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Von Neuquén nach Athen

Erfahrungsaus­tausch zwis­chen argen­tinis­chen und griechis­chen Arbeit­ern über Betrieb­s­be­set­zun­gen

Von Neuquén nach Athen

// Erfahrungsaus­tausch zwis­chen argen­tinis­chen und griechis­chen Arbeit­ern über Betrieb­s­be­set­zun­gen //

“Das ist Kom­mu­nis­mus, das ist Rev­o­lu­tion!” sagte der neo­mar­ixstis­che The­o­retik­er John Hol­loway über den Navari­nou-Park in Athen. Der Park­platz im linken Stadtvier­tel Exarchia wurde nach den Jugen­dre­volten Ende 2008 beset­zt. Wo ein Büro­ge­bäude gebaut wer­den sollte, erricht­en die Anwohner­In­nen stattdessen einen selb­stver­wal­teten Park. Ob das wirk­lich Kom­mu­nis­mus ist – ob Kom­mu­nis­mus in einem Park über­haupt möglich ist –, darüber lässt sich stre­it­en. Aber fest ste­ht, dass der Navari­nou-Park in den let­zten Jahren zu einem Zen­trum des linken Wider­standes in der griechis­chen Haupt­stadt gewor­den ist.

Raúl Godoy, Arbeit­er aus der beset­zten Fab­rik Zanon in Argen­tinien, sprach am Mittwoch vor 150 ZuhörerIn­nen Navari­nou-Park. Aus der Stadt Neuquén war er gekom­men, um die Erfahrun­gen von “FaS­in­Pat” (der “Fábri­ca sin Patrones” oder “Fab­rik ohne Chefs”) weit­erzugeben. Die 450 Arbei­t­erIn­nen hat­ten ihre Fab­rik im Jahr 2001 beset­zt und pro­duzieren seit­dem Keramik­fliesen in eigen­er Regie. Bei Zanon gibt es monatlich eine ganztägige Ver­samm­lung, auf der alle wichti­gen Entschei­dun­gen demokratisch getrof­fen wer­den. “Alle ver­di­enen das gle­iche, vom Kol­le­gen, der den Rasen mäht, bis hin zum Präsi­den­ten der Koop­er­a­tive”, erzählte der 47jährige.

Die Gew­erkschaft der Buch­händ­lerIn­nen in Athen, die am gestri­gen Don­ner­stag einen Streik für einen neuen Tar­ifver­trag organ­isierte, da der alte im Zuge der Troi­ka-Poli­tik gekündigt wurde, hat­te Godoy ein­ge­laden. “Das Straßen­bild in Griechen­land – geschlossene Läden mit leeren Schaufen­stern, Obdachlose auf Kar­tons, Angst in den Gesichtern – erin­nert mich stark an die Sit­u­a­tion in Argen­tinien im Jahr 2001”, so Godoy.

Am Vortag bei ein­er Ver­anstal­tung des Net­zw­erkes prekär beschäftigter und arbeit­slos­er Arbei­t­erIn­nen, das der linken Oppo­si­tion­spartei SYRIZA nah­este­ht, waren nicht nur Zanon, son­dern auch ein Arbeit­er der beset­zten Baustoff­fab­rik Vio.Me im griechis­chen Thes­sa­loni­ki zu Gast. Die Beset­zung gilt in Griechen­land als ille­gal, doch “das Gesetz, das uns Ver­brech­er nen­nt, wenn wir unsere Fab­riken beset­zen, ist das gle­iche Gesetz, das 27 Prozent Arbeit­slosigkeit in Griechen­land erlaubt”, sagte Godoy. “Das ist nicht unser Gesetz.”

Über acht Jahre lang hät­ten auch die Zanon-Arbeit­er keinen legalen Sta­tus gehabt, doch im Jahr 2009 kon­nten sie dank ihrer Aus­dauer die Prov­inzregierung zwin­gen, die Fab­rik – ein­schließlich Gebäu­den, Maschi­nen und auch die Marke – zu enteignen und der Koop­er­a­tive den Arbeit­ern zu über­tra­gen. “Wir haben dem alten Besitzer Lui­gi Zanon sog­ar seinen Namen enteignet”, erzählte Godoy lachend. Wenn die Gew­erkschaft­szen­tralen sich weigern, die Beset­zun­gen zu unter­stützten – was bei Zanon und Vio.Me gle­icher­maßen der Fall war –, dann müssen sie unter Druck geset­zt wer­den.

“Wir sind noch im Kinder­garten, ihr seid schon in der Hochschule”, ent­geg­nete ein­er der Vio.Me-Arbeiter augen­zwinkernd.

Kostas Barkas, Par­la­mentsab­ge­ord­neter von SYRIZA, berichtete in der Diskus­sion, dass in Griechen­land heute Tausende Fab­riken still­ste­hen und 1,5 Mil­lio­nen Men­schen ohne Arbeit sind. “Wir brauchen Tausende Vio.Mes im ganzen Land”, forderte er. “Eine linke Regierung würde die autonome Selb­stver­wal­tung der Arbeit­er unter­stützten.” Godoy argu­men­tierte, dass die Vio.Me-Arbeiter nur auf ihre eigene Kampfkraft set­zen kön­nen, denn in Argen­tinien gäbe es eine links­gerichtete Regierung, die den Zanon-Arbeit­ern noch nie konkrete Unter­stützung gegeben hat.

Anschließend zitierte Godoy eine Arbei­t­erin aus der eben­falls beset­zten Fab­rik Bruk­man in Buenos Aires: “Wenn wir Arbeit­er eine Fab­rik betreiben kön­nen, kön­nen wir auch ein Land betreiben.” Er forderte eine Regierung der Arbei­t­erIn­nen als Ausweg aus der anhal­tenden Krise des Kap­i­tal­is­mus – in Griechen­land und weltweit.

Ver­anstal­tung mit Raúl Godoy am 25. Mai, 18 Uhr, in Berlin, IG-Met­all-Haus, Alte Jakob­straße 149 (U‑Bhf. Hallesches Tor)

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