Geschichte und Kultur

99 Jahre nach der Oktoberrevolution: „Atlas des Kommunismus“ im Gorki Theater

Lola Arias und Ensemble wollen mit persönlichen Geschichten den Blick auf „den Kommunismus“ weg von Hass auf die DDR und Stalin lenken. Am Ende stehen spannende Geschichten und gute Musik – nur die politische Aussage ist im Produktionsprozess verloren gegangen.

99 Jahre nach der Oktoberrevolution: „Atlas des Kommunismus“ im Gorki Theater

Am Max­im Gor­ki The­ater in Berlin feierte ver­gan­genen Sam­stag „Atlas des Kom­mu­nis­mus“ Pre­miere. Im Rah­men des zwei­wöchi­gen Fes­ti­vals „unit­ing back­grounds – The­ater zur Demokratie“ präsen­tiert Lola Arias ihre neueste Pro­duk­tion. Die argen­tinis­che Schrift­stel­lerin und Regis­seurin ist dafür bekan­nt, auto­bi­ographis­che Geschicht­en mit Laiendarsteller*innen auf die Bühne zu brin­gen im Stile von Rim­i­ni Pro­tokoll. So beschäftigte sie sich zum Beispiel mit dem Leben von Men­schen nach der argen­tinis­chen Mil­itärdik­tatur in „Mi vida después”. Auch das Ensem­ble von „Atlas“ hat mehrheitlich keine Bühnen­er­fahrung.

Gemein­sam mit sieben Frauen und einem sich als queer beze­ich­nen­den Mann zwis­chen 9 und 85 Jahren nimmt sie das Pub­likum mit auf eine Reise durch die Geschichte des Kom­mu­nis­mus seit 1937. Ehe­ma­lige Stasim­i­tar­bei­t­erin trifft auf Punkerin, Aktivistin vom Oranien­platz trifft auf viet­name­sis­che Gas­tar­bei­t­erin. Die Insze­nierung ist ein rein auto­bi­ographis­ches Werk. Wenn Moni­ka Zim­mer­ing auf der Bühne erzählt, wie sie die Pressekon­ferenz von Gün­ter Sch­abows­ki zur Öff­nung der Mauer simul­tan über­set­zt, weiß man: Das, was dort vorne passiert, ist echt. Die 73-Jährige ver­lor nach dem Mauer­fall ihren Job. Sie fühlte sich, als lebe sie in einem frem­den Land, ohne umge­zo­gen zu sein.

Subjektive Perspektive auf die DDR statt Kommunismus

Mith­il­fe von Orig­i­nal­fo­tos der Spieler*innen wer­den ihre Geschicht­en greif­bar gemacht. Mai-Phoung Kol­lath kam als viet­namis­che Gas­tar­bei­t­erin in die DDR – und war stolz ihr Land repräsen­tieren zu dür­fen. Das Leben zwis­chen dem Son­nen­blu­men­haus in Ros­tock-Licht­en­hagen und der Großküche, wo sie arbeit­en musste, hat­te wenig zu tun mit ihrer Vorstel­lung von Sozial­is­mus.

Auch die Video­pro­jek­tion auf einen zer­ris­se­nen Vorhang, der die Bühne wie Berlin mit ein­er Mauer teilt, bietet einen schö­nen Rah­men. Nur ist es lei­der beina­he das gle­iche Büh­nen­bild wie bei „Denial“ von Yael Ronen, was vor weni­gen Wochen im Gor­ki Pre­miere hat­te.

Durch die naive neun­jährige Matil­da Flor­cyzk, die laut eigen­er Aus­sage bis zur Pro­duk­tion „noch nie das Wort Kom­mu­nis­mus gehört“ hat, wer­den die Mei­n­un­gen und Aus­sagen laufend hin­ter­fragt, Kom­mu­nis­mus nach Brecht als „das ein­fache, das schw­er zu machen ist“ beze­ich­net. Und immer wieder fragt Matil­da Salomea Genin nach ihrem Leben. Sie ist im Alter von fünf Jahren mit ihrer Fam­i­lie aus Deutsch­land geflo­hen, weil sie Jüdin ist: „Aber woher wussten das denn die anderen Kinder?“ In Mel­bourne wird sie Teil der Kom­mu­nis­tis­chen Jugend und ver­sucht über Jahre verzweifelt in die DDR zu immi­gri­eren. Sie begin­nt für die Stasi zu arbeit­en und ist davon überzeugt, dass das ihr Beitrag zum Klassenkampf ist.

„Atlas“ bleibt aber eine sub­jek­tive Per­spek­tive auf die DDR, nicht auf den Kom­mu­nis­mus. So wird zwar erwäh­nt, dass Salomea irgend­wann begriff, dass sie „einen Polizeis­taat mit aufge­baut hat“, aber das wirkt eher wie eine beiläu­fige Infor­ma­tion. Ihr gegenüber ste­ht die 52 Jahre alte ehe­ma­lige Punkerin Jana Schloss­er, die anderthalb Jahre im Knast saß, weil ihre Band „Namen­los“ mit Songs wie „Nazis wieder in Ost­ber­lin“, den sie live auf der Bühne per­formt, nicht in die DDR passte.

Lola Arias ver­sucht durch Emo­tio­nen und Erin­nerun­gen ein The­ma greif­bar zu machen, das für die meis­ten Jugendlichen nur im Geschicht­sun­ter­richt existiert. Das Wort „Kom­mu­nis­mus“ soll mit neuen, dur­chaus auch pos­i­tiv­en, Assozi­a­tio­nen beset­zt wer­den, so wün­scht es sich auch Tucké Royale. Aufgewach­sen in Quedlin­burg, zwis­chen „Spitzen­gar­di­nen und Neon­azis“ in den 80ern, kon­nte er diese Gesellschaft nicht akzep­tieren. Es gab keinen Platz für LGBTI* und Zeck­en. Wenn man in bei­de unbe­liebten Kat­e­gorien gehörte, war die Jugend nicht beson­ders ein­fach.

„Ich will alles aus mir holen”

Hele­na Simon hat die DDR nicht selb­st erlebt – ihre Geschichte hat fast nichts mit der Tra­di­tion des Stal­in­is­mus gemein­sam. Zwar erzählt sie vom SDAJ-Som­mer­camp, doch eigentlich ver­sucht sie zu zeigen, worum es heute geht. Sie spricht vom Schul­streik und vom Oranien­platz, von Polizeire­pres­sion und von Schu­la­b­bruch. Den­noch gelingt es der Insze­nierung nicht, weit­er zu gehen, als vage Aus­sagen, dass der Kom­mu­nis­mus ja eine gute Idee ist und vielle­icht ja doch auch prak­tisch funk­tion­ieren kön­nte.

The­o­retis­chen Inhalt gibt es nicht. Der Leninkopf, der am Rande der Bühne liegt, wirkt als hätte man ihn aus Verse­hen dort liegen lassen. Dafür schafft es aber Ruth Reinicke, einen der emo­tionalen Höhep­unk­te zu zeich­nen, der den aktuellen Bezug auf uner­warteter Weise zeigt: „Ich will alles aus mir holen, meine Angst, meine Lust, meine Scheiße, mein Blut. Ich will Tag und Nacht sein. Ich will über die Gren­ze gehen.“ Ruth Reinicke, Schaus­pielerin im Max­im-Gor­ki-Ensem­ble, spielt die Urauf­führung von „Die Über­gangs­ge­sellschaft“ von 1988 im Gor­ki nach. Schon damals war sie im Gor­ki-Ensem­ble und stand auf dieser Bühne. Während Ruth Reinicke jet­zt dort auf dem Tisch ste­ht, guck­en sich im Pub­likum die Men­schen um. Auf ein­mal gibt es einen Bezug von dem, was dort auf der Bühne passiert und uns. Die Stüh­le, in denen wir sitzen, die Räume durch die wir gin­gen. Das Max­im Gor­ki The­ater ist selb­st zum Anknüp­fungspunkt für das Pub­likum gewor­den.

Die damals kri­tis­che Insze­nierung mit hitzi­gen Pub­likums­ge­sprächen wurde heute abgelöst. Es gab zwar einen poli­tis­chen Inhalt, doch er ver­birgt sich hin­ter dem Stück. Es ist kein „Atlas“ des Kom­mu­nis­mus, es ist eine Col­lage der DDR, in denen die dun­klen Seit­en ange­tastet wur­den, aber bewusst aus­ges­part – nie­mand möchte vor hun­derten Men­schen gerne über die eige­nen psy­chis­chen Prob­leme sprechen müssen. Aber Lola Arias hat es geschafft eine Per­spek­tive auf die Bühne zu brin­gen, die son­st mit Absicht vergessen wird. Sie hat einen Abend geschaf­fen, an dem Frauen und LGBT* über sich und ihre Per­spek­tive sprechen dür­fen – und ihnen wurde zuge­hört.

 

Atlas des Kom­mu­nis­mus im Max­im Gor­ki The­ater, weit­ere Vorstel­lun­gen:

15.10. 19:30

16.10. 19:30

23.10. 20:00

14.11. 19:30

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