Unsere Klasse

Willkommen, Arbeiter*innenklasse! Streiks bei Amazon in ganz Europa

Ein 72-stündiger Streik in Madrid, Streiks in verschiedenen Lagern in Deutschland und Solidaritätsaktionen in Polen verwandelten den "Prime Day" in einen internationalen Kampftag.

Willkommen, Arbeiter*innenklasse! Streiks bei Amazon in ganz Europa

Zweit­er Streik­tag im Ama­zon-Lager in San Fer­nan­do de Henares: 80 Prozent der unbe­fris­tet Beschäftigten fol­gen dem Streikaufruf. Die Polizei ver­prügelt Arbeiter*innen, die an den Streik­posten teil­nehmen. Zwei Ver­haftete und mehrere Ver­let­zte. So ver­lief der “epis­che” Prime Day von Ama­zon an diesem Dien­stag.

Ana arbeit­et seit fünf Jahren in dem Unternehmen, ist allein­erziehende Mut­ter und fol­gt dem Streik gemein­sam mit ihren Kolleg*innen. Nach­dem sie von der Polizei Knüp­pelschläge bekom­men hat, weint sie vor Wut: “Sie greifen Frauen und unbe­waffnete Per­so­n­en an, die nur ihre Hände zum Arbeit­en haben.” Ein­er der ver­let­zten Arbeit­er musste im Kranken­haus behan­delt wer­den, wo sie sein Kinn mit sieben Stichen näht­en. Sein Shirt war voller Blut.

Nach den Polizeian­grif­f­en ver­sam­meln sich die Arbeiter*innen wieder: “Jet­zt ste­hen wir noch fes­ter zusam­men als je zuvor”, ver­sichert Luis Miguel Ruiz, Delegiert­er der Gew­erkschaft CGT im Betrieb­srat. “Es lebe der Kampf der Arbeiter*innenklasse”, antworten seine Kolleg*innen mit Applaus.

“Die Spezialkräfte der Polizei sind hier­her gekom­men, um sich gegen die Arbeiter*innen und auf die Seite der Bosse zu stellen”, betont der Delegierte. “Wir bekom­men heute Knüp­pelschläge ab, genau­so wie unsere Großel­tern, aber wir ste­hen noch. Die Erfahrung von heute sorgt nicht dafür, dass ich zurück­we­iche. Ich bin stolz darauf, was meine Kolleg*innen getan haben und wir wer­den weit­er­ma­chen.” Klassen­stolz und Entschlossen­heit, um den Kampf gegen den reich­sten Kap­i­tal­is­ten der mod­er­nen Geschichte weit­erzuführen.

Arbeiter*innen aller Länder… vereinigt euch!

Dem Streik im Lager im Madrid schlossen sich auch sieben Logis­tikzen­tren in Deutsch­land an: Bad Hers­feld (FRA1 und FRA3), Graben, Leipzig, Rhein­berg, Werne und Koblenz, zusät­zlich gab es Sol­i­dar­ität­sak­tio­nen in Lagern in Polen. Der inter­na­tion­al­isierte Protest wurde durch soziale Net­zw­erke ver­stärkt, wo tausende Per­so­n­en zum Boykott aufriefen und die Polizeire­pres­sion verurteil­ten. Die Arbeiter*innen kon­nten Jeff Bezos das “Prime Day”-Fest gehörig ver­miesen.

Der multi­na­tionale Online-Händler gehört zu den größten der Welt, mit 80 Lagern in mehreren Län­dern. Von Haushalts­geräten bis Dia­man­ten, Katzen­fut­ter, Motor­rader­satzteilen und Krim­i­nal­ro­ma­nen: Fast alles kann man bei Ama­zon kaufen. Mit gigan­tis­chen Lager­häusern ver­spricht das Unternehmen, die Bestel­lun­gen in kürzester Zeit in alle Eck­en des Plan­eten zu ver­schick­en. Aber das Geheim­nis von Ama­zon liegt nicht nur in einem unver­gle­ich­lichen Logis­tiknetz, son­dern in der krassen Prekarisierung, unter der die Arbeiter*innen zu lei­den haben. Zugle­ich nutzt die Fir­ma diese glob­ale Struk­tur, um die Auswirkun­gen der Streiks zu ver­ringern.

Chris­t­ian Kräh­ling, Ver­trauensmann bei Ama­zon in Bad Hers­feld für die Gew­erkschaft ver.di, erk­lärt diesen Mech­a­nis­mus. Wenn es Arbeit­skampf in Deutsch­land gibt, “kann das Unternehmen einen gewis­sen Teil der Bestel­lun­gen an ver­schiedene Lager umleit­en, die nicht im Streik sind, beson­ders nach Polen.” Das­selbe hat Ama­zon beim Streik in San Fer­nan­do de Henares gemacht, indem Bestel­lun­gen nach Barcelona und nach Frankre­ich umgeleit­et wur­den.

In jedem Lager nutzt Ama­zon eine große Zahl an Leiharbeiter*innen und befris­tet Beschäftigten, um die Belegschaft zu spal­ten und ihre Rechte zu unter­graben. Das kon­nte man auch während des Streiks in Madrid beobacht­en, da viele Befris­tete und Leiharbeiter*innen unter Andro­hung von Ent­las­sun­gen ihre Arbeit fort­ge­set­zt haben. “Sowohl Ama­zon als auch die Lei­har­beits­fir­men haben ihnen gesagt, dass ihre Verträge in ein­er Woche enden wür­den, und dass sie keine Ver­längerung bekä­men, wenn sie in den Streik treten wür­den. Das ist Erpres­sung zum Streik­bruch, Ver­let­zung des Streikrechts und das wer­den wir bei den Auf­sichts­be­hör­den melden”, warnt Luis Miguel Ruiz.

Wie kann ein Riese wie Ama­zon geschla­gen wer­den? Kräh­ling glaubt, dass mehr Kolleg*innen für den Streik gewon­nen wer­den müssen und die inter­na­tionale Koordierung ver­tieft wer­den muss. “Wir arbeit­en daran und haben schon Fortschritte gemacht. Wir müssen uns bewusst sein, dass das ein langer Kampf wird.”

Dou­glas Harp­er, Delegiert­er für die Gew­erkschaft CC.OO. im Betrieb­srat von Ama­zon San Fer­nan­do, hebt her­vor: “1200 Arbeiter*innen in Deutsch­land sind dem Streik gefol­gt, zusät­zlich dazu gab es die Sol­i­dar­ität­sak­tio­nen in Polen. Das ist sehr wichtig, weil in diesen Tagen die Lager auf Hoch­touren arbeit­en, und jedes Lager, das fällt, führt zu direk­ten Ver­lus­ten für Ama­zon.”

Die Streiks sorgten dafür, dass sich die Arbeiter*innenklasse vere­int, fügt Harp­er hinzu. Um “die Konkur­renz untere­inan­der zu über­winden, in die uns der Kap­i­tal­is­mus zwingt”. Unter den Arbeiter*innen liegt “das Durch­schnittsalter bei 24 Jahren, das sind Leute, die noch kein gefes­tigtes gew­erkschaftlich­es Bewusst­sein haben, aber ver­ste­hen, was der Kampf ist und was die Sol­i­dar­ität ist, und dass der der Indi­vid­u­al­is­mus uns über­haupt nichts bringt.”

In Deutsch­land reflek­tiert Kräh­ling in dem­sel­ben Sinn:

Die Welt wird jeden Tag ein biss­chen klein­er. Das Kap­i­tal über­quert die Gren­zen mit Leichtigkeit, wir müssen das auch machen! Aber es geht nicht nur darum, Sol­i­dar­ität­snachricht­en an andere Streik­ende rund um die Welt zu schick­en oder auch nur einige Streiks zu koor­dinieren. Wenn ich mich mit Streik­enden in Leipzig, Poz­nan, Madrid oder Guangzhou in Chi­na tre­ffe, ist es, als ob ich mich mit meinen Brüdern und Schwest­ern tre­ffe. Das berührt mein Herz und gibt mir Energie für die täglichen Kämpfe, weil ich weiß, dass die anderen diesel­ben Kämpfe führen. Das ist sehr inspiri­erend und hält den Kampf am Leben!

Abschied vom Pro­le­tari­at? Nein, willkom­men Arbeiter*innenklasse!

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch bei ctxt.es.

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