Geschichte und Kultur

Über den Trotzkisten Rudolf Klement, der vom Stalinismus ermordet wurde

Rudolf Klement, Sekretär der Vierten Internationale und Weggefährte von Leo Trotzki, war so zentral für die internationale Verbreitung trotzkistischer Ideen und Argumente, dass er zur Gefahr für Stalins Vormacht wurde. Stalinistische Agenten entführten ihn am 12. Juli 1938, seine Leiche fand man erst einen Monat später.

Über den Trotzkisten Rudolf Klement, der vom Stalinismus ermordet wurde

V.l.n.r.: Rudolf Kle­ment, Leo Trotz­ki, Yvan Crai­peau, Jeanne Mar­tin des Pal­lieres, Sara Weber; vorn: Jean van Hei­jenoort. Die Auf­nahme stammt aus dem Jahr 1933.

Rudolf Alois Kle­ment wurde am 4. Novem­ber 1908 in Ham­burg geboren. Trotzk­istis­ch­er Aktivist ab 1932 und Sekretär der Vierten Inter­na­tionale, ver­schwand er am 12. Juli 1938 und wurde von Stal­ins Agen­ten ermordet. Trotz­ki schrieb: „Rudolf Kle­ment war ein junger und noch wenig bekan­nter Rev­o­lu­tionär. Nichts­destotrotz hat die Ermor­dung von Kle­ment eine große sym­bol­is­che Bedeu­tung, denn er war der Sekretär der Vierten Inter­na­tionale.“

Kle­ment wuchs als Sohn eines Architek­ten in ein­er klein­bürg­er­lichen Umge­bung auf. Er studierte Philoso­phie an mehreren deutschen Uni­ver­sitäten und lernte fünf Sprachen, ein­schließlich des Rus­sis­chen. Als Stu­dent wurde er Mit­glied der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Deutsch­lands (KPD), wo er den Posi­tio­nen Stal­ins zunehmend kri­tisch gegenüber­stand. Stal­in hat­te die Führung der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale nach Lenins Tod über­nom­men und schuf eine repres­sive Bürokratie basierend auf der Vorstel­lung eines Sozial­is­mus in nur einem Land. Trotz­ki auf der anderen Seite formierte die Linke Oppo­si­tion der KP, die auf dem Inter­na­tion­al­is­mus basierte, und bekämpfte die Stal­in­isierung der Partei. 1928 wurde Trotz­ki ins zen­tralasi­atis­che Alma-Ata ver­ban­nt und 1929 aus der Sow­je­tu­nion aus­gewiesen. „Trotzk­ismus“ wurde in der KP ver­boten und kon­nte mit Auss­chluss oder in vie­len Fällen auch mit dem Tod bestraft wer­den.

“Ein großer Mann mit scharfen Zügen”

1932 wurde Kle­ment wegen Sym­pa­thien für Trotz­ki und die Linke Oppo­si­tion aus der KPD aus­geschlossen. Georg Jun­clas brachte ihn näher an die Linke Oppo­si­tion der KPD her­an, der deutschen Sek­tion der Inter­na­tionalen Linken Oppo­si­tion, in deren Rei­hen er seine poli­tis­che Arbeit in der trotzk­istis­chen Bewe­gung begann. Pierre Broué zufolge war er „ein großer Mann mit schar­fen Zügen, etwas ble­ich, ein wenig gebeugt […] mit einem kurzsichti­gen star­ren Blick hin­ter seinen Bril­lengläsern […] wie sein Lächeln leicht gezwun­gen. Er sprach wenig und wenn, dann langsam und bemüht. Er erduldete Unan­nehm­lichkeit­en ohne sich zu beschw­eren. Er war reserviert und zurück­ge­zo­gen, so sehr, dass dieser Rev­o­lu­tionär eher schüchtern wirk­te. Er war präzise und aufgeräumt.“

Am 27. April 1933 fuhr er auf die türkische Insel Prinkipo (Büyüka­da), wo Trotz­ki sich seit sein­er Ausweisung 1929 aufhielt. Dort wurde er Trotzkis Über­set­zer, Sekretär und Assis­tent. Seine Über­set­zun­gen aus dem Rus­sis­chen ins Deutsche waren für die enste­hende Linksop­po­si­tion und die Anfänge der Vierten Inter­na­tionale von unschätzbarem Wert. Die inzwis­chen voll unter Stal­ins Kon­trolle ste­hende Dritte Inter­na­tionale (Kom­intern) genoss immenses Pres­tige in der Linken und war so dazu in der Lage, Ver­leum­dun­gen über Trotz­ki ver­bre­it­en. Kle­ments Über­set­zun­gen waren dage­gen für die Ver­bre­itung von Trotzkis eige­nen Worten essen­tiell wichtig. Im Juli des­sel­ben Jahres zog Kle­ment mit Trotz­ki und dessen Frau Natalia Sedowa nach Frankre­ich, wo sie unter der Bedin­gung aufgenom­men wur­den, dass sie sich von Paris und der franzö­sis­chen Innen­poli­tik fern­hiel­ten.

Die Feind­schaft gegenüber Trotz­ki in der stal­in­isierten Kom­mu­nis­tis­chen Partei Frankre­ichs, der poli­tis­chen Recht­en und der rus­sis­chen Immi­granten­szene in Frankre­ich zwan­gen Trotz­ki und seine Fam­i­lie dazu, ver­steckt zu leben. Während dieser Jahre war Kle­ment, neben seinen Auf­gaben als Sekretär, auch Bote und Verbindungs­mann und reiste mit dem Motor­rad zwis­chen ver­schiede­nen Städten Frankre­ichs.

Im April 1934 führte ein eigentlich recht banales Ereig­nis zur Ausweisung Trotzkis aus Frankre­ich. Als Kle­ment von ein­er sein­er Reise aus Paris zurück­kehrte, wurde er von einem Polizis­ten wegen fehlen­der Fahrerlaub­nis für sein Motor­rad festgenom­men. Broué schreibt: „Von Bar­bi­zon fuhr er öfters nach Paris, um Kon­tak­te aufzubauen und den Kuri­er zu tre­f­fen, der mit der Post beim Büro in der Rue de Lou­vre ankam. Wir wis­sen, dass am 17. April die Lichter seines Motor­rads defekt waren. Die Polizei in Pon­thier­ry nahm ihn in Gewahrsam und stellte dann fest, dass ihm die Papiere für sein Motor­rad fehlten – ohne von Trotzkis Anwe­sen­heit zu wis­sen, hat­ten sie das Haus voller verdächtiger Aus­län­der beobachtet, von denen sie fürchteten, sie kön­nten den Frieden der guten Leute von Bar­bi­zon stören. Es war dieser Vor­fall, welch­er der Presse und der Öffentlichkeit die Anwe­sen­heit Trotzkis in Bar­bi­zon offen­barte und der dann als Vor­wand für dessen Ausweisung aus Frankre­ich diente, die am 18. April ange­ord­net, aber erst am 18. Juni umge­set­zt wurde, als er das Land Rich­tung Nor­we­gen ver­ließ.“

Kle­ment blieb in Frankre­ich, wo er Delegiert­er der Vorkon­ferenz zur Grün­dung der Vierten Inter­na­tionale war. Er wurde eine zen­trale Fig­ur der trotzk­istis­chen Bewe­gung und ein­er von Trotzkis her­aus­ra­gen­den Mitarbeiter*innen, wie auch sein Ver­trauter im Inter­na­tionalen Sekre­tari­at (IS), dem zen­tralen Gremi­um der Inter­na­tionalen Kom­mu­nis­tis­chen Liga (IKL), der Nach­fol­ge­or­gan­i­sa­tion der Inter­na­tionalen Linken Oppo­si­tion.

Im Som­mer 1935 wurde er admin­is­tra­tiv­er Sekretär des Inter­na­tionalen Sekre­tari­ats, für welch­es er über­set­zte, Doku­mente ver­wal­tete und die Kor­re­spon­denz zwis­chen dem IS und den ver­schiede­nen nationalen Sek­tio­nen aufrechter­hielt. Zudem schrieb, redigierte und koor­dinierte er Beiträge für interne Bul­letins in mehreren Sprachen. Zusät­zlich set­zte Kle­ment seine Über­set­zungsar­beit für Trotz­ki fort und steuerte Artikel für die inter­na­tionale trotzk­istis­che Presse bei. Er benutzte die Pseu­do­nyme Adolphe, Camille, Fréder­ic und Steen wegen des Risikos und der Unsicher­heit als poli­tis­ch­er Geflüchteter und der ständi­gen stal­in­is­tis­chen Gewalt gegen Trotzkist*innen.

Als admin­is­tra­tiv­er Sekretär war Kle­ment auch Mit­glied des Aus­land­skomi­tees der deutschen IKL-Sek­tion, den Inter­na­tionalen Kom­mu­nis­ten Deutsch­lands (IKD). Das Aus­land­skomi­tee war zur Sich­er­stel­lung der poli­tis­chen Ori­en­tierung der IKD und der Aufrechter­hal­tung der Kom­mu­nika­tion mit lokalen trotzk­istis­chen Grup­pen gebildet wor­den, welche auf­grund der schwieri­gen Umstände des Faschis­mus im Unter­grund arbeit­eten.

Bis 1938 hat­ten die sow­jetis­chen Stalinist*innen fast alle wirk­lichen und ver­meintlichen Trotzkist*innen im Land ermordet, eben­so wie Ver­wandte Trotzkis. Im Aus­land ver­fol­gte und ermordete der sow­jetis­che Geheim­di­enst NKWD linke Oppo­si­tionelle, viele während des Spanis­chen Bürg­erkriegs.

Bekan­nte Trotzkist*innen wur­den getötet, unter ihnen 1937 Erwin Wolf und Hans David Fre­und und im Feb­ru­ar 1938 Trotzkis Sohn Leo Sedow. Der NKWD-Agent Mark Zborows­ki, den Trotzkist*innen damals als Éti­enne bekan­nt, hat­te die trotzk­istis­che Bewe­gung über mehrere Jahre lang infil­tri­ert und war zu einem von Leo Sedows Ver­traut­en gewor­den. Tat­säch­lich aber war er ein NKWD-Agent und als Sedow an ein­er Blind­dar­mentzün­dung litt, brachte er ihn statt in ein Paris­er Kranken­haus in eine Pri­vatk­linik, wo Sedow durch die Hände stal­in­is­tis­ch­er Agen­ten starb. Dies war ein schw­er­er Schlag für Trotz­ki, der fest­stellte: „Er war nicht nur mein Sohn, son­dern auch mein bester Fre­und.“

Mit­glieder der inter­na­tionalen trotzk­istis­chen Bewe­gung beauf­tragten Kle­ment, nach Beweisen dafür zu suchen, dass Sedow von Stalinist*innen ermordet wor­den war. Gary Kern schreibt: „Kle­ment stellte eine Akte zusam­men und plante, sie am 14. Juli nach Brüs­sel mitzunehmen, um sie dort ver­schiede­nen Grup­pen der Oppo­si­tion zu zeigen. Aber nie­mand hat ihn je in Brüs­sel gese­hen.“

Nach Jahren intern­er Debat­ten und Kämpfe, waren Kle­ment und der Rest der trotzk­istis­chen Bewe­gung nur wenige Monate davon ent­fer­nt, die Grün­dung der Vierten Inter­na­tionale zu verkün­den und damit den endgülti­gen Bruch mit der Kom­mu­nis­tis­chen Partei, die eine kon­ter­rev­o­lu­tionäre Kraft gewor­den war. Inmit­ten der Vor­bere­itun­gen geschah eine Rei­he eige­nar­tiger Ereignisse, die darauf schließen ließen, dass Kle­ment wahrschein­lich im Blick­feld der sow­jetis­chen Geheim­a­gen­ten war. In der Paris­er Metro wurde ihm seine Brief­tasche gestohlen und Stalinist*innen waren ihm auf den Fersen, darunter ein Mann namens Jaime Ramón Mer­cad­er del Rio Her­nan­dez, der sich selb­st als Jacques Monard vorstellte. 1940 sollte Mer­cad­er Trotz­ki auf Stal­ins Befehl hin töten.

“Revolutionäre Ideen überwinden jedes Hindernis”

Kle­ment wurde am 12. Juli 1938 zum let­zten Mal von seinen Genoss*innen gese­hen. Nach tage­langer Suche gin­gen sie zu ihm nach­hause, wo sich keine Spur von ihm fand. Am 16. Juli erhiel­ten zwei franzö­sis­che Trotzk­isten, Pierre Nav­ille und Jean Rous, gle­ichzeit­ig Kopi­en eines Briefs, der an Trotz­ki in Mexiko gesendet wor­den war. Der Brief, schein­bar von Kle­ment geschrieben und datiert auf den 14. Juli, erk­lärte, dass Kle­ment mit der Linken Oppo­si­tion breche. Der Brief war mit dem Pseu­do­nym „Fréder­ic“ unterze­ich­net, das er seit eini­gen Jahren nicht mehr genutzt hat­te.

Angesicht dieses Ver­lusts veröf­fentlichte Trotz­ki eine Rei­he von Artikeln: „Das Ver­schwinden von Rudolf Kle­ment“, „Ein ‘Brief’ von Rudolf Kle­ment“, „Über das Schick­sal von Rudolf Kle­ment“ und „Über den Mord an Rudolf Kle­ment“. Darin erk­lärte er, warum er glaubte, dass der Brief eine Fälschung von Stal­ins Agen­ten war, die Kle­ment getötet hat­ten, und dass dies Teil des Kampfes gegen den Trotzk­ismus sei, der von Rus­s­land aus geführt werde. In seinen Briefen hat­te Kle­ment Trotz­ki immer mit „Lieber Genosse L.D.“ ange­sprochen, nicht als „Herr Trotz­ki“, wie in dem nun aufge­taucht­en Brief. Ein weit­eres schla­gen­des Argu­ment war das Ver­schwinden des Litauers Toman – der mit Kle­ment zusam­men­gelebt hat­te – direkt nach Kle­ments Ver­schwinden.

Am 25. August wurde in den Wassern der Seine ein Sack gefun­den, die den Arm und den Tor­so eines Mannes enthielt. Zwei Tage später wurde am Ufer des Flusses ein weit­er­er Sack gefun­den, mit Beinen, die zum Tor­so des ersten Sacks passten. Pierre Nav­ille und Jean Rous iden­ti­fizierten sie als Kle­ments Über­reste. Die Ungereimtheit­en in dem Brief wie auch Kle­ments kör­per­liche Über­reste wur­den doku­men­tiert und unter­sucht. Es wird all­ge­mein davon aus­ge­gan­gen, dass Kle­ment vom stal­in­is­tis­chen Regime ver­schleppt und ermordet wurde.

Die bru­tale Ermor­dung Kle­ments war eine beze­ich­nende Antwort stal­in­is­tis­ch­er Agen­ten auf seine wichti­gen Beiträge zum Trotzk­ismus. Ein ruh­elos­er Teil­nehmer an der Entwick­lung und Ver­bre­itung trotzk­istis­ch­er Mate­ri­alien und ein früher Organ­isator des notwendi­gen Bruchs mit der bürokratis­chen Partei Stal­ins, kon­nte auch sein ver­frühter Tod nicht die Ver­wirk­lichung seines let­zten Ziels – die Grün­dung der Vierten Inter­na­tionale – ver­hin­dern.

Im Artikel „Was bedeutet der Kampf gegen den ‘Trotzk­ismus’?“ schrieb Trotz­ki: „Wo es möglich ist, tötet die Ver­brecherbande im Kreml unsere Kämpfer (Erwin Wolf, Ignaz Reiss, Leo Sedow, Rudolf Kle­ment und viele andere). Wo sie das nicht kann, ver­leumdet sie sie. Ihr fehlt es wed­er an Geld noch an bezahlten Agen­ten. Nichts­destotrotz ist sie zu einem schändlichen Zusam­men­bruch ver­dammt. Rev­o­lu­tionäre Ideen, die der his­torischen Entwick­lung entsprechen, über­winden jedes Hin­der­nis. Die Ver­leumder wer­den ihren Kopf an der unbezwing­baren Wahrheit zer­brechen.“

Dieser Artikel ist erst­mals am 12. Juli 2018 bei La Izquier­da Diario Mex­i­co erschienen.

One thought on “Über den Trotzkisten Rudolf Klement, der vom Stalinismus ermordet wurde

  1. Waldi sagt:

    Klasse! Hab wieder was dazu gel­ernt. Beschäftigte mich zwar auch mit Geschichte, hat­te aber noch nichts von Rudolf Alois Kle­ment gehört. Ist defin­i­tiv eine inter­es­sante Per­sön­lichkeit gewe­sen.

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