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Weiterer Volkswagen-Skandal: Zwangsarbeit und Folter auf Rinderfarm in Brasilien

Ein weiteres blutiges Kapitel der Volkswagen-Geschichte kommt ans Licht: Der brasilianische Ableger Volkswagen do Brasil hat in Zusammenarbeit mit der Militärdiktatur nicht nur gefoltert, sondern auch Zwangsarbeit auf einer Rinderfarm mitten im Amazonas durchgeführt.

Weiterer Volkswagen-Skandal: Zwangsarbeit und Folter auf Rinderfarm in Brasilien

Vor kurzem erst wurde eine Doku­men­ta­tion veröf­fentlicht, die enge Verbindun­gen zwis­chen dem Volk­swa­gen-Konz­ern und der brasil­ian­is­chen Mil­itärdik­tatur aufdeck­te. Demzu­folge erlaubte die Fab­rik­leitung der Mil­itär­polizei, linke Arbeiter*innen auf dem Betrieb­s­gelände zu ver­haften und zu foltern.

Nun kommt ein neuer Skan­dal aus dieser bluti­gen Epoche von VW ans Licht: Über 15 Jahre lang betrieb Volk­swa­gen do Brasil im Ama­zonas eine Rinder­farm, für dessen Betrieb sie Zwangsarbeiter*innen ein­set­zte. Diese wur­den dort gegen ihren Willen fest­ge­hal­ten und mussten unent­geltlich für den Wolfs­burg­er Auto­riesen Wälder roden und die Farm betreiben.

1973 grün­dete Volk­swa­gen do Brasil den Tochterkonz­ern “Com­pan­hia Vale do Rio Cristal­i­no“. Mit Steuer­erle­ichterun­gen, die ihnen die Mil­itärdik­tatur gewährte, kaufte VW 140.000 Hek­tar Land im Bun­desstaat Pará mit­ten im Ama­zonas-Regen­wald. Dort sollte eine Rinder­farm entste­hen, mit der VW neben dem boomenden Auto-Verkauf ein zweites Stand­bein in der Fleischin­dus­trie auf­bauen wollte. VW war zu dieser Zeit der größte Pri­vatkonz­ern in Brasilien und der VW-Käfer das meist­gekaufte Indus­triepro­dukt.

Die Mil­itärdik­tatur ver­suchte in Zusam­me­nar­beit mit impe­ri­al­is­tis­chen Konz­er­nen neue Gebi­ete zu erschließen und die Aus­landss­chulden abzubauen. VW prof­i­tierte von dieser Zusam­me­nar­beit und ließ im Gegen­zug die poli­tis­che Polizei oppo­si­tionelle Gewerkschafter*innen foltern und fes­t­nehmen.

Für die Rodung des Regen­waldes suchte sich Volk­swa­gen die Unter­stützung von Arbeitsvermittler*innen. Diese heuerten Leiharbeiter*innen aus anderen Bun­desstaat­en unter falschen Ver­sprechun­gen an und bracht­en sie auf die VW-Farm. Ein­mal angekom­men, wurde ihnen erzählt, dass sie durch den Trans­port hohe Schulden beim Unternehmen hät­ten, und diese abar­beit­en müssten. Das Sys­tem der Schuld­knechtschaft wurde damit fort­ge­führt, dass sich die Arbeiter*innen nur auf dem Gelände zu über­zo­ge­nen Preisen Essen kaufen kon­nten und auch für die Über­nach­tung in Hänge­mat­ten bezahlen mussten.

In dem Video-Bericht des ARD erzählen zwei Arbeit­er, die 1983 ange­heuert wur­den, von den grausamen Arbeits­be­din­gun­gen. Die Arbeiter*innen wur­den mit Peitschen­hieben zur Arbeit gezwun­gen. Bei der Flucht dro­hte Folter oder Ermor­dung. Die Leichen wur­den in den Fluss gewor­fen, nach dem das Lager benan­nt war. Ein­er der Arbeit­er berichtet:

Ein Junge hat zu fliehen ver­sucht. Die Auf­pass­er sind hin­ter ihm her und haben ihm ins Bein geschossen. Wenn man von alleine gesund wurde, war das gut. Wenn nicht, dann starb man halt. Sowas haben wir oft gese­hen.

So wur­den über zwölf Jahre lang, solange die Rodun­gen andauerten, jährlich bis zu 1.000 Men­schen als Schuld­sklaven Zwangsar­beit und Folter aus­ge­set­zt. 1987 schloss die Rinder­farm, da sie nicht die erhofften Prof­ite erwirtschaftete.

Bis heute ste­ht der damals für die “Com­pan­hia Vale do Rio Cristal­i­no“ bei VW Ver­ant­wortliche zu diesen bru­tal­en Meth­o­d­en. Friedrich Brüg­ger, der heute in sein­er Heimat in einem Schweiz­er Bergdorf wohnt, war damals Pro­jek­tleit­er und wusste von den Folter­meth­o­d­en, mit denen die Beschäftigten zur Zwangsar­beit getrieben wur­den. „Ja, es wur­den schon mas­sive Mit­tel ver­wen­det, damit sie nicht davon­laufen. Vor allem, wenn sie ver­schuldet waren. Das war aber auch nicht speziell von uns.“

Er stellt Zwangsar­beit und Folter als notwendi­ge Übel dar, um das Mod­ell­pro­jekt im brasil­ian­is­chen Ama­zonas durchzuführen. „Um eine Masse Leute am Zügel zu hal­ten, müssen sie so eine gewisse Kraft zeigen, damit das Ganze über­haupt läuft.“ Er sieht das Prob­lem viel mehr in der ein­heimis­chen Bevölkerung, die „xeno­phob“ und „gewalt­tätig“ sei: „Der Brasil­ian­er ist ein bös­er Men­sch. Dem eine Pis­tole aus dem Sack ziehen, um einen Anderen über den Haufen zu knallen – das gruselt die über­haupt nix.“

Brüg­ger war sowohl Ver­trauter der VW-Geschäft­sleitung in São Paulo als auch in Wolfs­burg. 1983 berichtete er dem dama­li­gen Volk­swa­gen-Chef Carl Hahn von den Ankla­gen, die Brüg­ger einen „Sklaven­hal­ter“ nan­nten. Bis heute hält Carl Hahn an der Aus­sage fest, dass Volk­swa­gen in Brasilien ein „Muster­be­trieb“ war.

Rechtlich ver­sucht VW, die Schuld von sich zu weisen, da die Sub­un­ternehmen für die Ein­stel­lung der Leiharbeiter*innen ver­ant­wortlich waren. Doch brasil­ian­is­che Forscher*innen weisen darauf hin, dass Brüg­ger und die VW-Autoritäten von den Vorgän­gen wussten und durch ihr Nicht-Ein­greifen eine Mitschuld tra­gen. Auch der VW-Chefhis­torik­er Christo­pher Kop­per von der Uni­ver­sität Biele­feld spricht von einem Sys­tem der „Schuld­knechtschaft“, welch­es VW aus eigen­em Inter­esse aufrechter­hal­ten hat.

Die Arbeiter*innen, die damals für VW Zwangsar­beit leis­ten mussten, fordern heute eine Entschädi­gung vom Konz­ern für die schreck­lichen Lei­den, die sie durch­machen mussten. José Libo­rio, ein­er der Arbeit­er, die das ARD inter­viewte, hat eine klare Forderung an das Unternehmen: “Was ich jet­zt von der Fir­ma erwarte, ist eine Entschädi­gung. Für die Erniedri­gung, die wir erleben mussten, die Respek­t­losigkeit.”

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