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Uberisierung und Ausbeutung – Das wahre Gesicht des „kollaborativen“ Kapitalismus

„Kollaborativer Kapitalismus“, Scheinselbstständige, Prekarisierung. Was steht hinter diesen neuen kapitalistischen Geschäftsformen?

Uberisierung und Ausbeutung – Das wahre Gesicht des „kollaborativen“ Kapitalismus

Die kollaborativen Apps oder die Uberisierung der Wirtschaft

Plat­tfor­men wie Uber, Airbnb, Deliv­eroo und andere stützen sich auf ein all­ge­meines Prinzip: Apps auf Smart­phones ermöglichen es der klu­gen Mar­ket­ingstrate­gie dazu benutzt, Men­schen, die Güter oder Dien­stleis­tun­gen anbi­eten, mit anderen „zu ver­net­zen“. Demzu­folge würde die Wirtschaft des „Zugriffs“ die Wirtschaft des „Eigen­tums“ erset­zen. Die Plat­tfor­men treten nur als „Ver­mit­tler“ oder neu­trales Instru­ment für die Ver­mit­tlung sozialer Beziehun­gen zwis­chen Men­schen auf, als Art „soziale Net­zw­erke“ für den kol­lab­o­ra­tiv­en Aus­tausch. Es scheint so, als würde Karl Marx­ens Def­i­n­i­tion des Waren­fetischs, nach der zufolge sich die Beziehun­gen zwis­chen Per­so­n­en als Beziehun­gen zwis­chen Din­gen aus­drück­en, wie durch die Zauberkraft der Tech­nolo­gie aufgelöst haben.

Indem sie dieses Prinzip zu Ende führen, träu­men die Götzen dieses „kol­lab­o­ra­tiv­en“ Kap­i­tal­is­mus vom Ende der Arbeit, wie wir sie heute ken­nen. Einige, wie der Wirtschafts­ber­ater der Europäis­chen Union Jere­my Rifkin, sprechen von der „drit­ten indus­triellen Rev­o­lu­tion“, die zwar nicht zum voll­ständi­gen Ver­schwinden der Arbeit führe, jedoch ein „Mis­chsys­tem aus Mark­twirtschaft und kol­lab­o­ra­tiv­er Wirtschaft“ schaffe.

Ein Bericht der Europäis­chen Kom­mis­sion „Euro­pean agen­da for the col­lab­o­ra­tive econ­o­my“ (2016) hebt her­vor, dass dieser Geschäft­szweig seine Gewinne in Europa ver­dop­pelt hat auf ins­ge­samt 28 Mil­liar­den Euro.

Die Ide­olo­gie, die diese „neue Form der Wirtschaft“ begleit­et, stellt sie als „Kol­lab­o­ra­tion“ dar, als würde sie eine freie Beziehung zwis­chen Dien­stleis­tun­gen und Bedürfnis­sen ohne Ver­mit­tlung von Kap­i­tal ermöglichen. Das „Share­wash­ing“ (also das Darstellen und Verkaufen mit der Idee des „Teilens“) ist eine neue Prak­tik viel­er Unternehmen. Damit ste­ht es in ein­er Rei­he mit dem „Green­wash­ing“, das von Unternehmen benutzt wird, die sich als beson­ders umwelt­fre­undlich darstellen, und dem „Pinkwash­ing“, mit dem sich Unternehmen als beson­ders gayfriend­ly darstellen, um mehr zu verkaufen. Dadurch ver­wan­deln sich gewerbliche Hand­lun­gen wie Verkaufen, Kaufen oder Mieten in ein­fach­es „Teilen“.

Dieser Diskurs nimmt die Ideen der „Kol­lab­o­ra­tion“ und des „Tauschhan­dels“ auf, die beson­ders nach der kap­i­tal­is­tis­chen Krise von 2007 Aufwind gewan­nen. Gle­ichzeit­ig verbindet er diese Ideen mit neolib­eralen Prak­tiken und Gemein­plätzen: die Idee des Entre­pre­neurs, des*r Arbeiter*in-Unternehmer*in, der*die sich selb­st in ein­er freien Welt voller Möglichkeit­en zu Reich­tum ver­schafft. Wilder Kap­i­tal­is­mus in der Hip­ster-Ära.

Märchen und Wahrheiten der „neuen“ Wirtschaft

Doch hin­ter den erfol­gre­ich­sten „kol­lab­o­ra­tiv­en“ kap­i­tal­is­tis­chen Geschäften ste­ht in Wirk­lichkeit das konzen­tri­erteste Finanzkap­i­tal durch große Invest­ment­fonds und die bru­tal­ste kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung durch den fortwähren­den Ver­lust von Arbeit­srecht­en und zunehmender Prekar­ität.

Uber ist ein Unternehmen, dessen Wert bei 70 Mil­liar­den US-Dol­lar liegt. Bis vor kurzem war der Mul­ti-Mil­liardär Travis Kalan­ick CEO. Sein Pri­vatbe­sitz wird auf 6,3 Mil­liar­den US-Dol­lar geschätzt und bis Feb­ru­ar dieses Jahres war er Berater von Don­ald Trump. Seine Lauf­bahn als Uber-CEO wurde als große US-amerikanis­che Geschichte des „erfol­gre­ichen Unternehmens“ verkauft, doch sie ist gespickt von Vor­fällen sex­ueller Beläs­ti­gung inner­halb des Unternehmens, die von der Geschäft­sleitung ver­heim­licht wer­den, Indus­tries­pi­onage und Pla­giat­en von der Konkur­renz. Das Erfol­gs­ge­heim­nis liegt in der ver­all­ge­mein­erten Ver­let­zung von den Arbeit­srecht­en der Fahrer*innen und darin, dass sich das Unternehmen von jeglichen zusät­zlichen Arbeit­skosten wie Kranken- oder Rentenkasse und Urlaub los­ge­sagt hat.

In Seat­tle haben die Fahrer*innen von Uber Ende 2015 ein his­torisches Gericht­surteil erre­icht, das die gew­erkschaftliche Organ­isierung bei Uber erlaubt, woraufhin das Unternehmen mit ein­er Klage gegen die Stadt antwortete. Uber sieht die Fahrer*innen als „selb­st­ständi­ge Unternehmer*innen“ an, denen sie es nur erle­ichtert, sich mit ihren „Klient*innen“ per App in Verbindung zu set­zen, jedoch keine Arbeits­beziehung zu ihnen hat. Diese Idee ist per­vers: Die Arbeiter*innen ver­lieren alle ihre Rechte, weil sie jet­zt Unternehmer*innen sind! Was für eine kreative Idee, um mehr auszubeuten. Vor kurzem erschien im The Wall Street Jour­nal ein Bericht, dass Uber die Fahrer*innen in Seat­tle auf­forderte, einen Pod­cast mit gew­erkschafts­feindlichem Inhalt zu hören, bevor sie freigeschal­tet wer­den. In diesem Pod­cast wurde vor den „Fehlern“ gewarnt, die das „Geschäft“ stören wür­den und die Fahrer*innen wur­den dazu ange­hal­ten, „ihre Frei­heit zu vertei­di­gen“ gegenüber den Gew­erkschaften. Bis heute ver­suchen die Arbeiter*innen von Uber Seat­tle, eine Gew­erkschaft aufzubauen, was auch bei Fahrer*innen in anderen Städten wie New York oder San Fran­cis­co ver­fol­gt wird.

In Europa hat die Kon­fronta­tion zwis­chen spanis­chen oder franzö­sis­chen Taxi-Fahrer*innen und Unternehmen wie Uber und Cab­i­fy zu Kla­gen vor dem Ober­sten Gericht­shof der Europäis­chen Union geführt. Ein Richter des Europäis­chen Gericht­shof hat kür­zlich fest­gestellt, dass Uber ein Trans­portun­ternehmen ist und sich deshalb an die all­ge­meinen Geset­ze der Branche zu hal­ten habe. In den Taxi-Streiks in Madrid und Barcelona haben die Taxi-Fahrer*innen die unfaire Konkur­renz und die fehlen­den Reg­ulierun­gen für Fahrer*innen von Uber und Cab­i­fy, die durch ihr Auftreten die Arbeits­be­din­gun­gen im ganzen Sek­tor nach unten drück­en, beklagt.

Durch diese Streiks und den Wider­stand hat sich ein all­ge­meines Gefühl gegen Uber und das Geschäftsmod­ell des „unreg­ulierten“ Kap­i­tal­is­mus ver­bre­it­et, denn nie­mand glaubt an das Märchen des „kol­lab­o­ra­tiv­en Kap­i­tal­is­mus“. Doch diese Proteste haben auch einen großen Wider­spruch: Denn es sind auch Inhab­er von Taxi-Unternehmen beteiligt, die selb­st Lohn­ab­hängige unter schlecht­en Arbeits­be­din­gun­gen mit Arbeit­szeit­en von über zehn Stun­den am Tag anstellen. Sie ver­steck­en sich hin­ter dem Kampf gegen Uber, um ihre eigene Aus­beu­tung der Arbeit­skraft zu recht­fer­ti­gen. Selb­st Teile der europäis­chen extremen Recht­en, wie Marine Le Pen, stellen sich gegen die „Uberisierung der Wirtschaft“ und vertei­di­gen das Mod­ell eines „nationalen“ und „reg­ulierten“ Kap­i­tal­is­mus für die Ein­heimis­chen.

Der Kampf gegen die Uberisierung der Wirtschaft sollte nicht darüber hin­wegtäuschen, dass die „tra­di­tionellen“ und „reg­ulierten“ Unternehmer*innen eben­falls eine inten­sive Aus­beu­tung und Prekarisierung ihrer Arbeiter*innen durch­führen.

Die Miet­plat­tform Airbnb von pri­vat­en Woh­nun­gen und Häusern ist ein weit­eres erfol­gre­ich­es Beispiel der „kol­lab­o­ra­tiv­en Wirtschaft“. Doch sie führt nicht zu ein­er Angle­ichung des Zugangs zu Wohn­raum, son­dern ver­schärft die soziale Ungle­ich­heit inner­halb der Städte.

In den touris­tis­chen Zen­tren von Madrid und Barcelona steigen die Preise für Mieten und Immo­bilien ger­ade enorm an. In vie­len Fällen kaufen Immo­bilien­mak­ler nur noch Wohn­raum, um ihn an Tourist*innen zu ver­mi­eten und lehnen Arbeiter*innen oder Student*innen ab, die eine Woh­nung suchen. Der Prozess der Gen­tri­fizierung durch die Zunahme der Leben­shal­tungskosten weit­et sich von den Stadtzen­tren immer mehr aus und ver­ban­nt die ärmeren Anwohner*innen in die Rand­bezirke.

Die sozialen Auswirkun­gen von Airbnb und anderen ähn­lichen Plat­tfor­men zeigen, dass der Kap­i­tal­is­mus unfähig ist, eine „freien Zusam­me­nar­beit“ von Per­so­n­en zu ermöglichen durch die Entwick­lung der Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel und kol­lab­o­ra­tiv­en Apps. Im Gegen­teil dazu übern­immt der Kap­i­tal­is­mus in sein­er uner­bit­ter­lichen Logik der Prof­it­max­imierung jede Möglichkeit der Zusam­me­nar­beit und ver­wan­delt sie in Aus­beu­tung, soziale Dif­feren­zierung und größeres soziales Übel.

Die neue Miet­preis­blase hat zur Grün­dung von neuen Mieter*innengewerkschaften in zahlre­ichen spanis­chen Städten als Wider­stands­form geführt. Dieser Kampf muss sich, um ein größeres Poten­tial zu entwick­eln, mit der Bewe­gung der Fam­i­lien gegen Zwangsräu­mungen verbinden sowie mit dem Kampf für die Enteig­nung tausender leer­ste­hen­der Woh­nun­gen, die sich im Besitz von Banken befind­en, und für den Bau von sozialem Wohn­raum. Dabei müsste er eine antikap­i­tal­is­tis­che Per­spek­tive annehmen und die gesellschaftliche Pla­nung des Woh­nungs­baus gegen die Immo­bilien­speku­la­tion und die Gen­tri­fizierung der Städte, was in den engen Gren­zen des Kap­i­tal­is­mus nicht möglich ist.

Deliveroo: Pinkwashing und Prekarität auf zwei Rädern

Der Liefer­di­enst Deliv­eroo nahm mit einem eige­nen Block auf der World Pride Kundge­bung teil, die am ver­gan­genen 1. Juli in Madrid stat­tfand. Ein Unternehmen, das sich in Pink klei­det, um die Aus­beu­tung zu verdeck­en.

Die Idee hin­ter der App ist ein­fach: Men­schen kön­nen in ihrer „Freizeit“ und mit einem Fahrrad Liefer­di­en­ste für andere Per­so­n­en erledi­gen, die sie von zu Hause aus anrufen, um Essen zu bestellen. Erneut das Märchen des freien Aus­tausches ohne Ver­mit­tlung.

Tat­säch­lich hat Deliv­eroo im spanis­chen Staat eine Flotte von mehr als 1.000 Rid­ers, wie sie ihre Arbeiter*innen nen­nen. Die Rid­ers müssen mehrere Stun­den am Tag ver­füg­bar sein und ver­di­enen zwis­chen drei und vier Euro pro Liefer­ung, ohne Arbeit­srechte, Urlaub, Krankschrei­bun­gen und ohne zu wis­sen, wie viel sie am Ende des Monats ver­di­enen wer­den. Da sie vom Unternehmen nicht als Arbeiter*innen anerkan­nt wer­den, son­dern als Selb­st­ständi­ge, müssen sie selb­st die Sozialver­sicherungs­beiträge zahlen und wer­den bei Krankheit nicht bezahlt.

Vor kurzem ent­standen Bünd­nisse von Deliveroo-Arbeiter*innen in Barcelona, Madrid und anderen Städten. Sie bekla­gen, dass kranke Arbeiter*innen direkt von der App „run­tergenom­men“ wur­den. Eine weit­ere Meta­pher der aktuellen Zeit, eine Ent­las­sung wird als „Abschal­ten“ beze­ich­net.

Die Arbeiter*innen von Deliv­eroo haben Streiks organ­isiert und neue Kampf­maß­nah­men angekündigt. Sie fordern bessere Arbeits­be­din­gun­gen durch die Absicherung ein­er bes­timmten Anzahl an Liefer­un­gen pro Stunde, einen Min­dest­lohn und die Anerken­nung län­ger­er Betrieb­szuge­hörigkeit. Das zen­trale dabei ist, dass Deliv­eroo die Rid­ers als Arbeiter*innen anerken­nt und der Ver­hand­lung der Arbeits­be­din­gun­gen zus­timmt. Ähn­liche Kämpfe fan­den auch in Großbri­tan­nien, Ital­ien und Deutsch­land statt.

Der aktuelle Kap­i­tal­is­mus zeigt wieder ein­mal seine große Fähigkeit, die Aus­beu­tung durch ein „fortschrit­tlich­es“ Antlitz zu ver­tuschen. Doch unter diesem Antlitz liegt die pri­vate Aneig­nung fremder Arbeit als Quelle des Prof­its. Die Möglichkeit, die Entwick­lung sozialer Net­zw­erke und neue Apps zur Ver­bre­iterung sozialer Zusam­me­nar­beit zwis­chen den Per­so­n­en ohne Ver­mit­tlung des Kap­i­tals zu nutzen, zwis­chen freien Produzent*innen, kann sich durch neue tech­nol­o­gis­che Entwick­lun­gen und kol­lab­o­ra­tive Apps ver­stärken, um das Leben gemein­sam zu pla­nen und zu organ­isieren.

Das vielle­icht wichtig­ste ist die Tat­sache, dass die neuen For­men der Aus­beu­tung auch neue For­men des Wider­stands unter den Arbeiter*innen her­vor­rufen. Kampf­bünd­nisse der Arbeiter*innen von Deliv­eroo in zahlre­ichen Län­dern, die gew­erkschaftliche Organ­isierung der Fahrer*innen von Uber in Seat­tle, Streiks der schein­selb­st­ständi­gen Techniker*innen von Movis­tar im spanis­chen Staat – all das sind Erfahrun­gen, die gemein­sam mit anderen Kämpfen gegen die Prekarisierung stat­tfind­en, wie der Kampf der Hotelreiniger*innen Las Kellys. Diese Kämpfe mit der Gesamtheit der Arbeiter*innenklasse zu verbinden, sowohl in den „uberisierten“ Sek­toren als auch in den tra­di­tionellen – wo die Aus­gliederun­gen, die Teilzeitar­beit und prekäre Beschäf­ti­gungs­for­men auf dem Vor­marsch sind –, würde die Durch­set­zungskraft dieser Kämpfe ver­größern.

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