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Vio.me-Arbeiter*innen verurteilen Syriza

Die Fabrik Vio.me in Thessaloniki befindet sich schon seit drei Jahren unter Arbeiter*innenkontrolle. Nun soll das Gelände, auf dem sich die Fabrik befindet, versteigert werden. Die Arbeiter*innen von Vio.me verurteilen dies und rufen zu einer internationalen Solidaritätskampagne auf.

Vio.me-Arbeiter*innen verurteilen Syriza

Nach dem die ehe­ma­li­gen Besitzer*innen 2011 die Fab­rik Vio.me aufgegeben hat­ten, wurde sie von den Arbeiter*innen beset­zt. Kurze Zeit später began­nen sie, unter Arbeiter*innenkontrolle ökol­o­gis­che Seife und Reini­gungsmit­tel zu pro­duzieren. Seit­dem hält Vio.me stand, dank der Anstren­gun­gen und der Kreativ­ität der Arbeiter*innen und dank ein­er bre­it­en Sol­i­dar­itäts­be­we­gung in Griechen­land und darüber hin­aus.

In einem Video, welch­es die Arbeiter*innen in diesen Tagen ver­bre­it­en, betont ein Arbeit­er von Vio.me die Bedeu­tung der inter­na­tionalen Sol­i­dar­ität, die sie von beset­zten Fab­riken in Argen­tinien erhal­ten haben – zum Beispiel von der Keramik­fab­rik Zanon, die unter Arbeiter*innenkontrolle geführt wird. Von den Erfahrun­gen in Argen­tinien haben die Arbeiter*innen von Vio.me viel gel­ernt.

„Dies passierte 2001 in Argen­tinien und so began­nen die [beset­zten] Fab­riken. Auch dort war die Sol­i­dar­ität sehr wichtig. Aber das wichtig­ste war die innere Organ­i­sa­tion der Fab­rik. Sie schufen Kitas, Kranken­sta­tio­nen, Schulen. Dies zeigt, dass die Gesellschaft sich wieder neu erfind­en kann. Wir kön­nen eine neue Gesellschaft erschaf­fen, die auf kollek­tiv­er Basis funk­tion­iert.

Genoss*innen aus diesen Fab­riken waren hier bei uns [das Bild zeigt ein Plakat, auf dem ste­ht ‘Zanon und Vio.me unter Arbeiter*innenkontrolle’]. Sie haben uns geholfen, unsere Sichtweite zu erweit­ern und uns Mut gegeben. Sie haben uns auch vor den Schwierigkeit­en, die auf uns zukom­men, gewarnt und vor denen, die sich uns in den Weg stellen wür­den.“

Heute bieten die Arbeiter*innen von Vio.me neuen Hin­dernissen die Stirn. Deshalb ist heute mehr denn je inter­na­tionale Sol­i­dar­ität notwendig.

Wir führen ein Inter­view mit Theodor­os Kary­otis vom Vio.me-Solidaritätskomitee in Thes­sa­loni­ki über die aktuelle Sit­u­a­tion in der Fab­rik und die inter­na­tionale Sol­i­dar­ität­skam­pagne.

Wie ist die aktuelle Sit­u­a­tion bei Vio.me?

Derzeit pro­duziert Vio.me unter Arbeiter*innenkontrolle und das funk­tion­iert ziem­lich gut. Aber gle­ichzeit­ig gibt es einen Kampf um die rechtliche Sit­u­a­tion. Nach eini­gen Gerichtsver­fahren hat nun ein vom Staat ernan­nter Konkursver­wal­ter vom Gericht die Erlaub­nis erhal­ten, das Gelände des Betriebs zu ver­steigern. Die Sit­u­a­tion ist kom­plex, denn Vio.me ist das Tochterun­ternehmen eines anderen bankrot­ten Unternehmen, Philk­er­am. Das Gelände, das in der Auk­tion verkauft wer­den soll, gehört Philk­er­am. Auf unge­fähr einem Achtel dieses Gelän­des befind­et sich Vio.me.

Es soll nun verkauft wer­den, um die Gläubiger*innen von Philk­er­am zu befriedi­gen, also die Gläubiger*innen der Mut­terge­sellschaft, nicht die von Vio.me. Es heißt, dass der Erlös auch dazu da ist, die Arbeiter*innen auszuzahlen. Aber sie wer­den dieses Geld nie bekom­men, weil sie auf der Liste der Gläubiger*innen nicht weit oben ste­hen. Und die Arbeiter*innen von Vio.me wer­den [im Gerichtsver­fahren] natür­lich gar nicht erst erwäh­nt.

Die Forderung der Arbeiter*innen von Vio.me ist es, das Gelände von Vio.me vom Gelände von Philk­er­am zu tren­nen. Sie fordern den Staat auf, das Grund­stück, auf dem Vio.me liegt, zu enteignen und der Koop­er­a­tive der Arbeiter*innen zu übergeben.

Die Erk­lärung der Ver­samm­lung der Arbeiter*innen von Vio.me verurteilt die Rolle von Syriza. Als sie noch in der Oppo­si­tion war, hat­te Syriza ver­sprochen, den Kon­flikt zu lösen. Sobald sie an der Regierung war, hat sie sich aber nicht mehr um die Sit­u­a­tion geküm­mert. Die Arbeiter*innen sagen, dass es „die ‘große Errun­gen­schaft’ nach acht Monat­en Regierung ist, den Kampf um Vio.me den Machen­schaften des Jus­tizsys­tems zu über­lassen.“ Welche Rolle spielt Syriza im Kon­flikt?

Zur Zeit hat die poli­tis­che Macht kein­er­lei Inter­esse daran, den Kampf bei Vio.me zu unter­stützen.

Die Syriza-Regierung tut so, als ob sie eine „neu­trale“ Hal­tung hätte, aber in Wirk­lichkeit existiert keine neu­trale Hal­tung. Diese neu­trale Hal­tung bedeutet näm­lich, den Inter­essen der Unternehmer*innen und Richter*innen freie Hand zu lassen und diese wollen Vio.me auflösen.

Am 26. Novem­ber diesen Jahres find­et die erste Ver­steigerung statt und die Arbeiter*innen rufen dazu auf, sie zu block­ieren und zu ver­hin­dern. Wie geht der Kampf weit­er?

Das Gericht hat im März einen Preis für den Verkauf fest­ge­set­zt. Er liegt bei 30 Mil­lio­nen Euro für das gesamte Gelände von Philk­er­am. Das ist sehr viel, deshalb denken wir, dass es bei den ersten drei Ver­steigerun­gen vielle­icht keine Interessent*innen geben wird. Wenn es keine Käufer*innen gibt, wird in einem neuen Gerichtsver­fahren ein niedriger­er Preis fest­ge­set­zt und es gibt drei weit­ere Ver­steigerun­gen. Dies geht so lange weit­er, bis ein*e Käufer*in gefun­den ist. Deshalb kann der Verkauf­sprozess sehr lange dauern; wir rech­nen mit eini­gen Monat­en.

Trotz­dem ist es sehr wichtig für uns, gegen diesen Prozess zu demon­stri­eren und die Ver­steigerung zu block­ieren. Und zwar aus ver­schiede­nen Grün­den: Ein­er­seits demon­stri­eren wir so möglichen Käufer*innen unsere Entschlossen­heit. Ander­er­seits schaf­fen wir Sicht­barkeit und ein Bewusst­sein für den Kampf bei Vio.me.

Ihr ruft zu einem Tag der inter­na­tionalen Sol­i­dar­ität auf. Was erwartet ihr von inter­na­tionalen Aktio­nen?

Wir denken, dass inter­na­tionaler Druck die Regierung dazu bewe­gen kön­nte, Maß­nah­men zu ergreifen. Außer­dem wollen wir so Bewusst­sein und Sicht­barkeit für unseren Kampf her­stellen.

Wir rufen inter­na­tion­al alle sol­i­darischen Men­schen dazu auf, uns zu unter­stützen, und zwar auf ver­schiedene Arten. Erstens ist es wichtig Infor­ma­tio­nen zu ver­bre­it­en. Es gibt eine span­nende Doku­men­ta­tion (https://www.youtube.com/watch?v=2Fg2akSUvFM mit englis­chen Unter­titeln), die kür­zlich über Vio.me gedreht wurde. Sie ist kurz und sehr gut, weil sie die Ver­samm­lun­gen von Vio.me und den Kampf aus dem Inneren her­aus zeigt.

Außer­dem bit­ten wir darum, eine Unter­stützungserk­lärung zu unter­schreiben und uns zuzusenden. Und es kann zu Sol­i­dar­ität­sak­tio­nen aufgerufen wer­den. Am meis­ten Effekt haben Kundge­bun­gen vor griechis­chen Botschaften und Kon­sulat­en, bei denen Unter­schriften an die Ver­ant­wortlichen der Botschaft übergeben wer­den, damit diese sie an das Arbeitsmin­is­teri­um weit­er­leit­en.

All­ge­mein freuen wir uns über jede Art von Ver­bre­itung und Aktion. Es wäre hil­fre­ich, wenn uns Infor­ma­tio­nen und Fotografien von Sol­i­dar­ität­sak­tio­nen geschickt wer­den, damit wir sie hier zeigen kön­nen.

Die Fab­rik Vio.me ist nun schon seit drei Jahren unter Arbeiter*innenkontrolle. Was ist die Bedeu­tung dieser Erfahrung für die Kämpfe der Arbeiter*innen, angesichts der aktuellen Krise?

Griechen­land ist ein Beispiel dafür, wie sich das Akku­mu­la­tion­s­mod­ell des Kap­i­tals inter­na­tion­al ändert. Dieser Wan­del, der von einem hefti­gen Prozess der Struk­tu­ran­pas­sung begleit­et wird, hat einen sicht­baren und direk­ten Effekt. Große Teile der Bevölkerung wer­den arbeit­s­los. Die einzige Möglichkeit, unser Woh­lerge­hen sicherzustellen und die Pro­duk­tion den Bedürfnis­sen der Gesellschaft unterzuord­nen, liegt darin, dass die Arbeiter*innen die Pro­duk­tion­s­mit­tel in ihre eige­nen Hände nehmen – und nicht nur die Pro­duk­tion­s­mit­tel, son­dern alle Mit­tel des Lebens, zum Beispiel die Erziehung oder das Gesund­heitssys­tem. Der Staat hat bewiesen, dass er ein Ver­bün­de­ter des Kap­i­tals ist und immer seine Vorteile und seine Akku­mu­la­tion sichert.

Zum Schluss: Erzähl uns davon, wie in Thes­sa­loni­ki der Gen­er­al­streik am Don­ner­stag, den 12. Novem­ber, ablief.

Wir sind ziem­lich zufrieden mit diesem Streik­tag, weil er nach ein­er lan­gen Zeit stat­tfand, in der die Leute gelähmt waren. Er fand statt nach einem Som­mer, in dem die Medi­en nicht aufhören woll­ten zu wieder­holen, dass wir am Rande des Bankrotts stün­den und deshalb die Aus­ter­itäts­maß­nah­men akzep­tieren müssten. Und er fand statt, nach­dem die Regierung alle Ver­sprechen gebrochen und alle Erwartun­gen und Hoff­nun­gen der Leute ver­rat­en hat. Lange Zeit wussten die Leute nicht, wie sie darauf reagieren soll­ten.

Dieser Streik ist die erste große Antwort, mit großen Kundge­bun­gen und Demon­stra­tio­nen in allen griechis­chen Städten, die teil­weise recht gewalt­tätig gewor­den sind, beson­ders in Athen.

Der Streik hat auch das wahre Gesicht der aktuellen Regierung gezeigt. Und zwar, dass sie sich nicht von den vorheri­gen unter­schei­det. Sie set­zt eben­so Aus­ter­itäts­maß­nah­men durch, und antwortet auf Stim­men, die diese Maß­nah­men hin­ter­fra­gen, mit Repres­sion, so wie alle Regierun­gen vor ihr.

Wir von Vio.me rufen immer zu ein­er getren­nten Demon­stra­tio­nen auf, die sich am Schluss der großen Demon­stra­tion anschließt. Unsere Auf­tak­tkundge­bung find­et aber nicht gemein­sam mit den großen Gew­erkschafts­dachver­bän­den und der Gew­erkschafts­bürokratie statt, die die Inter­essen der Unternehmer*innen und der Regierung vertreten.

Dieses Jahr war das ein ziem­lich­er Erfolg: Wir haben eine Sol­i­dar­ität­skarawane organ­isiert. Dies ist eine Möglichkeit, hor­i­zon­tale Verbindun­gen zwis­chen den ver­schiede­nen kämpfend­en Sek­toren der Arbeiter*innenklasse herzustellen, ohne die Ver­mit­tlung der tra­di­tionellen Gew­erkschaften.

Dieses Jahr woll­ten wir unsere Demon­stra­tion vor ein­er Lokalzeitung, die geschlossen wurde und Hun­derte Arbeiter*innen auf die Straße geset­zt hat, been­den, aber die Repres­sivkräfte haben das nicht zuge­lassen.

Die Sol­i­dar­ität­serk­lärung mit der Arbeiter*innen von Vio.me kann hier herun­terge­laden wer­den. Die Unter­schriften kön­nen an protbiometal@gmail.com zurück­ge­sandt wer­den.
Seid sol­i­darisch und ver­bre­it­et den Kampf von Vio.me!

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