Welt

Warum wir massenhafte Coronavirus-Tests brauchen

Soziale Distanzierung und ähnliche Maßnahmen reichen nicht aus, um die Pandemie zu begrenzen. Ein Artikel von Kaleigh Rogers, der auf der US-amerikanischen Website FiveThirtyEight veröffentlicht wurde, der die Bedeutung von Massentests für Coronavirusinfektionen erklärt.

Warum wir massenhafte Coronavirus-Tests brauchen

Die Reak­tion auf das neuar­tige Coro­n­avirus (COVID-19) in den Vere­inigten Staat­en hat sich in der let­zten Woche drama­tisch verän­dert, nach­dem Präsi­dent Trump den nationalen Not­stand aus­gerufen hat und mehrere Bun­desstaat­en und Städte im Grunde genom­men abgeriegelt wur­den. Eines hat sich nicht geän­dert: Die USA haben immer noch zu wenig Coro­n­avirus-Tests. Während die Regierung sagt, dass der Vor­rat zugenom­men hat, haben viele kranke Amerikaner*innen immer noch Schwierigkeit­en, einen Weg zu find­en, um zu erfahren, ob sie das Coro­n­avirus haben.

Es gab klare Vorteile für robuste Tests zu Beginn der Ver­bre­itung des Virus. Aber jet­zt, da wir dieses Zeit­fen­ster ver­passt haben, kön­nte es so ausse­hen, als hät­ten Tests weniger Pri­or­ität, zumin­d­est in Gebi­eten, in denen das Virus bere­its weit ver­bre­it­et ist. Wenn wir uns näm­lich alle so ver­hal­ten, als ob jede*r um uns herum bere­its COVID-19 hätte, wie Beamt*innen der Stadt New York den UN-Del­e­ga­tio­nen ange­blich gesagt haben, warum müssen wir dann wis­sen, wer es tat­säch­lich hat?

Aber es gibt immer noch viel zu ler­nen — und Leben, die gerettet wer­den kön­nten -, wenn man die Tests im ganzen Land sofort ver­stärkt. Und in der Tat sind die sozialen Dis­tanzierungs­maß­nah­men, die derzeit ergrif­f­en wer­den, eben­so sehr ein Aus­gle­ich dafür, dass nicht früher getestet wurde, wie sie die Aus­bre­itung des Virus ver­langsamen sollen. Es gibt vier Gründe, warum massen­hafte Tests immer noch ein kri­tis­ch­er Schritt in unser­er Coro­n­avirus-Abwehr sind:

1. Testen hilft bei der Zuteilung von Ressourcen

„Dies ist eine grundle­gende Krankheit­süberwachung“, sagte Gregg Gon­salves, ein Epi­demi­ologe für mikro­bielle Krankheit­en an der Uni­ver­sität Yale. „Wir kön­nen diese Epi­demie nicht kon­trol­lieren, wenn wir nicht wis­sen, wo sie sich befind­et und wie viele Fälle wir haben.“

Gon­salves sagte, dass die Tests den Funktionär*innen sagen, wo sie die Ressourcen zuteilen sollen. Wir ver­fü­gen nicht über einen unbe­gren­zten Vor­rat an Din­gen wie Beat­mungs­geräten, die zur Behand­lung schw­er­er Fälle der Infek­tion einge­set­zt wer­den kön­nen. Wenn wir wis­sen, welche Gebi­ete jet­zt und in den kom­menden Wochen am stärk­sten betrof­fen sein wer­den, kön­nen wir diesen Gebi­eten Bun­desmit­tel und Vor­räte zuweisen, damit sie eine bessere Ver­sorgung gewährleis­ten kön­nen, sagte Gon­salves.

Und obwohl es offen­sichtlich scheint, dass ein dicht besiedeltes Gebi­et wie New York City wahrschein­lich eine höhere Infek­tion­srate haben wird als ein Land­kreis im ländlichen Mon­tana, sagte Gon­salves, die Bevölkerung sei kein guter Voher­sage­fak­tor dafür, wo die Krankheit am stärk­sten oder zuerst zuschla­gen wird.

„Es kön­nte New York sein. Es kön­nte L.A. sein. Es kön­nte Chica­go sein. Es kön­nte St. Louis sein“, sagte Gon­salves. „Die Bevölkerungszahlen sind kein guter Weg, um vorherzusagen, wer die meis­ten Fälle pro Kopf haben wird.“

2. Es spart Zeit und Ausrüstung in Krankenhäusern

Neben der Möglichkeit, Ressourcen bess­er zuzuweisen, wird das Wis­sen, wer mit dem Virus infiziert ist und wer nicht, es den Kranken­häusern ermöglichen, die bere­its vorhan­de­nen Geräte und Mate­ri­alien effizien­ter zu nutzen, so Dr. W. Gra­ham Car­los, Chef der Inneren Medi­zin des Eske­nazi Health-Kranken­haus­es in Indi­anapo­lis.

„Wenn jemand ins Kranken­haus kommt, von dem keine pos­i­tive Diag­nose bekan­nt ist, müssen wir das auss­chließen“, sagte Car­los.

Während des Wartens auf die Testergeb­nisse müssen die Patient*innen so behan­delt wer­den, als seien sie ansteck­end, sagte Car­los, was bedeutet, dass die Beschäftigten des Gesund­heitswe­sens per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung wie Kit­tel, Hand­schuhe und Gesichts­masken tra­gen müssen, wenn sie mit diesen Patient*innen zu tun haben. Wenn ein*e Patient*in kein COVID-19 hat, hät­ten diese Vor­räte für jeman­den aufges­part wer­den kön­nen, der COVID-19 hat.

Wenn weit ver­bre­it­ete Tests außer­halb eines Kranken­haus­es durchge­führt wür­den – wie z.B. auf Dri­ve-Through-Test­plätzen wie in Süd­ko­rea – würde nicht nur die Aus­rüs­tung, son­dern auch wertvolle Zeit für Kranken­haus­beschäftigte ges­part, die kri­tis­che Patient*innen behan­deln, sagte Car­los.

„Wenn wir bere­its wis­sen, dass Sie pos­i­tiv sind, spart das eben­falls Zeit“, sagte Car­los. „Es gibt Behand­lun­gen in der Warteschlange, und wir sind vielle­icht eher dazu in der Lage, diese Dinge zu tun, wenn wir bere­its eine Diag­nose haben“, sagte Car­los.

3. Es macht die soziale Distanzierung effektiver

Soziale Dis­tanzierung, ein mit­tler­weile all­ge­gen­wär­tiger Begriff, von dem viele von uns bis vor weni­gen Wochen noch nicht ein­mal gehört hat­ten, war eines der Hauptin­stru­mente, die einge­set­zt wur­den, um die Ver­bre­itung von COVID-19 zu ver­langsamen und die Kurve sein­er Auswirkun­gen abzu­flachen.

Aber soziale Dis­tanzierung ist eine frei­willige Prax­is, eine Prax­is, die viele Amerikaner*innen derzeit nicht durch­führen kön­nen oder wollen. Eine Möglichkeit, mehr Men­schen zu ermuti­gen, zu Hause zu bleiben, oder Regierun­gen dazu zu bewe­gen, die Dinge zu been­den, beste­ht darin, den Amerikaner*innen genau zu sagen, wie schlimm der Aus­bruch ist. Zwar haben viele Orte in den USA damit begonnen, Maß­nah­men zur Begren­zung sozialer Zusam­menkün­fte zu ergreifen, wie z.B. die Schließung von Bars, Restau­rants und The­atern, aber das ist keine all­ge­meine Prax­is. Ohne zu wis­sen, wo sich das Virus aus­bre­it­et, kön­nen wir nicht sagen, ob die Gemein­den, die geschlossen wer­den soll­ten, dies auch tun.

Hinzu kommt die Tat­sache, dass wir irgend­wann wieder nach draußen gehen wollen. Wenn die derzeit­i­gen Maß­nah­men langsam wieder gelock­ert wer­den, kann eine zweite Infek­tion­swelle entste­hen, vor allem wenn wir nicht genau wis­sen, wo und wie viele Fälle wir in den USA haben, sagte Dr. Eli Per­ence­vich, Pro­fes­sor für Medi­zin und Epi­demi­olo­gie an der Uni­ver­sität von Iowa.

„Wir kön­nen nicht ewig in sozialer Dis­tanzierung bleiben“, sagte Per­ence­vich. „Deshalb müssen wir die Tests schnell beschle­u­ni­gen.“

Per­ence­vich und Gon­salves sagten bei­de, dass die derzeit­i­gen Maß­nah­men eigentlich ein Weg sind, die ver­lorene Zeit aufzu­holen, weil wir nicht früher umfassende Tests durchge­führt haben. Sie sagten, wenn wir die Tests jet­zt nicht rasch ausweit­en, kön­nte all das zu Hause bleiben und die Absage von Sportver­anstal­tun­gen umson­st sein, weil wir immer noch nicht wis­sen, wie schlimm der Aus­bruch ist und nicht in der Lage sein wer­den, angemessen zu reagieren. Wenn wir zu Hause bleiben, haben wir die Möglichkeit, mit den Tests voranzukom­men, eine Gele­gen­heit, die diese Experten nicht ver­passen wollen.

„Wir sind seit einem Monat aus der Eindäm­mungsphase her­aus“, sagte Gon­salves. „Es geht nicht mehr darum, die Kurve in Bezug auf die Zahl der Infek­tio­nen abzu­flachen. Wir wer­den die Kurve der Anzahl der Infek­tio­nen nicht mehr abflachen. Aber wir kön­nten die Kurve der Anzahl der Todes­fälle senken.“

4. Sie liefert hilfreiche Daten für die Zukunft

Es ist zwar im Moment schw­er vorstell­bar, aber irgend­wann wer­den wir das Schlimm­ste dieser Pan­demie über­standen haben. Dann wird sich unsere Aufmerk­samkeit von Not­fall­maß­nah­men auf langfristige Reak­tio­nen ver­lagern, z.B. darauf, welche Behand­lun­gen oder Impf­stoffe uns in Zukun­ft vor COVID-19-Aus­brüchen schützen kön­nten und wie wir ähn­liche Pan­demien ver­mei­den kön­nen.

Um eine dieser Vorher­sagen zu tre­f­fen, brauchen wir Dat­en — und die grundle­gend­ste Infor­ma­tion, die wir brauchen, ist zu wis­sen, wie viele Men­schen wo infiziert wur­den.

„Wenn wir das im Nach­hinein betra­cht­en, wird das wichtig sein“, sagte Tara Smith, eine Epi­demi­olo­gin an der Kent State Uni­ver­si­ty. “Die Dat­en, die wir brauchen, um die Genomik des Virus zu unter­suchen, wer sich auf wen übertrug, wer Clus­ter in neuen Gebi­eten aus­löste, all diese Dat­en erhal­ten wir aus den Tests.“

Dies kann uns auch dabei helfen, zu messen, wie wirk­sam ver­schiedene Maß­nah­men zur Bekämp­fung dieser Art von Vire­naus­bruch sind, sagte Smith.

Um die Aus­bre­itung in den Griff zu bekom­men, müssen wir jedoch die Tests drastisch erhöhen. Derzeit sind in den USA knapp 59.000 Tests abgeschlossen, so das COVID Track­ing Project, eine von Relat­ed Sci­ences und The Atlantic erstellte Daten­bank. Ver­gle­ichen wir das mit Süd­ko­rea, wo jeden Tag 10.000 Men­schen getestet wer­den kön­nen.

Auch wenn die Tests immer mehr zunehmen, sind wir noch nicht so weit. Die Amer­i­can Clin­i­cal Lab­o­ra­to­ry Asso­ci­a­tion sagte let­zte Woche in ein­er Pressemit­teilung, dass, wenn mehr kom­merzielle Labore ihre Kapaz­itäten erhöhen, sie in der Lage sein wer­den, mehr als 280.000 Tests pro Woche durchzuführen, aber die volle Kapaz­ität erst am 1. April erre­ichen wer­den. Quest Diag­nos­tics, ein pri­vates Laborun­ternehmen, das derzeit den Betrieb ausweit­et, sagte, es gehe davon aus, bis zum Ende der Woche 10.000 Tests pro Tag und bis zum Ende des Monats 20.000 Tests pro Tag durch­führen zu kön­nen.

Smith sagte, dass dies die Größenord­nung sei, in der wir arbeit­en müssten, um die benötigten Dat­en zu erhal­ten.

„Wir sind größer als Süd­ko­rea. Wir haben eine höhere Bevölkerungszahl und wir soll­ten die tech­nis­che Kapaz­ität haben, dies zu tun“, sagte Smith. „Aber wir sind sehr weit hin­ter der Kurve.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 18. März 2020 auf Englisch auf der Web­site FiveThir­tyEight, und wurde auch auf Spanisch für La Izquier­da Diario über­set­zt.

One thought on “Warum wir massenhafte Coronavirus-Tests brauchen

  1. Frank Kalz sagt:

    Ich glaube das ist der einzige und richtige Weg die Pan­demie zu bekämpfen.Alles andere führt nur zu mehr Toten und Infizierten. Alle Testen und infizierte isolieren und wenn möglich heilen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.