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Venezuela: “Gegen die Bedrohung durch die imperialistische Intervention und gegen den Putsch”

Aus Caracas porträtiert unser Genosse Milton D'León die äußerst komplexe Situation in Venezua. D'León ist Mitglied der Liga der Arbeiter*innen für den Sozialismus (LTS) aus Venezuela, einer Organisation, die für eine revolutionäre marxistische Orientierung kämpft. Heute bedeutet das eine radikale und entschlossene Opposition gegen den Putschversuch der rechten Opposition mit Unterstützung der Vereinigten Staaten, die militärisch zu intervenieren drohen.

Venezuela:

Die derzeit­ige Sit­u­a­tion in Venezuela ist katas­trophal, aber die Regierung von Nicolás Maduro behauptet, dass alles in Ord­nung sei. Wirk­lich?

Hierzu­lande dauert die wirtschaftliche und soziale Katas­tro­phe seit mehr als fünf Jahren an. Eine Krise, die mit dem bru­tal­en Absturz der Ölpreise begann, sich aber seit­dem durch die Poli­tik der Maduro-Regierung nur noch ver­schärft hat. Sie führte zu Nahrungsmit­telk­nap­pheit und Hyper­in­fla­tion, die nach ver­schiede­nen Berech­nun­gen bere­its eine Mil­lion oder bis zu zwei Mil­lio­nen Prozent pro Jahr über­steigt. Par­al­lel zu diesem starken Rück­gang der Ölein­nah­men sind auch Rück­zahlun­gen der Aus­landss­chulden fäl­lig. Dazu gehören nicht nur die Schulden, die ein Ver­mächt­nis des ver­gan­genen poli­tis­chen Regimes sind, das vom Chav­is­mus abgelöst wurde und als “Pun­to-Fijo-Pakt-Regime” beze­ich­net wird (und für deren Zahlung übri­gens Chavez selb­st die Ver­ant­wor­tung über­nom­men hat), son­dern auch die Schulden, die seit 2008 in beschle­u­nigter Weise durch den Chav­is­mus selb­st ange­häuft wur­den. In dieser Sit­u­a­tion hat Maduro eine klare Entschei­dung getrof­fen: den Gläu­bigern und Geiern des inter­na­tionalen Finanzsys­tems, also dem impe­ri­al­is­tis­chen Finanzkap­i­tal, zu gehorchen und nicht der Bevölkerung, die mit human­itären Not­fällen kon­fron­tiert ist, sei es im Lebensmittel‑, Gesund­heits- oder Bil­dungssek­tor. Präsi­dent Maduro rühmte sich sog­ar, dass Venezuela während sein­er Regierung mehr als 72 Mil­liar­den Dol­lar gezahlt habe, und betonte, dass diese Schulden bis auf den let­zten Cent zurück­gezahlt wür­den. Was bedeutet das? Dass Mil­liar­den von Dol­lar dazu bes­timmt sind, eine betrügerische Aus­landss­chuld zu zahlen, während zugle­ich die Men­schen vor dem schlimm­sten Lei­den ste­hen.

Wie über­set­zt sich das?

Um es noch deut­lich­er zu machen: In einem Land, das zur Aufrechter­hal­tung sein­er Infra­struk­tur, Nahrung, Medika­mente, Gesund­heits­di­en­stleis­tun­gen und Indus­trie stark von Importen abhängig ist, sanken die Importe zwis­chen 2012 und 2016 um rund 70% von 54,7 Mrd. US-Dol­lar auf 17,8 Mrd. US-Dol­lar. Die Importe von phar­mazeutis­chen Pro­duk­ten wur­den zwis­chen 2012 und 2014 um 64% reduziert. Und in den fol­gen­den vier Jahren erre­icht­en die Importe ein noch niedrigeres Niveau, bis sie zu einem Zusam­men­bruch auf allen Ebe­nen, ein­schließlich der Kranken­haus­in­fra­struk­tur, führten. Das hat selb­st die Ölin­dus­trie getrof­fen, als PDVSA, die nationale Ölförderge­sellschaft, in die Krise geri­et. Die Ölförderung ist auf das Niveau von 1940 gesunken.

Die andere Quelle des derzeit­i­gen Bankrotts und der wirtschaftlichen Katas­tro­phe des Lan­des ist die riesige Lücke, die die Kap­i­talflucht von mehr als 500 Mil­liar­den Dol­lar hin­ter­lässt. Ein echter Dieb­stahl an der Nation, began­gen durch legale und andere, weniger legale Mit­tel. An der Feier nah­men alle teil: Bankiers, Unternehmer*innen aller Couleur, manch­mal mit der Oppo­si­tion ver­bun­den, oft mit dem Chav­is­mus und der kor­rupten staatlichen Bürokratie. Darüber hin­aus hat die Regierung Ende August 2018 einen Plan für eine hypo­thetis­che “Kon­junk­tur­erhol­ung und Wohl­stand” ges­tartet. Ein “Genesungs”-Plan, der die Arbeiter*innenklasse und die Armen hart getrof­fen und gle­ichzeit­ig die Kapitalist*innen und die kor­rupte Kaste geschont hat. Während die Einkom­men der Arbeiter*innenklasse ver­nichtet wur­den und der Min­dest­lohn derzeit bei 5 US-Dol­lar pro Monat liegt, war diese Poli­tik für die Bosse und ins­beson­dere für das pri­vate Kap­i­tal im In- und Aus­land, die von ein­er der bil­lig­sten Arbeit­skräfte der Welt prof­i­tieren, abso­lut vorteil­haft.

Wir bewe­gen uns damit auf die Ver­nich­tung der großen his­torischen Eroberun­gen der Arbeiter*innenklasse zu, die durch jahrzehn­te­lange Kämpfe, ein­schließlich Tar­ifverträge, erlangt wur­den. Wie man sieht, zahlt die vene­zolanis­che Bevölkerung einen hohen Preis für die Krise. Genau das hat die rechte Oppo­si­tion aufge­grif­f­en, um Dem­a­gogie zu betreiben. Ich spreche von Dem­a­gogie, weil der “Plan für das Land”, das von Guaidó vorgeschla­gene Wirtschaft­spro­gramm, dieselbe Logik oder eine noch schlim­mere ver­fol­gt, da ihm eine noch voll­ständi­gere Unterord­nung unter den US-Impe­ri­al­is­mus vorschwebt.

Ist die aktuelle Krise das Ergeb­nis des Zusam­men­bruchs des “Sozial­is­mus des 21. Jahrhun­derts”, wie die europäis­chen Medi­en gerne sagen?

Nein, es ist nicht das Ergeb­nis des Bankrotts irgen­dein­er Art von “Sozial­is­mus”. In der Tat ist es genau das Gegen­teil. Die Tat­sache, dass nie antikap­i­tal­is­tis­che Maß­nah­men ergrif­f­en wur­den, hat diese Krise aus­gelöst. Im Gegen­satz zu dem, was der rechte Flügel sagt, ist das, was in Venezuela gescheit­ert ist, keineswegs der Sozial­is­mus. Sowohl Chávez als auch Maduro hiel­ten die Grundpfeil­er des Kap­i­tal­is­mus intakt, trotz der Zugeständ­nisse des ehe­ma­li­gen Präsi­den­ten während des Ölbooms, der es ihm erlaubte, riesige Gewinne für Unternehmen und Bankiers sowie multi­na­tionale Konz­erne zu garantieren. Wir sind bei ein­er solchen Sit­u­a­tion ange­langt, ger­ade weil es keine Fortschritte in Rich­tung ein­er entschlosse­nen antikap­i­tal­is­tis­chen Poli­tik gegeben hat, obwohl die Winde gün­stig für die Massen­be­we­gung waren, die sie hät­ten entschei­dend unter­stützen kön­nen.

Im Land gibt es nach wie vor mächtige Wirtschafts­grup­pen wie Polar im Bere­ich der Lebens­mit­tel und Getränke, die sich im Besitz von Loren­zo Men­doza befind­en; die Cis­neros, die von der Kom­mu­nika­tion zum Berg­bau und sog­ar zum Ölsek­tor überge­gan­gen sind; und der Banki­er Juan Car­los Escotet, der durch den Zusam­men­schluss mit Banesco zu einem der wichtig­sten Akteure des Lan­des gewor­den ist und sich im Spanis­chen Staat niederge­lassen hat, um dort der erste Banki­er auf der Liste der reich­sten Men­schen zu wer­den, und der auch der Haup­tak­tionär von Aban­ca ist. Kein Fortschritt also bei der Stim­ulierung der Indus­trie im Zusam­men­hang mit der Entwick­lung des Agrar- und Ernährungssek­tors, die durch die beträchtliche Ölrente hätte finanziert wer­den kön­nen und die unpro­duk­tiv ver­braucht blieb oder in die Taschen der Bour­geoisie und der Bürokrat*innen floss, die sie in Men­gen außer­halb des Lan­des bracht­en. Aber es gibt auch keine Fortschritte in Rich­tung echter nationaler Befreiung, auch nicht bei struk­turellen und grundle­gen­den Fra­gen wie Agrar­fra­gen oder der struk­turellen Woh­nungsre­form, geschweige denn beim “Über­gang zum Sozial­is­mus”.

Anstatt die Energien der Massen­be­we­gung zu befreien, wur­den sie nor­mal­isiert, diszi­plin­iert und ver­hin­derten damit jede Möglichkeit eines echt­en, anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen und sozial­rev­o­lu­tionären Kampfes, indem sie die Grund­la­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft in ihrer jet­zi­gen Form aufrechter­hiel­ten, ohne Antworten für nationale Bedürfnisse und für aus­ge­beutete Men­schen zu geben. Dadurch wurde schließlich der Gege­nan­griff des reak­tionären Lagers vor­bere­it­et.

In Venezuela haben Hun­derte von multi­na­tionalen Unternehmen nie aufge­hört, Geschäfte zu betreiben und nationale Ressourcen und vene­zolanis­che Arbeit­skräfte auszubeuten. So wurde beispiel­sweise im Orinoco-Ölgür­tel das Joint Ven­ture Petro­cedeño zwis­chen PDVSA und den Unternehmen Total (Frankre­ich) und Sta­toil (Nor­we­gen) gegrün­det; Pétropi­ar ist mit Chevron ver­bun­den; Petromon­a­gas mit dem rus­sis­chen Unternehmen Ros­neft und Sinoven­sa mit dem chi­ne­sis­chen Unternehmen CPCH. Chevron betreibt andere Ölfelder im Land, von denen einige sehr reich und prof­ita­bel sind, wie die Off­shore-Ölplat­tform Deltana im Orinocodelta zwis­chen Venezuela und Trinidad und Toba­go.

Poli­tisch ist die Rechte also ger­ade dadurch vor­angekom­men, dass ver­sucht wurde, die Idee zu ver­mit­teln, dass der Ursprung der schw­er­wiegen­den wirtschaftlichen Prob­leme des Lan­des im “Etatismus” oder im “Sozial­is­mus” zu suchen sind, der “Unternehmer und pri­vate Ini­tia­tiv­en erstickt” hätte. So kon­nte die Rechte ein ide­ol­o­gis­ches Kli­ma zur Vertei­di­gung der Pri­vatwirtschaft schaf­fen, das let­ztlich dem aktuellen “neolib­eralen Wan­del” zugrunde liegt.

Wie erk­lären Sie sich, dass die “human­itäre Oper­a­tion” vom 23. Feb­ru­ar, mit der Guaidó, die Vere­inigten Staat­en und Kolumbi­en der vene­zolanis­chen Bevölkerung ihre “Hil­fe” leis­ten woll­ten, gescheit­ert ist? Nach Angaben der aus­ländis­chen Presse scheint die Regierung Maduro jede Unter­stützung der Bevölkerung ver­loren zu haben…

Die so genan­nte human­itäre Oper­a­tion, die von der Recht­en und dem Impe­ri­al­is­mus organ­isiert wurde, war ein Mis­ser­folg, weil dieser sein Hauptziel nicht erre­icht hat, näm­lich die Spal­tung der Stre­itkräfte, den zen­tralen Pfeil­er des Maduro-Regimes. Seit Beginn der Putschof­fen­sive konzen­tri­ert sich ihre ganze Aufmerk­samkeit auf das Mil­itär. Nach Guaidós Selb­ster­nen­nung zum “Präsi­den­ten im Amt” am 23. Jan­u­ar und sein­er sofor­ti­gen Anerken­nung durch Trump und ein­er Rei­he von Län­dern glaubten sie sog­ar, dass ein Teil der Stre­itkräfte sich von ihm abwen­den und Maduro zu Fall brin­gen würde. Aber dieses Szenario ist nicht einge­treten.

Auch deshalb hat die Oppo­si­tion wieder auf dem “Amnestiege­setz” für die Stre­itkräfte bestanden, da das Mil­itär eine Schlüs­sel­rolle spielt. Um diese Strate­gie zu ver­stärken, schlug John Bolton, der nationale Sicher­heits­ber­ater des Weißen Haus­es, vor, dass Gen­eräle und lei­t­ende Ränge, die mit Maduro brechen wür­den, von den Sank­tio­nen nicht betrof­fen sein soll­ten – in der Hoff­nung, dass ein Auf­s­tand in den Bar­rack­en aus­brechen würde. Aber dies hat­te nicht viel Wirkung, außer bei eini­gen weni­gen Offizieren, die überge­laufen sind. Größere Trup­pen­abteilun­gen gab es nicht. Deshalb hat die Rechte den berühmten “D‑Day” auf die Tage­sor­d­nung geset­zt, mit dem Ein­tritt der human­itären Hil­fe in Venezuela, immer mit dem Ziel, den Druck zu erhöhen und einen ver­sucht­en Staatsstre­ich zu fördern.

Die rechte Oppo­si­tion, der Impe­ri­al­is­mus und die reak­tionären Regierun­gen in der Region berauschen sich an der Idee der “human­itären Hil­fe”. Aber es sind diesel­ben Men­schen, die ein Bün­del von Sank­tio­nen unter­stützen, ange­fan­gen beim Ein­frieren der vene­zolanis­chen Ver­mö­genswerte und der Ölblock­ade, die dazu führen, dass sich der Man­gel ver­schäft, der vor allem die Arbeiter*innenklasse trifft. Sie wollen, dass die Wirtschaft des Lan­des noch mehr abstüzt, um Maduro hin­auszuw­er­fen. Eine völ­lige Stran­gulierung der vene­zolanis­chen Wirtschaft kön­nte zwar den Sturz von Maduro verur­sachen, aber die unmit­tel­barste Folge wäre eine noch katas­trophalere Sit­u­a­tion, was die Ernährung der Arbeiter*innenklasse bet­rifft.

In ein­er sein­er let­zten Inter­ven­tio­nen wandte sich Guaidó direkt an die Stre­itkräfte und erk­lärte: “Werte Ange­hörige des Mil­itärs, Sie haben drei Tage Zeit, sich an die Ver­fas­sung zu hal­ten und die Befehle des amtieren­den Präsi­den­ten der Repub­lik zu befol­gen.” Aber wieder ein­mal war dieses Manöver nur von kurz­er Dauer. Maduro wollte sich diese Nieder­lage der Putschis­ten selb­st zuschreiben, aber die Real­ität ist ganz anders. Die Rechte wollte diese Frage der “Ein­reise der human­itären Hil­fe” für dem­a­gogis­che Zwecke nutzen, scheit­erte aber an der Frage der Spal­tung der Stre­itkräfte. Deshalb fordert Guaidó nach dem Scheit­ern seines “D‑Day” erneut eine mil­itärische Inter­ven­tion in Venezuela. Dies offen­bart jedoch den schein­heili­gen Diskurs um die “human­itäre Hil­fe”, der nie mehr als ein Manöver war – jet­zt wie in der Ver­gan­gen­heit –, um impe­ri­al­is­tis­che Inter­ven­tio­nen zu recht­fer­ti­gen.

Wie ist die radikale Linke in Venezuela heute posi­tion­iert?

Ich werde mich auf zwei Beispiele konzen­tri­eren. Auf der einen Seite war die Partei Sozial­is­mus und Frei­heit (PSL), die vene­zolanis­che Sek­tion der UIT, bis 2007 Teil des Chav­is­mus. Heute ist die Posi­tion­ierung der PSL funk­tion­al für die Aus­rich­tung der Recht­en und damit des Impe­ri­al­is­mus. Die zen­trale Inter­ven­tion­sachse der PSL beste­ht wed­er darin, die impe­ri­al­is­tis­che Inter­ven­tion ener­gisch als zen­tralen Frage zu bekämpfen, noch hat sie die putschis­tis­che Offen­sive uner­bit­tlich angeprangert. Die Frage des Anti­im­pe­ri­al­is­mus wird nun dem zen­tralen Slo­gan der PSL, näm­lich “Nieder mit Maduro”, unter­ge­ord­net. Die PSL fügt ein­fach hinzu: “durch die autonome Mobil­isierung der Arbeiter*innen”. Aber der Kern ihrer Poli­tik ist nach wie vor “alle zusam­men gegen die Regierung”. Die PSL schaffte es sog­ar, die Mobil­isierun­gen vom 23. Jan­u­ar zu beschöni­gen, die die Verei­di­gungsz­er­e­monie von Guaidó begleit­eten, obwohl seine Rede von der Recht­en und dem Impe­ri­al­is­mus dik­tiert wurde. Das­selbe bei den Demon­stra­tio­nen vom 12. Feb­ru­ar. Die zen­trale Achse der PSL, “Nieder mit Maduro”, klingt sehr radikal, aber in Wirk­lichkeit han­delt es sich angesichts der putschis­tis­chen Offen­sive, während die vene­zolanis­che Rechte nach ein­er mil­itärischen Inter­ven­tion zum Sturz von Maduro ruft, um eine Aus­rich­tung, die let­z­tendlich – ich wieder­hole – für die putschis­tis­che Rechte funk­tion­al ist. Zwar behauptet die PSL, gegen den Impe­ri­al­is­mus und Guaidó zu sein, aber indem sie den Fall Maduros in den Mit­telpunkt ihrer Ori­en­tierung stellt, kapit­uliert diese Strö­mung objek­tiv vor den poli­tis­chen Aktio­nen der recht­en Oppo­si­tion, dem tödlichen Feind der arbei­t­en­den Massen.

Auf der anderen Seite gibt es auch Marea Social­ista, die erst mit der PSUV, der offiziellen chav­is­tis­chen Partei, brach, nach­dem Maduro an die Macht kam. Aber Marea vertei­digt weit­er­hin die Fig­ur Chávez. Aus all­ge­mein­er Sicht vertreten die Genoss*innen von Marea eine Ori­en­tierung “Wed­er Maduro noch Guaidó”, doch vertreten sie eine Lösung der Krise im Rah­men des Regimes. Sie schlu­gen ein “neues bera­ten­des Ref­er­en­dum mit ein­er neuen Wahlkom­mis­sion vor, um die öffentlichen Insti­tu­tio­nen neu zu legit­imieren”. Ihrer Mei­n­ung nach wäre es eine “demokratis­che Alter­na­tive (.…) mit Beteili­gung der Bevölkerung [und] eine mögliche Lösung für den andauern­den Kon­flikt, um Inter­ven­tion und Krieg zu ver­mei­den”, und zwar im Rah­men der “Vertei­di­gung der Ver­fas­sung”. Für sie geht es daher um die Forderung nach all­ge­meinen Wahlen, die eine kon­sti­tu­tionelle Lösung darstellen wür­den. Das kann aber nur eine Ver­hand­lungslö­sung für die derzeit­ige Krise fördern, um “Krieg zu ver­mei­den”. Schließlich gibt es noch andere Strö­mungen, die auch die Regierung Maduro nicht unter­stützen, aber alle mehr oder weniger eine dieser bei­den Optio­nen vertei­di­gen.

Beste­ht die reale Gefahr ein­er US-Inter­ven­tion?

Die Trump-Regierung hat in let­zter Zeit sehr darauf bestanden, dass für Venezuela alle Optio­nen auf dem Tisch lägen, ein­schließlich der “mil­itärischen Option”. Juan Guaidó selb­st hat mehrfach zu ein­er mil­itärischen Inter­ven­tion aufgerufen. Wir kön­nen diese Option nicht auss­chließen, auch wenn wir sie für unwahrschein­lich hal­ten. Die Sitzung der Lima-Gruppe in Bogo­ta hat ein Doku­ment erstellt, in dem die Län­der der Anti-Maduro-Koali­tion bekräfti­gen, dass für sie die “Anwen­dung von Gewalt” (d.h. aus­ländis­che Mil­itärin­ter­ven­tio­nen) “aus­geschlossen” ist. Gle­ich­wohl sind die Vere­inigten Staat­en nicht Teil der Lima-Gruppe und nicht verpflichtet, ihre Entschei­dun­gen zu respek­tieren. Jedoch haben die lateinamerikanis­chen Anti-Maduro-Län­der beschlossen, die Wirtschaftssank­tio­nen gegen Venezuela zu ver­stärken. Während Guaidós jüng­sten Reisen nach Brasilien, Paraguay und Argen­tinien hat er auch aufge­hört, sich auf die mil­itärische Option zu beziehen. Selb­st Jair Bol­sonaro ver­sicherte, dass Brasilien keine mil­itärischen Maß­nah­men gegen Venezuela ergreifen würde. Die Vere­inigten Staat­en wer­den weit­er­hin Sank­tio­nen anwen­den, mit dem Ziel, das Land wirtschaftlich zu unter­drück­en. Aber das sind Sank­tio­nen, die die Schwierigkeit­en für die Men­schen, die direkt von der anhal­tenden wirtschaftlichen Katas­tro­phe betrof­fen sind, nur ver­schär­fen und den Zynis­mus der von den Vere­inigten Staat­en ver­sproch­enen so genan­nten human­itären Hil­fe aufzeigen.

Was ist in dieser Sit­u­a­tion die Posi­tion der Liga der Arbeiter*innen für den Sozial­is­mus?

Als rev­o­lu­tionäre Internationalist*innen vertreten wir eine Poli­tik gegen impe­ri­al­is­tis­chen Inter­ven­tion­is­mus und Staatsstre­ich, gegen Ver­suche, Guaidós Mar­i­onet­ten­regierung an die Spitze des Lan­des zu drän­gen und gegen seinen “Plan für das Land”, der nichts anderes ist als Unter­w­er­fung. All diese Dinge sind Teil eines Ver­suchs, Venezuela und den Kon­ti­nent wieder zu kolonisieren. Ein Sieg des Putsches wäre ein starkes Ele­ment zur Stärkung neolib­eraler und rechter Regierun­gen, wie der von Bol­sonaro in Brasilien, Macri in Argen­tinien, Piñera in Chile, Duque in Kolumbi­en sowie impe­ri­al­is­tis­ch­er Insti­tu­tio­nen wie der Organ­i­sa­tion Amerikanis­ch­er Staat­en oder dem IWF. Wir sind mit aller Kraft dage­gen, und wir tun dies, ohne die Regierung Maduro zu unter­stützen.

Die LTS und die inter­na­tionale Strö­mung, der wir ange­hören, die Trotzk­istis­che Frak­tion – Vierte Inter­na­tionale, vertreten in Bezug auf Kon­fronta­tio­nen zwis­chen impe­ri­al­is­tis­chen und hal­bkolo­nialen oder abhängi­gen Län­dern die Posi­tio­nen des Trotzk­ismus. Es geht darum, vom jew­eili­gen Charak­ter der Län­der auszuge­hen, jen­seits der poli­tis­chen Regime jedes Lan­des (“auf der Seite des ‘faschis­tis­chen’ Brasilien gegen das ‘demokratis­che’ Großbri­tan­nien”, sagte Trotz­ki). Diese Vorstel­lung basiert auf der Idee, dass jed­er Sieg des Impe­ri­al­is­mus die Ket­ten für die aus­ge­beuteten und unter­drück­ten Massen weit­er fes­ti­gen würde, nicht nur im ange­grif­f­e­nen Land, son­dern auch auf inter­na­tionaler Ebene, denn es wäre auch eine Nieder­lage für alle unter­drück­ten Völk­er der Welt, ein­schließlich der Arbeiter*innen der impe­ri­al­is­tis­chen Län­der.

Deshalb ist es wichtig, dass die Arbeiter*innen und Unter­drück­ten Lateinamerikas sowie die Arbeiter*innen der impe­ri­al­is­tis­chen Län­der gegen diese impe­ri­al­is­tis­che Aggres­sion in Venezuela mobil­isieren. Wir sind der Ansicht, dass wir, wenn der Putschver­such von Guaidó zurück­geschla­gen wird, bessere Bedin­gun­gen haben wer­den, um Maduro zu bekämpfen und den Weg für einen Ausweg der Arbeiter*innen aus der Krise zu ebnen. In diesem Prozess wer­den die Arbeiter*innen ihre eige­nen Organ­i­sa­tio­nen des Kampfes für eine Regierung der Arbeiter*innen und der Volkss­chicht­en schmieden, die der Macht des impe­ri­al­is­tis­chen und nationalen Kap­i­tals ein Ende set­zen, der Aus­beu­tung ein Ende set­zen und die Grund­la­gen für die wahre Ein­heit der Völk­er Lateinamerikas und der Karibik leg­en kön­nen.

Dieser Artikel erschien zuerst am 3. März 2019 auf Franzö­sisch in der Son­ntagsaus­gabe von Révo­lu­tion Per­ma­nente.

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