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Vivantes-Töchter: „Leise solidarisieren sich immer mehr“

Ein Interview mit Nadine, Reinigungskraft bei VivaClean, einem der vielen Tochterunternehmen von Vivantes, Deutschlands größtem kommunalen Krankenhauskonzern.

Vivantes-Töchter: „Leise solidarisieren sich immer mehr“

Foto: Protest von Vivantes-Kolleg*innen im Jahr 2016

Hal­lo Nadine. Du bist Reini­gungskraft bei Vivantes. Du bist aber nicht bei Vivantes direkt angestellt. Wo dann?

Bei ein­er hun­dert­prozenti­gen Tochter­fir­ma von Vivantes. Sie heißt Viva­Clean. Die Tochter ist nochmal unterteilt in die Viva­Clean Nord GmbH und Viva­Clean Süd GmbH.

Wie lange arbeitest Du dort und wie viele Kolleg*innen sind bei den GmbHs beschäftigt?

Ich selb­st bin cir­ca zehn Jahre dabei. Wie viele Kolleg*innen bei uns arbeit­en lässt sich schlecht ein­schätzen, da es so viele ver­schiedene Häuser gibt. In den großen Kranken­häusern wie Neukölln, Friedrichshain, Span­dau, Hum­boldt und Kauls­dorf kön­nen das dur­chaus mehrere Hun­dert pro Haus sein. An kleineren Stan­dorten wie in den Senioren­res­i­den­zen cir­ca 4 bis 6 Kolleg*innen und in der Karl Bon­ho­ef­fer Klinik unge­fähr 10 bis 15. Einen genauen Überblick über die Struk­turen habe ich nicht.

Es muss ein komis­ches Gefühl sein, die eige­nen Kolleg*innen in 10 Jahren nicht ken­nen gel­ernt zu haben. Habt Ihr keinen Betrieb­srat der Euch zu Betrieb­sver­samm­lun­gen zusam­men­holt? Das wäre doch eine gute Möglichkeit sich auszu­tauschen!

Naja jedes Kranken­haus bzw. jed­er Stan­dort hat seinen eige­nen Betrieb­srat. Und von Betrieb­sver­samm­lun­gen habe ich selb­st nichts gehört. Jeden­falls wird es nicht beson­ders pub­lik gemacht. Manch­mal gab es kleinere Ver­samm­lun­gen, wenn es um neue Hygien­everord­nun­gen ging. Da hat uns dann der Objek­tleit­er ein­ge­laden. Aber das scheint auch jedes Haus für sich zu tun. Es ist nicht so, dass mal alle Viva­Clean Mitarbeiter*innen zusam­men­tr­e­f­fen. Ich hab zwar mal gehört, dass Betrieb­sver­samm­lun­gen durchge­führt wer­den müssen und dass man so auch mit der Gew­erkschaft in Kon­takt kommt. Das ist bei uns aber nie in der Form geschehen.

Wann wur­den die Reini­gungsar­beit­en aus dem Mut­terkonz­ern aus­gegliedert und Viva­Clean gegrün­det?

So genau weiß ich das nicht, aber ich weiß, dass es Kolleg*innen gibt, die schon 20 Jahre oder länger dabei sind und dass die Objek­te zuvor oft von Gegen­bauer geführt bzw. betreut wur­den und die Kolleg*innen dann zu Viva­Clean gewech­selt sind. Zuvor wur­den die Verträge ja oft vom Sen­at vergeben.

Wie kann man sich die Lohnen­twick­lung vorstellen?

Als ich anf­ing waren es soweit ich mich erin­nere 7,30 bis 7,50 Euro brut­to die Stunde. Jet­zt sind es 10,30 Euro brut­to.

Und was ver­di­enen Deine Kolleg*innen die direkt bei Vivantes angestellt sind?

14 oder 15 Euro brut­to die Stunde. So genau redet kein­er darüber. Sie haben meist auch Fest­ge­häl­ter, während wir auf Stun­den­ba­sis bezahlt wer­den. Wir kön­nen zwar mehr Stun­den arbeit­en um mehr zu ver­di­enen, das ist aber kräftemäßig nicht schaff­bar. Nach dem TVöD bekommt eine Reini­gungskraft, die genau­so lange wie ich bei Vivantes beschäftigt ist, über 700 Euro brut­to mehr als ich — für die gle­iche Arbeit.

Arbeit­et ihr direkt nebeneinan­der oder hat man Euch getren­nt?

Ja in eini­gen Bere­ichen arbeit­en wir direkt nebeneinan­der.

Wie fühlt sich das an, wenn man selb­st viel weniger Geld für die gle­iche Arbeit bekommt als der*die Kolleg*in?

Man fühlt sich weniger wert­geschätzt. Und gle­ichzeit­ig sind wir einem höheren Druck aus­ge­set­zt. Viele mein­er Kolleg*innen geben mehr als ihr Bestes und ruinieren sich dabei ihre Gesund­heit. Es wird krank auf Arbeit gekom­men, trotz Fieber oder Band­scheiben­vor­fall. Vor eini­gen Jahren ist ein Kol­lege auf Arbeit umgekippt und liegt seit dem im Wachko­ma. Nicht nur das wir weniger für die gle­iche Arbeit bekom­men, oft arbeit­en wir Quadrat­meter mäßig sog­ar mehr. So kann die Qual­ität auf Dauer nur lei­den und das tut sie.

Wie sieht es mit den Arbeit­szeit­en aus? Schafft Ihr die Arbeit in der vorgegebe­nen Zeit?

Wir ver­suchen qual­i­ta­tiv hochw­er­tige Arbeit zu leis­ten und kön­nen das oft durch ein immer wieder sank­tion­iertes Stun­den­pen­sum nicht ableis­ten. Das heißt wir haben keine Vol­lzeitverträge, son­dern bekom­men oft nur Teilzeitverträge. Das drückt den Lohn und damit auch die Stim­mung. Alles was wir mehr arbeit­en bekom­men wir reg­ulär bezahlt, wenn es zum Auf­trag gehört. Wenn wir ein­fach zu lange brauchen dann ist es unser Pech und die Stunde länger wird nicht bezahlt.

Das würde dann aber bedeuten, dass wenn Ihr mal länger braucht Eure Löhne in der Gesamtrech­nung unter den Tar­i­flohn der Gebäudereiniger*innen von 10,30 Euro brut­to abfall­en?!

Richtig, der Min­dest­lohn kann nur einge­hal­ten wer­den, solange wir im Rah­men der Zeitvor­gaben rechtzeit­ig mit der Arbeit fer­tig wer­den. Kommt es zu ein­er Verzögerung, zum Beispiel durch einen höheren Ver­schmutzungs­grad oder Per­sonal­man­gel ist das unser Prob­lem.

Wie ist das Betrieb­skli­ma son­st so?

Da wir tolle Vorar­beit­er haben und auch son­st ein gutes Arbeit­sum­feld herrscht, bin ich gerne da wo ich bin. Ich füh­le mich aber auf Dauer gezwun­gen mich nach was anderem umzuse­hen, obwohl ich das nicht möchte. Mir sind alle Men­schen in den Büros und Sta­tio­nen ans Herz gewach­sen. Nur deshalb bin ich über Jahre geblieben.

Du bist allein­erziehende Mut­ter. Welche Fol­gen hat Dein Beruf für Dich und Deine Fam­i­lie?

Es ist trau­rig, dass man so viel arbeit­et und seinen Kindern doch nichts bieten kann, geschweige denn, in die eigene Altersver­sorgung investieren kann. Für mich und meine Kinder bedeutet das, dass ich zeitweise über Hartz IV auf­s­tock­en muss. Diese Hil­fe habe ich jahre­lang nicht in Anspruch genom­men, da ich das alles alleine schaf­fen wollte. Und wenn man in die Zukun­ft schaut, dann müssen meine Kinder für mich aufkom­men, da ich höchst­wahrschein­lich in der Alter­sar­mut lan­den werde, obwohl ich mein Leben lang hart gear­beit­et habe. Ich und die Kinder sind seit 10 Jahren nicht in den Urlaub gefahren, es sei denn meine Mut­ter die auf Rente ist, hat den Urlaub bezahlt. Den Dis­po den ich vor Jahren aufnehmen musste, weil ich umge­zo­gen bin und weil ich mich vom Vater mein­er Kinder tren­nte, kon­nte ich nicht abbauen. Den Baus­parver­trag mein­er Tochter kon­nte ich auch nicht weit­er bedi­enen. Das hat meine Mut­ter über­nom­men. Für das andere Kind kon­nte ich nichts anle­gen. Man geht arbeit­en um zu über­leben, aber zum Leben gehört mehr als Über­leben. Selb­st meine Riester­rente hab ich stil­l­le­gen müssen.

Dabei macht Ihr so eine wichtige Arbeit!

Ja. Das ist sehr ungerecht. Wir als Reini­gung sind für die Qual­ität der Hygiene in den Kranken­häusern zuständig und somit wichtige Eckpfeil­er dieser Fir­ma und wer­den ein­fach vergessen. Was wäre, wenn wir unsere Arbeit ein­fach liegen lassen? Da sollte man mal drüber nach­denken. Was ist so schw­er daran, Men­schen, die ihren Job gerne und mit Lei­den­schaft machen auch gerecht zu ent­lohnen? Und ger­ade Men­schen die sich kör­per­lich kaputt arbeit­en. Wir wollen nicht mehr als Gerechtigkeit und Anerken­nung für das was wir leis­ten. Ohne Angst zu haben, ob ich im let­zten Vier­tel des Monats noch genü­gend Geld zum Einkaufen habe. Diesen Monat ist es beson­ders schw­er. Für sieben Tage haben wir noch 7 Euro.

Du sagst die Ver­ant­wortlichen soll­ten darüber nach­denken was passiert, wenn Ihr die Arbeit liegen lasst. Ger­ade haben die Beschäftigten aus der VSG sieben Wochen gestreikt. Sie haben ähn­liche Loh­nun­ter­schiede zu den Kolleg*innen, die direkt bei Vivantes angestellt sind. Redet Ihr über den Streik?

Ja es wird darüber gere­det und wir freuen uns für unsere Schwest­er­fir­ma. Und nun haben auch mehr Kol­legin­nen und Kol­le­gen sich Gedanken über unseren Wert inner­halb der Fir­ma gemacht und fra­gen sich, ob wir Ähn­lich­es erre­ichen kön­nten wie die VSG. Leise sol­i­darisieren sich immer mehr. Die Gespräche wer­den lauter und ich denke, dass es brodelt und viele nun nicht nur jam­mern wollen, son­dern auch aktiv wer­den wollen. Denn ohne Eigenini­tia­tive wird sich nichts ändern.

Es gibt ger­ade den Skan­dal wegen außer­tar­i­flich­er Löhne und Bonuszahlun­gen der Manager*innen und Führungskräfte bei Vivantes. Ist das The­ma bei Euch?

Ich selb­st habe es heute erst gele­sen und ich bin ges­pan­nt, was darüber in den näch­sten Tagen zu hören ist. Aber ich weiß von vie­len, dass sie solche Dinge ungerecht find­en. Denn uns wer­den die Son­der­leis­tun­gen, die wir beim Patien­te­nauszug leis­ten müssen, wie zum Beispiel beim Bett sauber machen oder beim Schrankauswis­chen, gestrichen. Diese Arbeit­en gehören zur Grun­dreini­gung und sollen nun in die nor­male Unter­halt­sreini­gung mit aufgenom­men wer­den. Also für uns Mehrar­beit ohne höhere Ent­loh­nung. Der Mut­terkonz­ern, sprich Vivantes, ist nicht bere­it, der Tochter mehr Geld für diese Arbeit­en zu zahlen. Dazu kommt dass die Gefahren­zu­la­gen, die es früher in der Karl Bon­ho­ef­fer Klinik gab, vor eini­gen Jahren ersat­z­los gestrichen wur­den. Immer­hin ist das ein Maßregelvol­lzug, wo es viele verurteilte und psy­chisch kranke Men­schen gibt, denen man ganz nah ist. Bei uns wird ges­part und die oberen bekom­men immer mehr. Daran hat der Sen­at Berlin mit Schuld.

Schlussendlich muss man sagen, dass nicht nur wir die Lei­d­tra­gen­den sind, son­dern vor allem die Patien­ten, die sich auf hygien­is­che Stan­dards nicht mehr ver­lassen kön­nen. Ich denke, dass wir Reini­gungskräfte eine Ver­ant­wor­tung den Patien­ten gegenüber haben, der wir durch den Rah­men, den die Ver­ant­wortlichen geben, nicht immer gerecht wer­den kön­nen.

One thought on “Vivantes-Töchter: „Leise solidarisieren sich immer mehr“

  1. Oliver Goldmann sagt:

    Das ist lei­der kein Einzelfall son­dern Nor­mal­ität in deutschen Kliniken . Arbeite sel­ber in ein­er der ein­er katholis­chen Klinik , die von sich sel­ber behauptet eine der größten Kliniken in NRW. Auch bei uns sind Ser­vicekräfte in einem 100% igen Tochterun­ternehmen aus­gegliedert wor­den ./Vor mein­er Zeit) Arbeite dort seit über 10 Jahren. Einen Betrieb­srat gibt es nicht nur eine Mitar­beit­er Vertre­tung (MAV). Mein Tätigkeits­feld ist die Zen­tral-Ster­il­i­sa­tion. Unser Stun­den­lohn ist liegt unge­fähr mit dem im Artikel gle­ich. Für uns gilt der Gebäude-Reiniger-Tarif . Die Beto­nung liegt hier auch bei dem Wort katholis­ches . 2014 hat­te die deutsche Bischof­skon­ferenz entsch­ieden , das eben dieses Prinzip der 100% Tochter­fir­men , gegen den Gle­ich­stel­lung­sprinzip­i­en der Kirche verstoßen.Diese soll­ten in Kirch­lichen betrieben abgeschafft wer­den.
    Passiert ist nichts und ist auch nicht beabsichtigt.Ganz im Gegen­teil. Ein­er der Haupt­gründe ist es bei uns den Haus­tar­ifver­trag , gültig für Ärzte , Pflegeper­son­al und Ver­wal­tung , zu unter­laufen, im Stun­den­lohn genau­so , wie auch andere Bere­iche zB Urlaub­stage und anderes. In mein­er Zeit habe ich zweimal mit­bekom­men , das Leute ver­sucht haben eine Gew­erkschaft ins Haus zu holen. Kurze Zeit später habe ich keinen von den beteiligten Per­so­n­en mehr bei uns im Unternehmen gese­hen .

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