Deutschland

Wird die Deutsche Bank zur europäischen Lehman Brothers?

Seit Beginn der vergangenen Woche kamen die Befürchtungen über eine der größten Banken Europas zurück an die Börsenmärkte. Diese Befürchtungen stützen sich auf die zunehmenden Unsicherheiten der Deutschen Bank, die als „too big to fail“ angesehen wird.

Wird die Deutsche Bank zur europäischen Lehman Brothers?

Die Reak­tion der Märk­te, die am ver­gan­genen Mon­tag und Dien­stag stark ein­brachen, zeigt zwei Dinge. Zum einen, dass die Reini­gung der Banken noch lange nicht vor­bei ist. Zum anderen, dass der Finanzkrieg zwis­chen den Vere­inigten Staat­en und Deutsch­land zunimmt. Das find­et in ein­er Sit­u­a­tion statt, in der die Blase des fik­tiv­en Kap­i­tals zu platzen begin­nt, wie es die enorme Entwer­tung an der Börse zeigt, die seit Beginn des Jahres stat­tfand.

Am ver­gan­genen Mon­tag musste die größte Bank Deutsch­lands den tief­sten Fall an der Börse seit sieben Jahren ver­buchen. Am Tag darauf ver­bre­it­ete sie die beruhi­gende Aus­sage, dass die Deutsche Bank ihre Schulden von 4,6 Mil­liar­den Euro bezahlen kann, die sie 2014 in Form von CoCo-Bond­s1 auf­nahm, um ihre Kap­i­taldecke zu stärken. Nach dieser Ankündi­gung stiegen ihre Aktien (und damit die Aktien der Banken in ganz Europa) am Mittwoch wieder stark an. Doch die Sor­gen um die Riesen­bank sind noch lange nicht ver­schwun­den. Das geht soweit, dass „die Märk­te“ an den Rück­zahlungs­fähigkeit­en der risiko­r­e­ichen Schuld­scheine zweifeln. Ein Zeichen davon ist die hohe Nach­frage nach Kred­i­taus­fal­lver­sicherun­gen, deren Preise sich alleine in diesem Jahr ver­dop­pel­ten, während die Deutsche-Bank-Aktie fast die Hälfte ihres Wertes ver­lor und sich heute auf his­torisch niedri­gen Werten befind­et.

Eine besondere Konferenz

Die Aktien der Deutschen Bank erre­icht­en let­zte Woche ihre niedrig­sten Werte seit 30 Jahren. Die Ver­luste an den Finanzmärk­ten und die Besorg­nis über die Weltwirtschaft führten zu ein­er „Flucht in Quail­ität“ (zum Beispiel zu den sta­bilen deutschen Staat­san­lei­hen) führten. Deshalb verkün­dete der Vor­sitzende der Deutschen Bank, John Cryan, am ver­gan­genen Dien­stag, dass die Bank „felsen­fest“ ste­ht und ihre Zahlun­gen wie geplant stat­tfind­en wer­den.

Eine unge­wohnte Ankündi­gung in ein­er Banken­welt, die ver­sucht, alle möglichen Infor­ma­tio­nen geheim zu hal­ten. Deshalb war­fen diese Aus­sagen neue Zweifel auf. Nichts­destotrotz erholten sich die Aktien am Mittwoch wieder, nach­dem bekan­nt wurde, dass die Deutsche Bank einen mil­liar­den­schw­eren Anlei­herück­kauf erwägt, um weit­ere Ver­luste zu ver­hin­dern.

Ertragseinfall in Rekordzeit

Die deutsche Riesen­bank musste im ver­gan­genen Jahr mit 6,7 Mil­liar­den Euro die größten Ver­luste in ihrer 58-jähri­gen Geschichte ver­buchen. Damit über­steigen diese Zahlen sog­ar die Ver­luste aus dem Jahr 2008, als die Finanzkrise in vollem Gange war und die Deutsche Bank 3,9 Mil­liar­den Euro ver­lor. Nach diesen katas­trophalen Verkün­dun­gen nah­men die Gerüchte über ein möglichen Bankrott zu, wie sie schon 2015 immer wieder zu hören waren. Analyst*innen sagen, dass die Menge der Derivate der Bank mit Sitz in Frank­furt so weit in die Höhe geschossen ist, dass ein Kol­laps dro­ht. 67 Bil­lio­nen Euro sind in zweifel­haften Finan­z­op­er­a­tio­nen über die Welt verteilt – das ist 20 mal das Brut­toin­land­spro­dukt (BIP) von Deutsch­land (3,6 Bil­lio­nen Euro). Auch andere Prob­leme nehmen zu: In den let­zten Jahren musste die Deutsche Bank acht Mil­liar­den Euro Strafen an die Europäis­che Union zahlen, da sie betrügerische Manip­u­la­tio­nen der Leitzinssätze Libor, Tibor und Euri­bor vor­nahm. Gle­ichzeit­ig gab die größte europäis­che Bank laut Bloomberg in drei Jahren sieben Mil­liar­den Euro alleine in Anwalts- und anderen Gericht­skosten für die Prozesse aus, in die sie ver­wick­elt ist. Wirtschaftsexpert*innen fra­gen sich, ob diese 15 Mil­liar­den Euro aus Anwalt­skosten und Strafzahlun­gen ein Teil der Flucht nach vorne sind, die die Deutsche Bank anstrebt. Es ist außer­dem klar, dass wed­er der deutsche Staat noch die Europäis­che Union dazu bere­it wären, sie fall­en zu lassen.

Der Abgas-Skan­dal von Volk­swa­gen zwang den Auto­mo­bil­riesen zehn Mil­liar­den Euro zu besor­gen, um die Entschädi­gun­gen und Strafzahlun­gen leis­ten zu kön­nen. Die Deutsche Bank muss einen Großteil dieser Gelder bere­it­stellen, da die Volk­swa­gen-Gruppe sie auf den Kon­ten dieser Bank geparkt hat­te.

In diesem Rah­men kündigte der Vor­stand im ver­gan­genen Okto­ber die größte Umstruk­turierung in der Geschichte der Bank an. In den kom­menden zwei Jahren sollen 35.000 von 75.000 Arbeiter*innen ent­lassen wer­den, die Mehrheit durch die Abtren­nung von einem Teil der Bank. Damit wollen sie die „Kosten“ der Aus­beu­tung ver­ringern und sich aus zehn Län­dern zurückziehen.

Die Bank ist nicht so stabil wie sie scheint

Das Platzen der Blase aus fik­tivem Kap­i­tal verur­sacht erste Kosten. In den ver­gan­genen Jahren der Börsen- und Finanzspiel­ereien war eines der wichtig­sten Instru­mente zur Stärkung ihrer Kap­i­tal­ba­sis die soge­nan­nten CoCo-Bonds, die wir schon oben erwäh­n­ten. Auch die Europäis­che Zen­tral­bank (EZB) spielte eine wichtige Rolle in der Ver­bre­itung dieser Prax­is, um die Bilanzen aufzubessern. Diese Hoch-Risiko-Bonds ver­bre­it­eten sich mit großem Erfolg in der ganzen Welt – in ein­er Sit­u­a­tion, in der die Investor*innen ihre Erträge angesichts niedriger Zinssätze sich­ern woll­ten und von der Sta­bil­ität der Banken und ihrer Reini­gung nach der Krise 2007/08 aus­gin­gen. 2011 brachte sie Bonds in Höhe von zehn Mil­liar­den Euro aus, deren Ertragsrate auf bis zu zehn Prozent kam. Damals erschien es ein sicher­er Han­del und das Risiko der Nicht­szahlung ger­ing. 2015 wur­den mehr als 70 Mil­liar­den Dol­lar mit ein­er Ertragsrate aus­gegeben, die nicht ein­mal die vier Prozent­punk­te über­schritt. Doch der Beginn ein­er neue Phase der weltweit­en Krise ver­wan­delte die CoCo-Bonds schnell in Pro­duk­te, welche die Besitzer*innen schnell loswer­den woll­ten, da sie einen Tota­laus­fall der Investi­tion bedeuten kön­nten.

Ver­schiedene Fak­toren bestärken diese Sit­u­a­tion: die Gefahr, dass die Vorzüge der Niedrigzin­spoli­tik weg­fall­en (oder anders gesagt, die Real­ität, dass sich die Banken auf der einen Seite durch die extrem expan­sive Finanzpoli­tik der Zen­tral­banken bil­lig finanzieren kön­nen, aber der Ein­fluss der Dar­lehen bei den niedri­gen Preisen viel größer ist und dadurch ihre Gewinne stark nach­lassen kön­nen); die Notwendigkeit ein­er Rekap­i­tal­isierung, um kom­mende Krisen zu ver­hin­dern; und beson­ders die zunehmende Ver­langsamung der Weltwirtschaft, die Banken beson­ders hart trifft, die in den falsch als Schwellen­län­dern beze­ich­neten Län­dern wach­sen woll­ten.

In diesem Rah­men musste nicht nur die Deutsche Bank, son­dern auch ihre europäis­chen Kontrahent*innen wie die Cred­it Suisse oder Bar­clays, Ver­luste an der Börse ver­buchen, da sich Investor*innen in einem schlecht­en wirtschaftlichen und finanziellen Panora­ma absich­ern wollen. Beson­ders die ital­ienis­chen Banken, die eine Säum­nis­rate von bis zu 16 Prozent besitzen, hal­ten sich nur kün­stlich durch einen insta­bilen Ret­tungs­plan von Pre­mier­min­is­ter Mat­teo Ren­zi aufrecht, der gegen den Banken­ret­tungsmech­a­nis­mus ver­stößt.

Ein neues Kapitel in dem wilden Finanzkrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland

Doch auch wenn all das Gesagte eine materielle Basis besitzt, ist das Fortbeste­hen und die Ver­bre­itung der Gerüchte über einen Zusam­men­bruch ein­er Bank wie der Deutschen Bank ein Aus­druck des Wirtschaft­skriegs zwis­chen Wash­ing­ton und Berlin. Dieser soll die Frage lösen, wer die Kosten der Wirtschaft­skrise trägt, die in Bergen aus fik­tivem Kap­i­tal beste­hen und zum großen Teil ver­schoben wur­den. So schrieb die US-amerikanis­che Citibank in einem kür­zlich erschiene­nen Artikel, dass die Kap­i­tal­rate der Deutschen Bank weit unter der ihrer Konkur­renz ist und 2017 eine Erhöhung von 15 Mil­liar­den Euro ihrer Kap­i­taldecke benöti­gen würde. Diese Aus­sagen wur­den nur kurz danach von der Bank aus Frank­furt verneint.

Dieser geopoli­tis­che und finanzielle Krieg nahm beson­ders mit der Eurokrise zu und ver­schärfte sich durch den Ukraine-Kon­flikt noch weit­er, wo das Inter­esse und die Möglichkeit von Deutsch­land deut­lich wur­den, sich von der geopoli­tis­chen Agen­da der USA abzu­gren­zen. Die neue Phase der weltweit­en Krise kann – im Gegen­satz zu der ein­heitlichen Antwort der impe­ri­al­is­tis­chen Mächte auf die Finanz- und Wirtschaft­skrise von 2007/08 – die Kon­flik­te zwis­chen den führen­den impe­ri­al­is­tis­chen Län­dern ver­stärken und damit ein wichtiges Ele­ment der Ungewis­sheit zur strikt wirtschaftlichen Sit­u­a­tion hinzufü­gen. Es ist klar, dass die Kon­trollfähigkeit der kom­menden Krise wesentlich stärk­er infrage gestellt wird, als im Zuge der Katas­tro­phe, die sich nach dem Fall von Lehman Broth­ers eröffnete.

dieser Artikel bei Izquier­da Diario

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