Hintergründe

Was ist Zentrismus?

Was ist Zentrismus?

Frage:

Ich lese öfter in Euren Pub­lika­tio­nen den Begriff Zen­tris­mus. Was ist das?

Antwort:

Mit Zen­tris­mus meinen Marx­istIn­nen all jene Kräfte, die zwis­chen reformistis­chen und rev­o­lu­tionären Posi­tio­nen schwanken. Der Begriff ent­stand als Beze­ich­nung eines Flügels inner­halb der SPD, das „marx­is­tis­che Zen­trum“ um Kaut­sky und Bebel, das zwis­chen dem recht­en und dem linken Flügel schwank­te. Zen­tris­tis­che Organ­i­sa­tio­nen entste­hen oft­mals unter dem Druck von Massen­radikalisierun­gen. So ent­stand in der rev­o­lu­tionären Welle nach dem Ersten Weltkrieg in Deutsch­land die USPD, die zwis­chen der SPD und der KPD schwank­te und schließlich an ihrer eige­nen Gegen­sät­zlichkeit scheit­erte. In den 30ern ent­standen aus der Zweit­en und der Drit­ten Inter­na­tionale eine Rei­he von zen­tris­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen, die mit dem Reformis­mus ihrer Mut­ter­parteien gebrochen hat­ten, aber keine kon­se­quent rev­o­lu­tionäre Poli­tik entwick­el­ten. Die Vorgängeror­gan­i­sa­tion der Vierten Inter­na­tionale – die Inter­na­tionale Linke Oppo­si­tion – ver­suchte, durch Zusam­me­nar­beit und gle­ichzeit­iger schar­fer Kri­tik solche zen­tris­tis­chen Kräfte für den Marx­is­mus zu gewin­nen.

Nach dem Zweit­en Weltkrieg wurde die trotzk­istis­che Bewe­gung selb­st zen­tris­tisch. Das spiegelte jedoch nicht so sehr den Gegen­satz zwis­chen rev­o­lu­tionären Massen und ein­er reformistis­chen Führung wider, son­dern eine starke Anpas­sung an die stal­in­is­tis­chen und reformistis­chen Appa­rate. Die Kräfte des trotzk­istis­chen Zen­tris­mus verzichteten auf zen­trale Teile ihres eige­nen Erbes und ver­sucht­en, den Trotzk­ismus mit ver­schiede­nen For­men des Stal­in­is­mus (Tito­is­mus, Gue­varis­mus usw.), mit reformistis­chen Appa­rat­en und klein­bürg­er­lichen Bewe­gun­gen zu ver­söh­nen[1].

„Die drei Haupt­strö­mungen der zeit­genös­sis­chen Arbeit­er­be­we­gung, Reformis­mus, Kom­mu­nis­mus und Zen­tris­mus, ergeben sich mit Notwendigkeit aus der objek­tiv­en Sit­u­a­tion des Pro­le­tari­ats im gegen­wär­ti­gen impe­ri­al­is­tis­chen Regime der Bour­geoisie.“[2] Der Reformis­mus ist eine Strö­mung, die aus der priv­i­legierten Ober­schicht der Arbei­t­erIn­nen­klasse her­vorge­ht und deren Inter­essen auf der Ebene der Ide­olo­gie zum Aus­druck bringt. Der Wohl­stand in einem impe­ri­al­is­tis­chen Land wie Deutsch­land ermöglicht einige Priv­i­legien für die Arbei­t­erIn­nen­klasse durch die Aus­beu­tung und Unter­drück­ung der impe­ri­al­isierten Län­der. Der Reformis­mus ver­sucht diese Priv­i­legien und das Sys­tem, aus dem sie kom­men, zu vertei­di­gen. Demge­genüber ist eine rev­o­lu­tionär-marx­is­tis­che, also trotzk­istis­che, Poli­tik auf den rev­o­lu­tionären Sturz der bürg­er­lichen Herrschaft aus­gerichtet. Diese Poli­tik stützt sich auf die bewusstesten und erfahren­sten Teile der Arbei­t­erIn­nen­klasse. Sie ist allerd­ings in nicht-rev­o­lu­tionären Zeit­en eine Min­der­heit im Pro­le­tari­at und wird auch als „Avant­garde“ beze­ich­net.

Zwis­chen den bei­den grundle­gen­den Polen der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung bewe­gen sich viele Über­gangsströ­mungen und –grup­pierun­gen. Der Zen­tris­mus ver­tritt poli­tisch unentschlossene Teile im Pro­le­tari­at und ist daher meist nicht lan­glebig. Trotz­ki schrieb: „Der Zen­tris­mus mag nicht beim Namen genan­nt wer­den.“[3] Zen­tris­tis­che Grup­pierun­gen ignori­eren die Kat­e­gorie des Zen­tris­mus und verdeck­en somit meist ihre eigene Hal­tung zu reformistis­chen und rev­o­lu­tionären Posi­tio­nen. Der Reformis­mus behält in ruhi­gen Zeit­en oft die Ober­hand, jedoch beste­ht während ein­er Krise die Möglichkeit, dass die Massen sich rev­o­lu­tionären Kräften zuwen­den. Während dieses Prozess­es, vom reformistis­chen zu einem rev­o­lu­tionären Bewusst­sein, trat­en his­torisch immer wieder Span­nun­gen in den Arbei­t­erIn­nen­parteien auf, die zu Abspal­tun­gen führten. Während die Massen sich in ständi­ger Bewe­gung befan­den, verkör­perte der Zen­tris­mus einen zeitlich beschränk­ten Moment auf diesem Weg. Das poli­tis­che Konzept dieser Grup­pierun­gen ist Aus­druck der halb­herzi­gen Über­win­dung des Reformis­mus und bedeute let­ztlich das Fern­hal­ten der Massen von rev­o­lu­tionären Posi­tio­nen. Daher bedarf es einen beson­deren Umgang mit diesen Kräften.

Es gibt auch in ruhi­gen Zeit­en in ver­schiede­nen Nuan­cen zen­tris­tis­che Kräfte. Sie sind Überbleib­sel der his­torischen Krisen der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung. Den­noch kön­nen diese zen­tris­tis­chen Kräfte erneut stärk­er wer­den, aber auch neue entste­hen, was angesichts der weltweit­en Krise eine reale Option darstellt.

Eine kon­se­quente Über­win­dung des Reformis­mus kann nur mith­il­fe eines rev­o­lu­tionären Pro­gramms funk­tion­ieren, welch­es in der realen Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung seine Über­legen­heit beweist. Dazu ist der Auf­bau ein­er rev­o­lu­tionären Partei nötig, die eine sow­jetis­che Strate­gie ver­fol­gt und die Notwendigkeit der Machtüber­nahme der Arbei­t­erIn­nen­klasse und der Etablierung ein­er Dik­tatur des Pro­le­tari­ats propagiert. Teil des Auf­baus ein­er solchen Partei ist die Fusion mit den fort­geschrit­ten­sten Teilen des Pro­le­tari­ats und der Jugend, wozu auch der Ver­such gehört, sich im Zuge der poli­tis­chen Entwick­lung auf der Basis eines rev­o­lu­tionären Pro­gramms mit zen­tris­tis­chen Kräften, die sich nach links bewe­gen, zu vere­ini­gen.

Trotz­ki beschrieb in seinem Werk „Der Zen­tris­mus und die IV. Inter­na­tionale“ einige Merk­male des Zen­tris­mus: „Der Zen­tris­mus ist the­o­retisch amorph und eklek­tisch; Er mei­det nach Möglichkeit­en the­o­retis­che Fes­tle­gun­gen und ist (in Worten) geneigt, der ‚rev­o­lu­tionären Prax­is‘ gegenüber der The­o­rie den Vorzug zu geben, ohne zu begreifen, dass allein die marx­is­tis­che The­o­rie der Prax­is eine rev­o­lu­tionäre Rich­tung geben kann.“[4]

Da eben Zen­tris­mus keine voll­ständi­ge Über­win­dung des Reformis­mus ist, ist dieser geneigt, gegenüber der Gew­erkschafts­bürokratie oder reformistis­chen Kräften eine diplo­ma­tis­che Beziehung aufzubauen. Anstatt die Arbei­t­erIn­nen­klasse auf dem Weg zur Selb­stak­tiv­ität zu begleit­en, gehen zen­tris­tis­che Kräfte auf diplo­ma­tis­che Kom­pro­misse ein. Dafür haben wir zum Beispiel die Gruppe „SAV“ bei den Streiks an der Berlin­er Char­ité kri­tisiert[5]. Die NPA in Frankre­ich ist ein mod­ernes Beispiel des Zen­tris­mus: sobald sie nicht unter rev­o­lu­tionärem Druck ste­hen, fall­en sie in den Reformis­mus zurück.

Rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tio­nen sind ständig zen­tris­tis­chem Anpas­sungs­druck aus­ge­set­zt. Notwendig ist deshalb eine ständi­ge Auseinan­der­set­zung mit dieser Gefahr der Anpas­sung. Rev­o­lu­tionäre Marx­istIn­nen set­zen deshalb auf die Selb­stor­gan­isierung der Arbei­t­erIn­nen­klasse und set­zen sich mit reformistis­chen und zen­tris­tis­chen Kräften auseinan­der – durch Zusam­me­nar­beit und auch Kri­tik, um eine rev­o­lu­tionäre Poli­tik jet­zt und hier zu entwick­eln.

Fußnoten

[1]. Für eine aus­führliche Erk­lärung dieser Entwick­lung, siehe den Artikel „An den Gren­zen der bürg­er­lichen Restau­ra­tion“ in Klasse Gegen Klasse Nr. 1. [2]. Leo Trotz­ki: Was ist Zen­tris­mus? In: Schriften 3.3. S. 285. [3]. Leo Trotz­ki: Der Zen­tris­mus und die IV. Inter­na­tionale. Schriften 3.3. S. 524. [4]. Ebd. [5]. Siehe den offe­nen Brief „Welche Strate­gie in der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung?“ in unser­er Broschüre zum CFM-Streik.

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