Jugend

Abitur in der Krise: Ein Kommentar

Mitten in der Coronakrise soll die Schule wieder losgehen, während gleichzeitig große Versammlungen verboten bleiben. Ein Kommentar über die Widersprüchlichkeit des Bildungssystems von Emma von der marxistischen Jugend München.

Abitur in der Krise: Ein Kommentar

Aufwachen. Die Sonne scheint. Welcher Tag ist heute? Montag. Normalerweise wäre Montag ein ganz normaler Schultag, so wie Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Aber heute ist kein normaler Schultag. Es gibt keine Schultage mehr. Wir haben „Coronaferien“, bzw. „Stayingathomeandtryingtolearnaloneferien“. Wie lange? Ich weiß es nicht. Normalerweise würden wir ab dem 29. April unser Abi schreiben. Schreiben wir aber nicht. Verschoben.

Was macht man jetzt? Man lernt wohl alleine. Verantwortung. Ich habe aber nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. So etwas hat mir die Schule leider nicht beigebracht. Ich habe auch nie gelernt, wie man mit digitalen Medien umgeht, sowas hat mir die Schule leider nie beigebracht, dabei dachte ich Digitalisierung wäre der neue Schrei… Ich habe auch noch nie gelernt, mir Inhalte selbstständig zu erarbeiten und mir eigene Hefteinträge zu erstellen, anstatt Auswendiggelerntes auf mein Blatt zu kotzen, sowas hat mir die Schule leider nicht beigebracht.

Aber das alles muss ich jetzt können. Und zum Glück kann ich das alles so ungefähr, denn ich bin ein mehr oder weniger intelligentes Mädchen, komme aus einem mehr oder weniger gebildeten Elternhaus und habe genug finanzielle Mittel, um mir diese digitalen Lernmöglichkeiten leisten zu können. Auch meine Wohnung ist groß genug, sodass ich genug Platz für mich habe, um ungestört lernen zu können.

Aber wie gesagt habe ich Glück. Nicht jede*r hat Glück und meine Situation ist kein Normalzustand. Aber nur wer sich in so einer glücklichen Situation, wie meiner befindet, kann die Erwartungen, was die Schule und die selbstständige Abi-Vorbereitungsphase betrifft, erfüllen. Und das ist nicht gerecht. Ein Internetzugang, eine geräumige Wohnung, ein Smartphone etc., das sind alles Dinge, die einem nicht automatisch zur Verfügung gestellt werden, die aber nötig sind, um überhaupt an die Materialien zu kommen, um lernen zu können.

Hinzu kommen weitere Probleme: Natürlich kann man von den Schüler*innen Selbständigkeit beim Lernen erwarten, jedoch stellt die Schule eine Einrichtung dar, in der man eben nicht selbständig lernen muss und sich selbst Strukturen gibt, sondern in der man durch Lehrer*innen und feste Abläufe unterstützt wird. Und selbst die Hilfe, die man in der Schule bekommt, reicht noch nicht aus, um die Schüler*innen angemessen auf ihr Leben vorzubereiten. Wäre es so einfach ohne Lehrer*innen und ohne Strukturen bräuchte man gar keine Schule mehr, weder vor noch nach dieser „Coronakrise“.

Wann auch immer dieses „Danach“ sein mag. Das kommt noch hinzu: Jede*r lernt und versucht sich seine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten, währenddessen fliegt die Weltordnung um einen herum auseinander: Mir wird verboten rauszugehen, meine Freund*innen zu treffen, an den Kassen wird sich um alles mögliche geprügelt, ich muss meinen 18. Geburtstag alleine verbringen, meine Freund*innen, vielleicht sogar meine Eltern werden arbeitslos und können die Miete nicht mehr bezahlen. Außerdem die Nachrichten: „4000 Tote in Spanien“, „Die Zahl der Infizierten steigt weiterhin exponentiell!“, „Italien rettet nur noch die unter 50-jährigen“. „Desinfektionsmittel und Masken aus Krankenhäusern geklaut!“, „Laut Experten wird sich die Krise mindestens 2 Jahre ziehen und erst nach 365 Tagen ihren Höhepunkt erreicht haben!“

Und wir? Wir befinden uns mittendrin in diesem Tohuwabohu. Und Hauptsache wir lernen. Hauptsache wir schreiben irgendwie unser Abi. Hauptsache das Schulsystem fliegt nicht auseinander, während uns das gesamte Wirtschaftssystem weltweit um die Ohren fliegt. Statt krampfhaft an sozial ungerechten Lösungen festzuhalten, wie die Schule und das Abi selbstständig weiterlaufen können, ist es an der Zeit umzudenken, neue Wege des Lernens zu finden.

Auch wenn die Krise vorbei ist. Ist ein Abi tatsächlich notwendig? Wir sehen hier, heute, was uns dieses so stabile System in Zeiten einer Krise bringt. Chaos und Eskalation. Wenn wir klug sind, lernen wir aus unseren Fehlern. Wir werden uns bewusst, dass sich etwas ändern muss, um zukünftig mit solchen Krisen fertig zu werden.

Eines weiß ich sicher: Ich brauche kluge Köpfe, engagierte, hilfsbereite, kreative Menschen, Helfer*innen und Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen und Bäuer*innen und Supermarktkassierer*innen und auch ein paar Musiker*innen und Künstler*innen, Psycholog*innen und Philosoph*innen. Ich brauche Menschen, die das machen, worauf sie Lust haben, die der Tätigkeit nachgehen, in der sie gut sind, sich gegenseitig helfen und unterstützen. Aber was ich ganz sicher nicht in so einer Krise brauche, sind Kinder, die sich zu Hause in einer Ecke einsperren und lernen. Lernen für ein Abi für eine Zeit danach, die es so vielleicht nicht mehr geben wird.

Postet unter #CoronaRealität oder in Kommentaren eure eigene Erfahrungen aus dem Alltags- und Arbeitsleben.

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