Geschichte und Kultur

Wie reagiert die Kunst auf den Rechtsruck?

Der wachsende Druck von Rechts eröffnet eine neue Debatte über die Unabhängigkeit der Kunst. Brauchen wir eine neue Plattform zur Verteidigung der Kunstfreiheit und Entwicklung einer revolutionären Kunst?

Wie reagiert die Kunst auf den Rechtsruck?

Bild: Ouel­go Téné als Haupt­mann von Köpenick am Lan­desthe­ater Altenburg (Sabi­na Sabovic)

1938 erschien das „Man­i­fest für eine unab­hängige rev­o­lu­tionäre Kun­st“. Der Aufruf wurde von Leo Trotz­ki gemein­sam mit dem sur­re­al­is­tis­chen Schrift­steller Andrè Bre­ton und dem Maler Diego Riv­iera ver­fasste. Die Autoren eröff­nen den Aufruf mit den Worten:

„Wir kön­nen ohne Übertrei­bung fest­stellen, daß die Zivil­i­sa­tion noch niemals so ern­sthaft bedro­ht war, wie heute. (…) In der gegen­wär­ti­gen Epoche des ster­ben­den Kap­i­tal­is­mus, des demokratis­chen wie des faschis­tis­chen, sieht sich der Kün­stler in seinem Recht auf kün­st­lerische Betä­ti­gung und sog­ar seinem Recht zu leben bedro­ht.“

Mit der faschis­tis­chen Machter­grei­fung und der stal­in­is­tis­chen Bürokratie war die Sit­u­a­tion von Kun­st und Wis­senschaft unerträglich gewor­den. Der Faschis­mus untern­immt alles, sie als entartet zu ver­nicht­en. Umgekehrt nen­nen die Stalinist*innen jedes frei geschaf­fene Werk „faschis­tisch“.

Der Aufruf bot allen rev­o­lu­tionären Schriftsteller*innen und Künstler*innen eine gemein­same Plat­tform an. Ziel war es einen Bund rev­o­lu­tionär­er Künstler*innen zu schaf­fen, der die Frei­heit der Kun­st gegen die Usurpator*innen der Rev­o­lu­tion vertei­di­gen kann. „Alle Kräfte der unab­hängi­gen rev­o­lu­tionären Kun­st müssen heute für den Kampf gegen reak­tionäre Ver­fol­gun­gen gebün­delt wer­den. Sie müssen lau­thals ihr Recht auf Exis­tenz proklamieren. Die Vere­ini­gung dieser Kräfte ist das Ziel des Inter­na­tionalen Bun­des für unab­hängige rev­o­lu­tionäre Kun­st, dessen Grün­dung wir für nötig eracht­en.“

Mit dem Erstarken der Neuen Recht­en ist diese Frei­heit heute wieder unter Beschuss. Wie eine Recherche von ARD und Süd­deutsch­er Zeitung  zeigt, sind Kul­turein­rich­tun­gen zunehmend Angrif­f­en von AfD, PEGIDA und Co aus­ge­set­zt. Der wach­sende Druck von Rechts eröffnet eine neue Debat­te über die Unab­hängigkeit der Kun­st. Brauchen wir eine neue Plat­tform zur Vertei­di­gung der Kun­st­frei­heit und Entwick­lung ein­er rev­o­lu­tionären Kun­st?

In der Recherche von ARD und SZ wird dokumentiert, wie Theater, Opernhäuser und Museen von Rechten unter Druck gesetzt und bedroht werden.

Die Süd­deutsche Zeitung veröf­fentlichte eine Chronik mit ver­schiede­nen Angrif­f­en auf Kul­turein­rich­tun­gen. Manch­mal sind es anonyme Has­s­mails oder Mord- und Bomben­dro­hun­gen. Manch­mal sind es Strafanzeigen, Störak­tio­nen, Demon­stra­tio­nen gegen Kun­st­pro­jek­te oder Polemiken gegen „hohle Exper­i­mente und dümm­liche Willkom­men­spro­pa­gan­da“ an The­atern, Opern, Museen. Manch­mal sind es Anfra­gen und Anträge der AfD in Par­la­menten, Stadträten und Kul­tur­auss­chüssen.

Das The­ater Altenburg wurde beispiel­sweise Ziel von Boykot­taufrufen durch PEGIDA, nach­dem es in ein­er Insze­nierung die nation­al­sozial­is­tis­che Ver­gan­gen­heit der Stadt zum The­ma gemacht hat­te. Dabei spielte ein Schaus­piel­er aus Burk­i­na Faso die Titel­rolle. Der Boykot­taufruf hat­te zur Folge, dass vier Schauspieler*innen und Sänger*innen mit Migra­tionsh­in­ter­grund beschlossen haben, ihr Engage­ment am The­ater Altenburg nicht zu ver­längern, weil sie außer­halb des The­aters in ihrem All­t­ag zu oft ras­sis­tisch belei­digt wur­den.

Die Veranstalter*innen des inter­na­tionalen Lit­er­atur­fes­ti­vals „Lit­er­atürk 2018“ in Essen erhiel­ten einen anony­men Brief mit der Aus­sage „Verehrte Türken, Lit­er­atürk ist über­flüs­sig. Lesen Sie das in Istan­bul. Buchen Sie viele Flüge. Hauen Sie ab aus Deutsch­land.“ Ein Poli­tik­er der AfD beze­ich­nete kür­zlich einen in der Stadt Kas­sel aufgestell­ten Obelisken des Doc­u­men­ta-Kün­stlers Olu Ogu­ibe als „ide­ol­o­gisch polar­isierende, entstellte Kun­st“. Der kul­tur­poli­tis­che Sprech­er der AfD-Land­tags­frak­tion Sach­sen-Anhalt veröf­fentlichte eine Presseerk­lärung, in der er die Ver­mit­tlung von „nationaler Iden­tität“ als Auf­gabe für den The­ater­be­trieb fordert: „Wenn wir eine starke The­aterkul­tur wollen, brauchen wir also zuerst eine starke Nation­alkul­tur.“

Wie wir sehen, gel­ten die Angriffe beson­ders migrantis­chen, geflüchteten und Schwarzen Künstler*innen. In ihrer Strate­gie der Eroberung der kul­turellen Hege­monie richt­en sich die Angriffe zunächst gegen die Unter­drück­testen unser­er Gesellschaft. Mit diesen Pro­voka­tio­nen ver­suchen sich die Recht­en eine ser­iöse Bühne für den Recht­sruck zu erkämpfen.

Und wie reagiert der deutsche Staat auf diese Angriffe? Anstatt diese abzuwehren machen sich die Staat­san­waltschaften und Gerichte zu Werkzeu­gen der recht­en Repres­sion. Im Kon­text des Recht­srucks sind zwei Ermit­tlungsver­fahren beson­ders inter­es­sant zu betra­cht­en:

Die Staat­san­waltschaft Gera ermit­telte 16 Monate gegen das Künstler*innen-Kollektiv „Zen­trum für poli­tis­che Schön­heit“ wegen „Bil­dung ein­er krim­inellen Vere­ini­gung“. Grund war eine Kun­stak­tion in der Nähe des Wohn­haus­es von Björn Höcke. Die Gruppe hat­te einen Nach­bau des Holo­caust-Denkmals aufgestellt und vor­getäuscht die Aktiv­itäten des AfD-Poli­tik­ers zu beobacht­en. Nach Ein­stel­lung des Ver­fahrens wurde die poli­tis­che Moti­va­tion der Ermit­tlun­gen kri­tisiert. Der zuständi­ge Staat­san­walt ist laut einem Bericht von Zeit Online ein Spender der AfD.

Der zweite Fall war die soge­nan­nte „Böh­mer­mann-Affäre“. In einem als Schmähkri­tik betitel­ten Gedicht hat­te Jan Böh­mer­mann in sein­er satirischen ZDF-Show „Neo Mag­a­zin Royale“ über den türkischen Präsi­den­ten gespot­tet. Er hat­te dabei deut­lich gemacht, dass er dies bewusst tue, um die Gren­zen von Presse‑, Mei­n­ungs- und Kun­st­frei­heit aufzuzeigen. Die Bun­deskan­z­lerin nan­nte daraufhin die kün­st­lerische Arbeit „bewusst ver­let­z­tend“ und ermächtigte die Staat­san­waltschaft zur Ermit­tlung gegen den Satirik­er. Diese Verurteilung wirkt auch deshalb beson­ders per­fide, weil Deutsch­land und die EU bei der Abwehr von geflüchteten Men­schen auf die Unter­stützung der Türkei set­zen.

Politisierung der Kunst

Wal­ter Ben­jamin schrieb in „Das Kunst­werk im Zeital­ter sein­er tech­nis­chen Repro­duzier­barkeit“, dass der Faschis­mus ein Ästhetisierung der Poli­tik betreibe. Der Kom­mu­nis­mus antwortet mit der Poli­tisierung der Kun­st!

Durch den Recht­sruck in Poli­tik und Gesellschaft und die damit ver­bun­de­nen Angriffe auf Künstler*innen ist die Kul­turszene in Bewe­gung gekom­men. Die 2017 gegrün­dete Ini­tia­tive „Die Vie­len“ ver­sucht eine Antwort auf geschlossene Gren­zen und zunehmenden Ras­sis­mus zu find­en. Unter dem Mot­to #glänzen­stat­taus­gren­zen wer­den Diskus­sio­nen, Ver­anstal­tun­gen und Aktio­nen organ­isiert. Im Mai gab es eine Rei­he von Großdemon­stra­tio­nen von München bis Berlin.

Die zunehmende Poli­tisierung wird auch deut­lich, wenn wir uns die let­zten inter­na­tion­al rel­e­van­ten Ausstel­lun­gen anse­hen. Die Doc­u­men­ta 14 2017 in Kas­sel und Athen war geprägt von poli­tis­chen Arbeit­en. Für den kün­st­lerischen Leit­er Adam Szym­czyk war die Doc­u­men­ta-Ausstel­lung Teil ein­er emanzi­pa­torischen Bewe­gung. Die Kunst­werke soll­ten ein State­ment in Zeit­en poli­tis­ch­er Umbrüche set­zen und sich dem immer gle­ichen Nar­ra­tiv wider­set­zen, das Men­schen von der Türkei bis Ameri­ka aufgezwun­gen werde, sagte Szym­czyk im Deutsch­land­funk.

Auch die aktuelle Bien­nale in Venedig ist dominiert von poli­tis­chen Arbeit­en. Unter dem Mot­to „Mögest du in inter­es­san­ten Zeit­en leben“ beschäfti­gen sich die Künstler*innen mit The­men wie Dig­i­tal­isierung, Kli­mawan­del und Migra­tion. Die wohl dom­i­nan­teste Arbeit war dieses Jahr ein havari­ertes Boot, welch­es 2015 vor Lampe­dusa sank und mehr als 800 Migrant*innen in den Tod riss. Der Kün­stler Christoph Büchel hat es auf der Bien­nale aus­gestellt und zwingt die Besucher*innen der Ausstel­lung sich mit den Fol­gen der ras­sis­tis­chen Migra­tionspoli­tik auseinan­derzuset­zen.

Die Poli­tisierung der Kun­st ist eine notwendi­ge und logis­che Antwort auf den Recht­sruck und die ökonomis­che Krise des glob­alen Kap­i­tal­is­mus. So schreiben die Ver­fass­er im „Man­i­fest für eine unab­hängige Kun­st”, dass die Kun­st die inneren Bedürfnisse der Men­schen — der Men­schheit ihrer Zeit — auszu­drück­en habe, wirk­liche Kun­st  gar nicht anders als rev­o­lu­tionär sein könne und einen völ­li­gen und radikalen Neuauf­bau der Gesellschaft anstrebe. Das müsse sie tun, und sei es nur, um das intellek­tuelle Schaf­fen von allen Ket­ten zu befreien.

Zeit­gle­ich ist die Ten­denz zu erken­nen, dass die poli­tis­che Kun­st zu einem fes­ten Bestandteil des bürg­er­lichen Kun­stetab­lisse­ments gewor­den ist. Die aktuellen Großausstel­lun­gen zeigen auch, dass es für poli­tis­che Arbeit­en einen wach­senden Markt gibt. Dies hat zur Folge, dass reak­tionäre Künstler*innen sich mit der Fahne der poli­tis­chen Kun­st behän­gen und damit ihre Arbeit­en ver­mark­ten. Aber wie Trotz­ki sagt, kön­nen Künstler*innen dem Frei­heit­skampf nicht dienen, wenn sie dessen sozialen Inhalt nicht erfassen, wenn sie nicht mit allen Fasern ihres Herzens seinen Sinn und seine Dra­matik erfassen und nicht unge­hin­dert sein inneres Erleben der Welt in sein­er Kun­st Aus­druck ver­lei­hen.

Es ist wieder an der Zeit, die Forderung nach ein­er unab­hängi­gen Kun­st jenen ent­ge­gen­zuset­zen, die geistige Arbeit für Zwecke ein­set­zen wollen, die ihr fremd sind und die der Kun­st ihre The­men vorschreiben wollen. Die freie Wahl seiner*ihrer The­men und der uneingeschränk­te Zugang zu ihnen — das sind Errun­gen­schaften, auf die jede*r Künstler*in ein unveräußer­lich­es Recht hat. Im Bere­ich kün­st­lerischen Schaf­fens muss die Phan­tasie von allen Zwän­gen befre­it wer­den und darf sich unter keinem wie auch immer geart­eten Vor­wand Fes­seln anle­gen lassen. Jenen, die uns jet­zt oder in Zukun­ft dazu auf­fordern, Kun­st ein­er Diszi­plin zu unter­w­er­fen, was mit ihrem Wesen von Grund auf unvere­in­bar ist, erteilen wir eine entsch­iedene Absage.

Deshalb wollen wir die Forderun­gen des „Man­i­fests für eine unab­hängige rev­o­lu­tionäre Kun­st“ wieder­holen und alle Freund*innen und Verteidiger*innen der Kun­st dazu aufrufen sich zusam­men zu schließen und sich gehör zu ver­schaf­fen.

Unab­hängigkeit der Kun­st – für die Rev­o­lu­tion!
Rev­o­lu­tion – für die voll­ständi­ge Befreiung der Kun­st!

 

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