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Wie faschistisch war der Zapfenstreich?

Mit dem „Großen Zapfenstreich“ ehrte das Verteidigungsministerium am Mittwoch die Soldat:innen, die in Afghanistan im Einsatz waren. Der Fackelzug erinnerte optisch an die Feiern der Nazis zur Machtergreifung.

Wie faschistisch war der Zapfenstreich?
Foto: Großer Zapfenstreich zum Anlass des fünfzigsten Gründungstages der Ramstein Air Base (2002) / Wikipedia.org

Mit Trommeln und Fackeln würdigte die Bundeswehr vor dem Reichstag die 93.000 Soldat:innen, die über die letzten 20 Jahre Afghanistan besetzt hatten. In Social Media verglichen viele User:innen die Zeremonie mit dem Fackelmarsch von uniformierte SA- und SS-Männer, die so 1933 die Machtergreifung Hitlers feierten.

Das Verteidigungsministerium sah sich am Donnerstag genötigt, diese Kritik auf Twitter zu kommentieren: „Debatte ist notwendig und wichtig. Vergleiche mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands enttäuschen uns. Die Bundeswehr ist Parlamentsarmee. Als diese hat sie ihren Platz inmitten der Gesellschaft – bei besonderen Anlässen auch vor dem Reichstagsgebäude.“

Ist die Kritik am Fackelmarsch gerechtfertigt?

Manche wenden ein, dass die Tradition des Zapfenstreichs nicht auf die Nazis, sondern auf das 16. Jahrhundert zurückgeht und auch die Armee der DDR diese Zeremonie abhielt. Das ist zwar korrekt. Doch führte die Bundeswehr das militaristische Schauspiel am Mittwoch auf als Huldigung des desaströsen Kriegseinsatzes in Afghanistan, bei dem sie für zahlreiche Skandale sorgte: Leichenschändung; den Befehl zur Bombardierung eines Tanklasters, wodurch über 100 Menschen starben; faschistische Zellen in den Spezialkräften. Die Truppe half dabei, ein korruptes Regime zu errichten, das mit dem Abzug der internationalen Streitkräfte in wenigen Wochen in sich zusammenfiel und den Taliban die Macht überließ.

Im Gegensatz zur Behauptung, dass die Bundeswehr „inmitten der Gesellschaft“ stünde, haben zahlreiche Einheiten ein beunruhigendes Eigenleben entwickelt. Ausgerechnet im Bataillon, das nun den Fackelzug abhielt, wurde letzte Woche die Existenz einer weiteren faschistischen Gruppe bekannt. In Armee wie auch anderen Sicherheitsbehörden – Polizei, Geheimdienste, Spezialtruppen – fliegen seit Jahren immer wieder rechtsextreme Zellen auf: so wie die Gruppe Nordkreuz, die zehntausende Schuss Munition entwendete und Todeslisten von politischen Gegner:innen anfertigte.

Die Tradition der Bundeswehr reicht auf die Wehrmacht zurück

Mit den Kolonialkriegen in Kosovo, Mali und vor allem Afghanistan hat sich in der Bundeswehr eine soziale Basis gebildet, die den Militarismus tief verinnerlicht hat. Die Traditionslinien der Armee reichen ohnehin zur Wehrmacht zurück. Aufgebaut wurde sie teils mit faschistischen Generälen, noch heute tragen Kasernen Namen wie Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne, benannt nach Erwin Rommel, Hitlers General in Nordafrika.

Der Fackelmarsch vor dem Reichstag unter den Augen der Regierungsspitze passt da ins Bild. Sie will den Afghanistan-Krieg als ehrenwerten Einsatz würdigen, anstatt aus dem katastrophalen imperialistischen Abenteuer die Lehre zu ziehen, in Zukunft keine Kriege mehr zu starten. Die Regierung weiß: Sie wird ihre Nazis in der Armee noch brauchen, wenn sie weiter militärisch aktiv werden will. Dafür knüpft sie auch an schauerliche Traditionen an, die in ihrer Ästhetik den Faschos nur zu gut gefallen.

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