Geschichte und Kultur

100 Jahre Landesstreik: Als der Bolschewismus die Schweiz bedrohte

In den revolutionären Jahren 1917/18 gab es auch in der Schweiz Unruhen. Sie gipfelten in einen landesweiten Generalstreik, der das Potential hatte in einen Bürger*innenkrieg überzugehen. Die sozialdemokratische Führung kapitulierte schließlich bedingungslos vor dem Kapital. War es ein “Sieg auf Raten“ oder doch nur ein offener Verrat?

100 Jahre Landesstreik: Als der Bolschewismus die Schweiz bedrohte

In den Jahren 1917 und 1918 kam es in ganz Europa zu Erhe­bun­gen der Arbeiter*innenklasse. Der impe­ri­al­is­tis­che Weltkrieg hat­te schon Mil­lio­nen von Arbeiter*innen das Leben gekostet. Nicht nur durch das Massen­ster­ben an den Fron­ten, an denen sie für die Inter­essen ihres jew­eili­gen nationalen Kap­i­tals ver­heizt wur­den, son­dern auch durch Hunger und Elend, welch­es durch das Abwälzen der Kriegskosten auf die Arbeiter*innen verur­sacht wurde, während das Kap­i­tal fette Kriegs­gewinne ein­fuhr. In dem Ver­such dieses unmen­schliche Leid abzuschüt­teln, fin­gen über­all in Europa die Arbeiter*innen an sich zu wehren und für die Über­win­dung des aus­beu­ter­ischen Sys­tems zu kämpfen, das sie unter­drück­te. Auch in der Schweiz regte sich zu dieser Zeit das Bewusst­sein der Arbeiter*innenklasse.

Der Klassenkampf in der Schweiz gipfelte in dem bis heute einzi­gen lan­desweit­en Gen­er­al­streik im Novem­ber 1918, an dem bis zu ein­er vier­tel Mil­lio­nen Arbeiter*innen teil­nah­men. Die bürg­er­lichen Eliten sahen darin den Beginn ein­er bolschewis­tis­chen Rev­o­lu­tion und mobil­isierten das Mil­itär. Aus Angst vor einem Bürg­erkrieg verkün­dete die reformistis­che Führung die bedin­gungslose Kapit­u­la­tion, was den Lan­destreik nicht nur zum Höhep­unkt des Klassenkampfes in der Schweiz macht, son­dern auch zu sein­er größten Nieder­lage. Von der Sozialdemokratie wird er nichts­destotrotz bis heute als ein „Sieg auf Rat­en“ verk­lärt.

Die Schweiz im ersten Weltkrieg

Auch wenn die Schweiz sich nicht aktiv am Weltkrieg beteiligt hat, so hat­te der Krieg doch einen enor­men Ein­fluss auf die soziale und ökonomis­che Struk­tur des Bun­desstaats. Die Milizarmee wurde zur eventuellen Vater­landsvertei­di­gung mobil gehal­ten, wobei die dazu nöti­gen Kriegskred­ite auch von der Sozialdemokratis­chen Partei der Schweiz (SP) mit­ge­tra­gen wur­den. Während die Bauern­schaft und die Kapitalist*innen mit hohen Kriegs­gewin­nen durch den Han­del mit allen Kriegsparteien rech­nen kon­nten, sanken für die Arbeiter*innen im Zuge der steigen­den Infla­tion die Löhne, die Arbeit­slosigkeit stieg und die Ver­sorgungslage ver­schlechterte sich immer weit­er.

Die Bevölkerung war in dieser Zeit tief ges­pal­ten, nicht nur zwis­chen den Kriegsgewinner*innen in der Bauern­schaft und Bour­geoisie auf der einen Seite und den Arbeiter*innen als Kriegsverlierer*innen auf der anderen, son­dern auch ent­lang der Sprach­gren­zen. Während die Deutschschweiz und vor allem ihre Eliten kul­turell stark auf Preußen ori­en­tiert waren und daher für den Sieg der Mit­telmächte fieberten, war es in der Romandie und dem Tessin, wo man den Sieg der Entente ersehnte, genau anders herum.

Während die Arbeiter*innen sich in diesem Umfeld immer weit­er radikalisierten und an Kampf­bere­itschaft gewan­nen, waren die klas­sis­chen Organ­i­sa­tio­nen der Arbeiter*innenklasse, die SP und die Gew­erkschaften, vere­inigt im Schweiz­er Gew­erkschafts­bund (SGB), fest in der Hand von Opportunist*innen und Reformist*innen. Lenin­is­tis­che Ideen von der Erkämp­fung ein­er Arbeiter*innenregierung waren in der Schweiz­er Arbeiter*innenbewegung kaum vertreten, was auch Lenin selb­st fest­stellen musste, als es ihm während seines Exils in der Schweiz nicht gelang dort eine lenin­is­tis­che Grup­pierung aufzubauen. Statt dessen herrschte vor allem in der sozialdemokratis­chen Führung der Gedanke vom gradu­ellen und unauswe­ich­lichen überge­hen des Kap­i­tal­is­mus in den Sozial­is­mus vor, ähn­lich wie sich die The­o­rien von Bern­stein zur sel­ben Zeit tief in die deutsche Sozialdemokratie gefressen hat­ten. Weit­er­hin hat­te die Nicht­beteili­gung am Krieg es der sozialdemokratis­chen Partei der Schweiz ermöglicht die inter­nen Wider­sprüche zwis­chen rev­o­lu­tionären und Opportunist*innen zu kaschieren und deren offene Aus­tra­gung zu verzögern.

Doch die radikalisierte Arbeiter*innenschaft begann unter ihrem Lei­dens­druck und unter dem Ein­druck der hero­is­chen Kämpfe, beispiel­sweise der rus­sis­chen Arbeiter*innen, die untätige Sozialdemokratie mit spon­ta­nen Streiks und Protesten vor sich her zu treiben. Ein markantes Beispiel sind die Zürich­er Novem­berun­ruhen im Novem­ber 1917. Diese nah­men ihren Anfang bei ein­er Kundge­bung zur Feier der Okto­ber­rev­o­lu­tion in Rus­s­land, die in Aktio­nen gegen Muni­tions­fab­riken mün­dete. In den fol­gen­den zwei Tagen kam es zu Straßen­schlacht­en mit der Polizei und dem Mil­itär, denen vier Men­schen zum Opfer fie­len.

Als Reak­tion auf diese Eigenini­tia­tive der Arbeiter*innen, die sich in immer größeren Scharen von den etablierten Organ­i­sa­tio­nen abwen­de­ten, sucht­en Zentrist*innen, wie der ein­flussre­iche Sozialdemokrat und Mit­glied der Nation­alver­samm­lung Robert Grimm[1], nach ein­er Möglichkeit den Ein­fluss auf die Massen wiederzuer­lan­gen und die Kampfes­lust in „vernün­ftige“ und gemäßigte Bah­nen zu lenken. So grün­dete sich im Feb­ru­ar 1918 das Oltener Aktion­skom­mi­tee (OAK), welch­es als ein Ein­heits­front­gremi­um, das sowohl Gew­erkschaften als auch die SP bein­hal­tete, das Ver­trauen der Arbeiter*innen zurück­zugewin­nen ver­suchte und sich bald an die Spitze der Klassenkämpfe set­zte.

Der unfreiwillige Landesstreik

Das Ziel von Robert Grimm und dem Oltener Aktion­skomi­tee war es, durch Ver­hand­lun­gen mit dem Bun­desrat Konzes­sio­nen zu erlan­gen, in dem damit gedro­ht wurde, nur mit diesen kön­nte ein dro­hen­der Gen­er­al­streik ver­hin­dert wer­den. So gelang es beispiel­sweise im April 1918 eine durch den Bun­desrat ver­an­lasste Teuerung der Milch­preise, durch die Andro­hung eines Gen­er­al­streiks, zu ver­hin­dern. Der Gen­er­al­streik war für das Oltener Aktion­skomi­tee dabei in erster Lin­ie eine effek­tive Drohkulisse, die jedoch nur als aller­let­ztes Mit­tel tat­säch­lich zum Ein­satz kom­men sollte. So unter­mauerte es seine Dro­hun­gen nur mit ein­er äußerst spär­lichen, tat­säch­lichen Vor­bere­itung eines solchen Gen­er­al­streiks.

Während die Arbeiter*innen also schlecht auf eine Eskala­tion des Klassenkampfes vor­bere­it­et waren und die Sozialdemokratie ihr Möglich­stes tat diese Eskala­tion zu ver­hin­dern, bekam es die schweiz­er Bour­geoisie durch die aufge­baute Drohkulisse mit der Angst zu tun. Unter dem Ein­druck der rev­o­lu­tionären Umtriebe in Europa und vor allem in Rus­s­land wäh­n­ten sich teile der Elite kurz vor einem bolschewis­tis­chen Auf­s­tand. Ein beson­ders glühen­der Arbeit­er­feind und Antikom­mu­nist, der später zu einem beken­nen­den Faschis­ten wer­den sollte, war der Schweiz­er Ober­di­vi­sionär Emil Son­dereg­ger, der während des Lan­desstreiks die Ord­nungstrup­pen in Zürich führte.

Die mil­itärische Beset­zung Zürichs war denn auch der Funke, der das Pul­ver­fass sprengte und den lan­desweit­en Gen­er­al­streik gegen den ursprünglichen Willen des OAK aus­löste. Aus Angst vor einem bald bevorste­hen­den gewalt­samen Arbeiter*innenaufstand beschloss der Bun­desrat zur Befriedung der all­ge­meinen Lage, beson­ders in Zürich, der Stadt mit den mil­i­tan­testen Arbeiter*innen, das Mil­itär zur Hil­fe zu holen. Am 7. Novem­ber 1918 marschierten Ver­bände der Schweiz­er Milizarmee, rekru­tiert auss­chließlich aus ländlichen, „loyalen“ Gebi­eten, in die Stadt Zürich ein und beset­zten öffentliche Plätze und Straßen. Als Reak­tion auf diese Pro­voka­tion rief das OAK für den 9. November[2] zu 24-stündi­gen Protest­streiks in ins­ge­samt 19 Städten auf.

Doch die im Belagerungszu­s­tand befind­lichen Zürich­er Arbeiter*innenschaft dachte nicht daran den Streik nach 24 Stun­den abzubrechen und verkün­dete, ent­ge­gen den Weisun­gen des Oltener Aktion­skomi­tees, den unbe­fris­teten Gen­er­al­streik bis zum Abzug der Trup­pen. Am 10. Novem­ber kam es zu Zusam­men­stößen mit dem Mil­itär, wobei ein Sol­dat unter bis heute ungek­lärten Umstän­den erschossen wird. Die Lage begann sich immer weit­er zuzus­pitzen und ein offen­er Bürg­erkrieg wirk­te immer wahrschein­lich­er. Während sich der Zürich­er Gen­er­al­streik auf immer mehr umliegende Städte aus­bre­it­ete, sah die bürg­er­liche Elite ihre Angst vor einem Auf­s­tand bestätigt. Das Oltener Aktion­skomi­tee, dass ver­suchte die Sit­u­a­tion wieder unter ihre Kon­trolle zu brin­gen und spon­tane mil­i­tante Aktio­nen der kampfhun­gri­gen Arbeiter*innen möglichst einzudäm­men, fühlte sich schließlich dazu gedrängt den Zürich­er Gen­er­al­streik offiziell auszuweit­en und rief für den 12. Novem­ber zum ersten lan­desweit­en Gen­er­al­streik auf.

Die Tage vom 12. bis 14. Novem­ber wur­den so zum größten Auf­begehren der Schweiz­er Arbeiter*innenschaft in der Geschichte. Über 250.000 Arbeiter*innen beteiligten sich an dem Streik. Und das nicht nur in der Deutschschweiz, welch­es bish­er rel­a­tiv isoliert gekämpft hat­te, son­dern erst­mals auch gemein­sam mit Arbeiter*innen aus dem Jura, Lau­sanne oder Genf, auch wenn die Beteili­gung dort im Ver­gle­ich zur Ostschweiz ger­ing blieb. An vorder­ster Front waren die Eisenbahner*innen, die es schafften den Verkehr in großen Teilen des Lan­des zum Still­stand zu brin­gen und den Streik von den städtis­chen Zen­tren in das ganze Land zu tra­gen. Forderun­gen wur­den for­muliert, die unter anderem die 48-Stun­den­woche, das Frauen­wahlrecht, eine Alters- und Invali­den­ver­sicherung sowie die Tilgung der Staatss­chulden durch die Besitzen­den umfassten.

Bedingungslose Kapitulation mit Folgen

Doch wed­er das Par­la­ment noch der Bun­desrat erkan­nten auch nur eine dieser Forderun­gen an. Beson­ders unter dem Ein­druck der Novem­ber­rev­o­lu­tion, die sich zeit­gle­ich in Deutsch­land abspielte, war für die bürg­er­liche Elite klar, dass es keine Kom­pro­misse geben kann. Entschlossen den „Auf­s­tand“ sofort und wenn nötig mil­itärisch zu been­den, stellte der Bun­desrat dem Oltener Aktion­skomi­tee ein Ulti­ma­tum den Streik sofort zu been­den oder einen Bürger*innenkrieg zu riskieren. Das OAK, dass unfrei­willig in den Lan­desstreik geschlit­tert war, das nie die Absicht hat­te einen der­art mil­i­tan­ten Klassenkampf geschweige denn einen rev­o­lu­tionären Bürg­erkrieg zu führen, sah sich gegenüber dieser Dro­hung macht­los und per­spek­tiv­los und beugte sich schließlich dem Ulti­ma­tum. So endete die größte Macht­demon­stra­tion der schweiz­er Arbeiter*innenklasse am 14. Novem­ber mit der bedin­gungslosen Kapit­u­la­tion.

Die ver­rate­nen und ent­täuscht­en Arbeiter*innen ver­sucht­en noch in eini­gen Städten den Streik auf eigene Faust weit­erzuführen, doch was an Kampfgeist noch übrig war, wurde bald von Res­ig­na­tion aufge­fressen oder vom Mil­itär erstickt.

In der Zeit nach dem Streik­ab­bruch wütete die staatliche Repres­sion. Noch am 14. Novem­ber wur­den drei streik­ende Uhrma­ch­er von in die Menge feuern­den Sol­dat­en erschossen. Es kam zu 3.504 Strafver­fahren gegen Streik­ende sowie zahlre­ichen Ent­las­sun­gen. Auch Robert Grimm musste für sechs Monate ins Gefäng­nis.

Die tiefe Nieder­lage brachte nicht nur der kon­ser­v­a­tiv­en und radikalen Recht­en ein neues Selb­st­be­wusst­sein, son­dern führte auch in einem Teil der Sozialdemokratie zum Umdenken. Die lange tolerierten Bruch­lin­ien zwis­chen Opportunist*innen und Revolutionär*innen waren nun unüber­wind­bar gewor­den und 1921 spal­tete sich schließlich der linke Flügel der SP ab, darunter ein Großteil der Jungsozialist*innen, und grün­dete die Kom­mu­nis­tis­che Partei der Schweiz und trat der III. Inter­na­tionale bei, was die SP bish­er abgelehnt hat­te.

Der Landesstreik ein Sieg auf Raten?

Doch der notwendi­ge organ­isatorische Bruch mit der oppor­tunis­tis­chen Sozialdemokratie kam zu spät. Die his­torische Nieder­lage sollte die Arbeiter*innen auf Jahrzehnte läh­men, den Weg für eine beispiel­lose Sozial­part­ner­schaft ebnen und wichtige Errun­gen­schaften in weite Ferne rück­en. Die SP verk­lärt bis heute den Lan­desstreik und spricht statt von ein­er Nieder­lage lieber von einem Sieg auf Rat­en, wobei sie diesen Sieg für sich selb­st reklamiert. So sei die Arbeiter*innenbewegung nicht etwa geschwächt, son­dern gestärkt aus dem Streik gegan­gen und viele der his­torischen Forderun­gen des Streiks seien dann Schritt für Schritt einge­führt wor­den. Als stärk­stes Indiz für den nach­halti­gen Fortschritt, den der Streik gebracht haben soll, wird die sich nach dem Streik etablierende Sozial­part­ner­schaft genan­nt. Ähn­lich wie in Deutsch­land nach 1945 kam es in der Schweiz zu zunehmender Koop­er­a­tion zwis­chen Gew­erkschaften, Unternehmen und dem Staat. So wurde beispiel­sweise in diesem Geiste 1920 die 48-Stun­den­woche einge­führt.

Doch langfristig ist die Sozial­part­ner­schaft kein Weg die Herrschaft des Kap­i­tals abzuschüt­teln oder gar der effek­tivste Weg Refor­men zu erre­ichen. Es ist eine spez­i­fis­che Form der Herrschaft des impe­ri­al­is­tis­chen Kap­i­tals, dass gel­ernt hat die Rach­sucht der Arbeiter*innen zu fürcht­en und es sich leis­ten kann durch Gewährung einzel­ner Forderun­gen die Arbeiter*innenbewegung zu demo­bil­isieren und zu zäh­men. So war es möglich andere Refor­men, die sich die Arbeiter*innen in anderen Län­dern erkämpfen kon­nten, in der Schweiz auf Jahrzehnte zu verzögern. Die 1918 geforderte Altersver­sicherung (AHV) wurde beispiel­sweise erst 1948 einge­führt, das Frauen­wahlrecht auf­grund stark­er Proteste sog­ar erst 1971. Andere Forderun­gen wie das Tilgen der Staatss­chulden durch die Besitzen­den sind auch heute noch undenkbar. Der Umgang der heuti­gen SP mit dieser his­torischen Real­ität zeigt ihre Rolle als Stütze des bürg­er­lichen Staates, die sich seit dem Lan­desstreik nur noch ver­stärkt hat.

Welche Lehren können wir aus dem Landesstreik ziehen?

Einen tat­säch­lichen rev­o­lu­tionären Auf­s­tand und Bürger*innenkrieg hät­ten die Arbeiter*innen 1918 in der Schweiz nicht gewin­nen kön­nen. Dazu waren sie zu schlecht vor­bere­it­et, kaum zen­tral organ­isiert und nicht bewaffnet. Der Charak­ter der oppor­tunis­tis­chen Führung ver­hin­derte die Entwick­lung ein­er rev­o­lu­tionären, kampfer­probten Arbeiter*innenschaft, die es sich zum Ziel set­zt, die Macht zu übernehmen, anstatt im Namen des sozialen Friedens die Koop­er­a­tion mit den Kapitalist*innen und ihrem Staat zu suchen. Eine solche wäre im Novem­ber 1918 in der Lage gewe­sen den Dro­hun­gen des Staates, mit Ver­trauen in die eigene Stärke und mit ein­er klaren Per­spek­tive ein­er Arbeiter*innenregierung ent­ge­gen­ste­hen zu kön­nen.

Auch der Novem­ber­rev­o­lu­tion in Deutsch­land wurde ein zu zaghafter, ide­ol­o­gis­ch­er Kampf gegen den Oppor­tunis­mus und ein zu später organ­isatorisch­er Bruch mit der von ihm bald dominierten Sozialdemokratis­chen Partei schließlich zum Ver­häng­nis. Diese wurde so in die Lage ver­set­zt den Auf­s­tand der am besten organ­isierten Arbeiter*innenklasse Europas zu erstick­en und in Blut zu ertränken.

Lenin betonte schon früh die Zen­tral­ität eines klaren Bruchs mit dem Oppor­tunis­mus, den er als das Streben nach „Zusam­me­nar­beit der Klassen, Los­sa­gung von der Dik­tatur des Pro­le­tari­ats, Verzicht auf rev­o­lu­tionäre Aktio­nen, Anbe­tung der bürg­er­lichen Legal­ität, Mis­strauen gegen das Pro­le­tari­at, Ver­trauen zur Bourgeoisie“[3] charak­ter­isierte. Ger­ade der organ­isatorische Bruch der Bolschewis­ten mit den oppor­tunis­tis­chen und zen­tris­tis­chen Men­schewiken ermöglichte es ihnen zu der Partei zu wer­den, die in der rev­o­lu­tionären Zeit von 1917 die Arbeiter*innen hin­ter sich scharen kon­nte und schließlich im Okto­ber eine Arbeiter*innen- und Bauern­regierung etablieren kon­nte.

Doch Lenins Ideen fan­den in der Sozialdemokratis­chen Partei der Schweiz kaum anklang, auch wenn sich Men­schen wie Robert Grimm sich während seines Exils für ihn ein­set­zten. Die Partei glaubte fest an einen unauswe­ich­lichen gradu­ellen Über­gang zum Sozial­is­mus und lehnte die rev­o­lu­tionären The­o­rien der Notwendigkeit ein­er Dik­tatur des Pro­le­tari­ats ab. Und auch radikalere Flügel inner­halb der Partei, die sich die Bolschewi­ki als Vor­bild nehmen woll­ten, allen voran die Jung­sozial­is­ten, sahen die Wider­sprüche der Partei zu einem rev­o­lu­tionären Pro­gramm als über­wind­bar an. Erst nach der his­torischen Nieder­lage 1918 wurde dieser strate­gis­che Fehler offen­sichtlich.

Der hero­is­che Kampf der schweiz­er Arbeiter*innen und der his­torische Ver­rat an ihnen hin­ter­ließ uns damit wertvolle Lehre, die sich Revolutionär*innen zu Herzen nehmen soll­ten, wenn sie nach ein­er Per­spek­tive der Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus in ein­er der gesichert­sten Fes­tun­gen des Kap­i­tals streben:

1. Die Arbeiter*innenklasse braucht eine eigene rev­o­lu­tionäre Partei. Der rev­o­lu­tionäre Kampf kann nicht inner­halb ein­er oppor­tunis­tis­chen Partei erfol­gen. Um einen kom­pro­miss­losen Klassen­stand­punkt ein­nehmen zu kön­nen, braucht es einen klaren organ­isatorischen Bruch mit dem Oppor­tunis­mus und einen Kampf gegen den Zen­tris­mus in den eige­nen Rei­hen. Eine so geformte Partei ist schließlich in der Lage den Reformis­mus in den Klassenkämpfen her­auszu­fordern, seine Unfähigkeit zu ent­lar­ven und ihm die Führung stre­it­ig zu machen.

2. Die Arbeiter*innenbewegung braucht einen klaren pro­le­tarischen Inter­na­tion­al­is­mus. Auch wenn die Schweiz nicht direkt Akteur im impe­ri­al­is­tis­chen Weltkrieg war, so bezog ihre Arbeiter*innenbewegung auch keinen kon­se­quenten anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen, inter­na­tion­al­is­tis­chen Stand­punkt. Dies erschw­erte den Erfahrungsaus­tausch zwis­chen den zahlre­ichen Kämpfen in Europa und der Bewe­gung in der Schweiz und ermöglichte eine Spal­tung der Arbeiter*innen ent­lang der Sprach­gren­zen.

3. Auch die Arbeiter*innen in der Schweiz lassen sich nicht alles gefall­en. Selb­st in einem Land wie der Schweiz, in dem der poli­tis­che Kom­pro­miss und der gesellschaftliche Zusam­men­halt his­torisch tiefer ver­ankert sind wie in keinem anderen Land, kam es zu sozialen Unruhen und harten Klassenkämpfen. Auch die Schweiz wird früher oder später wieder eine tiefe Krise tre­f­fen und die Arbeiter*innenklasse wird sich erheben. Eine ein­drück­liche Erin­nerung an diese Tat­sache war der Frauen­streik 1991, an dem sich über eine halbe Mil­lio­nen Frauen beteiligten. Die Arbeiter*innenbewegung muss sich auf die zukün­fti­gen Kämpfe vor­bere­it­en, um die Klasse näch­stes mal erfol­gre­ich zum Sieg zu führen.

Fußnoten:
[1] Robert Grimm hat­te im Sep­tem­ber 1915 die Zim­mer­walder Kon­ferenz ermöglicht, welche nach dem Zusam­men­bruch der II. Inter­na­tionale eine Ver­net­zung von inter­na­tionalen, sozial­is­tis­chen Kriegsgegner*innen, unter ihnen Lenin und Trotz­ki ermöglichte. In dieser Rolle spielte er dur­chaus eine pro­gres­sive Rolle, auch wenn er auf der Kon­ferenz die oppor­tunis­tis­che Poli­tik sein­er Partei repräsen­tierte.

[2] Am gle­ichen Tag wurde im Zuge der Novem­ber­rev­o­lu­tion in Deutsch­land der Kaiser abge­set­zt. Philipp Schei­de­mann (SPD) rief darauf hin eine bürg­er­liche Repub­lik Deutsch­land aus, während Karl Liebknecht (Spar­takus­bund) eine sozial­is­tis­che Rätere­pub­lik proklamierte. Die SPD sollte sich schließlich durch Ver­rat an der Arbeiter*innenklasse durch­set­zen und die Räte­be­we­gung blutig nieder­schla­gen.

[3] W.I. Lenin: Der Oppor­tunis­mus und der Zusam­men­bruch der II. Inter­na­tionale. In: Werke, Bd.21, S.450

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