Jugend

Zur Diskussion über die Karriereplanung linker Studis

Am 13. März erschien im Lower Class Magazine ein Beitrag von Emanuel Kapfinger, der eine Debatte über Gegenwart und Zukunft von linken Studierenden eröffnete. Was sind die Perspektiven linker Studierender? Eine Professur à la Adorno? Eine Karriere in einer Nicht-Regierungs-Organisation (NGO)? Warum es im Kern bei dieser Debatte um eine strategische Frage geht.

Zur Diskussion über die Karriereplanung linker Studis

Hegel bemerk­te irgend­wo, dass alle großen welt­geschichtlichen Tat­sachen und Per­so­n­en sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufü­gen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. (Karl Marx: Der achtzehnte Bru­maire des Louis Bona­parte)

Anfang der 70er Jahre war es keine Sel­tenheit, dass linke Studierende die Uni­ver­sität ver­ließen… um in ein­er Indus­triefab­rik zu arbeit­en. Die 68er-Bewe­gung geri­et in die Defen­sive, während eine kämpferische Massen­be­we­gung seit­ens der Arbeiter*innenklasse auf sich warten ließ. Im Zuge dieser Tat­sache wurde ver­sucht, diese Lücke durch den neu ent­standen Pro­letkult zu füllen. Nun ver­pön­ten (ehe­ma­lige) Studierende die akademis­che Lauf­bahn, pro­le­tarisierten sich und ihre Lebensweise, um so das Pro­le­tari­at auf ihre Seite zu brin­gen.

Cir­ca ein halbes Jahrhun­dert später scheint dieser Kult beim Low­er Class Mag­a­zin angekom­men zu sein (auch wenn man sich natür­lich in Worten davon dis­tanziert – und von Lenin gle­ich mit). Anstoß ist eine Debat­te über die „Kar­ri­ere­pla­nung” link­er Stud­is.

Keine identitäre, sondern eine strategische Frage

Auf eine richtige Frage nach der Per­spek­tive link­er Studieren­der wer­den so einige falsche Antworten gegeben.

Der Text nimmt die Beruf­swahl im akademis­chen Betrieb ins Visi­er, aus­ge­hend von der Vorstel­lung der Studieren­den, Poli­tik als Arbeits­feld über ihr Studi­um hin­aus zu betreiben. Demge­genüber scheinen die „Anpas­sungszwänge” der bürg­er­lichen Gesellschaft zu ste­hen, die in intellek­tuellen Berufen ihre Wirkung ent­fal­ten wür­den. Als Proletarier*in muss ich arbeit­en, kann aber denken, was ich will; als Intellektuelle*r muss ich die herrschen­den Gedanken „authen­tisch” vertreten – so geht der Gedanke.

Um auf diese Idee zu kom­men, ist schon einiges an falschen Vorstel­lun­gen nötig: Ist etwa die Kon­se­quenz nicht, am Arbeit­splatz Diskus­sio­nen zu führen, sich zu organ­isieren, zu streiken, mit dem Ziel, auch die Kolleg*innen für den Kom­mu­nis­mus zu gewin­nen? Was ist mit der staatlichen wie kap­i­tal­is­tis­chen Repres­sion im Betrieb, die ihren infa­men Höhep­unkt darin erre­icht, dass keine poli­tis­chen Streiks geführt wer­den dür­fen?

Anders: „Die Frage, ob dem men­schlichen Denken gegen­ständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der The­o­rie, son­dern eine prak­tis­che Frage. In der Prax­is muss der Men­sch die Wahrheit, d. h. die Wirk­lichkeit und Macht, die Dies­seit­igkeit seines Denkens beweisen.” (Karl Marx: The­sen über Feuer­bach)

Offen­bar hat der Autor des Artikels selb­st eine recht eigen­tüm­liche Vorstel­lung dessen, wie es in Betrieben aussieht. Anson­sten wäre ihm bewusst, dass die prak­tis­che Betä­ti­gung eine*r Arbeiter*in immer dem Repres­sion­sap­pa­rat der Bour­geoisie aus­ge­set­zt ist. Die Mit­tel dazu reichen vom Aus­laufen­lassen befris­teter Verträge, über gelbe Gew­erkschaften und unternehmensfre­undlichen Betrieb­sräten bis zu der Branche des Union Bust­ing. Dage­gen hil­ft nur die Sol­i­dar­ität ihm Betrieb und darüber hin­aus – das ist etwas qual­i­ta­tiv vol­lkom­men anderes, als die Frei­heit­en, die Studieren­den bei ihrer poli­tis­chen Aktiv­ität zur Ver­fü­gung ste­hen. Die Kolleg*innen, die diese Arbeit leis­ten und mit ihren Kämpfen die deutsche Bour­geoisie zum Zit­tern brin­gen, haben unseren Respekt ver­di­ent und sind Vor­bilder für die rev­o­lu­tionäre Jugend. Darum liegt nichts fern­er, als eine ide­al­is­tis­che Verk­lärung dessen, was das Dasein als Lohnabhängig*e so mit sich bringt.

Kein Wort lesen wir über stu­den­tis­che Sol­i­dar­ität mit Arbeit­skämpfen. Kein Wort über die Ein­heit von Arbei­t­en­den und Studieren­den – und das bei einem Text, der die Uni­ver­sität im Schw­er­punkt behan­delt. Die Uni ist ein gigan­tis­ch­er Kom­plex, der nur aufrecht erhal­ten wird, weil tausende von Arbeiter*innen tagtäglich dafür schuften. Ist das schillernde Beispiel der Arbeiter*innen vom Botanis­chen Garten, der zur Freien Uni­ver­sität (FU) gehört, nicht bei den Linken angekom­men? Dieses hero­is­che Beispiel, wo Arbeiter*innen Hand in Hand mit den Studieren­den gegen den Sen­at, gegen das FU-Prä­sid­i­um einen erfol­gre­ichen Kampf führten.

Weiter geht die Farce:

Wir brauchen scharf­sin­nige und gebildete poli­tis­che Intellek­tuelle. Das Studi­um wäre insofern als poli­tis­ches zu führen, mit dem Ziel, sich zur kri­tis­chen Wis­senschaft, zur poli­tis­chen Analyse und Textpro­duk­tion auszu­bilden. Wichtig ist hier­für die uni­ver­sität­sun­ab­hängige Organ­isierung für kri­tis­che The­o­riear­beit während des Studi­ums und darüber hin­aus.

Der Autor geht der the­o­retis­chen Kon­fronta­tion aus dem Weg. Die Uni­ver­sitäten wer­den ein­fach weit­er Ide­olo­gie und Elite des bürg­er­lichen Staates pro­duzieren. Es gibt nicht auch nur die ger­ing­ste Absicht, mit rev­o­lu­tionär­er Agi­ta­tion und Pro­pa­gan­da den Kampf dage­gen aufzunehmen – rev­o­lu­tionäre Poli­tik, da stimmt man mit der Bour­geoisie übere­in, hat in der Uni­ver­sität nichts ver­loren.

Was eben­falls fehlt, ist eine mate­ri­al­is­tis­che Klasse­n­analyse. Wiederum kein Wort dazu, dass viele neben dem Studi­um in prekären Ver­hält­nis­sen arbeit­en müssen (rund die Hälfte der Studieren­den). Kein Wort über die, die als stu­den­tis­che Hil­f­skräfte an den Uni­ver­sitäten arbeit­en (und neben­bei einen Arbeit­skampf um ihren Tar­ifver­trag führen). Nichts über die wis­senschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter*innen. Keine Per­spek­tive für ihre Arbeit­skämpfe. Aber: „die uni­ver­sität­sun­ab­hängige Organ­isierung für kri­tis­che The­o­riear­beit”.

So wird auch überse­hen, dass das, was man als „Anpas­sungszwänge” in Gew­erkschaften, NGOs und in der Uni aus­macht, nichts den intellek­tuellen Berufen inhärentes ist, son­dern ein Resul­tat ihrer reformistis­chen Beset­zung. Es ist der Druck der Sozial­part­ner­schaft und des Stan­dort­na­tion­al­is­mus in den Gew­erkschaften, der dafür sorgt, dass man mit linksradikalen Posi­tio­nen da nicht weit kommt. Und es ist die eigene Funk­tion als Bürokrat*in, die dafür sorgt, dass man durch eine andere materielle Sit­u­a­tion als die der Arbeiter*innen – näm­lich als gut bezahlte*r Funktionär*in – aufhört, linksradikal zu sein. Es ist die Verbindung von NGOs oder Stiftun­gen wie der Rosa-Lux­em­burg-Stiftung zur Linkspartei und ihrem sozialchau­vin­is­tis­chen Kurs in Rich­tung rot-rot-grün, die die Posi­tio­nen bes­timmt, die man vertreten muss.

Nur am Ende streift Kapfin­ger die Frage, um die es hier eigentlich geht: Welche Strate­gie für den Kampf an den Uni­ver­sitäten mit den Beschäftigten? Es ist ein Schritt vor, sich selb­st als „Proletarisierte*r” zu begreifen und „im Arbeitsver­hält­nis poli­tisch zu agieren”. Zwei Schritte zurück sind es aber, wenn die Antwort eine „kri­tis­che” Neuaus­rich­tung der reformistis­chen Appa­rate sein soll. Men­schen mit einem rev­o­lu­tionären Selb­stver­ständ­nis brauchen nichts weniger als den unver­söhn­lichen Bruch mit den staatlichen und reformistis­chen Appa­rat­en – richtig, eine rev­o­lu­tionäre Partei!

Deshalb müssen Revolutionär*innen auch für die Uni­ver­sität ein Kampf­pro­gramm um die ide­ol­o­gis­che Hege­monie auf­stellen. Es muss ein­er­seits die Kri­tik der Lehrpläne und der noch hege­mo­ni­alen unma­te­ri­al­is­tis­chen Dummheit­en bein­hal­ten. Darüber hin­aus braucht es die gemein­same Organ­isierung aller Studieren­den und an der Uni­ver­sität Beschäftigten und die volle Unter­stützung und Ausweitung ihrer ökonomis­chen und poli­tis­chen Kämpfe. Auf die „kri­tis­che” Dummheit eines Adorno kön­nen wir dabei gut verzicht­en.

One thought on “Zur Diskussion über die Karriereplanung linker Studis

  1. Lieber Kofi,

    bevor du einen Wun­schzettel an mich schreib­st, wie ich den Text eigentlich hätte schreiben sollen, nimm bitte erst­mal andere Texte von mir zur Ken­nt­nis, wo ich auf die von dir erwün­scht­en Analy­sen bere­its einge­gan­gen bin:

    https://tanzaufdemvulkan.wordpress.com/2012/10/13/bildungsstreik-als-kollektive-verweigerung-von-studienleistungen/

    https://ffmdieunibrennt.files.wordpress.com/2012/08/reader_hochschuleimneoliberalismus.pdf#section.1

    Du schreib­st zwar einen riesen­großen Wun­schzettel, gehst aber nir­gends auf das The­ma meines Textes ein, näm­lich dass Studierende mit rev­o­lu­tionärem Inter­esse im Laufe ihres Studi­ums umkip­pen, zur Bour­geoisie über­laufen und dann die Sozial­part­ner­schaft mit­tra­gen, die du oben kri­tisiert hast.

    Anson­sten ist deine “Inter­pre­ta­tion” meines Textes lei­der hochgr­a­dig speku­la­tiv. Ich schreibe nicht:
    — dass Studierende nicht arbeit­en müssen
    — noch, dass die nicht­in­tellek­tuelle Arbei­t­erin­nen kein­er Repres­sion aus­ge­set­zt sind.
    Wenn du dir ein biss­chen angeschaut hättest, was ich son­st so schreibe, dann wüsstest du, dass ich das Gegen­teil vertrete. Also her­zlichen Danke für die Kol­portierung von solchen Vorurteilen über meine Posi­tio­nen!

    Gruß
    Emanuel

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