­erin­nen und arme Frauen. Es ist also auch eine Klassen­frage.

Nicht nur die Frage der Abtrei­bung erschüt­tert derzeit das Land, son­dern auch eine Ent­las­sungswelle. Habt ihr auch darüber disku­tiert?

Ja, wir haben über die Angriffe disku­tiert, die die Regierung von Macri auf die Arbeiter*innenklasse führt. Eine Welle von Ent­las­sun­gen, zum Beispiel im Kranken­haus Posadas, ist Teil des Ver­suchs der Regierung, die Krise auf die Arbeiter*innen abzuwälzen. Es ist kein Zufall, dass ger­ade in den Bere­ichen, wo es Angriffe gibt, vor allem Frauen arbeit­en. So zum Beispiel auch wir Lehrerin­nen, die gegen niedrige Löhne streiken. Ein wichtiger Ref­eren­zpunkt des Wider­stands ist der Kampf der Krankenpfleger*innen im Kranken­haus Posadas gegen ihre Ent­las­sun­gen. Auch hier ist die Mehrheit der Betrof­fe­nen weib­lich. Sie haben sich dafür einge­set­zt, sel­tener in den Nachtschicht­en zu arbeit­en und wur­den dafür ent­lassen – auch schwan­gere Arbei­t­erin­nen. Sie lei­den schon seit Jahren unter prekären Bedin­gun­gen, bekom­men keinen Urlaub usw.

Wofür set­zt sich Pan y Rosas in der Frauen­be­we­gung ein?

Wir von Pan y Rosas nehmen an den Ver­samm­lun­gen teil, bei denen der 8. März vor­bere­it­et wird. Hier set­zen wir uns für ein Ver­ständ­nis ein, nach dem der Feind nicht die Män­ner sind, son­dern das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem. Wir fordern deshalb von den Gew­erkschaften, dass sie zum Streik aufrufen, denn auch wenn viele Frauen Gew­erkschaftsmit­glieder sind, sol­i­darisieren sich die Gew­erkschafts­führun­gen nur sym­bol­isch. Wir haben uns dafür einge­set­zt, dass die gesamte Ver­samm­lung einen offe­nen Brief an die Gew­erkschafts­führun­gen geschrieben hat, in dem sie dazu aufge­fordert wer­den, einen tat­säch­lichen Streik zu organ­isieren, damit wirk­lich alle Frauen – und Män­ner – an den Mobil­isierun­gen teil­nehmen kön­nen. Außer­dem organ­isieren wir Ver­samm­lun­gen an den Arbeit­splätzen, in den Schulen und in den Wohn­vierteln – so wie hier –, um mit unseren Kol­legin­nen und Kol­le­gen und unseren Nach­barin­nen zu disku­tieren und uns gemein­sam für unsere Rechte einzuset­zen. Dabei beto­nen wir auch, wie wichtig es ist, uns zu organ­isieren. Wir beschließen gemein­same Fly­er-Aktio­nen an unseren Arbeit­splätzen und in der Öffentlichkeit, damit wir am 8. März die Erde zum Beben brin­gen.

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